Über die Anbetung des Geldes

„Der wahrhaft Geldgläubige verehrt das Geld nicht, weil man sich damit alles kaufen kann, sondern weil es seine höchste Instanz, sein Polarstern, der Sinngeber seines Daseins ist. Man wird zugeben müssen, daß dies kein kompakter roher Aberglaube nach Art der Fetischisten und Wallfahrer ist, sondern ein Götzendienst von hoher Sublimationskraft, kein einfacher Materialismus, sondern die Prostration vor einem geistigen Prinzip, wie ja auch der Teufel eines ist. Und alsbald erheben sich in den Städten mächtige Hauptheiligtümer namens Börsen und Scharen kleiner Tempel, Banken genannt; in ihnen wird etwas Magisches, Allmächtiges, Allgegenwärtiges, aber Unsichtbares angebetet; vorgeblich eingeweihte Priester (meist freilich Ignoranten oder Betrüger) verkünden seinen Willen; zahllose Gläubige bringen opferfroh ihre Habe dar, in heiliger Scheu unverständliche Beschwörungsformeln einer fremden Sprache murmelnd. Das Credo ist zum Credit geworden.“

(Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, C.H.Beck, 3.Auflage, München 2012, S. 1036 f.)

Advertisements

„Politischer Islam. Politisches Christentum.“

Frau Rohrer schreibt heute in „fisch und fleisch“ unter obigem Titel unter anderem folgendes:

Der Begriff politischer Islam wird oft mit islamischen (sic) Fundamentalismus gleichgesetzt. Dann aber drängt sich die Frage auf, warum nicht auch von einem „politischen Christentum“ die Rede ist? Es gibt auch christliche Fundamentalisten. Die Antwort ist einfach: Weil dem „politischen Islam“ ohne jede Differenzierung Gewaltbereitschaft zugeschrieben und er daher als Bedrohung gesehen wird – und damit lässt sich trefflich Politik betreiben. Ist diese Gewaltbereitschaft aber nicht mehr eine Frage der Macht denn der Religion?“

Die von Frau Rohrer aufgeworfene Frage, ist meines Erachtens nicht besonders schwierig zu beantworten. Allein dass sie sie stellt, wundert mich. Natürlich gibt es – auch in Österreich – immer noch das, was man „politisches Christentum“ nennen könnte, aber eine aggressive Durchsetzungsbereitschaft seiner Anliegen oder gar eine Bereitschaft Gewalt anzuwenden, kann man ihm schon lange nicht mehr vorwerfen. Diesem Befund wird auch Frau Rohrer zustimmen, denke ich.  Und das liegt nicht nur an den Aussagen der unterschiedlichen Quellen (Bibel, Koran) auf die sich die Fundamentalisten der einzelnen Lager  berufen. Die (fundamentalistischen) „Christdemokraten“ Österreichs wurden außerdem in einem jahrzehntelang schwelenden Prozess nicht zuletzt aufgrund der schmerzlichen, historischen Erfahrungen (Ständestaat, Bürgerkrieg) „gezähmt“, ihre Ideologie entschärft und mit den Grundsätzen einer „offenen Gesellschaft“ kompatibel gemacht; dieser Prozess steht (uns) mit den Muslimen, besonders aber mit den Islamisten, als Vertreter des politischen Islam, noch bevor. Es sei denn die Situation kulminiert aufgrund der zu erwartenden demografischen Entwicklungen tatsächlich zu der von Frau Rohrer angesprochenen „Machtfrage“. Dann wird, um es mit einem Wort des vielgeschmähten Carl Schmitt auszudrücken, der „Ernstfall“ tatsächlich eintreten, der uns letztlich eine Betrachtung der Konfliktparteien im Freund-Feind-Schema unvermeidlich aufdrängen wird. Diese Erwartungshaltung hat aber noch lange nichts mit einer unbegründeten Angst zu tun, die Frau Rohrer hier wieder bemüht; wenn schon, dann höchstens mit der begründeten Furcht, dass unsere Enkel diesen Konflikt austragen werden müssen.

„Rassismus – eine Ermüdung“ II – die Fakten

Der Text „Rassismus – eine Ermüdung“ wurde von mir auch auf der Plattform „fisch&fleisch“ veröffentlicht. Die von den Lesern dort dazu veröffentlichten Kommentare, nehme ich zum Anlass meine dem Artikel zugrunde liegende Faktensammlung zu veröffentlichen. Vielleicht kann ich damit nachträglich noch etwas zum besseren Verständnis meines Textes und zur Versachlichung der do. ablaufenden Diskussion beitragen.

Rassismus und Diskriminierung

eine Faktensammlung

Diskriminieren ist zu einem der sogenannten Unworte unserer Zeit verkommen. Es hat eine Ehrenrettung verdient.

Zuerst ein Blick in das Fremdwörterbuch: der Duden schreibt:

diskriminieren: (lat) 1. trennen, absondern, aber auch durch [unzutreffende] Äußerungen, Behauptungen in der Öffentlichkeit jmds. Ansehen, Ruf schaden, ihn herabsetzen. 2. (durch unterschiedliche Behandlung) benachteiligen, zurücksetzen 3. unterscheiden; gegeneinander abgrenzen.

Sprechen wir von „trennen und absondern“ so könnte man besser „segregieren“, Segregation (Ausscheidung, Trennung, Absonderung von Menschengruppen) verwenden um das unliebsam unscharfe „diskriminieren“ zu umgehen.

Diskriminieren ist jedenfalls nicht in jedem Fall „negativ“ besetzt.

