„Stellvertreterkrieg“ – Oligarchen sind unsterblich

Seit Wochen sterben in der Ukraine Menschen im Krieg! Russen und Ukrainer!

Die einen sagen, die Ukrainer sterben für die Demokratie, die anderen sagen, sie sterben für den gesamten Westen, für die „westlichen Werte“, sie sterben daher auch für „uns“, sagen sie.

Vielleicht sterben alle diese Menschen aber nur, damit in der Ukraine nicht russische Oligarchen, sondern ukrainische Oligarchen regieren? Ich glaube nicht, dass es um Demokratie geht und auf das einfache Volk ist es bekanntlich noch nie angekommen! Außer beim „heldenhaften“ Sterben, da benötigt man es.

„Das Böse ist immer und überall!“

Um Missverständnissen vorzubeugen, sei festgestellt, dass ich den Krieg Russlands gegen die Ukraine verurteile. Es gibt keine moralisch haltbare Rechtfertigung dafür, einen diplomatisch lösbaren, politischen Konflikt militärisch auszutragen, Menschen in den Tod zu treiben, dabei ein ganzes Land in Schutt und Asche zu legen und Millionen zur Flucht zu zwingen!

Ich glaube auch, dass die Europäische Gemeinschaft dem Aggressor Russland mit zivilen Mitteln zeigen muss, dass sie sich dagegen stellt. Dies sollte aber für j e d e n Aggressor gelten, unabhängig davon, ob er uns „sympathisch“ ist oder nicht, unabhängig davon, ob das bedrohte Land nahe liegt oder weit entfernt ist, unabhängig davon, ob uns die dortigen Gebräuche und Sitten gefallen oder nicht.

Es wird kaum jemand Beispiele amerikanischer Künstler oder Konzerne nennen können, die anlässlich der vielen von den USA zu verantwortenden Kriege seit 1945 von europäischen Staaten oder europäischen „Kulturträgern“ boykottiert wurden! Wurden jemals Liefer- oder Handelsverträge europäischer Staaten mit den USA wegen deren Kriege aufgekündigt? Gab es jemals europäische Sanktionen wegen „ungerechtfertigter Kriegsführung“ gegen die USA? Wurden von europäischen Banken jemals amerikanische Vermögenswerte „eingefroren“ oder Yachten amerikanischer Milliardäre festgesetzt?
Warum also behandeln wir russische Künstler und andere Russen, denen man keine persönliche Schuld an den Ereignissen zuweisen kann, wie Schuldige, während wir die amerikanische Seite beständig schonen? Nur deswegen, weil Amerika seine Kriege in anderen Erdteilen führte? Sind uns diese Menschen einfach weniger wert, weil sie uns geografisch und kulturell ferner sind?

Gerechtigkeit bedeutet immer noch, Gleiches gleich zu behandeln. Ein Blick zurück zeigt aber: Die Geschichte läuft anders! Die Geschichte ist nicht gerecht! Meine Hoffnung, dass sich die NATO in Zukunft vernünftig zurückhält, ist daher auch nur in mäßigem Ausmaß vorhanden.

Spricht man über Gerechtigkeit, so kann man auch an der „Enteignung“ russischer Oligarchen durch Staaten der Europäischen Union nicht wortlos vorbei.

Einige russische Oligarchen zittern jetzt um ihre in Europa „geparkten“ Vermögenswerte. Ihre Vermögen werden der Reihe nach „eingefroren“! Sie werden nicht enteignet! Das ist ein Unterschied, darauf legt man Wert. Zu enteignen, widerspräche ja unseren rechtsstaatlichen Prinzipien. Man verhindert bloß, dass Oligarchen über ihre Vermögenswerte verfügen können. Man setzt Yachten fest, beschlagnahmt Villen, sperrt Bankkonten und behindert anderes, so weit es eben geht.

