Humanität oder Dummheit?

Den nachfolgenden Text von Imad Karim, (den ich als Person nicht kenne und daher pol. auch nicht einordnen kann, – und von dem ich bisher auch keine Kenntnis hatte) habe ich eben auf fb geteilt. Es geht eigentlich auch nicht um ihn als Person, sondern um den Text, dem ich übrigens zustimme. Wegen der Dringlichkeit der Sache, möchte ich diesem Text  auch hier Platz geben:

Imad Karim: Das habe ich gerade bei „ZDF heute“ geschrieben:
BITTE NICHT VERGESSEN, BEIM TEILEN, MEINEN KOMMENTAR MIT ZU KOPIEREN,
Humanität, ethische, moralische und menschliche Grundsätze bilden das Fundament, auf dem eine Zivilgesellschaft steht. Diese Grundsätze verleihen ihr die ebenfalls moralische Kraft, mutige Entscheidungen zu treffen und auch diese umzusetzen. Dennoch darf sich die Humanität nicht zu einer neuen „Religion“ entwickeln und sie muss immer wieder kritisch hinterfragt werden. Humanität darf auch nicht erpressbar sein, denn im Moment wo Humanität von inhumanen Kräften genötigt wird, wird sie zu einem toten Vehikel von Appeacement und gibt sich auf.
Human handeln bedeutet, sich dem Anderen gegenüber human zu zeigen und nicht das eigene Ego zu befriedigen.
Wer solche Fragen, wie die folgenden nicht stellt, will keine Lösung, sondern sich selbst „etwas gutes“ tun:
<> Warum gibt es unbegleitete Kinder an der türkisch-griechischen Grenze oder in den camps auf den griechischen Inseln und wer hat sie dorthin gebracht?
<> warum gehen diese Syrer nicht nach Syrien zurück und leben mit ihren Landsleuten in ihrer angestammten zu 95% befreiten Heimat? Glaubt jemand, dass das Assad-Regime diese über eine Million auswanderungswilligen Bewohner Idlibs verhaften will?
<> warum spricht man das Problem nicht mit dem richtigen Namen an? Die Menschen kommen, weil sie sich für sich und ihre Kinder eine bessere Zukunft erhoffen. Das ist legitim, aber ist das legal und ist das vor allem mittel-und langfristig legal und hilfreich? Wie lange kann der mit dem Schweiß der hartarbeitenden Menschen in Deutschland aufgebaute Sozialstaat Zuwendungen in Milliardenhöhe ausgeben und wird nicht so sein, was bereits der Fall ist, dass jeder nach Deutschland umgesiedelte Migrant mindesten 10.000 Nachahmer animiert, denselben Weg zu gehen?
<> warum fliehen hauptsächlich Menschen aus islamischen Ländern und warum ist den Menschen dort trotz Reichtum in den letzten 100 Jahren trotz der reichen ölreserven nicht gelungen, eine Zivilgesellschaft und funktionierte Verwaltung aufzubauen? Hat das vielleicht mit dem Islam zu tun und sind das vielleicht die selben Gründe, die diese Menschen daran hindert, sich mehrheitlich in den westlichen Gesellschaften zu integrieren?
<> warum sind dieselben plötzlich entschlossenen „Flüchtlinge“ ganz zahm und zurückhaltend, wenn sie in der Türkei leben? Warum versuchen sie nicht, die Grenzen der Golfstaaten zu durchbrechen?
<> warum und wie können diese Migranten, von den Medien „Flüchtlinge“ umgetauft, so aggressiv sein und mit Allah-Akbar-Gebrülle griechische Polizisten mit Steinen und Rauchbomben bewerfen? Und hat sich jemand überlegt, was das bedeuten wird, wenn diese Menschen ihren Eunreisewillen mit Gewalt durchsetzen, was sie später in ihrem Gehirn speichern werden? Sie werden sich merken, dass mit Einsatz von Gewalt alles möglich ist und so werden sie sich in den Aufnahmeländern verhalten und man stelle sich vor, irgendeine finanzielle Krise bricht, sei es durch einen Virus oder durch eines anderen Ereignis aus und die monatlichen Zuwendungen des sozialen Wohlfahrtsstaates bleiben aus, was glaubt man, wie sich diese „Grenzen-Widerstandskämpfer“ tun werden?
Erpressbare Humanität und Abhebung von Moral übers Recht führen zum Verlust der Humanität, der Moral und auch des Rechtes.
Ein ungewolltes Chaos bleibt ein Chaos, aber das wollen die friedensverwöhnten Menschen in Deutschland nicht begreifen.
Vielleicht ist es eine Dialektik der Geschichte, dass Überhöhung und das exklusive verpachten von Moral die wesentlichen Gründe für den Untergang einer Hochkultur stets sind, wer weiß? Ich weiß!!!

Korrekturen – in eigener Sache

Ich muss mich bei meinen treuen Abonnenten entschuldigen.