Zum Diskriminierungsverbot

Adressat des Diskriminierungsverbots ist zuvörderst der Staat in seinem Handeln gegenüber den Bürgern. Insbesondere dient das Diskriminierungsverbot als Abwehrrecht gegenüber Übergriffen des Staates und seiner Organe. Die Bürger selbst unterliegen dagegen keinem allgemeinen Diskriminierungsverbot. Ihre Privatautonomie ermöglicht es ihnen vielmehr grundsätzlich, frei von staatlicher Reglementierung sich im Alltag auch diskriminierend zu verhalten, ohne dafür einen rechtfertigenden Grund vorweisen zu müssen.

Daneben wurden vom Rat der Europäischen Union mehrere Richtlinien erlassen, welche die Mitgliedstaaten verpflichten, mittels nationaler Rechtsnormen bestimmte Diskriminierungen auch im privaten Bereich zu unterbinden:

  • 2000/43/EG Gleichbehandlung ohne Unterschied der Rasse oder der ethnischen Herkunft
  • 2000/78/EG Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf
  • 2006/54/EG Gleichbehandlung von Frauen und Männern in Arbeits- und Beschäftigungsfragen
  • 2004/113/EG Gleichbehandlung von Frauen und Männern außerhalb des Beschäftigungsbereichs

Danach sollen im Bereich Beschäftigung und Beruf, vor allem im Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer Diskriminierungen wegen der Merkmale Rasse, ethnische Herkunft, Religion und Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexuelle Identität und Geschlecht verhindert werden.
1965 definiert die UNO im Internationalen Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung den Begriff der „Rassendiskriminierung“ als „jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.

Die Europäische Kommission gegen Rassismus und Intoleranz definiert Rassismus als „die Überzeugung, dass ein Beweggrund wie Rasse, Hautfarbe, Sprache, Religion, Staatsangehörigkeit oder nationale oder ethnische Herkunft die Missachtung einer Person oder Personengruppe oder das Gefühl der Überlegenheit gegenüber einer Person oder Personengruppe rechtfertigt“.

In Norwegen wurde vom Gesetzgeber der Begriff „Rasse“ aus den sich mit Diskriminierung befassenden nationalen Gesetzen entfernt, da der Begriff als problematisch und unethisch gilt. Das norwegische Gesetz gegen Diskriminierung verwendet lediglich die Begriffe ethnische und nationale Herkunft, Abstammung und Hautfarbe.

Rassismus ist eine Gesinnung oder Ideologie, nach der Menschen aufgrund weniger äußerlicher Merkmale – die eine gemeinsame Abstammung vermuten lassen – als sogenannte „Rassekategorisiert und beurteilt werden. Die zur Abgrenzung herangezogenen Merkmale wie Hautfarbe, Körpergröße oder Sprache – aber auch kulturelle Merkmale wie Kleidung oder Bräuche – werden in der biologistischen Bedeutung als grundsätzlicher und bestimmender Faktor menschlicher Fähigkeiten und Eigenschaften gedeutet und nach Wertigkeit eingeteilt.

Menschenrechte

Artikel 2 (Verbot der Diskriminierung)

Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach etwa nach Rasse*, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand.

(Könnten Anhänger des Rassismus diesen Schutz auch für sich und ihre „Überzeugung“ beanspruchen?)

Als Menschenrechte werden subjektive Rechte bezeichnet, die jedem Menschen gleichermaßen zustehen. Das Konzept der Menschenrechte geht davon aus, dass alle Menschen allein aufgrund ihres Menschseins mit gleichen Rechten ausgestattet und dass diese egalitär begründeten Rechte universell, unveräußerlich und unteilbar sind.

Diese ihre Überzeugung dürfen sie nicht nur im stillen Kämmerlein für sich alleine „haben“, sie dürfen sie auch kundtun.

Die Meinungsfreiheit ist ein Menschenrecht und wird in Verfassungen als ein gegen die Staatsgewalt gerichtetes Grundrecht garantiert, um zu verhindern, dass die öffentliche Meinungsbildung und die damit verbundene Auseinandersetzung mit Regierung und Gesetzgebung beeinträchtigt oder gar verboten wird.

Auf der Ebene der Vereinten Nationen ist die Meinungsfreiheit in Art. 19 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gewährleistet:

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten.“

Für die Mitgliedstaaten des Europarats schafft Art. 10 der Europäischen Menschenrechtskonvention einen Mindeststandard für die Meinungsfreiheit. Innerhalb der Europäischen Union ist die Meinungs- und Informationsfreiheit in Art. 11 der mit dem Vertrag von Lissabon in Kraft getretenen Charta der Grundrechte niedergelegt.

Das Recht auf freie Meinungsäußerung umfasst nach Rechtsansicht des EGMR nicht nur harmlose Äußerungen, sondern auch drastisch-plakativ dargestellte Meinungsäußerungen.

Art. 5 Abs. 2 GG regelt die Grenzen (Schranken) der Meinungsfreiheit:

Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“

Art. 5 Abs. 2 GG

In Österreich ist die Meinungsfreiheit durch Art. 13 StGG und Art .10 EMRK geschützt. Art. 10 EMRK gewährt hierbei einen größeren Rechtsschutz. Danach kann sich jedermann auf jede Art frei äußern und Äußerungen anderer empfangen. Nur unter bestimmten Voraussetzungen kann dieses Grundrecht eingeschränkt werden.

