Kategorie: Bücher

Wie groß ist der ideale Staat?

…[…] der beste Maßstab für einen Staat ist: die höchste Anzahl der Einwohner, die noch überschaubar bleibt und eine Leben in Autarkie ermöglicht. […] Diese Art von Staat existiert in zahlreichen Schweizer Kantonen, und nur dort können wir die überlieferte und eingewurzelte Einrichtung der Demokratie finden. Die Kantone sind so klein, daß ihre Probleme von jedem Kirchturm aus überblickt und daher von jedem Bauern ohne verwirrende Hilfe tiefgründiger Theorien und außergewöhnlicher Wahrsager gelöst werden können. Die moderne Technik hat jedoch die Auffassung darüber geändert, was sich auf einen Blick erfassen läßt, und dehnte damit die Bevölkerungsgrenze für gesunde und funktionierende Gesellschaften von einigen hunderttausend auf acht bis zehn Millionen aus.“ ( 172)

Kohr-Kleinstaaterei neu

Und doch schreiben uns unsere Lehrmeister gerade den Vereinigungsprozeß vor. Zerquetscht von dem intellektuell tödlichen, aber die Gefühle ansprechenden Gewicht großer physischer Macht, haben sie die Dolche der Verachtung gegen das Kleine gezückt und alles, was Größe, Umfang oder Masse hat, auf glitzernde Altäre gestellt. Sie haben uns überredet, das Kolossale anzubeten, und waren erstaunt, daß wir Hitler anbeten, der nichts war – außer kolossal. Sie haben die enorme Größe des römischen Imperiums bis in den Himmel gelobt und waren dann erstaunt, daß wir Mussolini, wie die alten Cäsaren, anbeten – die nichts waren, außer enorm.“ (178)

 

André Gide

Ich glaube an die Tugend kleiner Nationen.“

 

Zitate entnommen: Leopold Kohr, Das Ende der Großen, Zurück zum menschlichen Maß, Otto Müller Verlag, 4. Auflage, Salzburg-Wien 2017

 

Große Gesellschaften sind gefährlich?

Große Gesellschaften sind gefährlich?

 

Buchbesprechung: Leopold Kohr, „Das Ende der Großen“, Zurück zum menschlichen Maß, Otto Müller Verlag, 4.Auflage, Salzburg-Wien, 2017

Kohr vertritt die Ansicht, dass alle Gesellschaften, die ein bestimmtes Maß von Größe und Dichte überschreiten zu „gefährlichen Gesellschaften“ werden.
Bei allen Sympathien, die ich sonst Kohrs Vorliebe für kleine Einheiten entgegenbringe, scheint mir diesmal sein theoretischer Bogen etwas „überspannt“.

Einige aussagekräftige Zitate seien an den Beginn gestellt:

„Eine übervölkerte Gesellschaft ist daher sogar in einem Stadium relativer Ruhe voll von inhärenten Gefahren.“ (75)

Dies geschieht nicht, weil größere Städte proportional mehr schlechte Menschen beherbergen als kleinere, sondern weil ab einem gewissen Punkt die soziale Größe selbst zum hauptsächlichen Kriminellen wird. Es gibt auf der ganzen Welt keine Menschenmenge, die sich nicht im Nu in ein Wolfsrudel verwandeln könnte, so heilig ihre ursprünglichen Absichten auch waren.“ (76)

„Wie die Gesellschaft und mit ihr die Macht wächst, so wächst auch ihr korrumpierender Einfluß auf den Geist.“ (77)

Kritische Größe – Dichte und Geschwindigkeit

„Im Einschätzen der kritischen Größe einer Gesellschaft ist es jedoch nicht ausreichend, nur im Sinne der Größe ihrer Bevölkerung zu denken. Ihre Dichte (die Beziehung der Bevölkerung zum geografischen Areal) und die Geschwindikeit (die Widerspiegelung des Ausmaßes ihrer zu verwaltenden Organisationen und ihres technisches(n) Fortschrittes) müssen ebenso ins Kalkül gezogen werden.“ (81)

„Wenn also kritische Macht die direkte Ursache sozialer Bösartigkeit ist, dann können wir sagen, daß kritische soziale Größe, der Urboden für das Anwachsen kritischer Macht, ihre letztendliche primäre Ursache ist. (81)

