Schlagwort: Religion

Der moderne Staat und „das Religiöse“!

Kopftuchstreit
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Die immer intensiver werdenden Auseinandersetzungen zwischen religiösen Eiferern, einschließlich ihrer sich als liberal und tolerant verstehenden Helfershelfer und ihren säkularen Gegenspielern darüber, welche Berechtigung religiöse Symbole im sogenannten öffentlichen Raum haben sollten, macht es erforderlich, sich wieder einem anachronistisch anmutenden Fragenkomplex zuzuwenden, der in unseren Breiten seit dem „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ überwunden geglaubt schien: dem Verhältnis von Staat und Religion, dem Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften.

Das Verhältnis von Staat und „Kirche“ schien in seinen Grundzügen längst geklärt. Um so mehr als man seit den leidvollen Zeiten des Austrofaschismus zumindest formell darüber Übereinkunft zu haben schien, dass sich „die Kirche“ (verstanden als „Organisation“) aus politischen Entscheidungen grundsätzlich herauszuhalten habe.

Eine konsequente Trennung von Kirche und Staat, wie gerne behauptet wird, gibt es in Österreich natürlich nicht (Konkordat etc.). Leben und leben lassen! – scheint die Devise zu sein. Man findet Kreuze in Schulklassen, in Gerichtssälen und an vielen anderen Orten. Es stört kaum jemanden. Man kann sogar noch auf die Bibel schwören, muss aber nicht; als besonderes Entgegenkommen den Konfessionen gegenüber trägt die Kosten für die von den Konfessionen angestellten Religionslehrer der Staat.

Die Forderung, der Staat müsse ein „christlicher Staat“ sein, wird – sieht man von einem kurzen, aber erfolglosen Vorstoß des einstigen Bundespräsidentschaftskandidaten Andreas Kohl, Gott in der Verfassung zu verankern, einmal ab – nicht gestellt. Auch von anderen, nicht-christlichen, Religionen wurde ein über die freie Religionsausübung hinausgehender Anspruch an den Staat nie gestellt.

Jedermann darf „glauben“, was er will, darf einer Religion beitreten oder aus ihr austreten. Das ist Religionsfreiheit. Dass es sich mit dem Islam anders verhalten könnte, kam kaum jemanden in den Sinn, ist aber unbestreitbar.

Vereinzelt wahrnehmbare Warnungen, wie die Samuel P. Huntingtons, der schon 1996 von einem „Kampf der Kulturen“ sprach, der uns bevorstünde, wurden belächelt und in den Wind geschlagen. Auch sein Hinweis auf Belege, dass der Islam in hohem Maße sowohl an interkulturellen als auch an intrakulturellen Konflikten beteiligt sei, verschallte ungehört.

Hingegen wurde von Anhängern des „Multikulturalismus“ behauptet, der Islam sei „immer schon“  Teil Europas gewesen; man verwechselte dabei wissentlich oder unwissentlich „den Islam“ und „die Muslime“. Fakt ist: Der Islam, als religiöse Ideologie, war nie Teil des europäischen Selbstverständnisses und wird – so bleibt zu hoffen – auch nie ein solcher werden, wenngleich natürlich weiterhin Muslime in Europa leben werden.

Der Islam schien im Europa der Neuzeit kein Problem zu sein. Zu einem Problem wuchs sich die Sache erst aus, als zum einen die Zahl der Muslime beständig stieg, zum anderen deswegen, weil der islamische Imperialismus und der islamische Terrorismus verstärkt um sich zu greifen begann. ( Auf entsprechende imperiale, hegemonistische Einflüsse der „Großmächte“ und ihre Auswirkungen auf die innenpolitische Lage der muslimisch dominierten Staaten kann in diesem Text, aus Platzgründen nicht eingegangen werden.)

Der ungeregelte Zuzug einer großen Anzahl von Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten, aus afrikanischen Gebieten, aber auch aus osteuropäischen Ländern mit großem muslimischen Bevölkerungsanteil scheint die Zeiger der mitteleuropäischen Uhren zurückgestellt zu haben. Mit steigendem Bevölkerungsanteil, scheint auch der Wunsch der nun hier ansässigen Muslime, – vielfach sogar auch derer, die noch kurz zuvor aus ihrer Heimat vor muslimischer Repression aufgrund intrakultureller Konflikte geflüchtet sind -, ihre Religion in verstärktem Maße in den staatlichen Bereichen (Schulen, Kindergärten, Gerichte etc.) ihrer Gastländer verankert zu sehen.

