Große Gesellschaften sind gefährlich?

Große Gesellschaften sind gefährlich?

 

Buchbesprechung: Leopold Kohr, „Das Ende der Großen“, Zurück zum menschlichen Maß, Otto Müller Verlag, 4.Auflage, Salzburg-Wien, 2017

Kohr vertritt die Ansicht, dass alle Gesellschaften, die ein bestimmtes Maß von Größe und Dichte überschreiten zu „gefährlichen Gesellschaften“ werden.
Bei allen Sympathien, die ich sonst Kohrs Vorliebe für kleine Einheiten entgegenbringe, scheint mir diesmal sein theoretischer Bogen etwas „überspannt“.

Einige aussagekräftige Zitate seien an den Beginn gestellt:

„Eine übervölkerte Gesellschaft ist daher sogar in einem Stadium relativer Ruhe voll von inhärenten Gefahren.“ (75)

Dies geschieht nicht, weil größere Städte proportional mehr schlechte Menschen beherbergen als kleinere, sondern weil ab einem gewissen Punkt die soziale Größe selbst zum hauptsächlichen Kriminellen wird. Es gibt auf der ganzen Welt keine Menschenmenge, die sich nicht im Nu in ein Wolfsrudel verwandeln könnte, so heilig ihre ursprünglichen Absichten auch waren.“ (76)

„Wie die Gesellschaft und mit ihr die Macht wächst, so wächst auch ihr korrumpierender Einfluß auf den Geist.“ (77)

Kritische Größe – Dichte und Geschwindigkeit

„Im Einschätzen der kritischen Größe einer Gesellschaft ist es jedoch nicht ausreichend, nur im Sinne der Größe ihrer Bevölkerung zu denken. Ihre Dichte (die Beziehung der Bevölkerung zum geografischen Areal) und die Geschwindikeit (die Widerspiegelung des Ausmaßes ihrer zu verwaltenden Organisationen und ihres technisches(n) Fortschrittes) müssen ebenso ins Kalkül gezogen werden.“ (81)

„Wenn also kritische Macht die direkte Ursache sozialer Bösartigkeit ist, dann können wir sagen, daß kritische soziale Größe, der Urboden für das Anwachsen kritischer Macht, ihre letztendliche primäre Ursache ist. (81)

„Die prinzipielle Ursache regelmäßig wiederkehrender Ausbrüche von Massenkriminalität und der damit verbundenen moralischen Abstumpfung selbst innerhalb großer Teile der zivilisierten Gesellschaften liegt anscheinend nicht in einer falschen Führung oder in einer korrupten Philosophie, sondern in einem rein physischen Element. Dieses Element ist mit Anhäufung und Anzahl verknüpft, die eine intensivierende Wirkung ausüben…[…] (S.80)

„Wir müssen die Größe von Gemeinschaften wie jener von Chicago auslöschen.“ (83)

„Ist nämlich sozial erzeugte Brutalität (auf individueller oder auf Massen-Ebene) meist nichts anderes als das spontane Resultat des kritischen Volumens der Macht,das immer erzeugt wird, wenn die menschliche Masse eine gewisse Größe erreicht hat, […] (82)

Davon, dass man Kriminalität durch einen verstärkten Sicherheitsapparat durch Ausbau von Überwachungsinstrumenten beherrschen könne, davon hält Kohr wenig.

In großen [ sozialen Einheiten] ist dies allerdings schwierig und gefährlich. Schwierig, weil die Geschichte gelehrt hat, daß soziale Kettenreaktionen in massiven Gesellschaften ganz unerwartet einen Grad erreichen können, der von keiner Polizei der Welt eingedämmt werden kann.“ (82)

Das alles klingt nicht unplausibel. Die Zweifel wachsen aber, wenn man seine These mit der objektiven Daten der Wirklichkeit vergleicht.

