Kategorie: Texte

Mangold und die Löcher in der Luft

Manches von dem Mangold mit Sicherheit angenommen hatte, dass es ihm niemals passieren würde, war ihm dann doch irgendwann einmal passiert; manches, von dem er angenommen hatte, dass er es nie würde vergessen können, hatte er zu seiner Schande tatsächlich vergessen. Das alles bedeute nichts, sagt sein Arzt.
„Was nichts bedeutet, bedeutet nichts, was aber etwas bedeutet, bedeutet viel“, denkt Mangold.
Mangold mache oft einen traurigen Eindruck, sagen die Leute.
Ob dieses „die wichtigen Dinge des Lebens Vergessen“ der Grund für Mangolds Traurigkeit ist, wer kann es wissen? Mangold ist oft traurig in seinem Leben, das stimmt, er ist aber auf eine Weise traurig, die andere daran hindert, einen Anlass für seine Traurigkeit erkennen zu können. Mangold würde, selbst im Augenblick größter Traurigkeit, jederzeit vehement bestreiten, traurig zu sein, er würde sogar bestreiten, jemals in seinem Leben traurig gewesen zu sein.
Mangolds Arzt hüllt sich in Schweigen. 
Mit Mangold kenne man sich nicht aus, sagen die Dorfbewohner. Der Umgang mit ihm führe zu unsicheren Verhältnissen, sagen sie und machen ihre Unsicherheit ihm zum Vorwurf. Sie hüten sich, diesen Vorwurf jemals offen auszusprechen. Bei uns gibt es keine Tabus, sagen sie. Und weil es keine Tabus gibt im Dorf, meiden sie Mangold.
Man muss sich mit den Menschen auskennen, sagen sie. Auch Mangolds Mutter ist derselben Meinung:
„Menschen, mit denen man sich nicht auskennt, solltest Du aus dem Weg gehen!“, sagt Mangolds Mutter zu Mangold.
Mangold aber kennt sich mit allen Menschen aus, außer mit sich selbst.  Und daher kann sich Mangold nicht leiden. Und weil er sich nicht leiden kann, will er sich wenigstens meiden. Mangold, sagt Mangold, ist Mangold aus tiefstem Herzen zuwider. Manchmal ist sich Mangold so zuwider, dass er denkt, dieses Zuwidersein nicht länger aushalten zu können.
Immer dann, wenn es besonders arg ist mit dem Zuwidersein, beschließt Mangold, aufzuhören, darüber nachzudenken. Das macht die Zeiten dann ruhiger, das weiß Mangold und weil Mangold das weiß, hilft  es ihm dabei, seiner Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: Mangold starrt Löcher in die Luft.
Niemand versteht, warum Mangold das tut. Löcher in die Luft zu starren, gilt als vollkommen unnütze Tätigkeit in dem Land, in dem Mangold seit Anbeginn wohnt. Immer dann aber, wenn er sich besonders anstrengt dabei und versucht, besonders tiefe oder besonders voluminöse Löcher mit äußerst scharf umrissenen Grenzen zu produzieren – Mangold hasst Löcher mit ausgefransten Rändern, wie  die anderen in die Luft zu starren – finden sich  unversehens Augenblicke größter, man könnte sagen: orgiastischer Lust. Finden sich Augenblicke, in denen er Dinge zu hören bekommt, die er nie zuvor gehört, Augenblicke in denen er Dinge zu sehen bekommt, die er nie zuvor gesehen, Augenblicke, in denen sich seine Sinne zuspitzen, wie die eines Wolfes vor dem Angriff. Alles wird dann unerträglich laut, schrill, übertrieben hell und klar, dass es ihn blendet, fast taub macht. Der sonst kaum hörbar surrende Ventilator seines Computers entwickelt in solchen Momenten unversehens, übergangslos die Lautstärke eines Wirbelsturms, eines Orkans, sagt Mangold.
Spätestens dann aber, verlässt Mangold sein Arbeitszimmer, steigt eilig, ohne auf das Getöse hinter ihm zu achten, die Kellerstufen hinab, holt aus einem der alten ausrangierten Kleiderkästen seinen Rucksack hervor, den er vorsorglich mit dem Nötigsten gepackt bereithält und verlässt das Haus. Manchmal, wenn es ganz arg ist, hört er den Wirbelsturm des Getöses auch dann noch, wenn er bereits Kilometer von zuhause entfernt ist.
Seit frühester Jugend liebt es Mangold, durch die Wälder zu streifen. Dort fühle er sich „der Kreatur“ besonders nahe, sagt Mangold. Dort wäre alles leichter, nur dort könne er dieses immer unvermutet über ihn hereinbrechende Nachdenken, das andere „Löcher in die Luft starren“ nennen, verhindern.
„Welchen Sinn hätte es für den Wolf, über ein gerissenes Lamm nachzudenken?“, denkt Mangold. Das Schaf ist gerissen.
Was geschehen ist, ist geschehen. Was vergangen ist, ist vergangen. Vorbei ist vorbei. Nichts kann man zurückholen, nichts ungeschehen machen, alles ist so gekommen, wie es gekommen ist. Die alten Fehler sind gemacht, die neuen werden nicht zu verhindern sein.
Im Frühling müsse man, sagt Mangold, wenn man schon unbedingt reisen müsse, jedenfalls Grasse besuchen. Nur dort kann man eine Ahnung davon bekommen, was das Wesen des Parfums ausmache.
Süß das Kind, das da in der Wärme der Frühlingssonne liegen darf.
In einem der Frühlinge vergangener Jahrzehnte sah er sich selbst in Grasse von einem Cafe zum anderen schlendern, den betörenden Duft des Lavendels in der Nase. Mangold weiß  um die Volltrunkenheit der Stadt, die nicht nur der menschlichen Bestie zum Verhängnis werden kann. Alles dreht sich im Kreis, niemand ahnt, wer er ist.
Und dann bemerkt Mangold plötzlich am Nachbartisch Simone de Beauvoir;  mit verschwollenem Gesicht und tränenden Augen bestellt sie bei „Monsieur“ einen „cafe au lait“. „Ein Sturz mit dem Rad hat mich so zugerichtet, Jean!“, sagt sie. Damals durfte man auch noch ungestraft nach „Castor“ rufen, ohne damit rechnen zu müssen, in den Karteien der Staatspolizei zu landen.
Jean Paul war außer Atem gekommen, die Stufen zum Cafe heraufzusprinten, ist seine Sache nicht, denkt Mangold. Jean Paul würde das nicht wahrhaben wollen. „Wie wohl schmutzige Fingernägel schmecken?“, denkt Mangold. Jean Paul bestellt eine Karaffe vom Roten. Mangold wirft  unverholen verstohlene Blicke auf das Paar. Jean Paul liest Zeitung.
Madame hält die Augen geschlossen. Mangold denkt: „Es tut mir leid, Madame, das mit ihrem Sturz.“  Madame bleibt davon ungerührt, zündet sich eine ihrer Gauloises an und  geht pinkeln.

