Schlagwort: Hobby-Künstler

Sisyphos – eine Künstlerexistenz?

Sisyphos – eine Künstlerexistenz?

Eine kurze Betrachtung zu Albert Camus „Der Mythos des Sisyphos“

Tizians Sisyphos
„Sisyphus“ von Tizian, Prado
Quelle Wikipedia

Vorbei sind die Zeiten, in denen Heerscharen von Kunsthandwerkern und Künstlern – eine trennende Grenze zu ziehen, soll jedem für sich überlassen bleiben – ihr Auskommen über ein ausreichendes Ausmaß von Auftragsarbeiten bestritten.

Die Wandlung des „Kunsthandwerker-Metiers“ hin zum „Individualkünstler“, die vom Mäzenatentum hin zum „Staatskünstler“, die von der „intentionalen Kunst“ hin zur „L’art pour l’art“ hat ihren Preis.

Niemals in der Geschichte haben so viele Menschen „Kunstwerke“ produziert wie in unseren Tagen. Der Anteil derer aber, deren Erträgnisse daraus ausreichen, ein bequemes Leben zu führen, ist verschwindend klein. Diese deswegen als „Hobbykünstler“ abzuqualifizieren, ist nicht nur ungerecht, sondern auch dazu geeignet, die soziale Problemlage zu verschleiern, in der sich ein Großteil der vornehmlich bildenden Künstler  heute befindet. Künstler-sein bedeutet in der Regel, seine materiellen Ansprüche auf ein Minimum beschränken zu müssen.

Dennoch wurde noch nie soviel Kunst von so vielen Künstlern produziert wie heute!

Im Gegensatz zu einer nach außen hin durch und durch materialistisch-rational ausgerichteten Welt, in der angeblich nur Leistung und Erfolg zählen – die Macht der „Seilschaften“ bleibt meist unerwähnt – scheint das Bedürfnis, sich etwas ganz Anderem hinzugeben, außerordentlich groß. Neben dem Zulauf, den irrationale „Zirkel“  erfahren, scheint sich das „Künstlerdasein“ als Ausgleich zu den strengen Erfordernissen des Alltags, ungeheurer Beliebtheit zu erfreuen. Anders als zu Zeiten des Biedermeier tritt der Künstler von heute – auch der, der sein Metier „nur so nebenbei“ betreibt – gerne vor den Vorhang. Gelegenheiten dazu werden reichlich geboten.

Kein ländliches Bankinstitut, keine noch so kleine Zweigstelle, kein Cafe, kein Klostergarten, keine Zahnarztpraxis, kein Heimatmuseum, sei es auch noch so versteckt, ja nicht einmal die so sehr geschätzten Wohlfühltempel allgemeiner Wellnessbewegung möchten darauf verzichten, durch das Veranstalten von Ausstellungen und Vernissagen Kunstbeflissenheit zu beweisen.

Eine „win-win-Situation“ könnte man meinen. Die einen unterhalten ihre Besucher, die anderen konsumieren die dargebotene Kunst und das reichliche Buffet, die Künstler lassen sich beklatschen.

Für viele Künstler bleibt aber auch das ein Wunschtraum. Ihre Werke erreichen die Öffentlichkeit niemals. Dennoch arbeitet auch diese Spezies beflissen an ihrer Kunst, betrachtet sich gerne als „verkannt“ und behauptet nicht selten, dass ihre Arbeit sie glücklich mache.

Persephone beaufsichtigt Sisyphos in der Unterwelt. Seite A von einer schwarzfigurigen attischen Amphora, um 530 v. Chr. Aus Vulci. Quelle: Wikipedia
Persephone beaufsichtigt Sisyphos in der Unterwelt. Seite A von einer schwarzfigurigen attischen Amphora, um 530 v. Chr. Aus Vulci.
Quelle: Wikipedia

Man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, resümiert Albert Camus. Diese Aussage verblüfft immer noch. Und sie verblüfft  zu recht!

Wie kann ein Mensch, der dazu verurteilt ist, sein Leben damit zu verbringen, einen schweren Felsen den immer gleichen, steilen Abhang hinaufzuwälzen, in der Gewissheit ihn immer und immer wieder hinabstürzen zu sehen, glücklich sein?