Mir ist leider erst jetzt aufgefallen, dass sich nachträgliche Korrekturen wie sie nach oft voreiligen – also schlecht korrekturgelesenen  – Veröffentlichungen doch öfter vorgenommen werden müssen, in jenen Fassungen, die als Email-Mitteilungen kommen, nicht mehr auswirken. Dort finden sich Fehler auch noch nachdem sie im Original korrigiert wurden. Das tut mir leid und es tut mir weh. Ich werde mir in Hinkunft mehr Mühe geben, mein Temperament zu zügeln, um dies so weit wie möglich zu vermeiden.

Mit freundlichen Grüßen

WS

Sirtaki?

Nur so ganz nebenbei:
Bilder von den griechischen Inseln „flimmern“ in mein Wohnzimmer. Nein, keine verträumten Buchten, keine Sirtaki-Tänzer, keine Bouzouki-Klänge. Die Insel-Griechen fürchten wegen anhaltender Immigration und des geplanten Ausbaus der „Flüchtlingslager“ um ihre Lebensgrundlagen. Die griechische Polizei bekämpft ihre protestierenden Landsleute mit Tränengas und Gummiknütteln!
Ich glaube, es ist notwendig, hier unmissverständlich festzuhalten, dass diese gewaltsamen Zwangsmaßnahmen gegen die griechisch-einheimische Bevölkerung nicht gegen die Genfer Flüchtlingskonvention verstoßen. Und darauf kommt es „uns Europäern“ ja in erster Linie an, oder?

Syrien – eine grundsätzliche Überlegung

Anlass für diesen als Antwort konzipierten Text war ein „post“  Ahmad Mansours auf Facebook. Er  schrieb:

„Es ist ein Armutszeugnis für die Welt, dass wir uns mit Syrien nur dann beschäftigen, wenn Menschen sich Richtung Europas Grenzen bewegen! Keiner hat einen Lösung für den Bürgerkrieg. Die Player in diesem Konflikt verfolgen ihre eigenen Interessen und alle halten fest an einer Nationalstaat Syrien, den es eigentlich nicht mehr gibt, und nicht mehr geben wird, statt neue Wege zu suchen, die vielleicht weniger Leid für den einfachen Menschen vor Ort mit sich bringen. Und auf die Gefahr hin, aus europäischer Sicht lächerlich zu klingen, ich meine damit die Teilung Syriens in u.a sunnitische, Alawitische und kurdische Gebiete.“

 

Sg. Herr Mansour!

Ich habe schon einige interessante „Posts“ von Ihnen gelesen hier auf fb. Den hier kann ich beim besten Willen nicht dazuzählen. „Ein Armutszeugnis für die Welt“ sei das, dass WIR uns nur dann mit Syrien beschäftigen, wenn sich Menschen in Richtung Europa bewegen?

Wer ist die WELT und wer ist WIR?

ICH ( – und das wird wohl auch für den Großteil aller Europäer gelten -) habe mich noch nie in die Angelegenheiten Syriens und in die der dort lebenden Menschen eingemischt und ich möchte das auch in Zukunft nicht tun. Es hat mich ja auch niemand – und ich glaube auch niemanden, der in Österreich je Regierungsverantwortung trug, zu Beginn des BÜRGERKRIEGS um Rat gefragt.

Ich gebe zu, dass die Situation inzwischen tragisch und unübersichtlich geworden ist. Am Anfang des Konflikts aber, das wissen Sie ja ohnehin, stand der relativ überschaubare Wunsch gewisser syrischer Kreise einen anderen Stammesführer an die Spitze des Staates zu stellen. Da der machthabende Herrscher nicht bereit war, freiwillig abzudanken, hat man sich auswärts Verbündete gesucht, die eilfertig Mittel bereitstellten, das Ziel mit Gewalt zu erreichen. Für einen Machtwechsel war man sogar bereit, das Land in Schutt und Asche zu legen. Der Plan ist nicht aufgegangen, die syrische Bevölkerung zahlt jetzt die Rechnung.

Es gibt eine Verantwortung des Volkes für seine eigene Geschichte, das wurde uns Österreichern in den letzten Jahrzehnten oft und oft – oft bis zum Überdruss – beigebracht, eine Verantwortung, vor der man nicht davonlaufen kann und auch nicht davonlaufen darf, eine Verantwortung (nicht Schuld) für die eigene Geschichte gibt es und das ist gut so. Auf Gewalt zu verzichten, erfordert oft einen schmerzhaften Lernprozess, den erfahrungsgemäß viele Völker in ihrer politisch zivilisatorischen Weiterentwicklung zu durchlaufen haben; sehr oft wird man erst aus dem Schaden klug. (Siehe auch Österreich und Ständestaat)

Die Syrer werden sich selbst aus ihrer Verstrickung befreien, die Waffen niederlegen, und ihr Land gefälligst selbst wieder aufbauen müssen.

Wenn sich die Menschen dort wieder zu einem friedlichen Miteinander durchgerungen haben, dann erst sollten wir Ihnen im Namen der Menschlichkeit beim Wiederaufbau helfen, wie auch uns geholfen wurde. Sie beim Davonlaufen ins „gesegnete Europa“ zu unterstützen, halte ich nicht nur für falsch, sondern auch für kontraproduktiv.