Dazu ein Beispiel aus dem Strafgesetzbuch:

Verhetzung

§ 283 StGB idF BGBl. I Nr. 103/2011

(1) Wer öffentlich auf eine Weise, die geeignet ist, die öffentliche Ordnung zu gefährden, oder wer für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar zu Gewalt gegen eine Kirche oder Religionsgesellschaft oder eine andere nach den Kriterien der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion oder Weltanschauung, der Staatsangehörigkeit, der Abstammung oder nationalen oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung definierte Gruppe von Personen oder gegen ein Mitglied einer solchen Gruppe ausdrücklich wegen dessen Zugehörigkeit zu dieser Gruppe auffordert oder aufreizt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren zu bestrafen.
(2) Ebenso ist zu bestrafen, wer für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbar gegen eine in Abs. 1 bezeichnete Gruppe hetzt oder sie in einer die Menschenwürde verletzenden Weise beschimpft und dadurch verächtlich zu machen sucht.
Anmerkung
  1. Der Rassist muss nicht automatisch den Terminus „beschimpfen“ erfüllen, wenn er seine Meinung über eine „Rasse“ sagt und er muss sie dabei auch nicht notwendigerweise verächtlich machen
  2. Kann man einer Gruppe überhaupt „Menschenwürde“ zuerkennen?
  3. Ist gemeint, dass man nur durch Beschimpfung verächtlich zu machen versucht oder ist jede Art von Verächtlichmachung strafbar? (Es heißt:…beschimpft u n d d a d u r c h verächtlich zu machen sucht.)

In einer noch nicht überholten Weise beschrieb Alexis de Tocqueville im Jahre 1835 am Beispiel Nordamerikas die Schranken, die der Meinungsfreiheit in der Demokratie durch das (heute so genannte) Gebot der „political correctness“ gezogen sind:

Die Mehrheit umspannt … das Denken mit einem erschreckenden Ring. Innerhalb dessen Begrenzung ist der Schriftsteller frei; aber wehe ihm, wenn er ihn durchbricht. Zwar hat er kein Ketzergericht zu fürchten, aber er ist allen möglichen Verdrießlichkeiten und täglichen Verfolgungen ausgesetzt. Die politische Laufbahn ist ihm verschlossen … Man verweigert ihm alles, selbst den Ruhm… Der Herrscher sagt nicht mehr: entweder du denkst wie ich oder du bist des Todes; er sagt: du bist frei, nicht so zu denken wie ich; du behältst dein Leben, deinen Besitz, alles; aber von dem Tage an bist du unter uns ein Fremdling. Du behältst deine Vorrechte in der bürgerlichen Gesellschaft, aber sie nützen dir nichts mehr; denn bewirbst du dich um die Stimme deiner Mitbürger, so werden sie dir diese nicht geben, und begehrst du bloß ihre Achtung, so werden sie tun, als ob sie dir auch diese verweigerten. Du bleibst unter den Menschen, aber du büßest deine Ansprüche auf Menschlichkeit ein. Näherst du dich deinen Mitmenschen, werden sie dich wie ein unreines Wesen fliehen; und selbst die an deine Unschuld glauben, werden dich verlassen, denn auch sie würden gemieden. Ziehe hin in Frieden, ich lasse dir das Leben, es wird aber für dich schlimmer sein als der Tod.“

Fazit:

Rassistische Äußerungen in den Medien sind demnach m.M.n. nicht grundsätzlich verboten. Es handelt sich dabei zwar um eine Ideologie, die andere Gruppen abwertet, aber nicht unbedingt wie es der § 283 für eine eventuelle Strafbarkeit fordert, „verächtlich“ macht. Überspitzt formuliert könnte man die Schutzwirkung der Menschenrechte (Niemand darf wegen seiner Überzeugung, seiner Werthaltung, seiner Hautfarbe etc. wegen vom Staat benachteiligt oder gar verfolgt werden) sogar auf „Rassisten“ selbst anwenden. Auch jene, die dieser (fragwürdigen) Ideologie anhängen, dürfen wegen ihrer Überzeugung nicht beschimpft und dadurch verächtlich gemacht, geschweige denn vom Staat verfolgt werden.

Solange das Diskriminierungsverbot als Schutzrecht gegenüber der Staatsmacht aufrecht bleibt, besteht auch keinerlei Gefahr für das öffentliche Leben, weil jedem die Ausübung seiner Rechte garantiert ist. Zu einer Gefahr wird der Rassismus erst, wenn er, wie es im NS-Staat der Fall war, zur Staatsideologie gemacht wird. Ein liberales, demokratisch verfasstes Staatswesen hingegen wird mit dieser Ideologie (und seiner begrenzten Anzahl von Anhängern) ohne weiteres zu Rande kommen, ohne dass es zu tiefgreifenden Spannungen kommen muss.

Rassismus – eine Ermüdung

Der Streit darüber, wer denn nun die „besseren“, also hasserfüllteren Rassisten seien, geht in den Foren munter weiter. Wäre es nicht so trostlos langweilig, könnte einen diese Auseinandersetzung (um des Kaisers Bart) fast belustigen. Inzwischen ist die Sache nur mehr fad und zwar aus mehreren Gründen:

1. Man kann sich in den Diskussionen meist nie auf eine einheitliche Definition einigen, daher hat man oft den Eindruck, dass jeder von einer anderen Definition ausgeht. Das führt

2. dazu, dass man nicht nur aneinander vorbeiredet, sondern sich nur mehr in Vorwürfen ergeht.

3. versucht jeder dem anderen zu beweisen, dass nicht er, sondern der andere den Begriff missversteht.