„Die prinzipielle Ursache regelmäßig wiederkehrender Ausbrüche von Massenkriminalität und der damit verbundenen moralischen Abstumpfung selbst innerhalb großer Teile der zivilisierten Gesellschaften liegt anscheinend nicht in einer falschen Führung oder in einer korrupten Philosophie, sondern in einem rein physischen Element. Dieses Element ist mit Anhäufung und Anzahl verknüpft, die eine intensivierende Wirkung ausüben…[…] (S.80)

„Wir müssen die Größe von Gemeinschaften wie jener von Chicago auslöschen.“ (83)

„Ist nämlich sozial erzeugte Brutalität (auf individueller oder auf Massen-Ebene) meist nichts anderes als das spontane Resultat des kritischen Volumens der Macht,das immer erzeugt wird, wenn die menschliche Masse eine gewisse Größe erreicht hat, […] (82)

Davon, dass man Kriminalität durch einen verstärkten Sicherheitsapparat durch Ausbau von Überwachungsinstrumenten beherrschen könne, davon hält Kohr wenig.

In großen [ sozialen Einheiten] ist dies allerdings schwierig und gefährlich. Schwierig, weil die Geschichte gelehrt hat, daß soziale Kettenreaktionen in massiven Gesellschaften ganz unerwartet einen Grad erreichen können, der von keiner Polizei der Welt eingedämmt werden kann.“ (82)

Das alles klingt nicht unplausibel. Die Zweifel wachsen aber, wenn man seine These mit der objektiven Daten der Wirklichkeit vergleicht.

Der Spiegel online, vom 2.1.2017 schreibt:

„Im vergangenen Jahr sind in Chicago so viele Menschen umgebracht worden wie seit fast 20 Jahren nicht. Mehrere Medien berichteten unter Berufung auf Polizeistatistiken, es habe 2016 insgesamt 762 Morde in der Stadt gegeben. Das entspricht einem Anstieg von fast 60 Prozent, verglichen mit 2015. (Einwohner 2014 und 2015 ca, 2,7 Millionen, diese Zahl ist seit 2010 etwa konstant)“

Wie würde wohl Kohr diesen Anstieg mit seiner Theorie erklären?

„In Chicago werden jedes Jahr mehr Menschen getötet als in New York und Los Angeles zusammen, obwohl jede der anderen beiden Städte mehr Einwohner hat als Chicago mit seinen 2,7 Millionen Menschen.“

Anmerkung:

„Die Arbeitslosigkeit unter den Afro-Amerikanern in Chicago liegt bei 14,2 Prozent – das ist fast doppelt so hoch wie der landesweite Durchschnitt von rund acht Prozent für diese Bevölkerungsgruppe. Und auch dieser ist weit höher als die allgemeine US-Arbeitslosenrate von derzeit 4,9 Prozent.“

„Gleichzeitig wächst bei vielen Beamten der Frust. Wegen fehlender gesetzlicher Grundlagen könnten Verdächtige bei illegalem Waffenbesitz lediglich wenige Tage festgehalten werden, klagen sie. (Der Tagesspiegel)“

Ein Vergleich:

Singapur (5,5 Millionen Einwohner, doppelt so viele wie Chicago) hatte 2015 eine Mordrate von 0,2 pro 100.000 Einwohnern. – hochgerechnet auf 2.7 Millionen Menschen ergäbe das insgesamt 5,4 Morde pro Jahr

Buenos Aires: Mordrate von 6 pro 100.000 Einwohnern, hochgerechnet auf 2. 7 Mill. – 162 Morde pro Jahr

Auch der Vergleich zwischen Wien und Graz würde Kohrs These nicht bestätigen

Einwohnerzahl Wien 2017 1,7 Mill., 20 Morde, 1.2 pro 100.000 Einwohner (Wien hat mehr als 6 mal so viele Einwohner wie Graz.)

Einwohneranzahl Graz 2017: 282.000, 9 Morde (um 5 mehr als 2016) = 3 pro 100.000 Einwohner (Ausreißer) bei einem Schnitt von 5 = 1,77 pro 100.000 Einwohner

Der Befund Kohrs und sein Hinweis auf die „kritische Größe“ scheint sich durch diese Statistik jedenfalls nicht (so ohneweiteres) bestätigen zu lassen.

