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Kurze Bemerkung über das Sprechen und die Sprache

Kurze Bemerkung über das Sprechen und die Sprache

Platon 428 - 348 v.Chr. Quelle Wikipedia
Platon
428 – 348 v.Chr.
Quelle Wikipedia

Platon und Diogenes, zwei der angesehendsten Philosophen der griechischen Antike, führten einst eine heftige Diskussion darüber, ob der Beschreibung dessen, was wir heute als „être humain“ bezeichnen mit der Feststellung, es handle sich um ein „animal implume, bipes, latis ungibus“, wirklich Genüge getan sei.

Sie entfachten damit unwissentlich und unbeabsichtigt eine bis in unsere Tage reichende Auseinandersetzung über die Frage, welche Erfordernisse eine Definition erfüllen müsse, um der Anforderung gerecht werden zu können, Gegenstände des Denkens wirkungsvoll und der Realität entsprechend von einander abzugrenzen.

Dem „modernen Menschen“ erscheint die Lösung, auf die sich die beiden letztlich einigten, lapidar, oberflächlich, nichtssagend, vielleicht sogar lächerlich; der Mensch der Neuzeit scheint davon überzeugt, dass es notwendigerweise und unbestritten zum Wesen des Menschen gehöre, über eine Sprache zu verfügen.  Die Definition des menschlichen Wesens gestützt auf die Eigenschaften „unbefiedert“, „zweibeinig“ und mit „breiten Nägeln“ ausgestattet, scheint für die heutigen Anforderungen wenig ausreichend. Da fehlt etwas. Das ist offensichtlich.

Die Sprache sei es, die den Menschen, über den aufrechten Gang hinaus endgültig über das Tier erhebe. Als ob nicht auch Tiere eine Sprache hätten. Als ob nicht all die Sprachlosen auch Menschen wären.

Unausgesprochen bleibt meist, dass es dabei im Besonderen um die Fähigkeit der menschlichen Species geht, einander über das  eigene abstrakte Denken im schlimmsten Fall sogar über die Aufwallungen ihres Gefühlslebens Mitteilung zu machen.  Besonders letzteres scheint vielen ein außerordentliches Anliegen zu sein.

Diogenes 405 - 320 v. Chr. Quelle Wikipedia
Diogenes
405 – 320 v. Chr.
Quelle Wikipedia

Warum aber schätzen die Menschen an ihren Artgenossen die Fähigkeit der Eloquenz in so außerordentlichem Maße, obwohl es doch in erster Linie sprachliche Äußerungen sind, mit denen der Mensch von Geburt an klein und unbedeutend gehalten wird? Früh muss der Heranwachsende erkennen: Die Sprache ist ein Instrument der Macht, das nur durch sich selbst oder notfalls durch Instrumente der Gewalt besiegt werden kann.

Überzeugten Zweiflern an der Sprache könnte die Behauptung in den Sinn kommen, dass das Wesen der Sprache allein in ihrer Unnotwendigkeit, ihrer Überflüssigkeit läge. Eine Auffassung, deren praktische Ausformung beispielsweise  im Orden der Kartäuser ihren Niederschlag gefunden haben könnte.

Der Sprechakt selbst sei ja ohnehin nur ein Akt des Absonderns von Lauten, könnten die Zweifler anführen, sei aber nichts desto trotz vielfach auch ein Akt zwanghaften Charakters zwanghafter Charaktere.

Wolle man das Wesen der Sprache beschreiben, könne man auch nicht darüber hinwegsehen, dass ein wesentliches Kennzeichen in ihrer  Eigenschaft des Abgesondertwordenseins zu finden sei.

Trotz aller Unannehmlichkeiten und Unklarheiten, die die Sprache immer wieder provoziere, könne der Mensch ganz offensichtlich aus Gründen, die ihm keinesfalls einsichtig sein müssen,  in der Regel nicht darauf verzichten, sich auszudrücken. Und weil ihm jedes Maß und Ziel fehle, drücke der Mensche eben alles das aus, was ihn beschwere, vorzüglich das Überflüssige. Er drücke es, das meist Überflüssige, aus sich heraus und sei erst dann zufrieden, wenn er alles, was er seiner Innenschau verpflichtet in sich findet, ausgedrückt, aus sich heraus-gedrückt hätte.

Er ist davon beseelt es an den Tag zu bringen, denn solange es in ihm sei, sei es ihm und der Welt verborgen und das störe den Menschen.