Wie man versuchte, Franzens Beziehung zum "Lieben Gott" zu verbessern

Franzens Eltern sind Geschiedene und deswegen hat der Herr Pfarrer gesagt, dass es ihm, weil sie doch beständig in Sünde lebten, nicht erlaubt sei, ihnen das Sakrament der Heiligen Kommunion zu spenden. Von einem Kirchenbesuch könne er sie aber nach den Regeln des Corpus Juris Canonici nicht fernhalten. Franzens Eltern hörten dennoch nicht zu sündigen auf, hielten sich aber fortan der Kirche fern. Was ihnen nicht schwer fiel, weil sie zum Zahlen des Kirchenbeitrages ohnehin nicht zum Pfarrer gehen mussten. Es genügte, einen Überweisungsauftrag bei der Bank zu hinterlegen, um die den Himmel repräsentierende kirchliche Obrigkeit in ihrem Kampf gegen den Teufel und alles Böse in der Welt zu unterstützen.
Als Frucht dieser verruchten Gemeinschaft von Franzens Eltern wurde später Franz geboren. Den sündig geborenen Franz, begoss man bereits wenige Tage nach seinem Erscheinen mit abgestandenem Weihwasser. Da Franz heftig geplärrt hat, man erzählte später,  er habe gebrüllt, als ob man ihn  an einem Spieß gegrillt hätte, kann man annehmen, dass ihm die Prozedur nicht wirklich gefallen hat. Aber Franz war nicht nur ein Sonntagskind, er war zu diesem Zeitpunkt auch noch eine starke Persönlichkeit. Umso mehr freute sich der Pfarrer, Franz durch die Taufe zu einem Kind Gottes gemacht zu haben. Er sagte zu Franzens Eltern, dass Franz nun wirklich nichts mehr passieren könne,  da er zumindest  fürs erste  vor der Hölle gerettet sei. Daraufhin hörte Franz sofort mit dem Geplärre auf.
Bis zu seinem Schuleintritt hatte Franz mit dem „Lieben Gott“ nicht mehr viel zu tun.
Nur einmal, als der kaum Sechsjährige die fünfjährige Christl dazu überredete, ihn nicht nur unter ihr Höschen blicken zu lassen, sondern das kleine „Ding“, das wirklich ganz anders aussah, als das seine, auch einmal kurz „ausgreifen“ zu dürfen, da kam ihm vor, als hätte ihm jemand dabei zugesehen, von ganz oben.
Aber richtig los mit dem Lieben Gott ging es erst in der Volksschule. Franz kam in den Religionsunterricht. Sein Religionslehrer, der Herr Prettenhofer, Träger einer hirschledernen Knickabocka samt dazu passenden wollenen Kniestrümpfen, trug dazu auch noch einen schweren goldenen Siegelring, rechtshändig, der sich, nach Ansicht seines Trägers bestens dazu eignete, Kopfnüsse auszuteilen, die auch dem Franz manchmal sehr weh taten. Der Herr Religionslehrer war zwar nicht besonders sportlich, aber immer gut dazu in der Lage mit seinem Schlüsselbund einen ertappten Schwätzer direkt am Kopf zu treffen, auch wenn dieser sich in der letzten Reihe ganz sicher fühlte. „Gottes Strafe trifft jeden!“, sagte er immer. In der zweiten Klasse bekam Franz dann „Gott-sei-Dank“ einen anderen, der weniger geschickt mit dem Schlüsselbund war, seine diesbezüglichen Mängel in tätiger Nachkriegspädagogik aber durch hervorragenden Gebrauch des dicken hölzernen Zeigestabes zu kompensieren wusste. Es krachte fürchterlich, wenn das hölzerne Monstrum auf einer der vorderern Bänke niedersauste. Er werde schon noch gottesfürchtige Menschen aus uns machen, versicherte uns der treue Gottesmann, was ihm, zumindest was Franz anbelangte, gründlich misslang. Auch diese Trennung, vollzogen durch das Ende des Schuljahres, hinterließ bei Franz keinen traumatischen Trennungsschmerz, den spätere Ganzheitsmediziner als Grund für die eine oder andere Erkrankung eines Franzensorgans hätten heranziehen können.
Der Zeigestabpädagoge wurde im darauffolgenden Jahr durch eine von heftigster Neugier geplagten Dame des religiösen Missionsgewerbes ersetzt. Auch hier gelang es Franz nicht, seine Stellung zu verbessern. Er blieb unverbesserlich. Vor allem deswegen, weil seine Besuche der Heiligen Messe mehr – eigentlich weniger –  als spärlich waren. Das missfiel der Frau Religionslehrerin so sehr, dass sie sogar einmal Franzens Mutter in die Sprechstunde zitierte. Aber auch das half nichts. Als in der vierten Klasse, der fesche von allen jungen Frauen der Dorfgemeinde sehr geschätzte Kaplan aus Franz gar einen Ministranten machen wollte, erkrankte Franz sicherheitshalber an Scharlach und glaubt seit dem fest daran, gerade noch einmal davongekommen zu sein.