Es sei ein Akt der Solidarität mit dem überfallenen Volk der Ukrainer alle Unterstützer der Putinschen Strategie der Verbrannten Erde mit in Verantwortung zu nehmen. Es sei durchaus gerecht, alle rechtsstaatlich korrekten Mittel einzusetzen, um die Finanzkraft russischer Oligarchen, die Putins Krieg finanzieren, zu schwächen. Auch dass man jene Künstler, die den Krieg ausdrücklich befürworten, aus dem Programm europäischer Kulturstätten nimmt, ist noch einigermaßen verständlich. Dass man aber jenen, die es vorziehen sich nicht zu äußern, Stellungnahmen abzuzwingen versucht, ist schändlich. Sie mit einem Boykott zu belegen ist es auch und es ist darüber hinaus ungerecht. Dass Frau Netrebko und Herr Gergiev mit Auftrittsverbot belegt bzw. aus ihren Engagements entlassen wurden, ist ein nicht wiedergutzumachender Fehler und ein entsetzlicher Verlust für die europäische Kultur. Die Beweggründe zu schweigen sind zu mannigfach, als dass man ihnen daraus einen Vorwurf konstruieren dürfe. Wir haben (zum Glück) auch Karajan nicht zu dirigieren verboten. Ähnliche Beispiele gibt es zu Hauf.


Welche Art von „Gerechtigkeit“ ist das aber eigentlich? Welche Art von „Rechtsstaatlichkeit“ ist das? „Nulla poena, nullum crimen sine lege!“ (Keine Strafe ohne Schuld!) ist einer der ersten, tragenden Sätze zivilisierter Rechtsordnungen!
Die V e r m u t u n g , sie (alle Russen) k ö n n t e n schuldig sein, (im Sinn von: sie könnten Putin-Unterstützer sein) genügt in einem Rechtsstaat nicht dazu, jemanden schuldig zu sprechen! Der geringste Zweifel führt zum Freispruch! So ist das Recht! *

Ich bin nicht und ich will nicht der Fürsprecher russischer Oligarchen sein, aber dass man deren Vermögenswerte jetzt so einfach „einfriert“, lässt mich an der Rechtsstaatlichkeit unseres Systems doch etwas zweifeln. Man beraubt sie ihres Eigentums, w e i l sie Russen sind? Andererseits sprechen wir den Nationalisten und Oligarchen Alexei Nawalny fast heilig. Nur weil er gegen Putin ist? (Vielleicht sind andere auch gegen Putin und wir wissen es nicht?)

Es wäre nicht nur gerechter, es wäre auch taktisch klüger, jene Oligarchen, von denen man nicht definitiv weiß, dass sie Putins Krieg finanzieren, nicht zu enteignen, ihnen ihre Yachten als Spielzeug zu lassen und zu versuchen, sie auf die Seite des Westens zu ziehen; sie in ihrem Anti-Putin-Engagement zu bestärken! Wenn jemand Putin stürzen kann, dann sind sie es. Und sie werden es nur dann tun, wenn sie ihre Geschäftsinteressen durch den Krieg bzw. die Sanktionen massiv gefährdet sehen.

„Divide et impera!“ (Spalte und herrsche!) Damit sind schon viele ans Ziel gelangt, nicht nur die CIA!

Die derzeitige Strategie des Westens wird den Krieg in die Länge ziehen und wenn die Führung um Selenskij nicht einschwenkt, das Land vollständig ruinieren. Höchstwahrscheinlich liegt die Lösung wirklich nur in einem Umbruch in den Führungen. Ich vermute doch, dass Putin den längeren Atem hat als Selenskij.

Anmerkungen:

  • Nachträglich am 28.3.2022 eingefügt: Dazu eine passende Stelle aus der phil. Religionsgeschichte, die ich heute in einem FB-Text von Nina Scholz gefunden habe. Hier wird gezeigt, wie weit zurück in der menschlichen Entwicklung das erstmalige Auftauchen eines individualistisch gefärbten Schuldbegriffs geht. Sie schreibt sinngemäß: „In der Ideengeschichte findet sich eine Art Proto-Individualismus bereits in der jüdischen Tradition des babylonischen Exils im 6. vorchristlichen Jahrhundert beim Propheten Ezechiel, wo es heißt: „Ein Sohn soll nicht tragen an des Vaters Schuld, und ein Vater nicht tragen an der Schuld des Sohnes.“ (Ezechiel 18, 20) Hier taucht vielleicht erstmals die Vorstellung eines Gottes auf, der die Verantwortung für Taten nicht mehr kollektiv dem Volk, dem Stamm oder der Sippe anlastet, sondern das Individuum als verantwortlich anspricht.“
  • Und wie ist das jetzt mit den „Enteignungen“, wenn sich zeigt, dass eine Vielzahl der enteigneten Oligarchen jüdischer Herkunft ist? Ist man dann als Enteigner eigentlich ein rassistischer Antisemit, ein Nazi oder doch noch (wieder) auf der richtigen Seite?