Die Sprache wird, so die Behauptung, von vielen ebenso abgesondert wie auch andere unliebsame aber notwendige Körperausscheidungen abgesondert werden. Der aufmerksam beobachtende Zuhörer vernimmt hier und dort ein leises oder auch ein etwas lauteres  „Rumps“ und schon ist sie da, die Sprache. Zu Zeiten besonderer sprachlicher Hochkultur, wie sie uns anlässlich vieler ausufernder, hilfloser Kunstkritiken vorgeführt wird, tritt sie manchmal auch in Form eines langgezogenen Furzes in Erscheinung; sogar geruchlose Exemplare seien schon beobachtet worden, erzählte man mir – und dies, obwohl die Sprache nicht selten, um es volkstümlich  auszudrücken, „zum Himmel stinke“.

Werde ich persönlich daraufhin angesprochen,  beeile ich mich meist festzustellen, dass die Vielfalt der stufenlos ineinander übergehenden sprachlichen Aggregatzustände unterschiedlichster Provenienz  nicht unbedingt notwendig eine der Sprache inhärente Eigenschaft sein müsse, sondern auch darin begründet sein könnte, dass es – aber das eindeutig zu belegen, würde umfangreiche Gutachten erfordern  –  nur mehr wenige Exemplare der Spezies Mensch gäbe, die die unterschiedlichen „feinstofflichen Eigenschaften“ dieser Ausscheidungen angesichts des allgemeinen sprachlichen Verschmutzungszustandes überhaupt noch wahrzunehmen in der Lage seien.

Trotz dieses wie ich gerne zugebe wenig positiven Befundes, lässt sich in durchaus optimistischer Weise zusammenfassend sagen:

Erst wenn er – der Mensch – das, was er in sich trägt, erfolgreich herausgedrückt, also ausgedrückt hat, scheint er in der Lage zu sein, das zu fühlen, was er – der Mensch – im Grunde seines Herzens immer schon fühlen wollte, vollständige Zufriedenheit mit sich und der Welt.

So nebenbei am Sonntag: Thomas Bernhard

So nebenbei am Sonntag: Thomas Bernhard

Jeder ist von bestimmten Erlebnissen „geprägt“, die sein Leben nachhaltig beeinflussen.

Unsere Vorlieben, unsere Abneigungen, die Lebenseinstellungen insgesamt entwickeln sich sehr unterschiedlich und schaffen – so scheint’s – im Lauf der Jahre eine uns ständig begleitende „Grundstimmung“.

Thomas Bernhard, Quelle Wikipedia, Autor: hic et nunc, Thomas Bernhard Nachlassverwaltung
Thomas Bernhard, Quelle Wikipedia, Autor: hic et nunc, Thomas Bernhard Nachlassverwaltung

Thomas Bernhard gegenüber könnte man  insofern eine Gemeinsamkeit empfinden, als das Beispiel seines optimistischen Pessimismus, seine sprachlichen Überspitzungen und seine oft absurden Konstruktionen von Realität auch demjenigen eine Form aufrechter Existenz aufzeigen, dessen Grundstimmung keine bedingungslos menschenfreundliche ist. Insofern sollte man  in seinem Wirken, in seiner Literatur keine Gefahr für das „Seelenheil“, keine „Verführung“ zur Selbstzerstörung sehen, sondern eher einen Fingerzeig dahingehend, wie eine denkende sinnvolle Existenz auch im Sumpf täglicher Ignoranz möglich ist.

« Je vis comme je peux, dans un pays malheureux » sagte Albert Camus, dessen 100sten Geburtstag wir vor drei Tagen feiern hätten können.

Nicht nur am Leben zu bleiben ist wichtig, sondern als Mensch am Leben zu bleiben.

Belangloses über Hoffnungen, Utopien und Illusionen

Belangloses über Hoffnungen, Utopien und Illusionen

Darf man sich heute noch Hoffnungen machen? Und wenn, worauf?

„Ich bitte Sie mein Herr, machen Sie sich keine Hoffnungen!“, sagt die  Schöne im Film aus den Zwanzigern als er, der Galante, ihr tief in die Augen blickend, einen zarten Kuss an den Handschuh hauchte. „Aber ich bitte Sie gnädige Frau, Hoffnungen macht man sich doch immer, irgendwie!“ könnte er ihr erwidert haben, währenddessen im Hintergrund Richard Taubers „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ erklang.