Franz wär gern wenigstens berühmt

Franz ist ein beliebter Name, deswegen ist Franz auch ganz stolz, dass er Franz heißt und nicht etwa Erwin oder Johann oder gar René. Obwohl auch das beliebte Namen sind. Franz kennt viele, die auch Franz heißen, so wie er, und das beruhigt ihn, obwohl einige von ihnen schon tot sind, so wie der Franz von Assisi, beispielsweise.
Andere Franzen leben aber leider noch. Deswegen sind sich auch weniger berühmt.
Als vor zwei Jahren im Ort ein Film über die Zigeuner gedreht wurde, die man jetzt, das weiß Franz, nicht mehr so nennen darf, weil sie jetzt berühmt sind, und weil sie das beleidigt, dachte sich Franz, dass es ganz schön wäre, auch berühmt zu sein. Weil Franz so oft daran denkt, dass er ganz berühmt werden möchte, schon der Weiber wegen, schimpft seine Mutter auch oft mit ihm. „Denk nicht soviel, an das Berühmtwerden Franz!“, sagt sie dann, „das hält Dich nur von der Arbeit ab!“ Aber der Franz hat gesehen, dass es die Berühmten mit den Weibern viel leichter haben als er, und deswegen lässt er die Mutter schimpfen wie sie mag.
Der Franz ist „guter Dinge“, weil der Herr Bürgermeister, dem er von dem Plan, berühmt zu werden, erzählt hat, und der ja auch berühmt ist, zumindest in dem Ort, in dem Franz wohnt, hat ihm, dem Franz, versprochen, dass er ihm helfen würde beim Berühmtwerden. Aber wenn es nicht bald klappt mit dem Berühmtwerden, wird es sicher nichts mehr, denkt sich Franz. Und auf das Gestorbensein, will Franz auch nicht warten, weil er das Berühmtsein, und vor allem das mit den Weibern nicht mehr so richtig genießen würde können, denkt sich Franz.
Denn sonst hätte er sich längst von einem Lastwagen zusammenführen lassen, weil es so am schnellsten geht mit dem Berühmtwerden. Aber das ist halt auch nicht so einfach.

Nachrichten aus dem Südosten

Dieses Land zu beschreiben, sei keine lohnende Aufgabe, sagte er. Nichts befinde sich in ihm, das der Rede wert sei. Warum also sollte man sich diese ungeheure Arbeit antun. Es würde Jahre dauern, bis ein entsprechender Text vorläge, der auch nur annähernd seinen Erwartungen würde entsprechen können. Zudem würde sich kaum jemand finden, den der Text interessiere. Wen interessiert schon, wie sich das Leben hier gestaltet – am Ende der Welt? Alle diejenigen, die nicht aus dieser Gegend stammen, wollen von den Vorkommnissen hier naturgemäß nichts wissen. Die einzigen, die Interesse an so einem Text  haben könnten, wären die hier Ansässigen, die Einheimischen; aber die lesen wiederum nur die Bezirkszeitung oder das Pfarrblatt.
Niemals aber würden sie eine Geschichte lesen, die dieses Land oder sie selbst beträfe.
Die Menschen hier, denen man aus der Ferne noch etwas Liebenswertes hätte andichten können, sind aus der Nähe betrachtet nicht wert, aus der Nähe betrachtet zu werden, sagt er, weil Verbitterung sich breit gemacht hatte in ihm, dem Menschen der letzten Jahre.
Früher, ja früher war das ganz anders, da hatte er noch Illusionen gehabt. Illusionen von einem besseren Leben in einer ruhigen, ländlichen Idylle. Das Ruhige, Gemäßigte hatte ihn gereizt. Ursprünglich sollte es sein. Nicht so bürgerlich verschroben wie zuhause. Alles nur dem Geld unterzuordnen war ihm immer schon zuwider gewesen. Nein, aufs Land müsse er, selbst sein Gemüse anbauen und Schafe züchten und Schafkäse machen und nur das einfache Leben leben.
Also, auf ins Grenzland, dorthin, wo die Gründe und Häuser noch billig sind, an den Eisernen Vorhang am besten.