Das führt, weil dem nicht alle der autochthonen Bevölkerung widerspruchslos folgen wollen, vermehrt zu Konflikten in denen es vordergründig jetzt einmal nur darum geht, ob es Musliminnen gestattet sein soll, in „staatlichen Bereichen“ (als Lehrerinnen, Richterinnen etc. ) ein Kopftuch zu tragen.

Die Problemlage greift jedoch viel tiefer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Im Grunde geht es darum, ob ein zumindest in Ansätzen laizistischer Staat Österreich dulden darf, dass religiöse Normen, zu allgemeinverbindlichen Normen gemacht werden. Er darf es nicht!

Diese Frage muss eine Demokratie für sich eindeutig beantworten, will sie nicht Gefahr laufen, zu einer „Mehrheitsdiktatur“ zu verkommen.  In diesem Zusammenhang sei auf die vielfach zu beobachtende Tatsache verwiesen, dass sich die Vertreter fast aller Konfessionen, wenn es um die Verteidigung ihrer Rechte gegenüber dem Staat geht, durchaus zu finden wissen.

So befürchten Mitglieder der anderen Religionen, dass dann, wenn ein Kopftuchverbot sich durchsetze, sofort Forderungen nach einem Verbot der Kippa oder dem der Kreuze in Schulen folgen könnten. Diese Angst besteht mit Berechtigung; berechtigt ist diese Furcht aber nur bei jenen, die nicht zu akzeptieren bereit sind, dass Staat und Religion in einem modernen pluralistischen Staat zwei getrennte Sphären sind.

Darüber hinaus muss man feststellen, dass weder jüdische noch christliche Gemeinden – ganz im Gegensatz zu muslimischen Gemeinschaften – ihre Mitglieder dahingehend bedrängen, religiöse Symbole im öffentlichen Raum zu platzieren. Niemand, außer vielleicht die Mitglieder christlicher Orden, wird von den christlichen Kirchen dazu angehalten, ein Kreuz als Schmuckstück zu tragen oder sich anderer religiöser Symbole zu bedienen. Man kann weiters mit Sicherheit davon ausgehen, dass es eine Anzahl von österreichischen Richtern gibt, die sich dem mosaischen Glauben zurechnen; eine Forderung dieser Personen, bei ihrer Berufsausübung eine Kippa zu tragen, ist mir noch nie bekannt geworden. Diesbezüglich herrscht im Gegensatz zu den Muslimen anerkennenswerte Zurückhaltung, vielleicht doch im Wissen darüber, dass die Sphären des offiziellen Staats und die Bereiche der Religion strikt getrennt werden sollten.

Dem Staat, was des Staates ist und Gott, was Gottes ist!“

Gott ist – in Europa – Privatsache! Dies zu akzeptieren fällt offensichtlich vielen Gläubigen, besonders aber Muslimen schwer. Es scheint ihnen sogar mit zunehmendem zahlenmäßigen Anteil an der Gesamtbevölkerung schwerer zu fallen. Jenen, denen es besonders schwer fällt, die sich außerstande sehen, diesen Grundsatz zu akzeptieren, sollte man sich nicht scheuen, staatliche Unterstützung anzubieten – in erster Linie in Form von „Ausreisebeihilfen“ und „Freiflug-Tickets“ in jene Länder, die sich heute noch als „Theokratien“ verstehen! Die Vorteile eines modern organisierten, demokratischen Wohlfahrtsstaates in Anspruch zu nehmen, ohne diese Regel zu akzeptieren, ist unredlich.

Der missbrauchte Islam – eine Bequemlichkeit

Missbrauch – die Nutzbarmachung eines Euphemismus’ zur Verschleierung der wahren Probleme

Raif Badawi
Dieses Opfer des staatsterroristischen „Missbrauchs“ islamistischer Ideologie sollte keinesfalls aus dem Blick geraten.