Wer bringt die beiden zur Vernunft?

Eine der Voraussetzungen für die Beendigung des Ukrainekriegs könnte – nach Kujats* Meinung – anscheinend doch die Übernahme eines Neutralitätsstatus durch die Ukraine sein! Genau das wollte und will offensichtlich auch Putin. Ähnliches forderte Kissinger schon 2014. Aber das hätte man v o r dem Krieg auch schon haben können, wenn sich die Ukraine um eine vernünftigen Dialog mit Russland bemüht hätte. Vielleicht sollten diejenigen, die immer auf eine Veränderung der politischen Lage (d.h.: auf einen Umsturz) in Russland hoffen, stattdessen auch auf eine politische Änderung in der Ukraine hoffen? Solange sich die ukrainische Bevölkerung von Selenskyj und seinen Gesinnungsgenossen am Gängelband durchs Chaos in den Tod führen lässt, wird der Krieg höchstwahrscheinlich unvermindert weitergehen und das Land in Schutt und Asche gelegt werden. Dass die Rede Selenskyjs im deutschen Bundestag, mit der er abermals versuchte, durch die Einbindung der NATO in den Krieg, einen nicht verantwortbaren nuklearen Weltkrieg zu entfesseln, heute mit stehendem Applaus quittiert wurde, wird höchstwahrscheinlich nicht als Sternstunde deutscher Politik in die Geschichte eingehen. Nicht nur Putin, auch Selenskyj muss man schleunigst zur Vernunft bringen.

*Harald Kujat * 1. März 1942 in MielkeReichsgau Wartheland) ist ein deutscher General a. D. der Luftwaffe. Er war von 2000 bis 2002 der 13. Generalinspekteur der Bundeswehr und von 2002 bis 2005 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses. (Wikipedia)

Anmerkung: Ich habe seriöse Rückmeldungen (PN) bekommen, die meinen, ich würde die Opfer- und Täterrolle verdrehen. Dem ist nicht so, da werde ich gründlich missverstanden. An der Opfer und Täterrolle will ich nicht rütteln. Opfer ist die ukrainische Bevölkerung, das habe ich auch bisher immer betont. Täter sind „die Putins“ und „die Selenskyjs“ und jene Politiker des „Westens“, die den Ukrainern ungerechtfertigte, unerfüllbare Hoffnungen auf die Mitgliedschaft in der NATO und der EU gemacht haben.

Zum „Paria“ tanken fahren

Ich kenne mich in der ungarischen Politik ja wirklich nicht so gut aus wie Paul Lendvai, aber ich weiß natürlich auch, dass Orban neben den anderen Visegradstaaten innerhalb der EU das Feindbild par excellance darstellt. Über Ihn etwas Positives zu schreiben, ist nicht „ungefährlich“, da macht man sich leicht Feinde. Ich will seine Politik damit auch nicht wirklich beurteilen, schon gar nicht reinwaschen, aber mir fällt doch einiges auf, das man vielleicht auch bedenken sollte:

1. Orban hat, damals als die Frankenkredite exorbitant in die Höhe schossen, sodass manche der österreichischen Häuselbauer praktisch nochmals von vorne mit dem Schuldenzahlen beginnen mussten, weil sich ihre Schuld dadurch so erhöht hat, dass die bis dahin geleistete Rückzahlungen mehr oder weniger verfielen, den Schaden für die ungarischen Kreditnehmer mittels Gesetz extrem niedrig gehalten. Sehr zum Missfallen der europäischen Banken.

2. Orban hat 2015 die Masseneinwanderung von Muslimen aus Syrien, aus Afghanistan, aus Afrika und anderen weit entfernten Ländern, die uns kulturell ferner als fern stehen, im Gegensatz zu anderen EU-Ländern, nicht mitgemacht und viel Schelte von der EU dafür bezogen. Dass er seine Landsleute dadurch vor viel Ungemach bewahrt hat, steht heute fest.