Und jetzt haben sie den Eisernen Vorhang demontiert, jetzt – sitzt er da, mit seinen Schafen, die auf seinem Gemüse stehen und weiß nicht mehr weiter, weil alle Ansässigen nicht nur ansässig sind, sondern ihm auch noch aufsässig vorkommen. Aufsässig und dumm. Deswegen will er auch nichts mit ihnen zutun haben. Jetzt nicht und morgen auch nicht und übermorgen schon gar nicht.
Kurzum, der gekaufte Bauernhof ist unverkäuflich geworden, vom Schimmel befallen, die Frau vor Jahren zum Teufel gegangen, und die Kinder machen ihm Vorwürfe, er habe ihnen das Leben versaut. Hier am Land hätten sie keine Chancen, in die Stadt wollen sie zurück und zwar heute noch.
So sperrt er wieder einmal eine Haustür von außen zu, ohne auf Wiedersehen zu sagen. Und ein Immobilienmakler mehr, freut sich auf Ihren Besuch.

Den Text aber, den wird er in der Stadt schreiben.

Franz – eine "Skizze"


Franz glaubt an die Menschlichkeit der Menschen, seit er denken kann. Deswegen geht Franz auch regelmäßig in die Kirche und engagiert sich bei vielen Vereinen im Dorf. Das macht den Franz beliebt im Ort. Franz singt im Gesangsverein die Tenorstimme, die sehr selten ist. Er löscht Feuer mit der Feuerwehr und hat trotzdem noch nie einen Heustadel angezündet. Und auf die Feuerwehrfeste, auf denen er hin und wieder ein Lied singen darf, geht er auch gerne.