Die Ansicht, dass es Völker gäbe, die eher zu Kriminalität neigen als andere, wird als tragfähige Theorie heute auch kaum mehr in Frage kommen.

Aber auch eine Theorie zu kreieren, die die „soziale Verelendung“ in Form von aggressiver Kriminalität monokausal auf die Größe und Dichte eines Gemeinwesens zurückzuführen versucht, scheint wie sich zeigt wenig ergiebig.

Man wird aber doch davon ausgehen können, dass für kriminelles abweichendes Verhalten bis zu einem gewissen Grad (eine Zahl zu nennen, wäre unseriös) auch „genetische Dispositionen“ eine Rolle spielen könnten. „Affekte“ werden nicht in jedem Menschen gleichstark zur Oberfläche drängen;  und auch die sozial erlernte Fähigkeit, sie im Zaum zu halten, wird von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark erlernbar sein oder auch erlernt worden sein. Zum überwiegenden Teil aber wird sich die Frage, warum jemand kriminell wurde, auf auf einen vielfältigen Mix von genetisch bedingten und sozial bedingten Faktoren zurückführen lassen.

Man kann davon ausgehen, dass in jedem Menschen Aggressivität und Gewaltimpulse oder Impulse zu sozial abweichendem Verhalten grundgelegt sind. Die Frage, welche Faktoren dazu führen, dass Menschen in manchen Gesellschaften besser als andere in der Lage sind, diese Impulse erfolgreich zu kontrollieren, bleibt – wenn man nicht bereit ist, Kohr zu folgen, leider unbeantwortet.

Leopold Kohrs Versuch, es den Naturwissenschaften gleichzutun und abweichendes menschliches Verhalten mit einem einzigen allgemeingültigen „Gesetz“ zu erklären, scheint mir nicht zielführend.

Vielleicht sollte man das Augenmerk solcher Untersuchungen darüberhinaus auch darauf richten, wie groß Täter die Chancen in den einzelnen Städten einschätzen, Verbrechen nicht nur erfolgreich auszuführen, sondern auch nach der Tat unentdeckt zu bleiben. Vielleicht sagen objektive Größen wie „Stärke des Sicherheitsapparates, die Aufklärungsquote und die Höhe der Strafandrohung doch mehr aus, als die Größe und Dichte einer Stadt?

Andere Autoren führen diese Erscheinungen, die Kohr unter dem Stichwort „soziale Verelendung“ führt, auf die „Ungleichverteilung von Einkommen und Eigentum“ zurück. Darauf soll hier aber nur mit einer abschließenden Randbemerkung eingegangen werden.

Welche Rolle spielt die Ungleichheit?

„In Japan besitzen die reichsten 20 Prozent nur knapp vier Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung.“

Für Japan wird ein signifikanter Rückgang von Gewaltdelikten festgestellt. Im Jahr 1954 wurden noch 3081 Mordfälle gezählt.
Für 2017 hingegen nur mehr 896 Fälle.  Die Bevölkerungszahl ist zwar in den letzten Jahren rückläufig, dennoch kann man im 20. Jahrhundert von einer Bevölkerungsexplosion sprechen.

Einwohnerzahl Japan: 1960: 92,5 Mio. ; 2010 127 Mio. Einwohner

„In 896 Fällen handelt es sich um Mord oder versuchten Mord. Es ist erst das dritte Mal seit Kriegsende, dass diese Zahl unter die Schwelle von 1000 gefallen ist. In einem Land mit knapp 127 Millionen Ein- wohnern ist dies eine fast verschwindend kleine Zahl, auch wenn das japanische Fernsehen in seinen Nachrichten-sendungen gerne ein anderes Bild zeichnet.“ (asienspiegel, Jänner 2017)

„In Singapur und in den USA verdienen die reichsten 20 Prozent rund neunmal so viel wie die ämsten 20 Prozent.“
Dennoch unterscheiden sich die Kriminalstatistiken der USA und die von Singapur signifikant. In Singapur herrscht eklatante Ungleichheit, bei geringer Kriminalität, eine noch geringere als in Japan, in den USA eklatante Ungleichheit bei extrem hoher Kriminalität

(Vgl. Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. 3.Auflage, Tolkemitt Verlag, Berlin 2009)

„Ungleichheit“ bietet also als Erklärungsfaktor auch nicht ausreichend Potenzial.