Hamed Abdel-Samad

Das Misstrauen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Gewalt schaukeln sich auf. Das ist mehr als bedenklich.

In der Rückschau auf diverse Bürgerkriege in der Welt, wie auch auf die bewaffneten Auseinandersetzungen in Österreich der 1930er Jahre,  scheint uns vieles am Verhalten der damals handelnden Menschen unverständlich. Der Mensch soll aus der Geschichte lernen, heißt es. Auch das Umgekehrte gilt: Die aufmerksame Beobachtung der Gegenwart bietet manchmal den Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge in der Vergangenheit.

Der nachfolgende Text, den Hamed Abdel Samad heute auf FB gepostet hat, beschreibt nicht nur die aktuelle Situation treffend, er mahnt auch zur Besonnenheit, deswegen sei er hier wiedergegeben.

Zitat:
„Solange jede Seite den Hass und die Gewalt der anderen thematisiert, aber zum Hass und zur Gewalt in den eigenen Reihen schweigt oder diese relativiert, werden wir das Problem nicht lösen. Sie erkennen nicht, dass Hass an sich das Problem ist, nicht nur der Hass der aus der anderen Seite kommt. Das tun leider die Rechten, die Linken, die Mitte und die Muslime. Man muss nur die Reaktionen der Rechten nach einem islamistischen Anschlag und ihre Reaktionen nach einem rechtsradikalen Anschlag mit einander vergleichen. Hier Empörung, dort Relativierung oder Schweigen. Auf rechtsradikale Anschläge wiederum reagieren viele Muslime mit Empörung und sehen den Täter oft als Vertreter des Westens, der den Islam und alle Muslime vernichten will. Ist der Täter selber Muslim, der Koranpassagen als Rechtfertigung seines Anschlags benutzte, dann ist er ein Einzeltäter, der mit dem Islam nichts zu tun hat. Dieser Einschätzung folgen oft die Linken und die Mitte, und glauben dadurch schützen sie Muslime vor Hass und Ausgrenzung. Dabei werden mehr Menschen skeptisch gegenüber Muslime, wenn man solche Taten verharmlost.
Alle hassen die anderen, weil sie Hass verbreiten. Aber den eigenen Hass sieht jede Seite nur als heiligen Zorn, der eine Legitimation hat. Alle wollen den Hass identitär bekämpfen, wir gegen die anderen. Alle glauben, sie würden den Hass bekämpfen, indem sie die anderen ächten und sich über deren Hass empören. Dadurch schaukeln sie sich aber gegenseitig hoch und es gibt dadurch noch mehr Hass. Denn die Empörung der anderen wirkt wie ein Rauschmittel für die kritisierte Seite, die wiederum für die Kritiker nur Verachtung übrig hat.
Wut ist eigentlich ein Ersatzgefühl, das die Gefühle von Angst und Gebrochen-Sein verdecken sollte, denn keiner gibt gerne zu, dass er unsicher ist. Wer sich seine Identität oder seiner Position sicher ist, braucht nicht zu brüllen oder sich mit dem Konflikt zu identifizieren. Die Rechten, die Linken, die Mitte und die Muslime sind unsicher und gebrochen. Sie suchen die Heilung in der Anfeindung mit den anderen, weil sie zu ihrem Gebrochen-Sein nicht stehen wollen, und den langen Weg der Selbstvergewisserung durch Ehrlichkeit und Reflexion nicht gehen wollen. Sie suchen die Lösung im Konflikt, doch der Konflikt ist oft nur eine Ablenkung vom eigenen Versagen!
Es ist Zeit, verantwortungsethisch zu handeln und gegen den Hass zu kämpfen, egal aus welcher Seite er kommt, und egal wie er sich verkleidet. Es gibt keinen guten und keinen schlechten Hass, denn der Hass ist das Mittel derer, die weder Selbstbewusstsein noch Konzepte haben!“

Handke – eine Ergänzung

Der erster Teil dieses Textes wurde bereits vor wenigen Tagen hier veröffentlicht. Nach einiger Zeit des Nachdenkens glaube ich aber, um Missverständnisse zu vermeiden, dem etwas hinzufügen zu müssen.
„Ich hätte gewünscht, hier als Schriftsteller in Požarevac nicht allein zu sein, sondern an der Seite eines anderen Schriftstellers, etwa Harold Pinter. Er hätte kräftige Worte gebraucht. Ich brauche schwache Worte. Aber das Schwache soll heute, hier recht sein. Es ist ein Tag nicht nur für starke, sondern auch für schwache Worte. [Ab hier sprach ich serbokroatisch – allein verfasst! –, im Nachhinein rückübersetzt:] Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milošević. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwesend, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Die sogenannte Welt ist nicht die Welt. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević.“
Quelle: https://handkeonline.onb.ac.at/node/1877