3. Orban hat den durch die Kriegshandlungen zwischen Russland und der Ukraine explodierenden Benzinpreis für seine Landsleute nun gedeckelt, in Ungarn beträgt er derzeit € 1,29 bei uns€ 2,09 ; bei uns ist der Staat nicht einmal bereit, die Ust. für den Sprit zu senken. Und wieder sind bei Ihm die großen Konzerne die Verlierer. Weitere Feinde in der EU sind ihm gewiss.

Es mag ja sein, dass er demokratische Schwächen hat, vielleicht ist er auch korrupt und kein „lupenreiner Demokrat“, aber wenn ich die Regierungen der letzten Jahre in Österreich vor meinem geistigen Auge Revue passieren lasse, sieht es auch nicht rosig aus. Korruption ist nicht selten und mit dem demokratischen Verständnis ist es auch bei uns nicht weit her. – siehe Justiz (Bestellung der Höchstrichter, Einflussnahmen bei Ermittlungen) und BVT-Skandal – alle Skandale aufzuzählen würde die Seite sprengen. Wir haben wenig Anlass mit Geringschätzung oder gar Verachtung auf ihn „herabzusehen“, bevor wir es nicht besser gemacht haben.

Was will Putin?

Ohne den Status eines Ost-Europa-Experten für mich beanspruchen zu wollen, die jetzt wie „Schwammerl“ nach einem ausgiebigen Herbstregen aus dem Boden zu schießen scheinen, ist es meines Erachtens Pflicht politischer Menschen, und als solcher fühle ich mich, zum traurigen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine Stellung zu beziehen. Auch auf die Gefahr hin, mangels unzureichender oder gar falscher Information zu irren, möchte ich nicht schweigen müssen. Man kann sich in Zeiten wie diesen nicht heraushalten, allein schon deshalb, weil die Ausgewogenheit der in den Medien geäußerten Meinungen mir nicht gewährleistet erscheint. Auf jede Meinung kommt es an, schreibt John Stuart Mill, sei sie auch noch so falsch. Immer dann, wenn sich alle so ziemlich einig sind, besteht für die Wahrheitssuche höchste Gefahr. So will ich meine Bemühungen sehen, die hier nachzuverfolgen sind. Werde ich von Experten oder gar von der Zukunft eines Besseren belehrt, werde ich es dankbar hinnehmen.

Zur eigentlichen Frage: „Was will Putin?“

Aus zahlreichen seiner Äußerungen ist zu entnehmen, dass sich Russland von der -allen Versprechen zum Trotz – beständigen Ausweitung des EU- und NATO-Einflussgebietes seit 1990 in seiner Sicherheit bedroht fühlt. Es ist wenig sinnvoll, in Frage stellen zu wollen, ob diese Bedrohung wirklich besteht oder nicht. Wenn sich jemand bedroht „fühlt“, nützt es wenig, ihm zu sagen, er solle seinem Gefühl nicht vertrauen. Er fühlt sich bedroht. Was will man ändern? Man kann seine eigenen Handlungen daraufhin abstimmen, sein eigenes Verhalten ändern oder man kann darüber hinweggehen und sich denken: „Dein Problem!“ Ich habe den Eindruck, letzteres spiegelt die Haltung des Westens wider. Der Westen hat sich verstärkt darin geübt, keine Gefühle von sexuell-auffrisierten Minderheiten zu verletzen, hat sich darin geübt „sprachliche Sonderprobleme“ zu lösen und seine Energie mit anderen Nebensächlichkeiten verbraucht. Für die dringenden täglichen Probleme des politischen Zusammenlebens zwischen Ost und West blieb da wenig Zeit. Zeit und Geld wurden nicht in die Erforschung von Lösungen politischer oder wirtschaftlicher Probleme investiert, sondern in die Vermehrung von Lehrstühlen des Genderwahns. Aber das ist ein anderes Thema. Man hat Russland, ja den Osten überhaupt, zu wenig ernst genommen. Diese Nachlässigkeit scheint sich jetzt zu rächen.