Das freut seine Kameraden von der Wehr, denn Franz singt schöne Volkslieder und manchmal spielt er mit seiner Gitarre dazu. Noch lieber aber haben seine Kameraden, wenn Franz ihnen statt der Volkslieder das Lied „Das Tröpferlbad“ vorsingt, das sie sonst nur von Schallplatten oder aus dem Radio kennen. „Das Tröpferlbad“, von dem nur Eingeweihte wissen, welch segensreiche Einrichtung das war, welchen Zweck es hatte, bei dem sie alle immer Lachen müssen, ist auch das Lieblingslied von Franzens Ehefrau, die ihn, weil sie Eva heißt, immer an das Paradies erinnert, das nun für immer verloren ist, wie der Herr Pfarrer bei der Heiligen Messe zu Ostern gesagt hat. Franz ist mit seiner Eva nun schon seit über dreißig Jahren verheiratet und deswegen möchte sich Franz auch nicht scheiden lassen. Sobald Franz in Gesellschaft und die Stunde fortgeschritten ist, bittet Eva „ihren“ Franz, die Gitarre zur Hand zu nehmen und „Das Tröpferlbad“ zu bringen.
Eva spricht, wenn sie von Franz spricht, immer nur von „ihrem“ Franz, so als hätte sie den Franz gekauft auf dem Jahrmarkt oder im Supermarkt oder im Einkaufszentrum, wohin sie gerne geht. Franz fühlt sich auch ganz als „ihr“ Franz und wenn Eva sagt, überraschend oder nicht, „spuck`s aus!“, dann spuckt Franz auch sofort seinen abgekauten Kaugummi – oder was er sonst halt gerade im Mund hat – aus. Das hat Franz bereits von seiner Mutter gelernt. Als Kind hat er sich immer gefürchtet, wenn die Mutter in lieblich scharfem Ton „spuck`s aus!“ gesagt hat. Er wusste, dass es darauf ankam, sofort zu tun, was befohlen war und dass das alles nur zu seinem Besten sein konnte. Und so macht er das bei Eva auch.
Wenn Franz „Das Tröpferlbad“ vorsingen soll, muss sich der Franz, das verlangt seine ihm gutbekannte innere Stimme, die oft zu ihm spricht, anfangs etwas sträuben und sich fest zureden lassen von Eva und den anderen, die ihn dann erwartungsvoll anblicken, bevor er sich dann doch dazu hinreißen lässt, es ihnen vorzusingen. Dann aber singt er es doch immer gerne, obwohl er ein paar Zeilen des Textes vergessen hat, was niemand der Zuhörer merkt, weil sie das Lied gar nicht anders kennen und Franz so tut, als ob es diese Zeilen im Lied gar nicht gäbe, nie gegeben habe.
Franz hat Übung darin, so zu tun, als ob es etwas, was es gibt, gar nicht gäbe. In diesem Fall ist das auch ganz einfach, einfacher jedenfalls als sich das zu merken, was er immer vergisst. Gott-sei-Dank, sagt Franz, kann der Mensch vergessen, und wird deswegen von seiner Frau für sehr gescheit gehalten.
Franz ist, wie auch alle anderen, dorf-katholisch. Das hilft. Schon als Kind hat sich Franz immer ausgemalt, wie es wäre, würde er Gott vorgestellt und müsse ihm die Hand geben und, weil Gott etwas ganz „Hohes“ ist, wird man bei ihm wohl eine tiefe Verbeugung machen müssen, was sein Vater immer einen „tiefen Diener machen“ genannt hat. Wie bei den Hofräten, die obwohl es schon lange keinen „Hof“ mehr gibt, immer noch in den Ministerien und den Landesregierungen sitzen und dort die Geschicke des Landes zu leiten glauben. Franz hat früh gelernt schöne tiefe „Diener“ zu machen, weil ihn sein Vater das oft hat üben lassen. Die rechte Hand muss man geben, auch das weiß Franz, die Augen zu Boden gerichtet und einen „schönen Diener“ machen, das macht man als braver Bub, hatte sein Vater ihm immer gesagt.
Franzens Eltern waren natürlich auch katholisch, nicht sehr, aber doch, wie der „Herr Karl“ halt, der heute der unbeliebteste Österreicher ist, weil sich jeder in ihm wiedererkennt. Dennoch hat der Pepperl, der damals in der Volksschulzeit sein Freund war, einmal zu ihm gesagt: „Deine Eltern sind ja erzkatholisch!“. Was seine Eltern und das Katholische mit dem Erz zu tun hätten, sei ihm damals nicht klar geworden. Vielleicht hat ihn sein Freund, der Pepperl, der eigentlich Johann hieß, ja auch bloß ärgern wollen damit. Vielleicht glaubte der Pepperl auch, sie wären aus dem Erzgebirge eingewandert, so wie die Nachbarn auf der anderen Straßenseite. Der Pepperl hatte es überhaupt mit dem Wort „Erz“. Er verwendete es gerne. Sein Vater, sagte der Pepperl, hätte gesagt, sie selbst seien keine „Katholen“ sondern „Erzrote“. Erzrot und erzkatholisch vertrage sich aber nicht. Er solle sich doch einen anderen – roten – Freund suchen. Franz und Pepperl haben sich aber meistens ganz gut vertragen. Erzrot zu sein, stellte sich Franz ganz schön vor, weil er dabei immer an die sommerlichen Sonnenuntergänge denken musste.
Die Eltern Pepperls, denen man gar nicht ansah, dass sie erzrot waren, wohnten in einem kleinen eigenen Haus, aber ein wirkliches Haus, so wie das von Franzens erzkatholischen Eltern, war es nicht, weil es ja viel kleiner war.
Genaugenommen hatten Franzens Eltern aber gar kein Haus, weil das Haus, in dem sie wohnten, Franzens Großmutter gehörte. Man musste sie deswegen auch „Hausfrau“ nennen. Sie kassierte von Franzens Mutter, die ihre Tochter war, monatlich einen Zins, der in das Zinsbuch eingetragen wurde, als Beweis. Gratis gibt es nichts auf der Welt.
Großmutters Ehemann, Franzens Großvater, hatte ihr als Altersvorsorge ein Zinshaus gebaut. Für den Fall seines Todes, sollte sie sich keine Sorgen zu machen brauchen. Dieser trat später auch wirklich ein. Die Großmutter ließ ihm dafür einen Grabstein aufstellen auf dem sein Name, sein Geburts- und Sterbedatum und unterhalb mit goldenen Buchstaben „Wagnermeister und „Hausbesitzer“ zu lesen steht. Franzens Großvater ging davon aus, dass ein Haus eine bombensichere Einnahmequelle für die Zukunft sei. Wie sich im Jahr vierundvierzig herausstellte, war das Haus gar nicht bombensicher. Die Brandbomben, die die „Tommys“, wie Franzens Vater die Engländer nannte, abwarfen, ließen es nicht unbeschädigt, sondern bis auf die Grundmauern abbrennen.
Franzens Vater, der im Krieg Franzens Mutter geheiratet hatte, hatte dann alle Hände voll zu tun, die Bombenschäden zu beheben. Dank hat er dafür keinen gehabt. „Ich tu das alles sowieso nur für dich!“ hatte er zu Franz immer gesagt, wenn er wiedereinmal bei der schweren Arbeit seine Bombensplitter unter der Schädeldecke spürte. Für Franzens Großmutter war und blieb er immer ein „Habenichts“, was sie ihrer Tochter, Franzens Mutter, auch oft gesagt hat. Obwohl immer wenig Geld im Haus war, brauchte Franz nie zu hungern. Weil sie sparsame Leute waren, holte sich Franzens Vater aus einer sechzig Kilometer entfernten Kohlengrube mit einem Schubkarren selbstgebrochene Braunkohle zum Heizen, mit dem Ersparten kaufte man Lebensmittel.
Großmutter hatte immer Geld und verlieh es an fremde Leute gegen Zinsen. Franzens Vater, hatte es im Laufe der Nachkriegszeit sogar zum Kanzleileiter in der Landesregierung gebracht, arbeitete nebenbei aber als Polierer in einer Schlosserwerkstätte in der Gepäckträger für Motorroller und Autos erzeugt wurden. Wenn er spätabends nach Hause kam, sah er immer aus wie ein Rauchfangkehrer, schwarz im Gesicht und an den Händen, weil er über und über mit öligem Staub bedeckt war. Staub, der entstand, wenn das zu polierende Metall von seinen Händen an die mit Inlettfett bestrichene rotierende Fetzenscheibe gepresst und so zu Hochglanz gebracht wurde. Wenn Franzens Vater über und über mit öligem Ruß bedeckt, zum Spaß seine Augen weit aufriss, sah er aus wie ein „Neger“, was man heute nicht mehr sagen darf, weil das eine Diskriminierung ist.
Franz hat als Kind nur einmal einen „Neger“ gesehen, als er mit seiner Mutter in die Stadt zum Einkaufen gefahren war. Diesen hatte man an den Geschäftseingang gestellt, weil das eine Attraktion war zur damaligen Zeit. Heute noch gibt es in der Stadt den „Gummi-Neger“ bei dem man ganz spezielle Gummi- und Schaumstoffartikel kaufen kann. Ob man überlegt, das Geschäft in „Gummi-Schwarzer“ umzutaufen, weiß Franz nicht, wohl aber, dass der Inhaber des Geschäfts auf den Firmennamen sehr stolz ist. Der Schwarze, der am Eingang stand, war auch nicht wirklich schwarz, dafür trug er eine grell rote Uniform und wenn er die eintretenden Kunden begrüßte, lächelte er freundlich, die Kinder bekamen ein Bonbon und fürchteten sich gar nicht.