Wenn man zur politischen Lage auf dem Balkan – oder wo immer auch sonst sie sich abspielt – nichts zu sagen hat als selbstverliebte „schwache Worte“ und sich genötigt sieht, diese in Form eines kryptischen Gefasels aus sich herauszupressen, dann ist zu schweigen angebracht. Alles andere muss zu Missverständnissen führen. Das gilt insbesondere für die Meister der Sprache, zu denen Handke zweifellos zu zählen ist.
Er hat nicht geschwiegen, weil es immer recht ist zu sprechen. Denen, die diesen Text als Freibrief für Milosevic interpretieren, ist aber auch kein Vorwurf zu machen. Ob das aber mit der Verleihung des Literaturnobelpreises in Zusammenhang gebracht werden soll, sei bestritten.
Geht es um seine Fähigkeit politische Urteile zu fällen? Geht es um Moral, um den „guten Menschen“ oder geht es um Literatur?
Es gehe nicht nur um seine Literatur, sagen die einen. Es gehe auch um ein untadeliges Leben, vor allem aber ginge es um die „richtige“ Sicht auf die politischen Verhältnisse. Und auf diesem Gebiet habe er total versagt.
(Soweit wie gehabt!)
Kunst und Leben müsse man trennen, meinen die anderen. Schließlich werde Handke ja nicht für sein moralisches Leben mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, sondern mit dem Nobelpreis für Literatur, den er eigentlich schon vor Jahren, vielleicht 2004, hätte bekommen sollen. Damals hatte man sich dann doch für Frau Jelinek entschieden, unzweifelhaft auch eine Literatin von Rang. Sie soll angeblich auf den Umstand, dass man Handke diesen Preis schon vor Jahren hätte geben müssen, in den letzten Tagen selbst hingewiesen haben. Unbestritten ist, sie passte damals sicher besser ins politisch-moralische Bild des aufrechten linken, antifaschistischen Weltverbesserers, als es Handke heute jemals würde erfüllen können. Er passt eher in den „Elfenbeinturm der Literatur“ als auf das „Schlachtfeld der politischen Moral“. Sie will mit ihren Texten die „böse“ Welt verändern, er will „große“ Literatur schreiben. Gegen Jelinek wurde – sieht man von ein paar bissigen Bemerkungen von rechter Seite ab – kaum Widerspruch erhoben.

Aber ganz unwesentlich war das passende politisch-moralische Bild ja nie bei den Preisverleihungen. Wenn man die Preise der letzten Jahre genauer unter die Lupe nimmt, wird man sehen, dass politische Korrektheit auch beim Nobelpreis für Literatur immer schon eine Rolle gespielt hat. Gar nicht so selten war der Preis eher ein Zeichen von Solidarität mit politischen Einzelkämpfern, die ihre „gerechte Sache“ mit der Waffe der Literatur zu verfechten trachteten, als eine Würdigung ihres literarischen Schaffens.
Warum es für 2019 anders lief? War es vielleicht das schlechte Gewissen „der Akademie“, aufgrund der Vorfälle in den letzten Jahren, die den Sinneswandel bei den Mitgliedern der Akademie herbeiführte?

Die große Aufregung rund um die Preisverleihung ist aber schon mehr als interessant. So viel Widerspruch auch von arrivierten Autoren gab es kaum einmal. Dass sich Autoren wie der Bosnier Saša Stanišić, der wenige Tage zuvor für sein Buch „Herkunft“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, kritisch zu Wort melden, ist nicht verwunderlich. Er gehört zu denen, die dem Blutbad auf dem Balkan entkommen konnten. Er wirft nun Handke vor, in seiner Literatur darüber zu schweigen. Srebrenica würde bei Handke keine Rolle spielen. Man wird nachlesen müssen.

Man kann sich über die Heftigkeit der Kritik, die die Preisverleihung hervorrief nur wundern. Um so mehr dann, wenn es weniger um die Qualität des literarischen Schaffens, als um die moralisch-politische Haltung des Schaffenden geht.  Ist es in einer demokratisch organisierten Gesellschaft wirklich so verwerflich, dem Medienmainstream, der den Serben – ungerechtfertigterweise wie ich Handke zustimmend meine – die Alleinschuld am Balkankrieg zuschieben wollte, wortgewaltig zu widersprechen?