Das Bedrohungsszenario, das Putin wahrnahm, muss man, ob man ihn schätzt oder nicht, ernst nehmen. Das tat der Westen nicht. Und so kam, was kommen musste. Putin ließ die russischen Truppen nicht nur aufmarschieren, er ließ sie auch einmarschieren. Die Ukraine wird zerbombt, Frauen und Kinder flüchten und die Männer zeigen sich tapfer und ziehen gegen den Feind. Staatschef Selenskyj gibt sich unnachgiebig und kämpferisch – auf Kosten seiner Männer und der vom Feind zerstörten Infrastruktur. Wie gesagt, ich bin kein Ostexperte und ich bin kein Militärstratege, dennoch muss ich mich fragen, wie man dieses Szenario beenden könnte ohne das Land endgültig in Schutt und Asche zu legen.

Die Experten sind mehr oder weniger einhellig der Meinung, dass Putin das Land zwar erobern, aber nicht dauerhaft besetzen wird können. Aber dann wird das Land bereits zerstört sein und es wird viele Tote gegeben haben, bevor man sich zu einem Kompromiss zusammensetzen wird müssen. Also warum den Kompromiss nicht schon vorher versuchen?

Putin fordert:

  1. die Abtretung der Krim
  2. einen Autonomiestatus für Donezk und Lugansk
  3. die Entmilitarisierung der Ukraine und
  4. ein Neutralitätsgarantie im Verfassungsrang

Das sind Forderungen, die mir keineswegs unerfüllbar erscheinen. Warum?

Der Großteil der Experten geht davon aus, dass die Krim ohnehin auf Dauer für die Ukraine verloren ist. Damit wird man sich abfinden müssen. Die Bevölkerung der Krim hat zudem abgestimmt, sie will nach Russland. Auch ein Autonomiestatus für den Donbas müsste für die Ukraine zumindest „ertragbar“ sein. Italien kann mit einem Autonomiestatus von Südtirol gut leben und die Südtiroler auch. Das kann kein wirkliches Hindernis darstellen. Woran es sich wirklich „spießen“ kann, sind die letzten zwei Forderungen: die Neutralitätsgarantie und die Entmilitarisierung der Ukraine. Was das genau bedeuten soll, das müsste verhandelt werden. Meint man damit nur, dass sich alle „fremden“ Militärs aus dem Land begeben müssen oder überhaupt eine Entwaffnung des Landes? Wie man hört kämpfen in der Ukraine die unterschiedlichsten Verbände, sogar „Privatarmeen“ einzelner ukrainischer Oligarchen soll es dort geben.

Und dann bliebe noch die Neutralitätsgarantie. Hier müsste die Vernunft der Ukrainer siegen. Österreich hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch nicht unbedingt ganz freiwillig für die Neutralität entschieden, hat sich dennoch wirtschaftlich bestens entwickelt und auch politisch seinen Platz in der Welt gefunden. Warum sollte das der Ukraine nicht auch gelingen? Das starre Festhalten an den Vorstellungen jetzt sofort in die EU als Mitglied eintreten zu wollen und anschließend den Fuß in die NATO zu setzen, führt offensichtlich ins Verderben. Dass diese Strategie von den EU-Politikern jetzt sogar befeuert wird, ist mir unverständlich.*

Wenn dieser durch die vier Punkte abgesicherte Status dann noch in einem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag zumindest für ein paar Jahrzehnte fixiert und abgesichert wird, müsste ein Friedensschluss doch möglich sein. Ein Frieden, der beiden „Parteien“ ermöglicht, aufrecht vor das eigene Volk zu treten, der die Kampfhandlungen beendet und das Land vor der gänzlichen Zerstörung bewahrt.

  • Korrektur, am 12.3.2022: Es sollte besser heißen: „Dass diese Strategie von den EU-Politikern jetzt sogar befeuert wird, ist unverantwortlich!“

Wird Europa tatsächlich von Idioten regiert?

Heute im Kurier:

„Guardiola wütet wegen Krieg: „Politiker sind komplette Versager!“

Hat er recht? Oder war es Kalkül? Haben die maßgeblichen EU-Politiker, hat Selenskyj den Krieg miteinkalkuliert? Putins Rolle ist hingegen ziemlich klar! Seine Entwicklung lässt sich seit den 1990er Jahren Schritt für Schritt nachvollziehen. Dass er den Krieg wirklich führen wird, hätte für Eingeweihte keine eine große Überraschung sein dürfen. Anders sähe es aus, wäre noch der Trunkenbold Jelzin Präsident gewesen. Man vergegenwärtige sich: Putin, Ex-KGB-Mann, Kampfsportler, Jagdflieger, rücksichtsloser Machtmensch, Macho durch und durch, wen hat das wirklich überrascht, dass er, wenn es hart auf hart geht, wirklich Ernst macht? Zu welcher Einschätzung waren die westlichen Geheimdienste gekommen? Lagen sie wieder einmal total daneben? Oder haben sie es ohnehin „gewusst“?