Franzens Vater hatte auch lange eine Uniform getragen, seit dem Krieg trug er keine mehr, jetzt wäre  er nur mehr äußerlich schmutzig, was man abwaschen konnte, sagte Franzens Vater. Badezimmer hatten Franzens Eltern keines. Man wusch sich in „einer Lavoir“ in der Wohnküche, währenddessen Franz immer hinausgeschickt wurde.
Einmal pro Woche aber wusch man sich in der Waschküche im Keller. In einem eigens dafür konstruierten Ofen erwärmte man einen großen Zuber Wasser, was den ganzen Raum in warmen Wasserdampf hüllte, ähnlich wie es Franz später in den Wohlfühloasen von Wellness-Bädern oder in den Thermenwelten südsteirischer Provenienz kennenlernen sollte.
Wenn sich die Frauen in der Waschküche wuschen, ging Franz manchmal „spechteln“. Vor allem dann, wenn Frau Hobig aus dem ersten Stock dran war, weil sie die größten Brüste hatte und weil es ihr nichts auszumachen schien, wenn man ihr beim Waschen zusah, weil das alles menschlich und alles menschliche ihr nicht fremd sei. Wenn Franz zu frech wurde, hängte sie ein Handtuch vor das kleine Kellerfenster. Immer dann verlor der Franz seinen Glauben an die Menschlichkeit.
Menschlichkeit ist etwas fürchterliches, sagt der Franz und niemand will es ihm glauben. Nicht einmal seine Eva, obwohl sie seine Frau ist und ihm sonst vieles glaubt, weil das, so sagt sie, die Grundlage einer guten Ehe ist, dass man sich gegenseitig glaubt. Franz glaubt nicht, auch dann nicht, wenn ihm sein Freund der Religionslehrer, der ein Faible für Schamanen und okkulte Phänomene hat, erzählt, dass die einfachsten Menschen über die größte Weisheit verfügen würden und nur die armen im Geiste selig wären. Immer muss er daran denken, dass es bei ihnen zu Hause geheißen hat, nur einer könne auf dem Hof anschaffen, die anderen hätten zu gehorchen, hätten das Maul zu halten und „Diener“ zu machen und dass es im Kleinen so wäre wie im Großen und dass auch das alles menschlich sei.

Präsidentendilemma

wer hätte damals
gedacht
dass die guten
einmal die bösen
und die bösen
einmal die guten
sein werden

wo
es doch neben diesen
noch die guten bösen
und die bösen guten
gab

wen wundert’s
wenn sich heute

die guten
und
die bösen

und die guten bösen
und die bösen guten

selbst

nicht mehr auseinanderhalten können
nach all den jahren
unter einer
gemeinsamen decke