Dass Handke durch exorbitant rabiate Wortwahl, diesen Konflikt später medienwirksam zu befeuern wusste, nehme ich als einen weiteren Beweis für sein ihm angeborenes Selbstvermarktungstalent, das er seit Anfangszeiten seiner Schriftstellerkarriere zu nützen weiß.
Aber grundsätzlich will ich ihm zustimmen. Die Alleinschuld an den Kriegsereignissen am Balkan hatten die Serben natürlich nicht.
Auffallend ist, dass gerade jene politischen Kräfte nicht nur in Österreich, die den Nationalismus so gern als längst überholten Anachronismus hinstellen oder gar verteufeln, damals wie heute zu den Ersten gehörten und gehören, die die neuen national-restaurativen Bestrebungen der Slowenen, der Kroaten, der Bosnier, der Mazedonier als berechtigt anerkannten und unterstützten, während sie den serbischen Nationalismus, der sogar, was gerne übersehen wird, nicht nur auf Serbien selbst sich bezog, sondern auch auf die Erhaltung des Vielvölkerstaates Jugoslawien gerichtet war, bei jeder Gelegenheit ins Abseits zu stellen bereit waren.
Ähnlich zwiespältige Haltungen findet man heute immer noch. Man denke an die nationalen Bestrebungen der Kurden oder der Palästinenser, an die der Tibeter, die vielfach auf Wohlwollen stoßen oder an die der Basken, der katholischen Nord-Iren und aktuell an die der Katalanen, deren Separationsbestrebungen, sogar mit Zustimmung der EU – dem „Hort der Menschenrechte und des Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ – kriminalisiert werden. Man denke aber auch an das „Südtirolproblem“, das lange Zeit die politische Landschaft in Atem gehalten hat, aber auch an die Volksabstimmung auf der Krim, deren Ausgang von der sogenannten westlichen Welt nach wie vor ignoriert wird. In vielen Fällen, das wird vielleicht auf Serbien und Kroatien nicht vorbehaltlos zutreffen, geht es nicht mehr – wie früher noch häufiger – um übertriebenen, chauvinistischen Nationalstolz, sondern um den Wunsch nach autonomer „Selbstverwaltung“. Der Terminus „Nationalismus“ ist in vielen Fällen zum Totschlagargument verkommen. Eine bei aller Unterschiedlichkeit doch annähernd ähnliche Problematik wird unterschiedlich bewertet und beurteilt. Man könnte es „politische Schizophrenie“ nennen. Eine unausrottbare Geisteskrankheit? Nein, keine Krankheit! Eine bewusst gewählte Taktik größenwahnsinniger, profitorientierter, machthungriger Zentralisten, der wir tag-täglich auf den Leim gehen? Oder doch die überdrehte Illusion von „alle Menschen werden Brüder“?
Hat Handke das mitgemeint?
Was bleibt?
Recht zu geben ist natürlich auch jenen, die meinen, man könne das literarische Schaffen nicht so ohne weiteres von den politischen, ethisch-moralischen Haltungen trennen. Das Eine habe Auswirkungen auf das Andere.
„Das >Milieu<, wie Rothack es bezeichnet, ist nicht nur der Urgrund, aus dem das Kunstwerk hervorgeht und von dem es seine Sinngebung erhält, sondern es wird durch das Kunstwerk im Erleben geschaffen, indem es ihm einen neuen Sinn und Erlebniswert verleiht.“ (zit.: Dagobert Frey, Bausteine zu einer Philosophie der Kunst, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1976, S. 84)

Auch dem muss man zustimmen. Die alles entscheidende Frage ist aber dennoch, was letztlich das wirklich Auszeichnungswürde gewesen ist. Und das war meines Erachtens sein Beitrag zur Literatur.
Und das ist gut so.

Nachträge anlässlich der Lektüre der „Winterreise“

27.10. 2019

Zwei schwerwiegende Vorwürfe, die gegen Handke in Bezug auf seine proserbische Einstellung vorgebracht wurden, lauteten einerseits, dass er das Massaker von Srebrenica in seinem Text nicht vorkommen ließe oder gar leugne und darüber hinaus auch noch ein „Gespräch“ mit dem Kriegsverbrecher Radovan Karadžić, geführt habe. (Siehe die Rede von Saša Stanišić anlässlich der Verleihung des Deutschen Buchpreises.)
Zu den Vorwürfen finden sich u.a. folgende Textstellen, die diese (Vorwürfe), wenn schon nicht zu entkräften, so wenigstens zu relativieren geeignet erscheinen.

„ Und Olga, die Einheimische….erzählte […] die Bevölkerung habe vom Krieg in einem Kilometer Entfernung fast nichts mitbekommen. Immer wieder sollen scharenweise Kadaver die Drina abwärts getrieben haben, doch sie kannte niemanden, der das mit eigenen Augen gesehen hatte. […] Gar sehr fehlten ihr und ihrer Tochter die gemeinsamen Fahrten quer durch Bosnien nach Split und vor allem nach Dubrovnik, an die Adria, und sie selber entbehrte bitter das Zusammensein mit ihren muslimischen Freunden, ob aus Višegrad, dem ihr liebsten bosnischen Ort (Ivo Andriċ‘ >Brücke über die Drina< spielt dort), oder aus Srebrenica, welches noch um einiges näher lag. Und sie war überzeugt, es sei wahr, daß dort bei Srebrenica im Sommer dieses Jahres 1995 die Tausende umgebracht worden seien. Im kleinen, viel kleineren, sei so der ganze bosnische Krieg gewesen: in der einen Nacht wurde ein muselmanisches Dorf gemordschatzt, in der folgenden ein serbisches, usw.“ (Peter Handke, Abschied eines Träumers, Winterliche Reise, Sommerlicher Nachtrag, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a. M., 2019, 5.Auflage, S. 120f.)