Die Fähigkeit diese zartbitteren Versuche des erfolglos Versuchens  und die  zwischen den Worten beheimatete  Versuchung zu  verstehen, sind längst unter die  Erde gebracht worden.

Die Hoffnungen aber, die an das eben Geschilderte geknüpft wurden, sind – auch wenn wir heute darüber schmunzeln – nach wie vor aufrecht.

Hoffnungen darf, soll, muss man sich machen, Illusionen hingegen nicht? Angeblich war es Anton Tschechow, der meinte: „Aber Illusionen sind immer noch besser als nichts.“ 

Utopien hingegen  sind nicht nur aus der Mode gekommen, sie sind im Morast der Zeitgeschichte versunken. In ganz seltenen Fällen glaubt man, ein Zipfelchen eines Utopien-Wimpels aus den Untiefen geistiger Ereignislosigkeit ragen zu sehen. Bald stellt sich heraus: eine Fata-Morgana nichts weiter. Vielleicht ist es auch gut so. Wenn man sich vergegenwärtigt, was aus den politischen Utopien gemacht wurde, wie sie endeten, fällt der Verzicht leichter. Dennoch wurden früher Menschen, die  Utopien entwickelten, offensichtlich mehr geschätzt als dies heute der Fall ist. Die wohl letzte Dame, die in Österreich mit Erfolg eine Utopie vertrat – die einer Welt ohne Kriege – Bertha von Suttner,  wurde bekanntlich dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Heute gilt anderes. Für den Fall, dass man einer Idee des politischen Gegners möglichst schnell und eindrucksvoll den Garaus machen will, bezeichne man sie unumwunden als Utopie. Bei sonst garantierter Wirkungslosigkeit von Kritik, ist dieses Attribut einmal vergeben  gleichzusetzen mit einem Todesurteil, bei sofortiger Vollstreckbarkeit.

Selbiges gilt auch für Visionen. In den Anciengesellschaften der Hochkultur unbestimmter Voraussagen waren Visionäre mehr als gefragt.  Voll Hoffnung suchte man sie auf, wenn man als Herrscher nicht mehr weiter wusste; wenn Sicherheit benötigt wurde die Entwicklungen der Zukunft betreffend, freute man sich sogar über Aussagen deren bestimmte Unbestimmtheit sich erst nach getaner Tat zeigte. „Du wirst ein großes Reich zerstören!“ prophezeite man. Und anfangs waren alle damit zufrieden.

Heute gilt anderes. Wenn man Visionen habe, solle man möglichst rasch und unauffällig einen Psychiater aufsuchen, hieß es in der politischen Diskussion der  1990er Jahre. Man müsse pragmatisch denken, lautete ab nun die Devise. Pragmatik sei die Stärke des modernen Menschen, die Stärke der neuen Generation, die Stärke der Macher, der Wirtschaftsuniversitätsabschlussgenerationen, der Mac-Job-Generation, der Flexiblen, der Job-Hüpfer-Generation. No Future? Der Mensch hat keine Zukunft? Dann muss zumindest noch schnell die Frage erlaubt sein, ob die  Fähigkeit sich Hoffnungen zu machen, Utopien zu entwickeln oder gar Illusionen zu erliegen, Visionen zu haben, ausschließlich dem Menschen vorbehalten ist ?

Mir zumindest ist bisher nichts wissenschaftlich Begründetes darüber bekannt geworden, dass Tiere Hoffnungen haben oder sich Illusionen machen; ihnen gar  visionäre Gaben zuzuschreiben grenze an Übermut, könnte man behaupten. Obwohl auch Tiere für manche als verlässliche Quelle bezüglich wahrer Aussagen über die Zukunft gelten. So klettert der Laubfrosch behände die kleine Leiter im Glas auf  und ab, denkt sich nichts dabei und lässt es nach Belieben regnen. Ihm ist es egal. Worauf hoffen? Auf schönes Wetter? Tiere hoffen nicht!

Dachte ich! Bis ich unlängst  meine Katze in frühlingshaftem Eifer durch das verdorrte Gras schleichen sah und sie dabei beobachtete, wie sie vorsichtig Tatze für Tatze weit in die Höhe hebend durch das dürre überständige Wintergras schlich, um schließlich von einem Augenblick zum anderen reglos, mitten im Schritt innehaltend, den Blick aufmerksam zu Boden gerichtet, verharrte, um anschließend mit unendlicher Achtsamkeit ihren Schwanz, den sie wenige Augenblicken zuvor noch steil in den Himmel aufragend getragen, geräuschlos neben sich ins Gras bettete, um in dieser für sie nun angenehmen Position das tun zu können, was ihre Stärke ist:  Warten – auf den rechten Augenblick. Und hoffen?