Die Terroristen des IS und die vielen anderen muslimischen Terrorgruppen, die weltweit ihr Unwesen treiben, „missbrauchen“ den Koran zur Legitimierung ihrer verbrecherischen Zwecke, heißt es. [1]  Der wahre Islam sei friedlich, viele Millionen Muslime würden das täglich beweisen.

Ohne vorerst auf die inhaltliche Richtigkeit dieses Sachverhaltes eingehen zu wollen, sollte man sich die Bedeutung des Wortes „Missbrauch“ klarmachen: Missbrauch bedeutet, eine Sache in einem Sinne zu verwenden, für die sie ihrem Wesen [2] nach nicht gedacht war.

 

Der friedliche Koran ist alles andere als „friedlich“

Nun gibt es genügend auf Koranexegesen gestützte Meinungen auch innerhalb der Muslime[3], die das Vorliegen eines solchen „Missbrauchs“ in Zweifel zu ziehen berechtigen würden. Sollte man diesen Exegesen Glauben schenken, müsste man davon ausgehen, dass es sich bei der Missbrauchs-Behauptung um einen bewussten Euphemismus handelt. Was an sich nicht schlimm wäre, würde es nicht dazu führen, eine Annäherung an die Lösung des wahren Problems zu verhindern. Insofern wäre es sogar im Interesse der Muslime selbst, der Verwendung dieses Euphemismus’ entgegenzutreten und die Dinge bei ihrem wahren Namen zu nennen. Von Missbrauch zu sprechen arbeitet jenen Kräften in die Hände, deren Interesse darin liegt, jede inhaltliche Reform zu verhindern, die den Islam gegenwartsverträglich gestalten könnte, und hilft jenen, die nicht bereit sind, die Schuld  bei sich selbst, also in der Anlage und den Aussagen des Islams suchen, sondern bei anderen, den Missbrauchern.

Wenn man die eigene Argumentation auf eine solche Erkenntnis aufbaut, wird einem gerne entgegengehalten, man säße einem Vorurteil auf, weil diese Meinung eben von anderen, die den Koran nur zu kennen vorgeben, also von uninformierten Gegnern des Islam, die dem Islam schaden wollten, übernommen wurde.

Dies sollte einen jedoch nicht daran hindern, dieses angebliche „Vorurteil“ solange gelten zu lassen, bis man durch Fakten eines Bessern belehrt wird.

Nicht immer sind Vorurteile schädlich, dieses Vorurteil [4] könnte sich in der Form einer zu überprüfenden These als durchaus nützlich erweisen, zumindest aber lässt es sich als Grundlage eines Vergleichs verwenden:

Dem sei aber eine nicht ganz unwichtige Bemerkung vorangestellt:

Es dürfte nicht verwunderlich sein, dass die Versuchung für einen religiösen Menschen groß ist, dann Missbrauch seiner Religion anzunehmen, wenn seine Lehre in einer Weise angewendet wird, die nicht völlig seine Zustimmung findet. In so einem Fall wird er, verständlicherweise bewusst oder unbewusst alles unternehmen, was die von ihm geschätzte Lehre, zu schützen geeignet erscheint.

Religionen sind oft nur dann friedlich, wenn sie dazu gezwungen werden 

Alles das soll uns nicht hindern, einen Ausflug in die Bibel zu machen, in das Neue Testament wohlgemerkt. Wir nehmen dazu an, dass die Vorschriften der Bibel, so wie es der Islam für die Scharia fordert – alle anderen staatlichen Rechtsvorschriften „aushebelt“!

Selbst theologischen Laien fällt es nicht schwer, auf Anhieb ein Beispiel für diesen Zweck zu finden:

„Denn Gott sagt: „Du sollst deinen Vater und Mutter ehren“ und „Wer schlecht über seinen Vater und seine Mutter redet, soll getötet werden.“ MATTHÄUS 15, 1-9 ( S.39)

Läge wirklich Missbrauch der Bibel vor, wenn jemand dieser biblischen Anweisung gemäß handelte und die betreffende Person tatsächlich tötete? Der Auftrag ist eindeutig, auch wenn er unserer heutigen Auffassung von Recht widerspricht. (Aber wir haben ja oben vereinbart, dass die Bibel jedes andere Recht aushebeln darf.)