Vielleicht sollte man den Begriff „Rassismus“ besser überhaupt meiden? Natürlich!

Wenn jemand eine Meinung äußert, dann kann man versuchen, diese zu widerlegen und zwar ohne sie in irgendeiner Form kategorisierend zu werten. Die Diskussion auf diese Weise zu führen, würde helfen, am Thema zu bleiben und nicht auf die Ebene der persönlichen „Wertung“ abzugleiten.

Auch „Rassisten“ haben das Recht, ihre Meinung öffentlich kundzutun und zwar auch dann, wenn eine Einigung darüber erzielt werden kann, dass es sich um eine rassistische Meinung handelt.

Wenn man es genau nimmt, dürfte ein Mensch gar nicht als Rassist bezeichnet werden. Es gibt nur rassistische Statements; jemand kann unbestritten rassistische Ansichten haben und das kann man für verwerflich halten. Allein deswegen dürfte man denjenigen, der diese Äußerung von sich gibt, wenn man den Begriff Rassismus in der gängigen Grundausstattung des Begriffs (jemand wird auf ein bestimmtes Merkmal hin qualifiziert / reduziert) ernst nimmt, eigentlich gar nicht als Rassisten bezeichnen. Jemanden als Rassisten zu bezeichnen, deswegen, weil er ein rassistisches Statement von sich gibt, wäre streng genommen schon selbst eine „rassistische Äußerung“! (Aber auf dieser Ebene zu diskutieren, halte ich, wie oben ausgeführt, für wenig sinnvoll.)

Meist wird der Rassismus-Vorwurf ja dann erhoben, wenn der sich Äußernde eine bestimmte Gruppe von Menschen verbal angreift. Da es so viele Beispiele dafür gibt, wo das tatsächlich Tag für Tag zu beobachten ist, möchte ich es mir ersparen auf explizite Beispiele ausführlich hinzuweisen. Einige wesentliche, weil kulturell bedeutsame, sollte man aber dennoch nicht aus dem Blick verlieren. Ich denke vor allem an den wunderbaren Thomas Bernhard.

War Thomas Bernhard, der d i e Österreicher auf das Gröblichste beschimpfte am Ende ein Rassist? Und was gewänne man, wäre es so?

Würde das sein Werk schmälern? Sollte man es gar verbieten? Hat er am Ende sogar mich persönlich gemeint?

Jeder muss seine Meinung offen sagen dürfen, und zwar auch dann, wenn sie von anderen als falsch, als „abstruss“ oder auch als „rassistisch“ qualifiziert wird. Der Gesetzgeber einer „offenen Gesellschaft“, für die zu streiten sich lohnt, sollte sich aber grundsätzlich heraushalten. Darüber, was gesagt werden darf, hat der Staat (mit Ausnahmen, die Ausnahmen bleiben müssen) nicht zu bestimmen. Die gesetzlichen Regelungen, die den einzelnen Menschen und seine Integrität als Person schützen, sind mehr als ausreichend. „Gruppenidentitäten“ (d i e Österreicher, d i e Burgenländer, d i e Katholiken, d i e Muslime, d i e Juden etc.) zu schützen ist kontraproduktiv. Jeder weiß, wenn von d e n Österreichern gesprochen wird, ist man persönlich, wenngleich auch Österreicher, nicht unbedingt gemeint. Es geht bekanntlich dabei um die dieser Gruppe zugeschriebenen Eigenschaften, die wahr oder falsch sein können, und nicht um j e d e s einzelne Mitglied.

Bitte entsorgt die „Rassismus-Keule“ endlich endgültig auf dem historischen „Sonder-Müll“! Sie bringt die Diskussion in der Sache wirklich nie weiter.

„Wenn die ganze Menschheit weniger Einem gleicher Meinung wäre und dieser Eine entgegengesetzter Meinung, so wäre die ganze Menschheit nicht mehr berechtigt, diesen Einen mundtot zu machen, als er, wenn er die Macht dazu hätte, berechtigt wäre, die Menschheit mundtot zu machen.“

John Stuart Mill (1806 -1873) in „Über die Freiheit“

Signale unserer Zeit

Jose_Ortega_y_Gasset
José Ortega y Gasset / Quelle: Wikipedia

Ich möchte heute einen Gedanken eines wichtigen spanischen Philosophen der Neuzeit  durch ein Zitat in Erinnerung bringen, den ich dem Buch „Signale unserer Zeit“  entnommen habe. (Ein Band  gesammelter Essays)

„Man vergesse  nicht, daß der entscheidende Faktor in der Geschichte eines Volkes der Durchschnittsmensch ist. […] Die Geschichte ist ohne Gnade die Herrschaft des Mittelmäßigen. Der größte Genius zerschellt an der unbegrenzten Gewalt des Gewöhnlichen. Der Planet ist offenbar geschaffen, damit der Durchschnittsmensch auf ewig herrscht. Darum hängt alles davon ab, daß das mittlere Niveau so hoch wie möglich ist. Und was die Völker groß macht, sind in erster Linie nicht ihre großen Männer, es ist die Höhe der unzähligen Mittelmäßigen. Es ist klar, daß sich das mittlere Niveau niemals heben wird ohne das Vorhandensein von überlegenen Wesen, von Vorbildern, welche die träge Masse hinaufziehen. Darum ist das Eingreifen der Großen nur sekundär und mittelbar. Die historische Realität sind sie nicht, und es kann geschehen, daß ein Volk geniale Einzelne besitzt, ohne daß darum der historische Wert der Nation größer würde. Das tritt immer ein, wenn die Masse sich diesen Vorbildern nicht fügt, ihnen nicht folgt und sich nicht vervollkommnet.“ (S. 131f.)