Wenn man auf Kalkül tippt, wird man sich dennoch sehr schnell mit der Einordnung als „Verschwörungstheoretiker“ abfinden müssen. Die zu erwartenden Profite der Rüstungsindustrie, die ihre Gewinne jetzt hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, auf Kosten des Leids der ukrainischen Bevölkerung einstreift; die „spontan“ wiederaufkeimende Diskussion in Finnland und auch in Österreich über die Blockfreiheit/Neutralität lassen diese „Theorie“ aber auch nicht ganz unwahrscheinlich erscheinen. Man stelle sich vor, was es bedeutet, 2% des BIP für Rüstungsausgaben bereit zu halten. Allein diese Vorstellung genügt sicher schon, die Herzen aller Vorstände und Aktionäre der Rüstungsfirmen höher schlagen zu lassen. Wie viele Arbeitsplätze das sichern könnte, werden sie sagen. Was bedeuten schon ein paar Tote, werden sie denken.

Bequemer und auch tröstlicher wäre tatsächlich, der Ansicht Guardiolas zu folgen und die EU-Politiker für blöd zu halten.

Der Unsinn zum Tage

Ein lieber Freund schrieb mir gestern, dass ein uns bekannter Tanzlehrer, russischer Abstammung, im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine gerade einen shitstorm erleide. Man fordere öffentlich dazu auf, seinen Unterricht zu meiden und die bei ihm gebuchten workshops abzusagen. Ich würde das Diskriminierung nennen, weil er für die Putinsche Politik nichts kann und sich auch nie als Freund eines Ukraine Kriegs zu erkennen gegeben hat.

Ja, es sind traurige Zeiten.

Und dann sollte ich noch erwähnen, dass ich zudem auch noch in einem Krätzel Österreichs lebe, das viele der sogenannten Impfgegner und Corona-Leugner beherbergt. Täglich gehe ich an einem Wald von Plakaten vorbei, an denen so tiefe Sinnsprüche und Parolen affichiert sind wie: „Österreich – Diktatur“ und „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht“ oder „Wer nicht kämpft, hat schon verloren“! Auch mein Lieblingsspruch findet sich dort: „Ich denke selber!“ nicht zuletzt liest man „Wir lassen uns nicht diskriminieren!“

Ja, das mit der Diskriminierung ist schon so eine Sache. Wenn ich zum Beispiel eine Wohnung zu vermieten hätte und es stände eines Tages ein Russe vor der Tür, den ich mit den Worten abweise, dass ich an Russen nicht vermiete, dann würde der, das Recht haben, mich wegen Diskriminierung zu klagen. Und er würde recht bekommen. Man darf niemanden, das verbürgen die Menschenrechte, aufgrund seiner nationalen Zugehörigkeit, seines Religionsbekenntnisses, seiner sexuellen Vorlieben usw. benachteiligen. Das ist überall so in Europa, glaube ich.

Deshalb wundert mich, dass jetzt in Imperia eine Yacht konfisziert wurde, mit der ausschließlichen Begründung, sie gehöre einem Russen. Und das sei keine Diskriminierung aufgrund nationaler Zugehörigkeit, sondern gut so und notwendig und widerspreche den sogenannten Europäischen Werten, inklusive der Unverletzlichkeit des Eigentums in keiner Weise, auch wenn diesem Russen keine persönliche Schuld angelastet werden könne. Es ginge ja um eine gute Sache, man müsse Putin schaden. Das genüge.

