Notiz zum Tage

Gedanken zum Aufsatz: „Karl Kraus, Schule des Widerstands“

Kaum ein anderer Autor, kaum ein anderes Werk, hat mich so intensiv gefangen genommen wie Karl Kraus mit seinem literarischen Monument „Die letzten Tage der Menschheit“. Dass es auch Elias Canetti, einem Kraus in nichts nachstehenden Giganten der deutschen Sprache, ähnlich erging, habe ich einem kurzen Text seiner Essaysammlung „Das Gewissen der Worte“ entnommen. Canetti beschreibt darin sein Verhältnis zu Karl Kraus, vor allem aber seine Befreiungsversuche gegen dessen alles beherrschende Sprachgewalt.

Mit Hilfe dieser sei es Karl Kraus nicht nur gelungen, Politiker, Literaten, Personen des öffentlichen Lebens herauszuheben oder zu „vernichten“, sondern auch, so schreibt Canetti, „eine einheitliche und unabänderliche Gesinnung unter seinen Hörern zu schaffen, die eines absoluten Hasses gegen den Krieg. Es mußte ein Zweiter Weltkrieg kommen und nach der Zerstörung ganzer, atmender Städte noch dessen eigentlichstes Produkt, die Atombombe, damit diese Gesinnung zu einer allgemeinen und beinah selbstverständlichen wurde. Karl Kraus war in dieser Hinsicht etwas wie ein Vorläufer der Atombombe, ihre Schrecken waren schon in seinem Wort.“

Von ihm habe er das Gefühl absoluter Verantwortlichkeit gelernt, das das kümmerliche Wort vom „Engagement“ banal erscheinen lasse. Darüber hinaus habe Kraus aber auch deutlich gemacht, dass jeder Mensch eine sprachliche Gestalt habe, die den einen vom anderen abhebe. Dank ihm habe er verstanden, dass Menschen zwar zueinander sprächen, dass ihre Worte aber an den Worten des anderen abprallten und dass die Vorstellung, die Sprache sei ein Mittel der Kommunikation nichts als Illusion sei.

„Man spricht zum anderen, aber so, daß er einen nicht versteht. Man spricht weiter, und er versteht noch weniger. Man schreit, er schreit zurück, die Ejakulation, die in der Grammatik ein kümmerliches Dasein fristet, bemächtigt sich der Sprache. Wie Bälle springen die Ausrufe hin und her, erteilen ihre Stöße und fallen zu Boden. Selten dringt etwas in den anderen ein, und wenn es doch geschieht, dann etwas Verkehrtes.

Aber diese Worte, die nicht zu verstehen sind, die isolierend wirken, die ein Art von akustischer Gestalt schaffen, sind nicht etwa rar oder neu, […] es sind Phrasen, das Allerallgemeinste, hunderttausendfach Gesagte, und dieses, genau dieses, benutzen sie, um ihren Eigenwillen zu bekunden.“

Karl Kraus habe durch seine Wirkung, darin gipfelt Canettis Schlussfolgerung, bei seinem Publikum bedauerlicher Weise aber auch zu einer dramatischen „Einschrumpfung des Willens, selbst zu urteilen“ geführt. Seine Vorherrschaft gleiche einer Invasion von starken, unerbittlichen Entscheidungen, die übernommen werden mussten und übernommen wurden. Was von ihm, dieser „höheren Instanz“ einmal beschlossen war, galt als ausgemacht.

Er, Canetti, habe sich erst spät, mit Hilfe außerhalb des Kraus’schen Literaturkanons liegender Autoren: Aristophanes, Dostojewskij, Poe, Gogol und Stendhal, von diesem Zwang zu befreien vermögen.

Mit deren Hilfe habe er sich von seinem übermächtigen Vorbild emanzipiert und so die Zufriedenheit des „wohldressierten Tiers nach der Gabe des Leckerbissens“ gegen den erschreckenden Taumel eingetauscht, der denjenigen befällt, der zum ersten Mal das Eigene erkennen muss. Dann erst habe das eigentliche, das eigene Leben begonnen.

Das Eigene erkennen! Ob es uns je gegönnt sein wird?

Elias Canetti, Das Gewissen der Worte, Essays, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. Main, 11.Auflage, November 2005

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