Mangold füttert Enten

Immer…..
dann, wenn Mangold die Abendnachrichten sah, wünschte er sich sogleich eine Existenz als Revolutionär führen zu können. Die Existenz eines Revolutionärs stellte sich Mangold revolutionär vor. Und wenn es schon keine revolutionäre Existenz sein könne, die er sich nicht nur revolutionär, sondern auch sehr romantisch und verwegen vorstellte, so wollte er doch wenigstens ein Spion, wenigstens ein Scharfschütze mit einem Scharfschützengewehr, besser noch ein besonders kaltblütiger Mörder werden. Einer von denen, die immer unerkannt bleiben, weil sie alle Attentate, alle Morde immer wahnsinnig schlau ausführen. Einer von denen wollte er sein, die der Polizei und den Abwehrdiensten immer einen kleinen Schritt voraus waren. So wie er es im Film gesehen hatte, dessen Titel ihm aber nicht im Gedächtnis geblieben war. Auch die Hauptdarsteller waren ihm nur noch schemenhaft in Erinnerung geblieben, obwohl der Film insgesamt tiefe Furchen in seine Gehirnwindungen gegraben hatte, gesamtheitlich gesehen. Gesamtheitlich gesehen, weil heute, dass weiß Mangold, muss man alles gesamtheitlich sehen, war der Film ein Donnerschlag gewesen, obwohl er sich, wenn er sich zu erinnern versuchte, an Einzelheiten überhaupt nicht erinnern konnte.
Ganz anderes als die unzählbaren Krimiserien der Haupt-Abend-Programme des staatlichen Monopolsenders, die ihn nie sonderlich berührten, war durch diesen einen außerordentlichen Film, eine lang andauernde, unerklärliche Wirkung in ihm entfacht worden. Eine wundersame Sehnsucht nach einem gefährlichen Leben, nach einem Spiel außerhalb der Regularität, hatte von ihm Besitz ergriffen. So wie andere Menschen vielleicht Sehnsucht nach einem unschuldigen, von allen Lasten des Lebenskampfes befreiten Leben auf einer Südseeinsel empfinden, so empfand er Mangold Sehnsucht nach dem Bösen.
Dieser Wunsch aber blieb Mangolds Geheimnis. Tief in seinem Inneren, hielt er ihn verborgen, weil er glaubte, dass, so die Menschen davon Kenntnis erlangten, sie ihn als einen unbestritten abstrusen Wunsch bezeichnen würden. Er glaubte, dass dieser Wunsch an der Kenntnis der anderen zugrunde gehen könnte. Dieser, sein Wunsch also, stand, das war Mangold bewusst, in diametralem Gegensatz zu seiner sonstigen Haltung.  Normalerweise, also bis zu den täglichen Abendnachrichten, hasste Mangold Schusswaffen (eigentlich). Eigentlich, muss man in diesem Fall sagen. Eigentlich hasste Mangold Schusswaffen. Was soviel heißt, wie, dass Mangold sie – die Schusswaffen – eigentlich liebte, sich diese Liebe aber nicht eingestand, …eigentlich.
Leute, die sich mit Schusswaffen beschäftigen, sie sammeln, sie hegen und pflegen und dabei vorgeben, dass es sich  dabei nur um eine harmlose Liebhaberei handle, eine reine Liebhaberei also, gehörten psychiatrisiert, meinte Mangold, wenn er seine Meinung nach außen hin kundtat, was selten vorkam.
Nicht deswegen, weil sich Menschen ohne ersichtlichen Grund, in einem sicheren Land, in dem keine Gefahr für Leib und Leben bestand, frei von Bürgerkriegen, zumindest seit Jahrzehnten, so gerne mit Schusswaffen beschäftigen, sollte man sie einer geistesärtzlichen Untersuchung unterziehen, sondern deswegen, weil sie den Unterschied zu anderen Formen von Sammel-Liebhabereien nicht zu erkennen imstande seien. Allein, dass sie ihre Leidenschaft, mit der Beschäftigung eines  Philatelisten, auch hier handelt es sich natürlich um eine Liebhaberei oder denen der Bücherliebhaber, Sammler von Kaffeetassen oder einer kleingärtnerischen Beziehung zu Gartenzwergen, die realiter meist Liebhaberinnen sind, vergleichen, müsste jedermann – vor allem aber die amtlichen Behörden – stutzig machen. Da die mit der Prüfung der Sachlage betrauten Beamten aber selbst vom selben oder zumindest ähnlichen, geistigen Defekten heimgesucht sind, wie ihre Klientel, die zu untersuchen, sie verpflichtet wären, sind sie außerstande diesen offen zu Tage liegenden Defekt, zu erkennen.
Solche Leute sollte man einer Zwangstherapie unterziehen, sagte Mangold immer, wenn die Rede darauf kam. Meistens zog Mangold es aber vor, mit niemandem darüber zu sprechen. Sein Wunsch, dass wusste Mangold, würde die meisten anderen Menschen hochgradig verstören und ihn noch weiter  ins gesellschaftliche Abseits drängen, als es ohnehin schon der Fall war. Wer, außer ihm, würde schon dafür sein, diese Menschen in eine Anstalt zu sperren, aus Sicherheitsgründen, wie Mangold es tun würde, ohne dass man ihnen, eine Absicht zu irgendetwas Schädlichem nachweisen würde können. Und nur auf die Absicht kommt es schließlich an, sagte Mangold. Einzig und allein die Absicht ist es, die eine Tat zu einer Tat macht, alles andere sei bloße Handlung, sagt Mangold. Die Absicht der Ausführung adelt den Erfolg. Alles andere sei Zufall und wenig bestrafenswert. Und um Bestrafung ginge es letztlich, um den Wunsch nach Bestrafung und den Wunsch zu töten. Wen oder was auch immer, es musste nachher tot sein, leblos auf dem Boden des Waldes, auf dem Asphalt oder auch auf einem Küchenboden einer Volksausspeisungsküche eines Rotkreuzzeltes irgendwo in den Bergen zwischen Israel und Ägypten oder dem Zweistromland vor tausenden von Jahren. Zeit spielt keine Rolle, sagt Mangold. Denn
Schusswaffen haben nur einen Wunsch, sie wollen töten, sagt Mangold. Wer sie, die Waffen, die immer ein Eigenleben entwickeln, nicht töten lassen will, der braucht auch keine Schusswaffen. Schusswaffen sollten das tun, wofür sie gedacht sind. Sie sollten töten. Das ist ihre natürliche, ihre gottgewollte  Bestimmung. Mangold war überzeugt, dass jede Bestimmung gottgewollt sei. Andere Arten von Bestimmung lagen außerhalb jeder Denkmöglichkeit.
Jede Waffe erzeugt ihr Eigenleben. Menschen haben keine Seele, sagt Mangold. Nur Waffen haben eine Seele.
Und Waffen denken. In jedem Regelkreis, so auch  in elektronischen, gibt es Widerstände, sagt sich Mangold, und Widerstände führen hin und wieder zu Fehlschaltungen, zu Fehlurteilen und Misständen und Missstände bringen wieder unberechenbare Ereignisse mit sich, sie, werden geradezu unwiderstehlich von diesen Fehlschaltungen angezogen, die ihrerseits dann wieder zu weiteren Missständen und weiteren Fehlschaltungen führen, bis der gesamte Schaltkreis zusammenbricht, hörte Mangold in der Ferne eine Stimme sagen.
Jemand, der eine absolute Abneigung gegen das Fernsehen in sich hegt, würde sich auch keinen Fernseher kaufen, meinte Mangold. Es wäre in höchstem Maße unlogisch. „Kommen Sie  mir nicht mit Logik!“ sagte Mangold, zu sich.
Nach solchen Denkanfällen, wünschte Mangold er könne alles hinter sich lassen, und wenn das schon nicht möglich sei, so sollte man ihm wenigstens ermöglichen, endlich seinen wohlverdienten Urlaub antreten zu dürfen.
Andererseits dachte Mangold, würde er nie wie ein Scharfschütze schießen können, ohne ausgiebig zu üben. Und dazu – ob er nun wolle oder nicht – wäre es unabdingbar notwendig, seine Abneigung gegen Schusswaffen zu überwinden, dachte Mangold. Man muss sich überwinden, dachte er, und er dachte auch daran, dass er sich schon oft hatte überwinden müssen. Er würde selbstverständlich dazu in der Lage sein, einen Menschen kaltblütig zu erschießen, das wusste Mangold. Aber eigentlich müsste man die Sache vorher einmal ohne Emotionen durchdenken. Man müsse eben dabei ganz sachlich bleiben, dann würde es schon gehen, meinte Mangold.  Der größte Gegner, säße immer in sich selbst, meinte Mangold. Mangold würde diesem Gegner gegebenenfalls, so es unabdingbar notwendig wäre, „in die Fresse hauen“, wenn er ein Deutscher wäre. So aber sagt Mangold, der kein echter Wiener ist, dass er sich am liebsten selbst „eine auflegen“ würde. So, dass ihm, seinem Gegner in sich, das Blut gleich so aus der Nase spritze und ihm ein „blaues Äugerl“ aufgehe wie ein Krapfen.
Bei allem, was Mangold tut, muss Mangold besser sein, als es Mangold ist. Mangold muss schneller schwimmen als Mangold und wenn Mangold untertaucht, zwingt er sich, länger unter Wasser zu bleiben, als es Mangold aushalten kann. Dann, und nur dann, ist Mangold mit sich zufrieden.
Wenn ihm andere Schwimmer entgegen kommen, hört Mangold meistens eine Stimme, die oft der Stimme seiner Mutter ähnlich ist, die ihm sagt, dass sich das nicht gehöre, dass es sozusagen ungehörig sei, ihm entgegen zu schwimmen. Dann drückt Mangold, den ihm entgegenkommenden Schwimmer einfach unter Wasser, solange bis kleine Luftbläschen aufsteigen und freut sich, wenn die Luftbläschen aufzusteigen aufhören. Das hätte seine Mutter auch immer so gemacht, sagt Mangold. Hin und wieder sieht Mangold den Schwimmern unter Wasser zu, wenn sie ihn mit großen Augen ansehen, dann versucht er, tief hinter ihre rotgeränderten Lider zu blicken, ihre Gedanken zu lesen. „Sprechen Sie deutsch?“, fragt Mangold.
Vielleicht wäre französisch doch besser gewesen? Sprechen Schwimmer vielleicht nur französisch?
Bevor Mangold den Gedanken beenden kann, sticht er mit seinem Tauchermesser in eines der beiden blutunterlaufenen Augen, das auf der Stelle erblindet.
Wohin der Schwimmer zu schwimmen beabsichtigt, konnte Mangold nicht in Erfahrung bringen. Mangold ist irritiert. Vielleicht Holland? Das könnte die Lösung sein, der Schwimmer spricht holländisch. Obwohl, holländisch ist keine Sprache, das ist ein Zustand, sagte Mangold. Außerdem leben wir jetzt in der EU, da sind Nationalitäten ja nicht mehr so wichtig. Auf das Geld kommt es an, sagt Mangold, nur auf das Geld. 
Wir sitzen alle auf derselben Bank, sagte Mangold noch, bevor er aufstand und ein paar Schritte weiterging, in den Park hinein, um nun endlich die  Enten zu füttern.