Ob für Tiere die Begriffe  “Hoffnung” oder “Illusion” als Beschreibung der Produkte ihrer Denkprozesse angewendet werden kann, ist natürlich fraglich. Aber, wenn eine Katze stundenlang vor einem Mäusebau zubringt, wird man wohl mit einigem Recht davon ausgehen können, dass sie sich Hoffnungen macht. Die Katze muss dabei zumindest eine Vorstellung davon haben, was in der nächsten Zeit passieren könnte. Sie, die Katze hofft darauf,  das heißt: sie wünscht sich wohl auch – dass die Maus ihr Versteck bald verlassen wird. Es wird nicht abwegig sein, davon auszugehen, dass  in der Gedankenwelt der Katze eine Vorstellung darüber Platz hat, wie die Zukunft aussehen könnte; darüber, was die Zukunft bringen könnte. Zumindest die Möglichkeiten der “nahen“ Zukunft sind offensichtlich auch für die Katze abschätzbar. Auch dass die Zukunft nicht mit absoluter Sicherheit vorhersehbar ist,  wird die Katze aus Erfahrung wissen. Sie wird sich eine Vorstellung davon gebildet haben,  was in dem Zusammenhang Maus – Mausloch – Katze so alles passieren könnte.

Nicht selten wird sie vergeblich gewartet haben. Dann hat sie, wie es auch dem Menschen passiert,  vergeblich gehofft. Aber hat sie sich in diesem Fall auch Illusionen gemacht?

Kein weißes Schiff fährt mehr nach Hongkong

Kein weißes Schiff fährt mehr nach Hongkong
und wenn, was soll man dort
auch dort ist Brot nicht billig
zu leben gilt’s an diesem Ort

Jetzt sind die Zeiten schwierig
weil auch die Banken pleite sind
nur die Zocker werden rührig
ich rate dir, bleib ruhig Kind


Für einen „Schnuller“ wird’s noch reichen

und auch für Papas sauren Wein
so bleibt das Geld allein den Gleichen
ja, mein Kind, so soll es sein.

Kein weißes Schiff fährt mehr nach Hongkong
und wenn, ……….

Man liest in jeder größeren Zeitung

von Krise, Unglück, und allerhand
in einer dicken vollen Leitung
fließt das Geld jetzt aus dem Land

Die Reichen darf man nicht besteuern
weil sie sonst dem Land entflieh’n
was sie täglich uns beteuern
lasst uns tief vor ihnen knien.

Kein weißes Schiff fährt mehr nach Hongkong
und wenn, ………………….

Sparen heißt es bei den Kleinen
wer klein beginnt, der weiß wie’s geht
spare niemals bei den Deinen
es ernte nur, wer auch gesät

Um zu säen, braucht man Samen
und der Samen kommt ins Feld
und die Samen dicht beisammen
werden wiederum zu Geld

Kein weißes Schiff fährt mehr nach Hongkong
und wenn,……………………

Doch die Ernte gehört nicht allen
gehört dem Sämann ganz allein
und die Kleinen werden fallen
dem Sämann macht das keine Pein

Verschifft der Sämann sich dann selbst nach Hongkong
denk nicht gleich an Mord
vielleicht geht sein Schiff auch unter
es wäre gleich und er wär fort.