Wie aber verhält sich die Frage, wenn man im selben Buch an anderer Stelle folgenden Text findet:

„Wenn jemand zu mir kommt und mein Schüler sein will, muss er Vater und Mutter hassen, seine Frau und die Kinder, seine Geschwister, sogar sich selbst muss er hassen.“ LUKAS 14, 25-33 (S.160)

Wann „missbraucht“ man nun die Bibel? Wenn man (aus Liebe zu den Eltern) die Person tötet, die schlecht über den Vater oder die Mutter spricht oder wenn man seinen Vater und seine Mutter nun tatsächlich hasst, mit all den negativen Folgen für sie?

Wird die Beantwortung der Frage: Missbrauch oder nicht Missbrauch,  nun gar zu einer Frage der eigenen Vorliebe?

Man wird berechtigter Weise von der Annahme ausgehen können, dass es einem Koranexegeten nicht all zu schwer fallen würde, ähnliche (einander widersprechende) Anweisungen auch innerhalb des Korans und seiner Begleitgesetze aufzufinden, die unzweifelhaft ebenso extensive Interpretations-spielräume eröffnen, wie das oben bei den Vorschriften der Bibel der Fall war.

Wen dem aber so ist, kann man die Missbrauchsthese nicht mit Recht aufrecht erhalten.

Die christliche Glaubensgemeinschaft hat für diese Fälle inzwischen in einer Weise vorgesorgt, die jede Kollision mit den Vorschriften des geltenden staatlichen Rechts ausschließt. Das staatliche Recht zieht vor! Es ist müßig zu bemerken, dass dieser Prozess, der dazu führte, nicht von heute auf morgen abgeschlossen war. Es war ein Jahrhunderte langer Kampf um die Vorherrschaft der Rechtsdurchsetzung, der letztlich von den staatlichen Instanzen zu ihren Gunsten entschieden wurde.

Ein ähnlicher Kampf wird, da man nicht von einem freiwilligen Machtverzicht des Islams ausgehen wird können, auch mit dem Islam auszutragen sein. Er wird Stärke und Durchsetzungskraft, Ausdauer und Beharrlichkeit erfordern. Man wird aber auch von der Gegenseite Einsicht und Entgegenkommen erwarten dürfen; hoffentlich in größerem Ausmaß, als man auf internationaler Ebene bisher zu erbringen bereit war.

Ein Hoffnungsschimmer am Horizont? 

Die führenden islamischen Staaten werden sich, so sie die Lage international zu entschärfen bereit sind, ein für allemal und in einer weltweiten Erklärung des Islam dazu bekennen müssen, nicht nur von der Aufrechterhaltung oder Neuerrichtung von Theokratien Abstand zu nehmen, sondern sich darüber hinaus zur eindeutigen Feststellung durchringen, dass der Koran und seine ihn begleitenden Vorschriften ausschließlich für Muslime Geltung beanspruchen und dem jeweiligen staatlichen Recht, insbesondere was die Errungenschaften der Aufklärung (Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie) anbelangt, unterzuordnen sind. Wenn man dann mit derselben Inbrunst, mit der man jetzt an der Interpretation einander widersprechender Aussagen des Korans hängt, die gemeinsam ausgehandelten Grundsätze zu verteidigen bereit wäre, und jene, die dieser Erklärung zuwiderhandeln, kompromisslos aus der islamischen Gemeinschaft ausschlösse, könnte man mit gutem Recht auf mehr Toleranz in der westlichen Welt hoffen.

Solange der Islam in seiner Zersplittertheit sich dazu aber nicht durchringen kann, wird das Problem der unterschiedlichen Interpretationen und widersprüchlichen Werthaltungen innerhalb der muslimischen Glaubensgemeinschaft sich nicht lösen lassen und so auch weiterhin ein spannungsgeladenes Feld in Richtung seiner Nachbarn erzeugen. Es wird sich das Verhältnis zu den anderen, den Islam umgebenden Lebenswelten, kaum bessern lassen, solange der Islam nicht bereit ist, die eigenen religiösen Wertvorstellungen zu relativieren.