Es scheint im Grunde nur zwei einleuchtende Antworten zu geben: Sisyphos ist von der ihn beseelenden Hoffnung erfüllt, dass dieses Schicksal irgendwann einmal ein Ende haben wird oder aber er hat diese hoffnungslose Tätigkeit als sein persönliches  Schicksal anzunehmen gelernt.

Was, wenn beides nicht der Fall ist?

Auch wenn er bei  jedem Abstieg aufatmet, auch wenn er dabei neue Kraft schöpft, tut er dies in der Gewissheit, immer wieder von Neuem beginnen zu müssen.

Es ist also nicht die Hoffnung auf ein Ende der Mühsal, nicht die Hoffnung auf eine Linderung seiner Qual, schon gar nicht die auf einen sich hinkünftig einstellenden Erfolg.  Es ist einzig der Wille in seinem Tun jede ihm sich stellende Schwierigkeit, vielleicht sogar sich selbst zu überwinden. Es ist sein Hang zum Trotz, der sich im „Trotzdem“ manifestiert.

Ist es der Trotz, der ihn am Leben erhält?

Niemandem, nicht einmal den Göttern soll es gelingen, ihn zu brechen. Dieser Wille, zur Erkenntnis erstarkt, ist Gewissheit geworden, ohne sich auf die unsichere Bewahrheitung einer Hoffnung verlassen zu müssen.

„Wenn eine absurde Haltung absurd bleiben soll, dann muss sie sich ihrer Grundlosigkeit bewusst sein.“[1] 

Es besteht also kein Anlass, zu hoffen?

Die Quelle der Hoffnung läge in Gott allein, behauptet der religiöse Mensch. Dem absurden Menschen, dem Wesen nach Atheist, ist dieser Weg versperrt.

Tombstone_Albert_Camus
Grabstein/Tombstone/Pierre tombale – Albert Camus – Lourmarin, Frankreich/France – Own picture/Selbst fotografiert/Ma photo – 20030531
Urheber/Author/Auteur: Walter Popp –wpopp
Quelle: Wikipedia

Was bleibt, als sich selbst Sinn zu verschaffen, sich eine sinnvolle Existenz zu kreieren, aus  eigenem Antrieb, durch eigenes Tun?  Auch daran scheitert der absurde Mensch, will er es bleiben. Für ihn gibt es keinen Sinn. Sinn lässt sich weder  finden noch schaffen.

Was bleibt,  ist das „Trotzdem“.

„Aber die erdrückenden Wahrheiten verlieren an Gewicht, sobald sie erkannt werden.“ schreibt Camus.

Wird ihm deshalb der Felsen leichter? Dieses „Trotzdem“ ist jedenfalls nicht gegen die Götter gerichtet, die Sisyphos, zumindest der Sage nach, mit diesem schweren und unabänderlichen Schicksal bedachten.

Sein Trotz kann schon allein deswegen nicht gegen die Götter gerichtet sein, weil selbst im Kontradiktorischen deren Existenz und Macht anerkannt werden müsste.

Die einzig mögliche Projektionsfläche auf die sich dieses „Trotzdem“ beziehen darf, ist und bleibt das Tun selbst. Daraus speist sich das Absurde. Daraus speist es sich ebenso, wie es sich aus der dem Menschen unzweifelhaft vor Augen geführten Einsicht speist, dass der Mensch nicht anders kann, als in seinem Bestreben, die Welt zu erkennen, seiner Vernunft zu vertrauen und dieses Vertrauen aufrecht zu erhalten, obwohl er weiß, dass seine Vernunft ein nur mangelhaftes Instrument dazu darstellt.

„Das Absurde ist die hellsichtige Vernunft, die ihre Grenzen feststellt.“[2]  

So wälzen auch die Künstler ihren Felsen immer wieder bergwärts, ohne Hoffnung, aber auch ohne ins Absurde einzuwilligen, um es nicht zu zerstören?

„Es gibt also ein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“ [4]

Nichts bleibt, als „trotzdem“ noch ein weiteres Bild zu malen oder noch ein weiteres Gedicht zu verfassen!


[1] Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, rororo, Reinbek bei Hamburg, 15.Auflage, 2013, S. 122  [2] A.a.O., S. 62  [3] A.a.O., S. 48  [4] A.a.O.,S 144