Kleine burgenländische Heimatkunde

„Eine flüchtige  Begegnung mit der sonntäglichen Realität eines burgenländischen Stadt-Cafes“
Der Funktion des „Salotto“ großzügig angelegter Plätze italienischer Städte versuchen in unseren Breiten, wo man seltener als im Süden auf schönes, also trockenes Wetter hoffen kann, die „Kaffeehäuser“ nahe zu kommen.
Es heißt, man könne dort ohne große Verpflichtung und dennoch „unter Dach“, Freunde und Bekannte treffen, die man andernfalls nach Hause hätte einladen müssen. Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Begegnungen ohne das Kaffeehaus nicht stattgefunden hätten, weil man für gewöhnlich nur jene Menschen nach Hause einzuladen bereit ist, die man gerne trifft; alle anderen aber, die man weniger gerne trifft, trifft man lieber im Kaffeehaus.
Nun, über den Inbegriff des Kaffeehauses, das Wiener Kaffeehaus, wurde von bedeutenden Dichtern Bedeutendes geschrieben, schon allein deshalb, soll es hier nicht zum Thema werden, auch wenn es einem notgedrungen in den Sinn kommt, in den Sinn kommen muss, weil alles andere, das sich Kaffeehaus nennt, sich an diesem Wiener Vorbild messen lässt. Unwillkürlich fragt man sich, welche Eigenschaften ein Kaffeehaus denn aufweisen muss, will es berechtigter Weise ein solches genannt werden. Und das fragt man sich besonders dann, wenn es sich um ein Kaffeehaus, in der von den Städtern, insbesondere den Wienern, verachteten „Provinz“  handelt. Ein großzügiges Angebot an Zeitungen, vornehmlich an „guten“ Zeitungen, ist  für den städtischen Kulturmenschen unabdingbar und schon daran scheitert meist der Anspruch des provinziellen Pendents.  Eine Zeitung kann man gegebenenfalls in einem burgenländischen Kaffeehaus gerade noch bekommen, die „guten“ Zeitungen aber, kennt man hierzulande gar nicht. Hier wird auf den Boulevardblättern  nicht in städtisch-intellektueller Großmannsucht herumgehackt. Hier wird dem Gedruckten noch im wahrsten Sinne des Wortes „geglaubt“! Obwohl in  diesen Zeitungen  im Unterschied zu den städtischen Kaffeehäusern nicht gelesen, sondern höchstens geblättert wird. Dies scheint allein schon deswegen zu genügen, weil in diesen Zeitungen, um die es hier geht, mit Ausnahme vieler großlettriger Überschriften ohnehin nur mehr eine Unzahl von Fotos, „Bildchen“, Bildgeschichten zu sehen ist. Ansonsten gibt es noch Werbung; Inserate, unterstützt von großformatigen Bildern für den heimischen Analphabeten. Es hat sich für diesen Markt eine Technik breitgemacht, derer sich im Mittelalter die Kirche bereits erfolgreich bediente, um ihre Glaubensinhalte dem „breiten“ Publikum, des Lesens nicht mächtig, möglichst eindrucksvoll zu vermitteln.
Diese mittelalterliche Erfolgsgeschichte des „advertising“ könnte sich bis ins Unterrichtsministerium durchgesprochen haben, was in weiterer Folge wohl eine ministerielle Werbekampagne ausgelöst hat, die im 21.Jahrhundert zwar mehr als anachronistisch, aber dennoch begründet erscheint: „Lern lesen und schreiben!“ tönt es uns vermittels Werbespots des Fernsehalltags entgegen.
Der „gelernte Zuagroaste“, der nicht hier geborene, der nicht hier sozialisierte Mensch,  muss sich diese Praxis zueigen machen. Nach kurzer Aklimatisationssphase hat er sich an diesen Zustand der Unkultur gewöhnt und verzichtet auf jeden Einwand, wenn ungarischstämmiges Thekenpersonal ihm ein Kleinformat zuschiebt. Hat man als „Zugroaster“ diesen Prozess einmal durchlaufen, ist kein Mangel an Kultur mehr zu empfinden.  Man weiß nun, hier herrschen eben andere Sitten.