Das Irrenhaus des Franco Basaglia

Nach einer schlaflosen Nacht, wollten sie mit dem Pferd hinaus.
Aber das Pferd konnte  nicht hinaus, denn da waren diese internierten Studenten.  So sehr es auch vorne in die Höhe stieg und mit den Vorderbeinen schlug, es half nichts.
Um hinaus zu können, muss immer eine Mauer eingerissen werden.
Auch Franco Basaglia hatte eine Mauer eingerissen und dann  erst seine Görzer Periode beendet.
Er hätte den reinen Blick eines Kindes, sagten sie. Wir schauten da und dort nach. Er aber war ganz verzweifelt. Er stellte sich stets dieselbe Frage: Warum?
Das Einzige, was helfen könnte,wäre eine erbarmungslose Analyse. Doch auch erbarmungslose Analysen helfen nicht immer weiter. Wenn die Pferde scheuen und alle Mauern eingerissen sind, was dann?
Dann zeigt das Gesicht
sich  auf einem tieferen Gesicht. Öffne mir die Träume, sagt es  Am Rand liegen die Fehler, sagt es.
Das Gefühl erkannte wiedereinmal zuerst, dass es sich um eine gerechte Sache handelt.
Es sei Teil seines politischen Seins, sagte er. Und sie verstanden ihn nicht. Wie so oft, dachte er. Er ging in die Via Gambini. Die Erinnerung an eine Frau, die sich aus dem Fenster stürzt  und Übelkeit überkommt ihn.
Man muss stark sein, um nicht in Frage gestellt zu werden.
Dann ging das Pferd doch noch in die Stadt hinaus und es entstand ein Demonstrationszug, der bis zur Piazza Unita reichte.
Ein Raum der Reduktion war geschaffen oder war das nur ein Übergang, eine  Gebärmuttergeschichte?  Momente der Anspielung klingen an. Ein Zug aus lauter armen Schluckern.
Die Basis ist in vielen Fällen eine Identitätskrise. Autobahnen schaffen Verkehr; dem immensen Verkehr hält man asketische Aufzeichnungen entgegen. Alles ändert sich eben, man muss nach vorne schauen, erklärt man ihm.
Und – der Verkehr verkehrte plötzlich verkehrt.
Basaglia hat das Irrenhaus zerstört.

Franco Basaglia (* 11. März 1924 in Venedig; † 29. August 1980 ebenda) war ein italienischer Psychiater. Basaglia machte die katastrophalen Zustände in den italienischen „Irrenanstalten“ bekannt und erreichte 1978 deren Schließung.