„Später, als dann vom Frühjahr 1992 an die ersten Bilder, bald schon Bildserien, oder Serienbilder, aus dem bosnischen Krieg gezeigt wurden, gab es einen Teil meiner selbst (immer wieder auch für „mein Ganzes“ stehend) welcher die bewaffneten bosnischen Serben, ob Armee oder Einzeltöteriche, insbesondere die auf den Hügeln und Bergen um Sarajewo, als „Feinde des Menschengeschlechts“ empfand, in Abwandlung eines Worts von Hans Magnus Enzensberger zu dem irakischen Diktator Sadam Hussein; und hätte im weiteren Verlauf, bei den Berichten und Abbildungen aus den serbisch-bosnischen Internierungslagern, gewissermaßen den Satz eines, dabei doch serbischen, Patrioten, des Poeten und damaligen Oppositionellen Vuk (>Wolf<) Drašković unterschreiben können, wonach nun, durch das Gemetzel in Bosnien-Herzegowina, auch das Volk der Serben, bisher in der Geschichte kaum je Täter, oder Ersttäter, ein schwerschuldbeladenes, eine Art Kainsvolk, geworden sei.[…] frage ich mich dazu, wieso denn nicht endlich einer von uns hier, oder, besser noch, einer von dort, einer aus dem Serbenvolk, den für so etwas Verantwortlichen, d.h. den bosnischen Serbenhäuptling Radovan Karadžić, vor dem Krieg angeblich Verfasser von Kinderreimen!, vom Leben zum Tode bringe, ein anderer Staufenberg oder Georg Elser!?“ (Peter Handke, Abschied eines Träumers, Winterliche Reise, Sommerlicher Nachtrag, Suhrkamp Taschenbuch, Frankfurt a. M., 2019, 5.Auflage, S. 64)

30.10.2019

„Eine Kindersandale dümpelt zu meinen Füßen. “ Du willst doch nicht auch noch das Massaker von Srebrenica in Frage stellen?“ sagte dazu S. nach meiner Rückkehr. „Nein“, sagte ich. Aber ich möchte dazu fragen, wie ein solches Massaker denn zu erklären ist […]. S.147)

Damit soll es endgültig genug sein.

Nein, doch nicht genug:

Eine Kolumne namens „Einspruch“ von Frau Anne-Catherine Simon in „Die Presse“ vom 29. November 2019 erregt nicht nur meine Aufmerksamkeit, sondern auch mein Gemüt.

Der Inhalt (kurz zusammengefasst):

Der amerikanische Journalist Peter Maass, der auch Handkes serbischen Pass entdeckte, hat nun auch noch ein weiteres „schweres Vergehen“ Handkes offenbart. Handke habe im Jahr 1998 in einem Hotel (Vilina Vlas) in der Nähe von Visegrad genächtigt; in einem Hotel, das sechs Jahre zuvor angeblich als „Vergewaltigungscamp“ der Serben diente. Es sollen hier viele muslimische Frauen vergewaltigt worden sein. In einem Hotel mit so einer Vergangenheit hätte er nicht nächtigen dürfen, lautet der Vorwurf. Ob Handke von der Vergangenheit des Hotels wusste, ließ die Autorin offen.

Handke selbst wolle sich dazu nicht äußern, liest man . Es sei dies, so die Kolumnistin, ein weiterer schlagender Beweis dafür, dass man Handke den Preis nicht hätte zuerkennen dürfen.

 

 

Das Fiasko der SPÖ

Würde die SPÖ mich als neutralen Beobachter fragen, würde ich ihr raten, sich möglichst bald mit Kurz zu einigen und in die Regierung zu gehen.
Nur so ist die Chance gewahrt, zeigen zu können, was sie tatsächlich noch auf dem „Kasten“ hat. Ich fürchte aber, sie wird diesen Schritt nicht tun, sondern sich in den Schmollwinkel zurückziehen. In der Opposition aber werden Jahre vergehen, bis sie das verlorene Terrain gutgemacht hat.
Es ist kein Kommunikationsproblem, das die SPÖ geschwächt hat, mag man es auch noch so oft behaupten, es war ihre miserable Politik, die letztlich 2015 ihren Höhepunkt fand. Hier hat sie endgültig alles an Vertrauen verspielt. Die Richtung stimmt entgegen der Behauptung von Frau  Rendi-Wagner auch heute noch nicht.