Hätte man ihn, dem „Zugroasten“ von dem hier  die Rede ist, vor dreißig Jahren dahingehend zu belehren versucht, das Burgenland würde sich kulturell von seinen österreichischen Nachbarn unterscheiden, er, der „Zuagroaste“ hätte seine Belehrer ungeniert ausgelacht. Vielleicht hätte er, der Gutgläubige,  in seiner Landleben-Euphorie noch auf die Existenz der zahlreichen  im Land aufspielenden Tamborizza-Gruppen verwiesen oder auf die kulturellen Eigenheiten der hier ansässigen ungarischen Minderheit, eine kulturelle Differenz betreffend die deutschsprachigen Einwohner dieses Bundeslandes im Vergleich zu den anderen aber  hätte er nie und nimmer gelten lassen.
Nun, wenn er mehr als dreißig Jahre seines Lebens in diesem Land verbracht hätte, so wie ich es tat, käme ihm der Gedanke bei weitem nicht mehr so abwegig vor, wie ehedem.
Jedes Volk, habe „seine Seele“, so heißt es. Der angesehene, geradezu legendäre Wiener Psychiater Erwin Ringel, sprach von einer „österreichischen Seele“, wies ihr bestimmte unverwechselbare Eigenschaften zu. Warum sollte das für „den Burgenländer“ nicht in eben dieser Weise gelten? Warum also, fragt sich der intellektuelle Städter, über  Savigny und dessen Volksgeist-Konstruktion des 19.Jahrhunderts lächeln, sie vorschnell mit dem Etikett „Vorurteil“ abqualifizieren?
Auch dann, wenn man der These von der „Erziehbarkeit des Menschen“, seiner Interdependenz mit gesellschaftlichen Phänomenen folgt, erscheinen Zweifel wenig angebracht. So treffen sich „linke“ und „rechte“ Vorurteile in ungewollter Zweisamkeit, auch wenn sich dabei die einen auf die „Blutsbande“ und „Vererbung“, die anderen hingegen auf eine „tabula rasa“, auf eine absolute Erziehbarkeit des Menschen, berufen. Wer will sagen, wer letzten Endes recht hat?
In den Cafes der burgenländischen Bezirksstädte, die, wie die Bezeichnung bereits ausdrückt, keine Kaffeehäuser, sondern eben nur kaffeehausähnlich ausgestattete Gastwirtschaften sind, herrschen unbestritten andere Gesetze.  Dem Kaffee-Gourmet sei empfohlen, so er sich etwas Gutes tun will, trotz der meist seit Generationen vorhandenen ihrer Bezeichnung nach italienischen Espressomaschinen, sich besser für ein steirisches Bier oder einen hausgebrannten Obstler als für einen „Kleinen Braunen“ zu entscheiden, wenn der Besuch nicht in einer argen Enttäuschung enden soll.  Das ist das Eine.
Das Andere ist: Hier in der Provinz ist nichts zu spüren von der Anonymität der Großstadt in die man sich behaglich zurückziehen kann, wenn einem der Trubel zu groß, die Beachtung zu unverblümt geworden ist. Hier kennt jeder jeden! Und kennt man ihn nicht, will man ihn möglichst rasch und intensiv kennen lernen, schnellstens  einen Raster finden, in den man ihn, den Unbekannten, einordnen kann. Unbekanntes erregt ein sofort und augenscheinlich zutagetretendes Unbehagen. Die Stimmen schwellen an. Aber nur geschulte Beobachter bemerken die Unruhe, die die Karten jetzt heftiger auf die Tischplatte klatschen lässt. Ohne es zu wollen, demonstriert man, wer der Herr im Hause ist. Ohne sichtliche Neugierde wird der Fremde gemustert. Muss man ihn fürchten? Muss man zu ihm aufschauen? Oder darf man ihn straflos missachten, ihn vielleicht sogar lächerlich machen, mit einem Witz, den nur Einheimische verstehen?
Der Einheimische sucht nicht lange nach einer Möglichkeit „Näheres“ zu erfahren. Er geht, so man die Unvorsichtigkeit begeht, ihm eine Chance dazu zu geben, unverblümt zum informellen Angriff über. Von einem breiten Grinsen begleitet, schießt er seine ihm durch jahrelange Übung jederzeit fließend über die Zunge flitzende Frage ab.
Die Frage, die ihn am meisten bewegt, deren Antwort das meiste klärt, das einzige, das seine Unsicherheit, seine Zweifel, wie er sich denn dem Fremden gegenüber verhalten solle, mit einem einzigen Schlag beseitigt, wird in breitem Umgangston gestellt:
„Wo bleibst da Du?“