Bezüglich seiner „mikro-soziologischen Erklärungskraft“ bin ich zugegebenermaßen etwas enttäuscht; man wird sehen, was das Buch in Hinblick auf die „makro-soziologische Ebene“ noch zu bieten hat. Einstweilen gilt:

„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zu vor!“

Über die Anbetung des Geldes

„Der wahrhaft Geldgläubige verehrt das Geld nicht, weil man sich damit alles kaufen kann, sondern weil es seine höchste Instanz, sein Polarstern, der Sinngeber seines Daseins ist. Man wird zugeben müssen, daß dies kein kompakter roher Aberglaube nach Art der Fetischisten und Wallfahrer ist, sondern ein Götzendienst von hoher Sublimationskraft, kein einfacher Materialismus, sondern die Prostration vor einem geistigen Prinzip, wie ja auch der Teufel eines ist. Und alsbald erheben sich in den Städten mächtige Hauptheiligtümer namens Börsen und Scharen kleiner Tempel, Banken genannt; in ihnen wird etwas Magisches, Allmächtiges, Allgegenwärtiges, aber Unsichtbares angebetet; vorgeblich eingeweihte Priester (meist freilich Ignoranten oder Betrüger) verkünden seinen Willen; zahllose Gläubige bringen opferfroh ihre Habe dar, in heiliger Scheu unverständliche Beschwörungsformeln einer fremden Sprache murmelnd. Das Credo ist zum Credit geworden.“

(Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, C.H.Beck, 3.Auflage, München 2012, S. 1036 f.)

Durchgeknallter Türkenpascha!

Heiko Heinisch - Nina ScholzDarüber, was sich derzeit in der Türkei „abspielt“, kann man eigentlich nur mehr verwundert den Kopf schütteln. (Deswegen auch der bewusst provokant gehaltene Titel.)

Dass es auch bei uns im Lande eine große Anzahl von Türken und Doppelstaatsbürgern gibt, die die Politik Erdogans schätzen und sogar aktiv unterstützen wollen, indem sie die verbrieften Freiheiten unserer Demokratie benützen, um für ein totalitäres Regime Stimmung zu machen, stimmt nachdenklich. Man sieht, wie groß der Irrtum war, dem jene aufsaßen, die glaubten, man könne Menschen aus traditionellen, islamischen Kulturen innerhalb weniger Jahre in das westliche System integrieren, ohne mit „Rückschlägen in Form von Parallelgesellschaften“ rechnen zu müssen. Es steht einiges an Integrations- und Bereinigungsarbeit bevor.

Der nachfolgende Text,  von Nina Scholz auf fb als Kommentar veröffentlicht,  verdient wegen seiner wohldurchdachten Treffsicherheit Verbreitung, deswegen sei er auch hier in meinem Blog als Zitat dargestellt. Zu den letzten „Entgleisungen“ des türkischen Staatschefs schreibt sie:

„Diplomatie ist zweifelsohne wichtig und nötig, ganz besonders dort, wo Meinungsunterschiede vorhanden sind. Aber sie hat eine Grenze. Diese verläuft dort, wo eine Seite die andere mit dem Leben bedroht. Das ist mit Erdoğans jüngster Ansage der Fall: „Wenn ihr euch weiterhin so benehmt, wird morgen kein einziger Europäer, kein einziger Westler auch nur irgendwo auf der Welt sicher und beruhigt einen Schritt auf die Straße setzen können.“
Das ist eine knallharte Drohung, die im Umgang von Staaten miteinander ihresgleichen sucht und die wir bisher nur von der Hamas-Regierung gegenüber Israel und vom IS gegenüber uns Europäern, Westlern und dem Rest der Welt, auch gern „Ungläubige“ genannt, kennen, und die sich in diesen Tagen ein weiteres Mal auf tragische Weise in Terrorattacken niederschlägt. Diese Drohung ist der Punkt, an dem der Abbruch diplomatischer Beziehungen nicht nur gerechtfertigt, sondern auch sinnvoll ist. Appeasement und Zugeständnisse führen (und das zeigt nicht nur die Geschichte, sondern gebietet auch die Vernunft) in einem derartigen Fall von Selbstherrlichkeit, Herrenmenschentum („Die Türkei befiehlt – ihr könnt höchstens um etwas bitten“), von Persönlichkeitsstrukturen, wie sie Erdoğan oder Çavuşoğlu aufweisen, zu nichts, aber auch rein gar nichts. So schwer es manchen fällt, von Illusionen Abstand zu nehmen und vielleicht auch die Verblendung, dass nicht sein kann, was nicht sein darf, zu überwinden: Mit der derzeitigen türkischen Regierung und ihrer leider viel zu großen Anhängerschaft ist keine sinnvolle Zusammenarbeit möglich. Auch das viel beschworene Aufeinander- Angewiesensein von EU und Türkei ist keine Einbahnstraße. Die Türkei hat einiges zu verlieren. Die europäischen Ländern sollten nach dieser Drohung ihre Botschaftsangehörigen abziehen (die angesichts stetiger Eskalation ohnehin nicht mehr sicher sind) und gemeinsam sehr klare Ansagen machen. Und das hat, nebenbei gesagt, auch etwas mit Würde zu tun.“

Nur der Ordnung halber sei angemerkt, dass ich die Aussagen dieses Textes vollinhaltlich unterstütze.

Literaturtipp: Nina Scholz und Heiko Heinisch, Europa, Menschenrechte und Islam, Passagen Verlag, 2012)

Egon Friedell – Kulturgeschichte der Neuzeit

egon-friedellEgon Friedell bietet auf etwas mehr als 1.500 Seiten einen ungewohnt anderen Zugang zur Historie. Nicht um Fakten geht es in erster Linie, nicht um chronologisch geordnete Herrscher- und Dynastiengeschichte, sondern um zeittypische Merkmale von geschichtlichen Perioden, um Erscheinungsformen des Zeitgeistes und ihre Auswirkungen auf einzelne Personen, die wir heute als Proponenten ihrer Zeit sehen. Immer schon haben „großen Geister“ ihre Zeit beeinflusst, wenngleich diese in gewissem Maß immer auch auch Kinder ihrer Zeit waren. Um diese Wechselwirkung geht es. Friedell spannt große historische Bögen; nicht das Einzelne, das Einzelereignis ist ihm wichtig, es sind die Zusammenhänge und  die gegenseitige Beeinflussung von Einzelperson und Zeitgeist, von sozialen Verhältnissen und Kultur, von Religion und Philosophie. Er beschreibt die „Stimmung“, ohne das Faktum aus dem Auge zu verlieren.

Ein Buch, das einen gefangen nimmt, einem aber nicht selten viel an historischen Vorkenntnissen abverlangt. Vor allem aber ist es ein Buch, das sprachlich ungeheuer viel zu bieten hat.

Egon Friedell

 „Geboren am 21.1.1878 in Wien, zweimal in Österreich und zweimal in Preußen maturiert, beim viertenmal glänzend bestanden. In verhältnismäßig kurzer Zeit in Wien zum Doktor der Philosophie promoviert, wodurch ich die nötige Vorbildung zur artistischen Leitung des Kabaretts ‚Fledermaus’ erlangte.“[1]

1916 ließ er seinen Familiennamen „Friedmann“ amtlich in „Friedell“ ändern, nachdem er zuvor des Öfteren schon den Künstlernamen „Friedländer“ benutzt hatte. 

Am 16. März 1938 erschienen gegen 22 Uhr zwei SA-Männer vor Friedells Wohnung und fragten nach dem „Jud Friedell“. Einigen Quellen zufolge sollte Friedell bei diesem „Besuch“ der SA noch nicht verhaftet werden. Friedell erwartete jedoch seine Verhaftung. Während sie mit seiner Haushälterin sprachen, nahm er sich das Leben, indem er aus einem Fenster der im 3. Stock gelegenen Wohnung sprang. Verbrieft ist, dass er dabei nicht verabsäumte, die Passanten umsichtig mit dem Ausruf „Treten Sie zur Seite!“ zu warnen. (Wikipedia)