Vor allem in der Bildungsfrage ist man nicht bereit einzulenken. Obwohl das Scheitern dessen, was Unverständige „moderne Pädagogik“ nennen, uns täglich und sonnenklar vorgeführt wird. Jeder weiß es und dennoch ist man nicht in der Lage, sich von der Ideologie des Projektunterrichts zu trennen, hängt sich an selbsternannte Experten, wie den allerorten herumgereichten Herrn Salcher, und anstelle diesen Wichtigtuer mit dem nassen Fetzen „heimzuwatschen“, wundert man sich, warum immer mehr Schulabgänger weder die Grundrechnungsarten beherrschen noch sinnerfassend lesen können und sucht sein Heil in noch m e h r Projektunterricht, überhäuft die Lehrer mit administrativen Aufgaben und Dokumentationen, die ihnen inzwischen die Luft zum Atmen nehmen.
Aber alles lässt sich wieder gutmachen. Die SPÖ muss sich nur einmal dazu aufschwingen, diejenigen, die ihr aus eigenem Interesse niemals widersprechen, links liegen zu lassen.
Die Übernahme des Sozialministeriums, des Gesundheitsministeriums, eventuell des Umweltministeriums, um es den Grünen zu zeigen, vielleicht sogar des Justizministeriums, könnten unter einer verantwortungsbewussten SPÖ-Führung durchaus zu einem verbesserten Image der Partei beitragen und das verlorene Vertrauen zurückgewinnen lassen.
Nur von Bildungsangelegenheiten, Schule und Universitäten, vom Innenresort, von Verteidigungsangelegenheiten und von allen Fragen der Einwanderungspolitik sollte sie sich fern halten. Hier hat die SPÖ in den vergangenen Jahrzehnten, wann immer sie hier federführend war, ausreichend bewiesen, nichts zustandezubringen.
Noch eine Tatsache spräche dafür, sich an der Regierung zu beteiligen, die internen Querelen wären früher beendet. Man hätte einfach weniger Zeit, sich gegenseitig zu zerfleischen. In der Opposition hingegen werden die internen Zwistigkeiten zum Schaden der Partei noch lange andauern.

Und den Nachwuchs zu fördern, darauf sollte man auch nicht vergessen.

Handke – der Nobelpreis

„Ich hätte gewünscht, hier als Schriftsteller in Požarevac nicht al­lein zu sein, sondern an der Seite eines anderen Schriftstellers, etwa Harold Pinter. Er hätte kräftige Worte gebraucht. Ich brau­che schwache Worte. Aber das Schwache soll heute, hier recht sein. Es ist ein Tag nicht nur für starke, sondern auch für schwache Worte. [Ab hier sprach ich serbokroatisch – allein verfasst! –, im Nachhinein rückübersetzt:] Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Jugoslawien, Serbien. Die Welt, die sogenannte Welt, weiß alles über Slobodan Milošević. Die sogenannte Welt weiß die Wahrheit. Deswegen ist die sogenannte Welt heute abwe­send, und nicht bloß heute, und nicht bloß hier. Die sogenann­te Welt ist nicht die Welt. Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich er­innere mich. Ich frage. Deswegen bin ich heute anwesend, nah an Jugoslawien, nah an Serbien, nah an Slobodan Milošević.“

Quelle: https://handkeonline.onb.ac.at/node/1877

Wenn man zur politischen Lage auf dem Balkan – oder wo immer auch sonst sie sich abspielt – nichts zu sagen hat als selbstverliebte „schwache Worte“ und sich genötigt sieht, diese in Form eines kryptischen Gefasels aus sich herauszupressen, dann ist zu schweigen angebracht. Alles  andere muss zu Missverständnissen führen. Das gilt insbesondere für die Meister der Sprache, zu denen Handke zweifellos zu zählen ist.

Er hat nicht geschwiegen, weil es immer recht ist zu sprechen. Denen, die diesen Text als Freibrief für Milosevic interpretieren, ist aber auch kein Vorwurf zu machen. Ob das aber mit der Verleihung des Literaturnobelpreises in Zusammenhang gebracht werden soll, sei bestritten.

Geht es um seine Fähigkeit politische Urteile zu fällen? Geht es um Moral, um den „guten Menschen“ oder geht es um Literatur?

Es geht (hoffentlich) um seine Literatur!

Schätzung der unscheinbaren Wahrheiten

Manchmal scheint mir, dass für die mir noch bleibende Zeit die Beschränkung auf die Lektüre von Nietzsches Werken durchaus angebracht sein könnte – schon gar nicht ist nötig, daneben auch noch „Zeitgemäßes“ zu lesen, das meist doch nur dem anhängt, was man als „Zeitgeist“ bezeichnen muss. Es ist in unseren Zeiten, – in der sich vermehrt sogar naturwissenschaftlich Gebildete – leider sogar auch solche, die meinem Freundeskreis angehören – nicht scheuen, sich schauriger Esoterik zuzuwenden, – weit und breit nichts Vergleichbares an ausgereiften Gedanken auffindbar.