Was ist dir geschehen, Elfriede?

 „Halt! Hören Sie sofort auf mit dem Unsinn!“
Das Gebot, vor allem das Verbot steht für sich selbst, unangefochten. Unsinn zu produzieren, gehört sich nicht. Das kostet mindestens drei Vaterunser und ein Gegrüßest-seist-du, Maria. Abgekürzt wird nicht! Auf die Knie, ihr Verdammten! Was immer ihr verbrochen habt, Strafe muss sein!
Die Flüge nach Bangkong werden dennoch nicht eingestellt. Das Urlaubsparadies für alternde Pädophile, die verabsäumten sich rechtzeitig einen Platz in der katholischen Kirche zu sichern oder wenigstens in einer Jugendherberge aushelfen zu dürfen, genießt regen Zuspruch.
Das Hotel Orient, nicht die nobelste Adresse der Stadt,  beherbergt auch Kinder. „Wir bieten keine Intimmassagen und Zimmerbesuche sind in unserem Hotel unerwünscht!“, steht auf einem Schild rechts des Stiegenaufgangs, der  in die oberen Stockwerke führt. Angebracht, vor allem für alle diejenigen, die das kleine, gleichlautende Schild bei der Rezeption übersehen haben.
Wer zahlt schafft an, wo kämen wir da hin, ließe man sich vorschreiben, was man in seinem Zimmer macht, wenn man ein Batzen Geldes bezahlt hat.
Die Stewardessen der Thai-Air sahen vielversprechend aus. Und jetzt?
Besucher sollten sich von den öffentlichen Garküchen fernhalten, so ihnen ihr Leben lieb ist, empfiehlt die Reiseleitung.
Denjenigen, die zuhause geblieben sind, empfiehlt die heimische Gesundheitsbehörde wiederum auf den Genuss von Hartberger Bauernkäse, Quargel genannt, zu verzichten. Die Hartberger Bauernkäse seien etwas Besonderes, verlautete früher. Schon allein deswegen, weil es in Hartberg schon lange keine Milchkühe mehr gäbe. Der Topfen für den Käse stamme aus Deutschland und die Firma gehöre einem amerikanischen Konzern, da könne es schon einmal passieren, dass die vielbeschworene, vielgerühmte “österreichische Qualität” einen Dämpfer bekäme.
Lysterien seien in aller Mägen und Munde, macht die Runde.
Die Konzernsprecherin ist ganz offensichtlich in die Jahre gekommen. Man sieht ihr nicht mehr an, sich mit dem Lügen schwer zu tun.
Sie, Zornes-Göttin.
Zeitgemäß beißt sie tiefe Wunden. Die Pfeile Dianas stecken im Köcher. Es ist modern geworden, allein zu sein.
Sie aber, die Göttin, bewohnt ein Apartment in der Innenstadt und geht selten aus. Wenn, dann besucht sie nur die allerbesten Adressen. Sie hat sich zur Angewohnheit gemacht, niemanden an sich heranzulassen. Hin und wieder lässt sie, an sich heran,  dann aber nicht wirklich nahe.
Sie bezahlt dafür und kann gehen. Das sei praktisch und helfe ihr  Beziehungskrisen zu verhindern. So spart sie Energie, die im Beruf gewinnbringender angelegt werden kann. Morgen schon könnte sie nicht mehr gebraucht werden. Und dann?
Die Göttin, so erzählte sie einmal, sei verletzt worden, in früherer, archaischer  Zeit. Blut rinne ihr jetzt mit Vorliebe aus ihren Augenwinkeln und weniger aus dem Geschlecht. Das habe sie sich abgewöhnt. Es sei zu beschwerlich gewesen.
Sie wäre  immer schon lieber ein Mann gewesen, da habe man diese Probleme nicht. Ja, sie habe „das“ immer schon als Problem gesehen, sagte sie.
Und, immer schon hätte sie die Buben beneidet, die jederzeit schwimmen hätten gehen können, wenn ihnen danach gewesen sei. Sie hingegen hätte immer schlecht gerochen, von unten herauf. Alles waschen, hätte da nichts geholfen.
Mutter habe sie gerne in den Vordergrund geschoben, um ihr hinten herum eine Watsche nach der anderen herunterzuhauen. Geliebt hätte sie, die Mutter, ausschließlich die Brüder.
Jetzt lässt sie Mutter täglich im Rollstuhl von einem Zivildiener in den Garten hinaus fahren. Er sieht ihrem Sohn ähnlich und sie liebt ihn dafür. Der sie einst störende Geruch hat sich schon vor Jahren gelegt, jetzt riecht sie sich schon lange nicht mehr und dem jungen Mann, wie sie ihn nennt, scheint das egal zu sein.
“Möchten Sie mehr in die Sonne?” “Nein danke, es ist schön so.” sagt dann Mutter zufrieden.
Manchmal, zu den hohen Festtagen kommen auch die Söhne zu Besuch, ihre Tochter bleibt diesen Anlässen fern, sie erkennt sie kaum noch. Zweimal im Jahr werden  Blumen geschickt. Einmal zu Mamas Geburtstag, einmal am Valentinstag. Verzeihung gibt es, Heilung nicht.