Bis dahin wird sich aber auch der Einzelne, der Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft ist und sich durch das Setzen von äußeren Zeichen oder Handlungen als solches zu erkennen gibt, immer wieder auch die „Schandtaten“ seiner Glaubensgenossen zurechen lassen müssen, ohne  beständig einen Opferstatus für sich einfordern zu dürfen.

Äußere Zeichen entfalten ihre Wirkung!

Es wäre ein Irrtum zu glauben, diese Feststellung beziehe sich allein auf Blue Jeans, Waldviertler- Schuhe oder einen Hut im Western-Style, es bezieht sich selbstverständlich auch auf einen Niqab, eine Kippa oder auf ein über die Schulter geschlungenes Palästinenser Tuch, wie es in den Neunzehnhundertsiebzigern en voque war. Die Verwendung dieser Zeichen signalisiert der Außenwelt innere Zughörigkeit, Solidarität und Einverständnis mit jenen für die diese Zeichen symbolhaft stehen. Dass ein eventuell vorhandener, individuell geistiger Vorbehalt im Sinne einer einschränkenden Abgrenzung der Außenwelt verborgen bleiben muss, sollte vor allem auch demjenigen klar sein, der sich dieser Symbole bedient.

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[1] Vgl: Kommentar der anderen Shawki Allam, „Islam nicht als Deckmantel missbrauchen“, DerStandard, November 2015, 17:39,: „Im Islam und in anderen Religionen werden wir Zeugen eines Phänomens, dem zufolge sich Menschen ohne religiöse Bildung selbst ermächtigen, als religiöse Autoritäten aufzutreten – auch wenn ihnen jede Qualifikation fehlt, Moral und Religionsgesetze zu deuten.

[…] Ihr ideologischer Fehlschluss zeigt ihre verzerrte Logik und ihre schlecht informierten und unauthentischen Quellen…[…]

[2] In der europäischen Küche werden gerne Nudelwalker für das Auswalken dünner Teigstücke, etwa eines Strudelteiges verwendet. Hobby-Köche kennen das. Würde die wütende Ehefrau den Nudelwalker zur tätlichen Bestrafung eines spätheimkehrenden, angeheiterten Gatten verwenden, ihm damit über den Schädel schlagen, so würde man sich mühelos darauf einigen können, hier  eine missbräuchliche Verwendung dieses Gegenstandes festzustellen. Nicht immer aber liegen die Dinge so einfach.

[3] Vgl.: Hamed Abdel-Samad

[4] Da ich über die inhaltlichen Anweisungen des Korans hier keine Aussage machen will, dies sollten befugte Islamwissenschaftler tun, liegt es mir fern, zu beurteilen, ob die Terroristen die Suren des Koran tatsächlich für ihre Zwecke missbrauchen oder ob von ihnen nur eine konsequent wörtliche Auslegung praktiziert wird, bzw. ob eine solche zulässig ist. Diese Entscheidung werden nur Fachleute zu fällen in der Lage sein. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigt aber, dass sich selbst die berühmtesten und angesehendsten Islamgelehrten darüber nicht zu einigen in der Lage sind. Mehr noch, es gibt offensichtlich im Islam keine autorisierte Instanz, die ähnlich wie der Papst, bzw. die „Glaubenskongregation“ für die Welt der Christenheit, darüber Aussagen zu treffen befugt ist, was geltende Lehre ist und was nicht. Im Gegenteil, man ist sogar stolz darauf, dass diese Entscheidung in der Verantwortung des Einzelnen liegt und sieht es als eine der großen Freiheiten an, die der Islam dem religiösen Menschen bietet.

 

„Offener  Brief“ an den Kardinal

„Offener Brief“ an den Kardinal

Weil auch an dieser Stelle mit Kritik an der „Amtskirche“ nie gespart wird, sollte, wenn sich schon eine der seltenen Gelegenheiten für anerkennende Worte ergibt, diese nicht ungenützt verstreichen. Deshalb möchte ich mit meinen bescheidenen Mitteln dazu beitragen, diesem „Offenen Brief“ Peter Paul Kaspars noch mehr  Öffentlichkeit zu verschaffen.