Der Spiegel online, vom 2.1.2017 schreibt:

„Im vergangenen Jahr sind in Chicago so viele Menschen umgebracht worden wie seit fast 20 Jahren nicht. Mehrere Medien berichteten unter Berufung auf Polizeistatistiken, es habe 2016 insgesamt 762 Morde in der Stadt gegeben. Das entspricht einem Anstieg von fast 60 Prozent, verglichen mit 2015. (Einwohner 2014 und 2015 ca, 2,7 Millionen, diese Zahl ist seit 2010 etwa konstant)“

Wie würde wohl Kohr diesen Anstieg mit seiner Theorie erklären?

„In Chicago werden jedes Jahr mehr Menschen getötet als in New York und Los Angeles zusammen, obwohl jede der anderen beiden Städte mehr Einwohner hat als Chicago mit seinen 2,7 Millionen Menschen.“

Anmerkung:

„Die Arbeitslosigkeit unter den Afro-Amerikanern in Chicago liegt bei 14,2 Prozent – das ist fast doppelt so hoch wie der landesweite Durchschnitt von rund acht Prozent für diese Bevölkerungsgruppe. Und auch dieser ist weit höher als die allgemeine US-Arbeitslosenrate von derzeit 4,9 Prozent.“

„Gleichzeitig wächst bei vielen Beamten der Frust. Wegen fehlender gesetzlicher Grundlagen könnten Verdächtige bei illegalem Waffenbesitz lediglich wenige Tage festgehalten werden, klagen sie. (Der Tagesspiegel)“

Ein Vergleich:

Singapur (5,5 Millionen Einwohner, doppelt so viele wie Chicago) hatte 2015 eine Mordrate von 0,2 pro 100.000 Einwohnern. – hochgerechnet auf 2.7 Millionen Menschen ergäbe das insgesamt 5,4 Morde pro Jahr

Buenos Aires: Mordrate von 6 pro 100.000 Einwohnern, hochgerechnet auf 2. 7 Mill. – 162 Morde pro Jahr

Auch der Vergleich zwischen Wien und Graz würde Kohrs These nicht bestätigen

Einwohnerzahl Wien 2017 1,7 Mill., 20 Morde, 1.2 pro 100.000 Einwohner (Wien hat mehr als 6 mal so viele Einwohner wie Graz.)

Einwohneranzahl Graz 2017: 282.000, 9 Morde (um 5 mehr als 2016) = 3 pro 100.000 Einwohner (Ausreißer) bei einem Schnitt von 5 = 1,77 pro 100.000 Einwohner

Der Befund Kohrs und sein Hinweis auf die „kritische Größe“ scheint sich durch diese Statistik jedenfalls nicht (so ohneweiteres) bestätigen zu lassen.

Die Ansicht, dass es Völker gäbe, die eher zu Kriminalität neigen als andere, wird als tragfähige Theorie heute auch kaum mehr in Frage kommen.

Aber auch eine Theorie zu kreieren, die die „soziale Verelendung“ in Form von aggressiver Kriminalität monokausal auf die Größe und Dichte eines Gemeinwesens zurückzuführen versucht, scheint wie sich zeigt wenig ergiebig.

Man wird aber doch davon ausgehen können, dass für kriminelles abweichendes Verhalten bis zu einem gewissen Grad (eine Zahl zu nennen, wäre unseriös) auch „genetische Dispositionen“ eine Rolle spielen könnten. „Affekte“ werden nicht in jedem Menschen gleichstark zur Oberfläche drängen;  und auch die sozial erlernte Fähigkeit, sie im Zaum zu halten, wird von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark erlernbar sein oder auch erlernt worden sein. Zum überwiegenden Teil aber wird sich die Frage, warum jemand kriminell wurde, auf auf einen vielfältigen Mix von genetisch bedingten und sozial bedingten Faktoren zurückführen lassen.

Man kann davon ausgehen, dass in jedem Menschen Aggressivität und Gewaltimpulse oder Impulse zu sozial abweichendem Verhalten grundgelegt sind. Die Frage, welche Faktoren dazu führen, dass Menschen in manchen Gesellschaften besser als andere in der Lage sind, diese Impulse erfolgreich zu kontrollieren, bleibt – wenn man nicht bereit ist, Kohr zu folgen, leider unbeantwortet.