„Sätze“, die überdauern, sind meist dermaßen vielgestaltig interpretierbar, dass sie jedermann als Beweis für die Richtigkeit gerade seiner Ansicht dienlich sein können.  Das ist m.M. auch der Grund, warum die sogenannten „Heiligen Schriften“ bis heute überdauerten, was natürlich auch für dieses Zitat oben gelten könnte. Die Frage ist immer, welche Komponenten dieses kurzen Auszuges, den ich dem Abschnitt „Wesenszüge der Liebe“ entnahm,  man besonders zu betonen gedenkt.

Diejenigen, die den Gedanken des  „Elitären“ besonders schätzen, werden diesen Teil im Text hervorheben wollen, der davon spricht, dass der Genius es ist, der das „Niedere“ hinaufzieht; jene, die für „straffe Führung“ plädieren, werden genüsslich auf die Stelle des „Fügens und Folgens“ deuten und im Autor einen Vorboten kommender Diktaturen zu erkennen glauben; andere, die vielleicht  mehr das „Kollektive“ schätzen, werden meinen, dass darin das Lob des „Mittelmäßigen“ oder auch des Sozialismus gesungen werde, und dann wird es vielleicht noch eine Gruppe geben, die immer schon meinte, dass es um „Vervollkommnung“ im Sinne von (staatlicher) Erziehung gehe; aber auch diejenigen, die eher zu „anarchistischer Gesinnung“ tendieren, finden ihr Futter, indem sie den  „Genius“ notgedrungen an der Macht der Realität zerschellen sehen.

Ortega y Gasset, dessen Gedanken über die Bedeutung der Massen – ohne jetzt eine Gleichsetzung vornehmen zu wollen – u.a. auch von Elias Canetti (Masse und Macht) aufgenommen und weitergeführt worden zu sein scheinen,  sah das Hauptproblem seiner Zeit in der Vermassung der Gesellschaft.  Die Masse  galt für ihn als historisch entwurzelt und dadurch orientierungslos,  und das mache sie, so führte er aus, in besonderem Maße anfällig für Ideen und Ideologien, wie sie sich aus seiner Sicht u. a. in Faschismus und Kommunismus manifestieren. Als sein wohl wichtigstes Buch gilt „Der Aufstand der Massen“.  Den von ihm vielfach verwendeten Begriff der „Eliten“ findet man natürlich auch bei anderen Philosophen, beispielsweise bei Robert Michels, dessen Arbeiten anfangs in Deutschland weniger Widerhall fanden,  die aber später umso mehr im faschistischen Italien unter Mussolini geschätzt wurden.  Weitere interessante Anknüpfungspunkte, die sich ergeben würden,  (Martin Heidegger, Sigmund Freud, Wilhelm Reich u.a.) lasse ich der Kürze dieses Eintrags wegen unberücksichtigt.

Den Autor kann ich jedermann ans Herz legen. Auch wenn – oder gerade  w e i l – so manch psychologisches Phänomen heute anders gesehen wird als zu seiner Zeit, bleibt er nach wie vor ein interessanter, lesenswerter Anreger für eigene Gedanken.

Wikipedia schreibt:

José Ortega y Gasset (* 9. Mai1883 in Madrid; † 18. Oktober 1955 ebenda) war ein spanischer PhilosophSoziologe und Essayist. Er gilt neben Miguel de Unamuno als der bedeutendste spanische Denker des zwanzigsten Jahrhunderts und hat auf eine ganze Generation spanischer Intellektueller – insbesondere auf die sogenannte Escueala de Madrid („Schule von Madrid“) – nachhaltigen Einfluss ausgeübt. Zu seinen wichtigsten Schülern zählen María Zambrano, Xavier Zubiri, Julián Marías Aguilera, José Gaos, und Antonio Rodríguez Huéscar.

 

Wir Heimatlosen

Es fehlt unter den Europäern von heute nicht an solchen, die ein Recht haben, sich in einem abhebenden und ehrenden Sinne Heimatlose zu nennen, – ihnen sei meine geheime Weisheit und gaya scienza ausdrücklich ans Herz gelegt! Denn ihr Los ist hart, ihre Hoffnung ungewiss, es ist ein Kunststück ihnen einen Trost zu finden – aber was hilft es! […]

Wir sind keine Humanitarier; wir würden uns nie zu erlauben wagen, von unsrer „Liebe zur Menschheit“ zu reden. – dazu ist unsereins nicht Schauspieler genug. […]