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Der „Offene Brief“ im Wortlaut:

Kardinal Schönborn, Quelle: Wikipedia
Kardinal Schönborn, Quelle: Wikipedia

Sehr geehrter Herr Kardinal!

Wir – der Vorstand der Pfarrerinitiative – haben uns um Pfingsten 2011 in einem „Aufruf zum Ungehorsam“ gemeldet, weil wir unsere dringenden Reformwünsche öffentlich machen wollten. Das ist uns inzwischen sogar weltweit und bis zur Gründonnerstagspredigt des Papstes gelungen. Die jahrzehntelang intern vorgebrachten Vorschläge und Anregungen wurden ja bisher stets höflich zu den Akten befördert. Wir haben hier eine Provokation riskiert, die zwar bestens funktioniert hat, jedoch Ihr Amtsverständnis als Hierarch so sehr verletzt, dass Sie seither beharrlich die Revision eines einzigen Wortes verlangen: Ungehorsam. Um es offen zu sagen: Das Reizwort war der Türöffner – es hat uns den weltweiten Diskurs ermöglicht. Dass Sie noch immer die Revision der Überschrift urgieren, statt die Inhalte zu diskutieren, sagt viel über Ihr Autoritätsverständnis aus: Sie beziehen den Gehorsam, den wir Gott, seiner Weisung und dem Gewissen schulden, auf sich – auf Sie persönlich und auf Ihr Amt. Sie haben auch in keiner bisher bekannt gewordenen Stellungnahme erkennen lassen, dass ein christlicher Gehorsam kein bloß äußerlicher Befehlsgehorsam ist, sondern zum „Hinhorchen“ – davon kommt auch das Wort – auf das eigene, gebildete und verantwortete Gewissen führen soll. Bei dieser Gewissensbildung spielt für einen katholischen Priester auch die Weisung des vorgesetzten Bischofs eine gewisse, jedoch keineswegs die erste Rolle: „Gott mehr zu gehorchen als den Menschen,“ lautet die biblische Regel. Einige von uns haben bei Gesprächen mit den zuständigen Diözesanbischöfen – trotz einzelner Meinungsverschiedenheiten – Offenheit und Vertrauen schätzen gelernt. Wir nehmen an, dass das auch in Ihrer Wiener Diözese ähnlich möglich ist. Ihre Mitarbeiter öffentlich zum Widerruf eines einzigen Wortes aufzufordern, erscheint uns doch ein allzu schlichtes Modell, mit Meinungsverschiedenheiten umzugehen. Und für die vielen Priester der Pfarrerinitiative aus anderen Diözesen sind Sie ja gar nicht zuständig. Dieser – vielleicht unbequeme – Brief soll jedoch mit einer anerkennenden Bemerkung schließen: Sie haben einen mit großer Mehrheit gewählten – homosexuellen – Pfarrgemeinderat zu einem Gespräch gebeten, weil er in eingetragener Partnerschaft mit seinem Lebensgefährten lebt. Und sie haben die Entscheidung der Pfarre gebilligt. Es ist möglich, dass Sie dafür von einer römischen Instanz getadelt werden. Und Sie haben das offensichtlich in Kauf genommen und wollen nun zu Ihrem „Ungehorsam“ stehen. Dass Sie dabei den gehorsamen Pfarrer öffentlich bloßstellten, ist allerdings ein kleiner Schönheitsfehler. Trotzdem sehen wir in Ihrer Entscheidung ein erfreuliches Beispiel, wie ein Bischof in seinem Amt dem Gewissen gehorcht, obwohl das Kirchenrecht oder die römische Weisung Anderes vorsieht. Wir wollen Ihren „Ungehorsam“ gern als die erfreuliche Selbstverantwortung eines – im wörtlichen Sinn – „gewissenhaften“ Amtsträgers ansehen. Mit dieser hoffentlich erfreulichen Einsicht sei Ihnen für Ihre sicherlich schwierige Amtsführung Gottes Segen gewünscht!

Prof. Peter Paul Kaspar, Akademiker- und Künstlerseelsorger der Diözese Linz