„Geisterstunde“

„Geisterstunde“

Liessmann

„Das aktuelle Glücksversprechen der Bildung ist ein falsches, weil es dabei weder um Bildung noch um Glück geht. Es geht, wenn überhaupt, um Abrichtung, Anpassung, Zufriedenheit durch Konsum. Was heute unter dem Titel Bildung firmiert, was von Bildungsjournalisten propagiert, was von Bildungsexperten verkündet, was von Bildungsforschern  behauptet, was von Bildungspolitikern durchgesetzt, was an Schulen und Universitäten beworben wird, ist deren Gegenteil und Karikatur, eine Phrase, eine Schimäre, eine einzige riesige Sprechblase, ein Gespenst, das nicht um Mitternacht, sondern zur besten Unterrichtszeit sein Unwesen treibt: Geisterstunde!“ 

 

Beginnt doch vielversprechend! Oder?

Der „Rote Faden“ anhand einiger Zitate:

 

„In Wirklichkeit gibt PISA durch die Konstruktionen seiner Tests einen geheimen Lehrplan vor, der eine Norm darstellt, an der sich Bildungsbemühungen auszurichten haben.“ (14)

 „…[…] Bildungseinrichtungen brauchen aktuell deshalb nicht mehr, sondern weniger Reformen, und auch wenn es paradox klingen mag, sollte generell bedacht werden: In einer sich – angeblich- rasch verändernden Gesellschaft benötigen Bildungssysteme Entschleunigung, nicht Hektik, Besonnenheit, nicht Tempo, Stabilität, nicht permanenten Wandel, Sicherheit, nicht medialen und politischen Dauerbeschuss.“ (29)

 „Bei allen inhaltlichen Differenzen und Widersprüchen: Es gibt einige markante Grundüberzeugungen, die die Bildungsexperten unserer Tage teilen. Fast alle sind gute Rousseauisten, das heißt, sie sind überzeugt davon, dass Neugeborene, Babys und Kleinkinder wunderbare, umfassend kompetente, mehrfach begabte, hochtalentierte und kreative Wesen sind, die allein durch ein antiquiertes Bildungssystem korrumpiert, gebrochen und zerstört werden. (33)

 „Es ist sicher auch sinnvoll, hin und wieder exemplarisch zu erfahren, was es heißt, eine Frage oder ein Problem von Grund auf und unter verschiedenen Aspekten zu bearbeiten. Aber, auch wenn es den Bildungsexperten im Herzen weh tun mag, der Sinn der modernen Schule – neben den ökonomischen Notwendigkeiten – die etwa zu Alphabetisierungsprogrammen geführt haben – bestand und besteht darin, die zentralen Erkenntnisse und Ergebnisse von einigen Jahrtausenden menschlichen Strebens nach Wissen zu bündeln, zu systematisieren und zu vermitteln, um überhaupt erst Grundlagen zu schaffen, auf denen sich jene Kreativität und Originalität entfalten können, von denen alle schwärmen. [ …] Das Rad muss erst dann noch einmal erfunden werden, wenn vergessen wurde, was es damit auf sich hat.“ (40)

 „Wir sind zu feige geworden, um uns noch zu geistigen Inhalten zu bekennen, die einen Wert an sich darstellen und deren Kenntnis und Verständnis jenseits aller aktuellen Bedürfnisse eine Befriedigung zu geben vermag.“ (57)

 

„Aber der Gebildete ist einer, der eine Vorstellung davon hat, was Genauigkeit ist und dass sie in verschiedenen Provinzen des Wissens ganz Unterschiedliches bedeutet.“  (70) 

„Stets geht es um zweierlei: zu wissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist.“ (76) 

„Neugierde bedeutet, dass sie sich immer auf etwas, einen Gegenstand richtet. Niemand ist neugierig darauf, eine Kompetenz zu entwickeln.“  (76)

 „Die neue Disziplinlosigkeit führt zu einer Verwahrlosung des Denkens und einer Abwertung des Wissens, die nur im Interesse jener sein kann, die kein Interesse an gebildeten Menschen haben, da die Dummheit zu den Fundamenten ihres Geschäftsmodells zählt.“  (76)

 „Wenn eine Universität nicht mehr sein will, als ein Trainingscamp, will sei eben keine Universität mehr sein.“ (104)

Viel Freude mit dem Buch!

3 Gedanken zu „„Geisterstunde“

  1. In der Tat, junge Menschen scheinen nur noch zu studieren um einen „Abschluss“ zu bekommen, für eine Karriere, ohne wirkliches Interesse. Sie erlangen eingebläutes, abgespeichertes Wissen aber es kann nicht verknüpft und konzeptuell angewandt werden. Die meisten denken nur noch perzeptiv. Bei kaum einer Gruppe erfährt man dies besser als bei den Ärzten. (Irgendwo schrieb ich mal: „Es gibt kaum ein dümmeres Volk mit höherer Bildung als die Deutschen“. So ähnlich.
    Nette Grüße

    1. Danke für Ihren Kommentar. Ein paar kleine Anmerkungen (in Eile) vielleicht: Ob die Mehrzahl der jungen Menschen n u r noch studiert, um einen Abschluss zu bekommen, kann ich mangels Daten weder bestätigen noch widerlegen; ein „Abschluss“ ist natürlich immer noch wichtig; dass man auch hier bei uns in Österreich nicht immer nur das studieren kann, was einen gerade interessiert, liegt auf der Hand. Auch in Österreich gibt es Zugangsbeschränkungen, die ein reines „Interessensstudium“ (Stichwort: „Orchideenfächer“ – was ist das?) vielleicht verbauen. Aber es gibt auch beides, ein Studium aus Interesse verbunden mit der begründeten Erwartung davon leben zu können: Beispiel: Veterinärmedizin, das längste Studium überhaupt in Österreich. Die Karriereaussichten haben sich allerdings in den letzten Jahren so rapid verschlechtert, dass viele Veterinäre nur mehr in „fremden“ Bereichen unterkommen. Welches Studium man heute einem jungen Menschen anraten könnte, ist sowieso fraglich, weil die Entwicklung die Studierenden sogar während eines Studiums „überrollen“ kann. (Also besser das studieren, was einen interessiert oder ein Handwerk lernen!???)

  2. Hallo!
    Für den Eingang meines Kommentars, stütze ich mich auf persönliche Eindrücke aus Gesprächen mit studierenden und promovierten Bekannten; es ist natürlich eine Verallgemeinerung. Auffallend ist das beeindruckende Lernpensum, bei gleichzeitiger Ignoranz über alle Themen a u ß e r h a l b des Lehrplans. Ich behaupte, dass nur Überzeugung und Enthusiasmus höchste Fähigkeiten erzeugen. Ein „lebloser“ Wissensspeicher käme für mich als Arbeitgeber nicht in Frage. Den Schlüssel sehe ich in zunehmender Unfähigkeit zum konzeptuellen Denken. Der Prozess der Rationalisierung (im philosophischen Sinne) und des Pragmatismus geht parallel mit politischer Korrektheit und gesellschaftlicher Anpassung.
    Ich bin überzeugt (und habe dies auch so erfahren), dass die menschlichen Attribute und Talente j e d e n Beruf zum Erfolg führen können, während gespeichertes Wissen von begrenztem Nutzen ist und damit unter hohem Wettbewerbsdruck steht. In diesem Sinne gibt es keine falsche Berufswahl per se, nur eine falsche Geisteshaltung. MMn.
    Beste Grüße

Bitte hinterlassen Sie hier ihre Einwände oder wichtigen Ergänzungen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s