Nun versuche ich mir zu erklären, wie das wohl gehen könnte, dass das Eine wohl, das Andere keine Diskriminierung sei. Und dann ist mir Gott-sei-Dank dieser Spruch vom „Selberdenken“ eingefallen und ich dachte, das versuchst du auch einmal: Und auf einmal war alles leicht, das Eine fügte sich zum Anderen, und ich kam zum Schluss, dass das wohl mit dem „SEE-RECHT“ zu tun haben müsse. Im Seerecht ist ja alles anders, dort gibt es auch kein Links und Rechts, sondern Backbord und Steuerbord, und kein Vorne und Hinten, sondern Bug und Heck. Also wird es auch keine Diskriminierung geben, denke ich selbst.

Daran wird es liegen. Es hat schon alles seine Ordnung!

Notiz zum Tage

Gedanken zum Aufsatz: „Karl Kraus, Schule des Widerstands“

Kaum ein anderer Autor, kaum ein anderes Werk, hat mich so intensiv gefangen genommen wie Karl Kraus mit seinem literarischen Monument „Die letzten Tage der Menschheit“. Dass es auch Elias Canetti, einem Kraus in nichts nachstehenden Giganten der deutschen Sprache, ähnlich erging, habe ich einem kurzen Text seiner Essaysammlung „Das Gewissen der Worte“ entnommen. Canetti beschreibt darin sein Verhältnis zu Karl Kraus, vor allem aber seine Befreiungsversuche gegen dessen alles beherrschende Sprachgewalt.

Mit Hilfe dieser sei es Karl Kraus nicht nur gelungen, Politiker, Literaten, Personen des öffentlichen Lebens herauszuheben oder zu „vernichten“, sondern auch, so schreibt Canetti, „eine einheitliche und unabänderliche Gesinnung unter seinen Hörern zu schaffen, die eines absoluten Hasses gegen den Krieg. Es mußte ein Zweiter Weltkrieg kommen und nach der Zerstörung ganzer, atmender Städte noch dessen eigentlichstes Produkt, die Atombombe, damit diese Gesinnung zu einer allgemeinen und beinah selbstverständlichen wurde. Karl Kraus war in dieser Hinsicht etwas wie ein Vorläufer der Atombombe, ihre Schrecken waren schon in seinem Wort.“

Von ihm habe er das Gefühl absoluter Verantwortlichkeit gelernt, das das kümmerliche Wort vom „Engagement“ banal erscheinen lasse. Darüber hinaus habe Kraus aber auch deutlich gemacht, dass jeder Mensch eine sprachliche Gestalt habe, die den einen vom anderen abhebe. Dank ihm habe er verstanden, dass Menschen zwar zueinander sprächen, dass ihre Worte aber an den Worten des anderen abprallten und dass die Vorstellung, die Sprache sei ein Mittel der Kommunikation nichts als Illusion sei.

„Man spricht zum anderen, aber so, daß er einen nicht versteht. Man spricht weiter, und er versteht noch weniger. Man schreit, er schreit zurück, die Ejakulation, die in der Grammatik ein kümmerliches Dasein fristet, bemächtigt sich der Sprache. Wie Bälle springen die Ausrufe hin und her, erteilen ihre Stöße und fallen zu Boden. Selten dringt etwas in den anderen ein, und wenn es doch geschieht, dann etwas Verkehrtes.

Aber diese Worte, die nicht zu verstehen sind, die isolierend wirken, die ein Art von akustischer Gestalt schaffen, sind nicht etwa rar oder neu, […] es sind Phrasen, das Allerallgemeinste, hunderttausendfach Gesagte, und dieses, genau dieses, benutzen sie, um ihren Eigenwillen zu bekunden.“

Karl Kraus habe durch seine Wirkung, darin gipfelt Canettis Schlussfolgerung, bei seinem Publikum bedauerlicher Weise aber auch zu einer dramatischen „Einschrumpfung des Willens, selbst zu urteilen“ geführt. Seine Vorherrschaft gleiche einer Invasion von starken, unerbittlichen Entscheidungen, die übernommen werden mussten und übernommen wurden. Was von ihm, dieser „höheren Instanz“ einmal beschlossen war, galt als ausgemacht.

Er, Canetti, habe sich erst spät, mit Hilfe außerhalb des Kraus’schen Literaturkanons liegender Autoren: Aristophanes, Dostojewskij, Poe, Gogol und Stendhal, von diesem Zwang zu befreien vermögen.