Leopold Kohrs Versuch, es den Naturwissenschaften gleichzutun und abweichendes menschliches Verhalten mit einem einzigen allgemeingültigen „Gesetz“ zu erklären, scheint mir nicht zielführend.

Vielleicht sollte man das Augenmerk solcher Untersuchungen darüberhinaus auch darauf richten, wie groß Täter die Chancen in den einzelnen Städten einschätzen, Verbrechen nicht nur erfolgreich auszuführen, sondern auch nach der Tat unentdeckt zu bleiben. Vielleicht sagen objektive Größen wie „Stärke des Sicherheitsapparates, die Aufklärungsquote und die Höhe der Strafandrohung doch mehr aus, als die Größe und Dichte einer Stadt?

Andere Autoren führen diese Erscheinungen, die Kohr unter dem Stichwort „soziale Verelendung“ führt, auf die „Ungleichverteilung von Einkommen und Eigentum“ zurück. Darauf soll hier aber nur mit einer abschließenden Randbemerkung eingegangen werden.

Welche Rolle spielt die Ungleichheit?

„In Japan besitzen die reichsten 20 Prozent nur knapp vier Mal so viel wie die ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung.“

Für Japan wird ein signifikanter Rückgang von Gewaltdelikten festgestellt. Im Jahr 1954 wurden noch 3081 Mordfälle gezählt.
Für 2017 hingegen nur mehr 896 Fälle.  Die Bevölkerungszahl ist zwar in den letzten Jahren rückläufig, dennoch kann man im 20. Jahrhundert von einer Bevölkerungsexplosion sprechen.

Einwohnerzahl Japan: 1960: 92,5 Mio. ; 2010 127 Mio. Einwohner

„In 896 Fällen handelt es sich um Mord oder versuchten Mord. Es ist erst das dritte Mal seit Kriegsende, dass diese Zahl unter die Schwelle von 1000 gefallen ist. In einem Land mit knapp 127 Millionen Ein- wohnern ist dies eine fast verschwindend kleine Zahl, auch wenn das japanische Fernsehen in seinen Nachrichten-sendungen gerne ein anderes Bild zeichnet.“ (asienspiegel, Jänner 2017)

„In Singapur und in den USA verdienen die reichsten 20 Prozent rund neunmal so viel wie die ämsten 20 Prozent.“
Dennoch unterscheiden sich die Kriminalstatistiken der USA und die von Singapur signifikant. In Singapur herrscht eklatante Ungleichheit, bei geringer Kriminalität, eine noch geringere als in Japan, in den USA eklatante Ungleichheit bei extrem hoher Kriminalität

(Vgl. Richard Wilkinson und Kate Pickett, Gleichheit ist Glück, Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. 3.Auflage, Tolkemitt Verlag, Berlin 2009)

„Ungleichheit“ bietet also als Erklärungsfaktor auch nicht ausreichend Potenzial.

Bezüglich seiner „mikro-soziologischen Erklärungskraft“ bin ich zugegebenermaßen etwas enttäuscht; man wird sehen, was das Buch in Hinblick auf die „makro-soziologische Ebene“ noch zu bieten hat. Einstweilen gilt:

„Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zu vor!“

3 Gedanken zu „Große Gesellschaften sind gefährlich?

    1. Die Statistiken im Text stammen nicht von Kohr, sondern wurden von mir – rein Willkürlich nach dem Zufallsprinzip – ausgewählt, um an „Einzelfällen“ zu zeigen, dass seine Schlussfolgerungen Schwachstellen aufweisen. Ich denke ja, dass seine Gedanken, so sehr sie auf größere soziale Einheiten zutreffen mögen ( ich teile seine Ansicht, dass kleinere Staaten, Regionen besser wären als große, machtpolitisch – vor allem aber „verwaltungstechnisch“) sein Schlussfolgerungen hinsichtlich des „Gewaltpotenzials“ von kleineren Einheiten (Städte) und Individuen teile ich nicht. Ich hoffe, dass mein Text in dieser Hinsicht keine Zweifel offen ließ.

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