Kleine burgenländische Heimatkunde

„Eine flüchtige  Begegnung mit der sonntäglichen Realität eines burgenländischen Stadt-Cafes“
Der Funktion des „Salotto“ großzügig angelegter Plätze italienischer Städte versuchen in unseren Breiten, wo man seltener als im Süden auf schönes, also trockenes Wetter hoffen kann, die „Kaffeehäuser“ nahe zu kommen.
Es heißt, man könne dort ohne große Verpflichtung und dennoch „unter Dach“, Freunde und Bekannte treffen, die man andernfalls nach Hause hätte einladen müssen. Es liegt in der Natur der Sache, dass viele Begegnungen ohne das Kaffeehaus nicht stattgefunden hätten, weil man für gewöhnlich nur jene Menschen nach Hause einzuladen bereit ist, die man gerne trifft; alle anderen aber, die man weniger gerne trifft, trifft man lieber im Kaffeehaus.
Nun, über den Inbegriff des Kaffeehauses, das Wiener Kaffeehaus, wurde von bedeutenden Dichtern Bedeutendes geschrieben, schon allein deshalb, soll es hier nicht zum Thema werden, auch wenn es einem notgedrungen in den Sinn kommt, in den Sinn kommen muss, weil alles andere, das sich Kaffeehaus nennt, sich an diesem Wiener Vorbild messen lässt. Unwillkürlich fragt man sich, welche Eigenschaften ein Kaffeehaus denn aufweisen muss, will es berechtigter Weise ein solches genannt werden. Und das fragt man sich besonders dann, wenn es sich um ein Kaffeehaus, in der von den Städtern, insbesondere den Wienern, verachteten „Provinz“  handelt. Ein großzügiges Angebot an Zeitungen, vornehmlich an „guten“ Zeitungen, ist  für den städtischen Kulturmenschen unabdingbar und schon daran scheitert meist der Anspruch des provinziellen Pendents.  Eine Zeitung kann man gegebenenfalls in einem burgenländischen Kaffeehaus gerade noch bekommen, die „guten“ Zeitungen aber, kennt man hierzulande gar nicht. Hier wird auf den Boulevardblättern  nicht in städtisch-intellektueller Großmannsucht herumgehackt. Hier wird dem Gedruckten noch im wahrsten Sinne des Wortes „geglaubt“! Obwohl in  diesen Zeitungen  im Unterschied zu den städtischen Kaffeehäusern nicht gelesen, sondern höchstens geblättert wird. Dies scheint allein schon deswegen zu genügen, weil in diesen Zeitungen, um die es hier geht, mit Ausnahme vieler großlettriger Überschriften ohnehin nur mehr eine Unzahl von Fotos, „Bildchen“, Bildgeschichten zu sehen ist. Ansonsten gibt es noch Werbung; Inserate, unterstützt von großformatigen Bildern für den heimischen Analphabeten. Es hat sich für diesen Markt eine Technik breitgemacht, derer sich im Mittelalter die Kirche bereits erfolgreich bediente, um ihre Glaubensinhalte dem „breiten“ Publikum, des Lesens nicht mächtig, möglichst eindrucksvoll zu vermitteln.
Diese mittelalterliche Erfolgsgeschichte des „advertising“ könnte sich bis ins Unterrichtsministerium durchgesprochen haben, was in weiterer Folge wohl eine ministerielle Werbekampagne ausgelöst hat, die im 21.Jahrhundert zwar mehr als anachronistisch, aber dennoch begründet erscheint: „Lern lesen und schreiben!“ tönt es uns vermittels Werbespots des Fernsehalltags entgegen.
Der „gelernte Zuagroaste“, der nicht hier geborene, der nicht hier sozialisierte Mensch,  muss sich diese Praxis zueigen machen. Nach kurzer Aklimatisationssphase hat er sich an diesen Zustand der Unkultur gewöhnt und verzichtet auf jeden Einwand, wenn ungarischstämmiges Thekenpersonal ihm ein Kleinformat zuschiebt. Hat man als „Zugroaster“ diesen Prozess einmal durchlaufen, ist kein Mangel an Kultur mehr zu empfinden.  Man weiß nun, hier herrschen eben andere Sitten.