„Es ist das Merkmal einer höheren Kultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode gefunden wurden, höher zu schätzen als die beglückenden und blendenden Irrtümer, welche metaphysischen und künstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen. Zunächst hat man gegen erstere den Hohn auf den Lippen, als könne hier gar nichts Gleichberechtigtes gegeneinander stehen: so bescheiden, schlicht, nüchtern, ja scheinbar entmutigend stehen diese, so schön, prunkend, berauschend, ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das mühsam Errungene, Gewisse, Dauernde und deshalb für jede weitere Erkenntnis noch Folgenreiche ist doch das Höhere; zu ihm sich zu halten ist männlich und zeigt Tapferkeit, Schlichtheit, Enthaltsamkeit an. Allmählich wird nicht nur der Einzelne, sondern die gesamte Menschheit zu dieser Männlichkeit emporgehoben werden, wenn sie sich endlich an die höhere Schätzung der haltbaren, dauerhaften Erkenntnisse gewöhnt und allen Glauben an Inspiration und wundergleiche Mitteilung von Wahrheit verloren hat.“

Ach, wenn es doch so käme!

 

Zitat aus Friedrich Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches, Phaidon, Werke in drei Bänden, S. 11

 

 

Gewaltenteilung

Freies Mandat – oder Befehlsempfänger der Regierung?

Unsere „elegante“ Verfassung, wie das unser Herr Bundespräsident auszudrücken beliebte, nahm, das ist ja allgemein bekannt, bei ihrer Entstehung (1920 /1929) natürlich Anleihen bei anderen Verfassungen vornehmlich bei ihren älteren Vorgängerinnen (vgl. Pillersdorfsche Verfassung 1848). Diese älteren Vorgängerinnen waren davon geprägt, dass die ministeriellen Regierungsmannschaften vom Kaiser in den Dienst gestellt wurden. Dies wurde oft als ein Nachteil betrachtet. Darüber soll es jetzt zwar nur en passant gehen, dennoch ist die Ähnlichkeit dieser Vorgangsweise bei der Einsetzung mit unserer nun tätigen „Experten-Übergangsregierung“ nicht zu übersehen. Und zwar insofern als die aktuelle Regierung zwar nicht von einem Kaiser aber doch vom Bundespräsidenten vorgeschlagen und eingesetzt wurde.
Von vielen wurde dieser Regierung wenig zugetraut. Sie habe keine Mehrheit im Parlament und werde nicht wagen politisch brisante Themen aufzugreifen, behaupteten einige der maßgeblichen Kommentatoren des ORF allen voran der Chef der Innenpolitikredaktion namens Bürger. Das ist natürlich im Prinzip richtig, sagt aber nichts über die Fähigkeit der Regierung aus, die vom Parlament beschlossenen Gesetze zu vollziehen. Und das, das Vollziehen der Gesetze, ist gemäß unserer Verfassung ihre Hauptaufgabe. Im Übrigen seien jene, die dieser Regierung etwas zutrauen würden, „dumbe Toren“, verkündete Herr Bürger ohne zu Zögern als Experte in einem Gespräch im ORF. Vergessen dabei hat er, – hätte er doch wenigstens einmal in den Verfassungstext hineingelesen, bevor er seine vollmundigen Sprüche in die Welt sandte, dass unsere geltende Verfassung das Prinzip der Gewaltenteilung vorsieht. Sie unterscheidet zwischen Legislative (Gesetzgebung durch das Parlament), Exekutive ( ausführende Regierungs- und Verwaltungsorgane) und Judikative (Gerichtsbarkeit).
Was Herr Bürger bei seiner vorschnellen Beurteilung übersah, ist also die Tatsache, dass die Regierung in erster Linie, mehr oder weniger also, n u r das ausführende Organ des Parlaments ist. Dass die gängige Praxis der letzten Jahrzehnte eine andere war, ist nicht mehr als ein „schlechtes Gewohnheitsrecht“, das sich breit machte, indem es u.a. aus der Möglichkeit des Einbringens einer „Regierungsvorlage“ als Gesetzesvorschlag, einen mehr oder weniger bindenden Auftrag an die „eigene Mehrheit im Parlament“ werden ließ und so die Abgeordneten der Regierungsparteien, die eigentlich nur dem Wähler verpflichtet sein sollten, zu Befehlsempfängern der Regierung degradierte.
Und plötzlich ist es mit einem Schlag anders. Die Regierung ist notgedrungen zu ihrer eigentlichen Hauptaufgabe zurückgekehrt – sie wurde wieder (Schubumkehr) zum Befehlsempfänger des Parlaments.

Und auf einmal passiert wieder etwas im Parlament.  Es finden sich unterschiedliche Mehrheiten zu unterschiedlichen Themen, Allianzen in Sachfragen werden geschlossen jenseits der „Verteufelungen“ – und so ist Parlamentarismus eigentlich auch gedacht.
Wenn sich die Parlamentarier ihrer Verantwortung besinnen, die ihnen jahrzehntelang kaum abverlangt wurde und den finanziellen Rahmen nicht überspannen, könnte eigentlich nicht viel schiefgehen.
Das „freie Spiel der Kräfte“ hat in nur wenigen Tagen einiges möglich gemacht:

Nichtrauchergesetz
Valorisierung des Pflegegeldes
Glyphosatverbot
Beschränkung der Parteienförderung

Papa-Monat

Schuldenbremse

Die Regierung wird das nun ausführen müssen, also nach bestem Wissen und Gewissen in die Tat umsetzen – so ist unser System eigentlich gedacht.