„Nein, wir lieben die Menschheit nicht; andererseits sind wir aber auch lange nicht „deutsch“ genug, wie heute das Wort „deutsch“ gang und gäbe ist, um den Nationalismus und dem Rassenhaß das Wort zu reden, um an der nationalen Herzenskrätze und Blutvergiftung Freude haben zu können, derenthalben sich jetzt in Europa Volk gegen Volk wie mit Quarantänen abgrenzt, absperrt. Dazu sind wir zu unbefangen, zu boshaft, zu verwöhnt, auch zu gut unterrichtet, zu „gereist“: wir ziehen es bei weitem vor, auf Bergen zu leben, abseits, „unzeitgemäß“, in vergangnen oder kommenden Jahrhunderten, nur damit wir uns die stille Wut ersparen, zu der wir uns verurteilt wüßten als Augenzeugen einer Politik, die den deutschen Geist öde macht, indem sie ihn eitel macht, und kleine Politik außerdem ist: – hat sie nicht nötig, damit ihre eigene Schöpfung nicht sofort wieder auseinanderfällt, sie zwischen zwei Todeshasse zu pflanzen? muß sie nicht die Verewigung der Kleinstaaterei Europas wollen?… Wir Heimatlosen, wir sind der Rasse und Abkunft nach zu vielfach und gemischt, als „moderne Menschen“, und folglich wenig versucht, an jener verlognen Rassen-Selbstbewunderung und Unzucht teilzunehmen, welche sich heute in Deutschland als Zeichen deutscher Gesinnung zur Schau trägt und die bei dem Volke des „historischen Sinns“ zwiefach falsch und unanständig anmutet. Wir sind mit Einem Worte – und es soll unser Ehrenwort sein!- gute Europäer, die Erben Europas, die reichen, überhäuften, aber auch überreicht verpflichteten Erben von Jahrtausenden des europäischen Geistes: als solche auch dem Christentum entwachsen und abhold, und gerade, weil wir aus ihm gewachsen sind, weil unsre Vorfahren Christen von rücksichtsloser Rechtschaffenheit des Christentums waren, die ihrem Glauben willig Gut und Blut, Stand und Vaterland zum Opfer gebracht haben. Wir – tun desgleichen. Wofür doch? Für unsren Unglauben? Für jede Art Unglauben? Nein, das wißt ihr besser, meine Freunde? Das verborgne Ja in euch ist stärker als alle Neins und Vielleichts, an denen ihr mit eurer Zeit krank seid; und wenn ihr aufs Meer müßt, ihr Auswanderer, so zwingt dazu auch euch – ein Glaube!…

Friedrich Nietzsche, Die Fröhliche Wissenschaft, Phaidon, 147 / 377; Band 2, S.119f

Bedingungsloses Grundeinkommen

Das Thema „Bedingungsloses Grundeinkommen“ scheint ein besonders heikles zu sein. Hier prallen ideologische Gegensätze aufeinander wie sonst kaum irgendwo. Ganz ohne Logik, kommt man aber auch hier nicht aus, auch wenn viele Wortmeldungen zu diesem Thema das grundlegende Problem, das sich in der Logik dieses Sprachgebildes versteckt, übersehen.

Ich habe noch keine wirklich endgültige Meinung dazu, das möchte ich vorausschicken. Bin aber eher skeptisch – das ist der derzeitige Stand der Dinge. Und das, obwohl angeblich viele Argumente dafür sprechen würden, jedem ein Grundeinkommen zu garantieren. Aber bedingungslos?

Die Verfechter dieser Idee beteuern, dass sich bei Einführung dieser Wohltat nicht einmal die Staatsausgaben erhöhen würden;  man könne das im Vergleich zur heutigen Arbeitslosenunterstützung sogar „kostenneutral“ einführen. Es wären auch nicht die Kosten, die mich in erster Linie davon abhielten, diese Idee zu unterstützen. Der österreichische Staat hätte immer noch Geld genug, es ist eher die Frage, wofür er es auszugeben bereit ist.

Das zweite Argument, das oft vorgebracht wird, erst unlängst von dem von mir sehr geschätzten Konrad Paul Liessmann in einem Interview, ist das, dass aus Gründen der Robotisierung einem Großteil der Menschen die Arbeit ausgehen wird. Man wird sie, er meint in erster Linie die Minderqualifizierten, nicht beschäftigen können,  weil die Arbeit, für die diese Menschen geeignet wären, hinkünftig von Maschinen erledigt werden wird. Da kann man ihm durchaus zustimmen. Daraus aber abzuleiten, dass der Weisheit letzter Schluss darin läge, jedermann ein bedingungsloses Grundeinkommen zuzusichern, scheint mir wenig durchdacht. Da gäbe es durchaus auch andere Lösungen. Die Arbeitszeit anders aufzuteilen, wäre eine davon.

Was mich stört ist nicht, dass jedermann ein Grundeinkommen zugesichert werden sollte, sondern dass dies als Anspruch formuliert wird, an den keinerlei Bedingungen geknüpft werden sollen. Wenn der von mir geschätzte K.P. Liessmann dieser Forderung vorbehaltlos zustimmt, dann wundert mich das. Das hätte ich ihm so nicht zugetraut, und ich bin sicher, dass er die Sache in einer ernsthaften Diskussion so auch nicht aufrecht halten würde, weil ihm der Mangel an Logik auffallen würde, der sich hinter dieser Forderung versteckt; denn schon die Frage danach, wer den anspruchsberechtigt sein solle, wird nicht ohne eine einschränkende Bedingung zu nennen, beantwortet werden können. Es sei denn, man (wer?) gewährt diesen Anspruch ausnahmslos jedem Menschen auf der Welt. Eine Einschränkung auf eine bestimmte Personengruppe (Europäer, Österreicher, Arbeitslose etc.) stellt bereits eine Form von Bedingung dar, die erfüllt werden muss, um in den Genuss dieser Wohltat zu kommen.

Die Forderung nach einem „bedingungslosen“ Grundeinkommen ist realistisch betrachtet also Humbug, weil sie eigentlich nicht das beschreibt, was man eigentlich zu beschreiben wünscht. Sie ist auch nur dann realistisch erfüllbar, wenn man das Attribut „bedingungslos“ weglässt und die Forderung nach einem Grundeinkommen unter exakt definierten „Bedingungen“ erhebt. Dann aber kann man nicht mehr von einem „Bedingungslosen Grundeinkommen“ sprechen.

