Belangloses über Hoffnungen, Utopien und Illusionen

Belangloses über Hoffnungen, Utopien und Illusionen

Darf man sich heute noch Hoffnungen machen? Und wenn, worauf?

„Ich bitte Sie mein Herr, machen Sie sich keine Hoffnungen!“, sagt die  Schöne im Film aus den Zwanzigern als er, der Galante, ihr tief in die Augen blickend, einen zarten Kuss an den Handschuh hauchte. „Aber ich bitte Sie gnädige Frau, Hoffnungen macht man sich doch immer, irgendwie!“ könnte er ihr erwidert haben, währenddessen im Hintergrund Richard Taubers „Ich küsse Ihre Hand, Madame“ erklang.

Die Fähigkeit diese zartbitteren Versuche des erfolglos Versuchens  und die  zwischen den Worten beheimatete  Versuchung zu  verstehen, sind längst unter die  Erde gebracht worden.

Die Hoffnungen aber, die an das eben Geschilderte geknüpft wurden, sind – auch wenn wir heute darüber schmunzeln – nach wie vor aufrecht.

Hoffnungen darf, soll, muss man sich machen, Illusionen hingegen nicht? Angeblich war es Anton Tschechow, der meinte: „Aber Illusionen sind immer noch besser als nichts.“ 

Utopien hingegen  sind nicht nur aus der Mode gekommen, sie sind im Morast der Zeitgeschichte versunken. In ganz seltenen Fällen glaubt man, ein Zipfelchen eines Utopien-Wimpels aus den Untiefen geistiger Ereignislosigkeit ragen zu sehen. Bald stellt sich heraus: eine Fata-Morgana nichts weiter. Vielleicht ist es auch gut so. Wenn man sich vergegenwärtigt, was aus den politischen Utopien gemacht wurde, wie sie endeten, fällt der Verzicht leichter. Dennoch wurden früher Menschen, die  Utopien entwickelten, offensichtlich mehr geschätzt als dies heute der Fall ist. Die wohl letzte Dame, die in Österreich mit Erfolg eine Utopie vertrat – die einer Welt ohne Kriege – Bertha von Suttner,  wurde bekanntlich dafür mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Heute gilt anderes. Für den Fall, dass man einer Idee des politischen Gegners möglichst schnell und eindrucksvoll den Garaus machen will, bezeichne man sie unumwunden als Utopie. Bei sonst garantierter Wirkungslosigkeit von Kritik, ist dieses Attribut einmal vergeben  gleichzusetzen mit einem Todesurteil, bei sofortiger Vollstreckbarkeit.

Selbiges gilt auch für Visionen. In den Anciengesellschaften der Hochkultur unbestimmter Voraussagen waren Visionäre mehr als gefragt.  Voll Hoffnung suchte man sie auf, wenn man als Herrscher nicht mehr weiter wusste; wenn Sicherheit benötigt wurde die Entwicklungen der Zukunft betreffend, freute man sich sogar über Aussagen deren bestimmte Unbestimmtheit sich erst nach getaner Tat zeigte. „Du wirst ein großes Reich zerstören!“ prophezeite man. Und anfangs waren alle damit zufrieden.

Heute gilt anderes. Wenn man Visionen habe, solle man möglichst rasch und unauffällig einen Psychiater aufsuchen, hieß es in der politischen Diskussion der  1990er Jahre. Man müsse pragmatisch denken, lautete ab nun die Devise. Pragmatik sei die Stärke des modernen Menschen, die Stärke der neuen Generation, die Stärke der Macher, der Wirtschaftsuniversitätsabschlussgenerationen, der Mac-Job-Generation, der Flexiblen, der Job-Hüpfer-Generation. No Future? Der Mensch hat keine Zukunft? Dann muss zumindest noch schnell die Frage erlaubt sein, ob die  Fähigkeit sich Hoffnungen zu machen, Utopien zu entwickeln oder gar Illusionen zu erliegen, Visionen zu haben, ausschließlich dem Menschen vorbehalten ist ?

Mir zumindest ist bisher nichts wissenschaftlich Begründetes darüber bekannt geworden, dass Tiere Hoffnungen haben oder sich Illusionen machen; ihnen gar  visionäre Gaben zuzuschreiben grenze an Übermut, könnte man behaupten. Obwohl auch Tiere für manche als verlässliche Quelle bezüglich wahrer Aussagen über die Zukunft gelten. So klettert der Laubfrosch behände die kleine Leiter im Glas auf  und ab, denkt sich nichts dabei und lässt es nach Belieben regnen. Ihm ist es egal. Worauf hoffen? Auf schönes Wetter? Tiere hoffen nicht!

Dachte ich! Bis ich unlängst  meine Katze in frühlingshaftem Eifer durch das verdorrte Gras schleichen sah und sie dabei beobachtete, wie sie vorsichtig Tatze für Tatze weit in die Höhe hebend durch das dürre überständige Wintergras schlich, um schließlich von einem Augenblick zum anderen reglos, mitten im Schritt innehaltend, den Blick aufmerksam zu Boden gerichtet, verharrte, um anschließend mit unendlicher Achtsamkeit ihren Schwanz, den sie wenige Augenblicken zuvor noch steil in den Himmel aufragend getragen, geräuschlos neben sich ins Gras bettete, um in dieser für sie nun angenehmen Position das tun zu können, was ihre Stärke ist:  Warten – auf den rechten Augenblick. Und hoffen?

Ob für Tiere die Begriffe  “Hoffnung” oder “Illusion” als Beschreibung der Produkte ihrer Denkprozesse angewendet werden kann, ist natürlich fraglich. Aber, wenn eine Katze stundenlang vor einem Mäusebau zubringt, wird man wohl mit einigem Recht davon ausgehen können, dass sie sich Hoffnungen macht. Die Katze muss dabei zumindest eine Vorstellung davon haben, was in der nächsten Zeit passieren könnte. Sie, die Katze hofft darauf,  das heißt: sie wünscht sich wohl auch – dass die Maus ihr Versteck bald verlassen wird. Es wird nicht abwegig sein, davon auszugehen, dass  in der Gedankenwelt der Katze eine Vorstellung darüber Platz hat, wie die Zukunft aussehen könnte; darüber, was die Zukunft bringen könnte. Zumindest die Möglichkeiten der “nahen“ Zukunft sind offensichtlich auch für die Katze abschätzbar. Auch dass die Zukunft nicht mit absoluter Sicherheit vorhersehbar ist,  wird die Katze aus Erfahrung wissen. Sie wird sich eine Vorstellung davon gebildet haben,  was in dem Zusammenhang Maus – Mausloch – Katze so alles passieren könnte.

Nicht selten wird sie vergeblich gewartet haben. Dann hat sie, wie es auch dem Menschen passiert,  vergeblich gehofft. Aber hat sie sich in diesem Fall auch Illusionen gemacht?

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