Mit deren Hilfe habe er sich von seinem übermächtigen Vorbild emanzipiert und so die Zufriedenheit des „wohldressierten Tiers nach der Gabe des Leckerbissens“ gegen den erschreckenden Taumel eingetauscht, der denjenigen befällt, der zum ersten Mal das Eigene erkennen muss. Dann erst habe das eigentliche, das eigene Leben begonnen.

Das Eigene erkennen! Ob es uns je gegönnt sein wird?

Elias Canetti, Das Gewissen der Worte, Essays, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. Main, 11.Auflage, November 2005

Sloterdijk – eine Hassliebe?

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, Sloterdijk aus meiner Bibliothek zu verbannen. Seine mir entdeckte Rudolf Steiner gewidmete Lobhudelei, hat mich wirklich hart getroffen. Wie kann man als ein der Rationalität und dem kritischen Denken verpflichteter Philosoph von Rang einer zwielichtigen Gallionsfigur der Esoterik – als eine solche sehe ich Steiner – derartige Ehre erweisen. ( Siehe Peter Sloterdijk im Gespräch über Rudolf Steiner, 2011 – YouTube )

Was soll ich tun? Auch wenn er mich hin und wieder enttäuscht, ich liebe ihn ja doch, wegen seines allumfassenden Wissens, seiner Gabe Zusammenhänge herzustellen, wo andere keine sehen und dies in einer kunstvollen Sprache, die vielleicht schon Literatur ist; eine Sprache, die zumindest eher als Literatur zu qualifizieren ist, als vieles andere, das sich „Literatur“ nennt und als solche nicht selten sogar ausgezeichnet wurde in den letzten Jahren. Ich gestehe, ich liebe ihn: Weil er sehr gescheite Sachen in solch „schöne Sätze“ zu verpacken weiß:


Völker, die mit Mythen und Ritualen aus eigenkulturellen Quellen – gleichsam durch den lokaldämonischen Wochenmarkt – versorgt sind, gleichgültig wo auf dem Planeten, bewegen sich in eingeschliffenen „Plausibilitätsstrukturen“ hinsichtlich ihrer therapeia theon.“ Ein Gott mit „erhöhten Ambitionen in bezug auf Gefolgschaft und Exklusivität (müsste) sich vornehmen, bestehende Plausibilitätsstrukturen zu sprengen oder sie subversiv zu verwandeln.

Eine ergänzende eigene Anmerkung dazu: Diese vom Autor „einem Gott“ zugeschriebene Aufgabe wurde meiner Meinung nach aber seit jeher und ausschließlich von religiös besonders begabten Menschen übernommen, die sich in latentem Grunde einer irdischen Aufgabe* verpflichteten, sich aber gegebenenfalls eben geschickt auf einen mächtigen Gott oder aber – in Ermangelung eines solchen – auf die Mächtigkeit sogenannter „ewiger Werte“ (Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität, Menschenrechte, Nationalität oder auch Supranationalität etc.) zu berufen wussten.

*Aus der Sicht des jungen Fichte sind die historischen Religionen, wie schon für Spinoza, Überredungssysteme und Gehorsamsschulen, die dem kindlichen Geist vorläufige Hinweise auf das Richtige geben, aber des mündigen, selbstdenkenden Geistes nicht mehr würdig sind. (A.a.O, S.117f.)

Peter Sloterdijk, in : „Den Himmel zum Sprechen bringen“

Das „Unzerstörbare“

„Was Seneca und Jesus gemeinsam haben, ist die Überzeugung, es sei an der Zeit, den Ernst des Lebens: seine Endgültigkeit, seinen Lastcharakter, seine Kürze und seine Abhängigkeit von Entscheidungen zu begreifen. Der alltägliche Leichtsinn ist eine Maske des zeitenthobenen Phantasmas der Unzerstörbarkeit; der Prediger in Palästina und der Philosoph in Rom legen diese Maske ab, um zu bezeugen, es gäbe etwas Unzerstörbares, das nicht phantastisch-leichtsinniger Natur sei.“

Peter Sloterdijk, Den Himmel zum Sprechen bringen, Über Theopoesie, Suhrkamp, 3.Auflage 2020, S.29

Anmerkung:

Dieses „Unzerstörbare“ muss m.A.n. nach nicht unbedingt ein „Gott“ sein; es genügt, wenn es sich um den Tod handelt.