Hätte man ihn, dem „Zugroasten“ von dem hier  die Rede ist, vor dreißig Jahren dahingehend zu belehren versucht, das Burgenland würde sich kulturell von seinen österreichischen Nachbarn unterscheiden, er, der „Zuagroaste“ hätte seine Belehrer ungeniert ausgelacht. Vielleicht hätte er, der Gutgläubige,  in seiner Landleben-Euphorie noch auf die Existenz der zahlreichen  im Land aufspielenden Tamborizza-Gruppen verwiesen oder auf die kulturellen Eigenheiten der hier ansässigen ungarischen Minderheit, eine kulturelle Differenz betreffend die deutschsprachigen Einwohner dieses Bundeslandes im Vergleich zu den anderen aber  hätte er nie und nimmer gelten lassen.
Nun, wenn er mehr als dreißig Jahre seines Lebens in diesem Land verbracht hätte, so wie ich es tat, käme ihm der Gedanke bei weitem nicht mehr so abwegig vor, wie ehedem.
Jedes Volk, habe „seine Seele“, so heißt es. Der angesehene, geradezu legendäre Wiener Psychiater Erwin Ringel, sprach von einer „österreichischen Seele“, wies ihr bestimmte unverwechselbare Eigenschaften zu. Warum sollte das für „den Burgenländer“ nicht in eben dieser Weise gelten? Warum also, fragt sich der intellektuelle Städter, über  Savigny und dessen Volksgeist-Konstruktion des 19.Jahrhunderts lächeln, sie vorschnell mit dem Etikett „Vorurteil“ abqualifizieren?
Auch dann, wenn man der These von der „Erziehbarkeit des Menschen“, seiner Interdependenz mit gesellschaftlichen Phänomenen folgt, erscheinen Zweifel wenig angebracht. So treffen sich „linke“ und „rechte“ Vorurteile in ungewollter Zweisamkeit, auch wenn sich dabei die einen auf die „Blutsbande“ und „Vererbung“, die anderen hingegen auf eine „tabula rasa“, auf eine absolute Erziehbarkeit des Menschen, berufen. Wer will sagen, wer letzten Endes recht hat?
In den Cafes der burgenländischen Bezirksstädte, die, wie die Bezeichnung bereits ausdrückt, keine Kaffeehäuser, sondern eben nur kaffeehausähnlich ausgestattete Gastwirtschaften sind, herrschen unbestritten andere Gesetze.  Dem Kaffee-Gourmet sei empfohlen, so er sich etwas Gutes tun will, trotz der meist seit Generationen vorhandenen ihrer Bezeichnung nach italienischen Espressomaschinen, sich besser für ein steirisches Bier oder einen hausgebrannten Obstler als für einen „Kleinen Braunen“ zu entscheiden, wenn der Besuch nicht in einer argen Enttäuschung enden soll.  Das ist das Eine.
Das Andere ist: Hier in der Provinz ist nichts zu spüren von der Anonymität der Großstadt in die man sich behaglich zurückziehen kann, wenn einem der Trubel zu groß, die Beachtung zu unverblümt geworden ist. Hier kennt jeder jeden! Und kennt man ihn nicht, will man ihn möglichst rasch und intensiv kennen lernen, schnellstens  einen Raster finden, in den man ihn, den Unbekannten, einordnen kann. Unbekanntes erregt ein sofort und augenscheinlich zutagetretendes Unbehagen. Die Stimmen schwellen an. Aber nur geschulte Beobachter bemerken die Unruhe, die die Karten jetzt heftiger auf die Tischplatte klatschen lässt. Ohne es zu wollen, demonstriert man, wer der Herr im Hause ist. Ohne sichtliche Neugierde wird der Fremde gemustert. Muss man ihn fürchten? Muss man zu ihm aufschauen? Oder darf man ihn straflos missachten, ihn vielleicht sogar lächerlich machen, mit einem Witz, den nur Einheimische verstehen?
Der Einheimische sucht nicht lange nach einer Möglichkeit „Näheres“ zu erfahren. Er geht, so man die Unvorsichtigkeit begeht, ihm eine Chance dazu zu geben, unverblümt zum informellen Angriff über. Von einem breiten Grinsen begleitet, schießt er seine ihm durch jahrelange Übung jederzeit fließend über die Zunge flitzende Frage ab.
Die Frage, die ihn am meisten bewegt, deren Antwort das meiste klärt, das einzige, das seine Unsicherheit, seine Zweifel, wie er sich denn dem Fremden gegenüber verhalten solle, mit einem einzigen Schlag beseitigt, wird in breitem Umgangston gestellt:
„Wo bleibst da Du?“

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