Wenn man diese (sprach-)logische Bereinigung der Sache vorgenommen hat, – ohne die eine sinnvolle Diskussion meines Erachtens gar nicht möglich ist – wäre immer noch genügend Platz für eine ideologische Diskussion darüber, ob eine Gesellschaft zu bauen, die ihren Mitgliedern ein Grundeinkommen zuspricht, ohne ihnen dafür eine Gegenleistung abzuverlangen, überhaupt wünschenswert wäre.

„Lügen“ – oder doch nur ein Übermaß an Phantasie?

(Ein Teil dieses Textes ist auch Teil eines Berichtes, den ich meinem „Reisejournal eines Müßiggängers“ veröffentlicht habe.)

Ich habe mich wieder Egon Friedells „Kulturgeschichte“ zugewandt. Ein Buch, das einigen Genuss bietet. Unübliche Blickwinkel und Betrachtungsweisen, Beschreibungen zwiespältiger Charaktere, kulturelle und soziale Analysen, die oft dem entgegengesetzt sind, was man herkömmlicher Weise erwarten würde. Aber auch manch Widersprüchliches findet sich, etwa in der Charakterisierung Napoleons, der einmal als eine Art „tumber Tor“ aus der Provinz, dem es nur Dank seiner „vitesse“ und seiner „courage“ gelingt, sowohl im Feld als auch in der Politik erfolgreich zu sein, der aber wenige Seiten später wieder als „Alleskönner“ und „Allesversteher“ gezeichnet wird. Zwei Passagen verdienen es besonders, hier kritisch besprochen zu werden. Umso mehr als ich Egon Friedell bisher fast immer positiv zitiert habe, ist es angebracht, auch einmal Stellen zu zeigen, mit denen ich weniger bis gar nicht einverstanden sein kann.

Die erste hat Aktualität gewonnen, weil man sich wieder einmal auf eine Milliarden-Hilfe für Griechenland geeinigt hat. Diese Passage hat es besonders in sich.  In dieser Form würde sich heute wohl kaum ein Literat von Rang über ein Volk zu schreiben getrauen. Höchstwahrscheinlich ginge es nicht einmal als Posting auf fb durch, ohne einen shit-storm hervorzurufen.

Durch seine große Phantasie, seine Kardinaleigenschaft, war der Hellene in besonders hervorragendem Maße zum L ü g e n und zum L e i d e n prädestiniert. Man darf geradezu von ein e n d e m i s c h e n Verlogenheit des griechischen V olkes sprechen, gegen die ein paar Ausnahms- menschen immer vergeblich und übrigens ziemlich schüchtern angekämpft haben. Überhaupt war eine individuelle und soziale Ethik nur bei einigen weltabgewandten Philosophen, bei allen übrigen aber nicht einmal im Ansatz vorhanden, und wenn man nicht ganz bestimmt wüßte, daß die Gymnasiasten von den griechischen Schriftstellern nicht ein Wort verstehen, so müßte man ihre Lektüre nicht nur aus dem Schulunterricht streichen, sondern auch privatim als höchst unmoralisch verbieten.“ (Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, C.H. Beck, 3. Auflage, 2012, S. 796)

Ich will nicht behaupten, dass ich dem vollinhaltlich zustimme, aber wenn ich an die aktuelle Misere mit den griechischen Staatsfinanzen denke und daran, dass „die Griechen“ anlässlich ihres Beitritts in die Euro-Zone ihre das Budget betreffenden Zahlen ziemlich „geschönt“ haben – um es euphemistisch auszudrücken – und mir in Erinnerung ist, dass Griechenland auch in der Vergangenheit schon einige Staatsbankrotte auf Kosten anderer hingelegt hat, dann würde ich der These auch nicht sehr heftig widersprechen wollen. Wenngleich ein ganzes Volk dermaßen abzuwerten natürlich mehr als problematisch ist. Zudem könnte demgegenüber natürlich einwenden, dass man das, was in der jüngeren Vergangenheit passierte, ohnehin nicht so genau wissen könne.

Ist Geschichte alt genug geworden, um zu reiner Poesie zu kristallisieren, so spricht aus ihr unmittelbar das Wesen des Weltgeistes, der niemals irren kann, das Wort Gottes; und in diesem Sinne ist die Bibel nicht nur das erhabenste, sondern auch das zuverlässigste Geschichtswerk der Weltliteratur. […] Die Geschichte der Gegenwart jedoch hat zu ihrem Mundstück bloß den Geist des „Herausgebers“, eines verschlagenen, zelotischen, mit eiserner Entschlossenheit gepanzerten Geschöpfes, das nur sich und seinem Parteidogma dient; ob es sich dabei um die Herausgabe von Schulbüchern oder Blaubüchern, diplomatischen Noten oder Generalstabsberichten oder aber um wirkliche Journale handelt, macht keinen Unterschied: alle Beiträge zur Gegenwartsgeschichte haben den Wahrheitswert einer Zeitung.“ (941f.)

Dass es sich bei den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaften um solche handelt, die in ihrer Stringenz mit denen der Naturwissenschaften vergleichbar wären, behauptet ohnehin niemand,  – auch wenn man de facto manchmal so tut, als handle es sich dabei immer um „harte, objektive Fakten“ – um aber mit dieser kryptischen Auffassung von Geschichte, die Friedell hier präsentiert, übereinstimmen zu können, müsste man wohl auch die strenge Interpretation der Bibel teilen, wie sie durch die „Kreationisten“ erfolgt. Und da ist meine Toleranz allerdings tatsächlich an ihr Ende gekommen.