„Die berühmte Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon Friedell erschien erstmals 1927 bis 1931 in drei Bänden. Das monumentale Werk, das hier in einer einbändigen Sonderausgabe vorliegt, stellt die kulturelle Entwicklung des westlichen Menschen vom Beginn der Renaissance bis zum Ersten Weltkrieg dar. Er verfolgt über Jahrhunderte die Strömungen, die für die Neuzeit bestimmend wurden, erzählt die wichtigsten geistigen, politischen und sozialen Entwicklungen und stellt in packenden Portraits die entscheidenden Persönlichkeiten vor. Das Werk wurde ein großer Erfolg und wurde in zahlreiche Fremdsprachen übersetzt.“ (Klappentext)

„Die Darstellung besitzt spielerische Leichtigkeit, bezwingenden Charme, der das Publikum seit Jahrzehnten verführt. Zauber des Schriftstellers Egon Friedell: Wir gehen ihm mit Vergnügen auf den Leim, ohne uns je düpiert zu fühlen.“ (Ulrich Weinzierl, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Friedells Kulturgeschichte liest sich dank seiner literarischen Gestaltungskraft wie ein spannender Roman.“ (Neue Zürcher Zeitung)

Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, Die Krisis der Europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg, 3. Auflage der Sonderausgabe, C.H.Beck, München 2012

„Das Gewissen der Worte“

„Das Gewissen der Worte“

Elias Canetti * 25. Juli 1905 in Russe, Bulgarien; † 14. August 1994 in Zürich)
Elias Canetti
* 25. Juli 1905 in Rustschuk, Bulgarien; † 14. August 1994 in Zürich)

Elias Canetti über Karl Kraus

„Wenn er sie (- die Worte, Anm. d. Verf.) sprach, waren tausend Menschen vor ihm gelähmt, sein Entsetzen, das jedes Mal, er mochte diese Stücke noch so oft lesen, die Kraft seiner ursprünglichen Vision regenerierte, erfüllte jeden. So ist es ihm gelungen, […] eine einheitliche und unabänderliche Gesinnung zu schaffen, […] die eines absoluten Hasses gegen den Krieg. Karl Kraus war in dieser Hinsicht etwas wie ein Vorläufer der Atombombe, ihre Schrecken waren schon in seinem Wort.“

 „Dank ihm begann ich zu fassen, dass der einzelne Mensch eine sprachliche Gestalt hat, durch die er sich von allen anderen abhebt. Ich begriff, dass Menschen zwar zueinander sprechen, aber sich nicht verstehen; dass ihre Worte Stöße sind, die an den Worten der anderen abprallen; dass es keine größere Illusion gibt als die Meinung, Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen den Menschen. Man spricht zum anderen, aber so dass er einen nicht versteht. Man spricht weiter, und er versteht noch weniger. Man schreit, er schreit zurück, die Ejakulation, die in der Grammatik ein kümmerliches Dasein fristet, bemächtigt sich der Sprache. Wie Bälle springen die Ausrufe hin und her, erteilen ihre Stöße und fallen zu Boden. Selten dringt etwas in den anderen ein, und wenn es doch geschieht, dann etwas Verkehrtes.“

Aus „Das Gewissen der Worte, Essays,“  Fischer-Verlag

 

„Der langsame Pfeil der Schönheit“

„Der langsame Pfeil der Schönheit“

Nietzsche1882
Friedrich Wilhelm Nietzsche (* 15. Oktober 1844 in Röcken; † 25. August 1900 in Weimar) Quelle Wikipedia

 

Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller

„Die edelste Art der Schönheit ist die, welche nicht auf einmal hinreißt, welche nicht stürmische und berauschende Angriffe macht (eine solche erweckt leicht Ekel), sondern jene langsam einsickernde, welche man fast unbemerkt mit sich fortträgt und die einem im Traum einmal wiederbegegnet, endlich aber, nachdem sie lange mit Bescheidenheit an unserem Herzen gelegen, von uns ganz Besitz nimmt, unser Auge mit Tränen, unser Herz mit Sehnsucht füllt.“

 

Friedrich Nietzsche, Werke in drei Bänden, Band 3, Menschliches – Allzumenschliches / Jenseits von Gut und Böse / Zur Genealogie der Moral / Der Antichrist, Viertes Hauptstück: Aus der Seele der Künstler und Schriftsteller, Phaidon, 1990, S.69