Von der Untreue eines Müßiggängers gegen sich selbst

Ich habe mir ja vorgenommen, Müßiggang zu treiben auf der Reise, mir vorgenommen, mich um nichts zu kümmern, was sonst oft so wichtig erscheint, maximal ein bisschen und nur aus reiner Lust an meinem Reisejournal zu schreiben, mich auf das Unwichtige zu beschränken, und ich zweifle ja auch ein bisschen, ob das Nachfolgende in (m)einem Reisejournal wirklich Platz finden soll, weil das Nachfolgende doch weit darüber hinausgeht, was meines Erachtens dort angesprochen werden soll. In einem Reisejournal sollte man vielleicht doch nur das zu Wort kommen lassen, was unmittelbar mit dem aktuellen, erfreulichen Reisegeschehen zu tun hat.

Der Reisende ist aber nie nur Reisender, er ist, auch wenn er reist, in erster Linie Mensch und wenn er Mensch ist, ist er immer auch „politischer“ Mensch – ein „zoon politikon“ -sagten die damals noch „guten alten Griechen“. Aber weil die politische Lage natürlich auch den Reisenden nicht unberührt lässt, habe ich mich entschlossen, die nachfolgenden, mich bewegenden Gedanken hier doch nicht auszusparen, auch wenn mir bewusst ist, dass sie kontrovers diskutiert werden sollten, weil nie etwas so eindeutig ist, wie es manchmal in einem Satz zum Ausdruck kommen muss.

In der Nacht, so hörte ich in den Nachrichten, hat es wieder einen Terror-Anschlag in London gegeben. Sieben Opfer seien zu beklagen und mehr als fünfzig Verletzte habe es gegeben. Drei Attentäter seien erschossen worden.

Die Politiker des In- und Auslands ergeben sich wie schon so oft dem (Selbst-) Mitleid! Eine Lösung – und eine solche erwarten die Menschen mit Recht – können sie nicht anbieten, nicht einmal ansatzweise. Der Leidensdruck ist vielleicht noch nicht groß genug!

Dafür ist es der italienischen Küstenwache wieder einmal gelungen, einem „in See-Not geratenen Schiff mit Flüchtlingen“ vor Marokko zu Hilfe zu kommen und die darauf befindlichen Personen in Sicherheit“ zu bringen. In Sicherheit bringen“ ist jetzt die aktuell gebrauchte, politisch korrekte Beschreibung, der man sich im ORF bedient. Es ist aber eine überaus euphemistische Beschreibung dessen, was wirklich passiert. In Sicherheit“ wären die Menschen ja auch in Marokko, wenn man sie wieder zurückgebracht hätte. Sie werden aber nach wie vor nach Europa eingeschleust, und zwar auch dann, wenn sie nur wenige Seemeilen vor der afrikanischen Küste aufgefischt werden. Man wird sehen, wie lange sich die europäische Bevölkerung diese Vorgangsweise noch bieten lassen wird. Dann, wenn die ersten tätlichen Auseinandersetzungen dagegen beginnen werden, – es ist eher eine Frage der Zeit, als es eine Frage des „ob“ ist – werden die Politiker, die uns diese Misere aufladen, die ersten sein, die ihre „Hände in Unschuld waschen“ und beteuern werden, dass sie dies alles nicht voraussehen hätten können. Die Fragen, die sich stellen, sind einfach: Was an gesellschaftlichen Entwicklungen und welche sozialen Folgen ihrer Handlungen können Politiker überhaupt noch voraussehen?

Frau Isolde Charim schreibt in der Wiener Zeitung dazu:

Früher hieß es, man solle SP wählen als das kleinere Übel, um das größere Übel einer FP in der Regierung zu verhindern. Heute will man uns weismachen, Rot-Blau sei das kleinere Übel, um Schwarz-Blau zu verhindern. Nein, Rot-Blau wäre nicht das kleinere Übel. Es wäre vielmehr die schlimmste Variante. Denn sie ließe das Land ohne starke Gegenkraft zurück. Gute Nacht, Österreich.“

(Siehe:http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/895932_Rot-Blau.html)

Es wird immer offensichtlicher: Die Politik besteht anscheinend nur mehr darin, rechts gegen links, grün gegen braun, gelb gegen blau (usw.) auszuspielen, ohne dass man ein Wort über Inhalte zu verlieren müssen glaubt. Es ist leider wirklich schlecht bestellt um die Politik, wenn man nur mehr „Rot“ wählen soll, um „Blau“ zu verhindern und nicht eines politischen Inhalts wegen. Genügt es wirklich, sich nur mehr Gedanken darüber zu machen, ob „Rot-Blau“ als Cholera und „Schwarz-Blau“ als Pest gelten soll? Wenn das schon genug des Inhalts ist, dann „Gute Nacht!“ liebe Landsleute, die ihr euch zu den Politischen Köpfen zählt! Dass auch die bekannte Philosophin Isolde Charim in der Wiener Zeitung wieder einmal viel Raum für die Darstellung ihrer (an philosophischen Maßstäben gemessen: „flachen“) Meinung bekommt, ohne diesem „Spiel“ selbst einen inhaltlichen Mehrwert beizusteuern, zeigt wie ernst die Lage nicht nur für die Politik, sondern auch für das intellektuelle Milieu dieses Landes ist.