Kategorie: Zitate

„Rede an den kleinen Mann“

„Rede an den kleinen Mann“

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Was du zerstören wolltest, blüht kräftiger denn je, und was du erhalten und wie du dein eigenes Leben schützen solltest, hast du zerstört. Loyalität ist dir eine „sentimentale Eigenschaft“ oder eine „kleinbürgerliche Gewohnheit“. Respekt vor Leistung ist dir dasselbe wie sklavische Kriecherei. Doch du merkst nicht, daß du kriechst, wo du respektlos, und daß du undankbar bist, wo du loyal sein solltest.“

(Wilhelm Reich, Rede an den kleinen Mann, Deutsche Erstausgabe, Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, Juni 1984, S.77)

„Totstellen“  – nicht immer die beste Strategie!

„Totstellen“ – nicht immer die beste Strategie!

„Das Aufkommen des Rechtspopulismus in Europa (und anderen Erdteilen) erklärt sich als Reaktion auf das Fehlen jeglicher Perspektive angesichts einer Welt, deren Grenzen und Grundlagen in Fluß geraten sind.“

 

Macht und Gegenmacht„Wer angesichts der Massenarbeitslosigkeit und sich rapide ausbreitender  prekärer Beschäftigung die Ideale der Vollbeschäftigung verkündet, verhöhnt die Menschen. Wer in den Ländern, in denen die durchschnittliche Kinderzahl auf jene ominösen einskommadrei Prozent geschrumpft ist, verkündet, die Renten seien sicher, verhöhnt die Menschen. Wer angesichts des dramatischen Rückgangs der Gewerbesteuereinnahmen die Globalisierung preist, die es den transnationalen Konzernen erlaubt, die Staaten gegeneinander auszuspielen und keine Steuern zu zahlen, verhöhnt die Menschen. Wer angesichts der Konflikte, in die ethnisch plurale Gesellschaften geraten, die Ideale der multikulturellen Fremdenliebe predigt, verhöhnt die Menschen. Wer im Zeitalter der laufenden oder drohenden Umweltkatastrophen und Lebensmittelvergiftungen verkündet, die Technik und Industrie lösen die Folgeprobleme, die Technik und Industrie schaffen, verhöhnt die Menschen. […] Im Wechselverhältnis von grundlagenverändernden Folgeproblemen der Modernisierung und dem Stillstand der Politik, die um sich selbst kreist, sind Tabus entstanden, deren massenmedial inszenierte Verletzung dem Rechtspopulismus ungeahnten Zulauf und Zuspruch verschafft.“

 

 

Ulrich Beck, Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter, Neue weltpolitische Ökonomie, Suhrkamp, Erste Auflage 2002

So nebenbei am Sonntag: Thomas Bernhard

So nebenbei am Sonntag: Thomas Bernhard

Jeder ist von bestimmten Erlebnissen „geprägt“, die sein Leben nachhaltig beeinflussen.

Unsere Vorlieben, unsere Abneigungen, die Lebenseinstellungen insgesamt entwickeln sich sehr unterschiedlich und schaffen – so scheint’s – im Lauf der Jahre eine uns ständig begleitende „Grundstimmung“.

Thomas Bernhard, Quelle Wikipedia, Autor: hic et nunc, Thomas Bernhard Nachlassverwaltung
Thomas Bernhard, Quelle Wikipedia, Autor: hic et nunc, Thomas Bernhard Nachlassverwaltung

Thomas Bernhard gegenüber könnte man  insofern eine Gemeinsamkeit empfinden, als das Beispiel seines optimistischen Pessimismus, seine sprachlichen Überspitzungen und seine oft absurden Konstruktionen von Realität auch demjenigen eine Form aufrechter Existenz aufzeigen, dessen Grundstimmung keine bedingungslos menschenfreundliche ist. Insofern sollte man  in seinem Wirken, in seiner Literatur keine Gefahr für das „Seelenheil“, keine „Verführung“ zur Selbstzerstörung sehen, sondern eher einen Fingerzeig dahingehend, wie eine denkende sinnvolle Existenz auch im Sumpf täglicher Ignoranz möglich ist.

« Je vis comme je peux, dans un pays malheureux » sagte Albert Camus, dessen 100sten Geburtstag wir vor drei Tagen feiern hätten können.

Nicht nur am Leben zu bleiben ist wichtig, sondern als Mensch am Leben zu bleiben.

Gebrauchsanweisung für Revolutionäre

oder

der „Balken im eigenen Auge“!

„Es nimmt angesichts der illusionsdynamischen Implikationen der „fortschreitenden Revolution“ nicht wunder, wenn die stärksten sozialrevolutionären Impulse immer vom Aufstiegswillen jener Aktivisten ausstrahlten, die für die Massen sprachen, ohne die eigenen Ambitionen zu vergessen. Die Schwäche dieser Anwärter zeigte sich darin, dass sie eine elementare Tatsache willentlich ignorierten; Auch nach erfolgreichen Umwälzungen bleiben gute Stellungen selten und umkämpft. Dieses Wegsehen vom Realen hat Methode. Wenn es einen blinden Fleck im Auge des Revolutionärs gibt, liegt dieser in der uneingestehbaren Erwartung, sich von den Früchten des selbstbewirkten Wandels ernähren zu können. Dürfte man deswegen sagen, Revolutionäre seien Karrieristen wie alle übrigen? Sie sind es durchaus, und doch nicht ohne Einschränkung, da das revolutionäre Geschäft, an seinen Anfängen zumindest, unter dem Gesetz der Selbstlosigkeit steht oder zu stehen scheint. [Bleiben sie unversorgt] wird die Klage angestimmt, die Revolution habe wiedereinmal ihre Kinder gefressen.“

Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Seite 174f.

Die Ironie

Die Ironie

Jankélévitch„Sie bewirkt das Lachen, ohne auf das Lachen Lust zu haben, und sie scherzt gelassen, ohne sich zu amüsieren; sie ist spöttisch, aber finster. Oder besser: Sie löst Lachen aus, um es sogleich erstarren zu lassen. Und der Grund dafür ist, dass es in ihr etwas gibt, das umgangen wird, das indirekt und lähmend ist, wobei man die beunruhigende Tiefe des Bewusstseins ahnt.“ (S.131

[…] „Ironie, wahre Freiheit“, ruft Proudhon in seinem Kerker von Sainte-Pélagie aus, „du bist es, die mich von dem Ehrgeiz der Macht, von der Knechtschaft der Parteien, von der Achtung vor der Routine, von der Pedanterie der Wissenschaft, von der Bewunderung großer Persönlichkeiten, vom Fanatismus der Reformatoren, von dem Aberglauben dieses großen Universums und von der Bewunderung meiner selbst […] befreit. […]

Die Ironie stellt die sogenannten sakrosankten Prämissen in Frage, durch ihre indiskreten Befragungen ruiniert sie jede Definition […]“ (S.181f.)

Vladimir Jankélévitch, Die Ironie, Suhrkamp, Erste Auflage, Berlin, 2012,

Empörung

Empörung

Immer dann, wenn der Kamm der Empörung einem besonders schwillt, ist es ratsam, sich auf den Boden der Realität zurückzubegeben, durchzuatmen und die Sache des Ärgernisses von einer ganz anderen Seite zu betrachten. Man sollte sich die Hoffnung darauf, dass sich die Menschen besinnen, niemals aufgeben und der Zornesröte entsagen. Deshalb heute ein Zitat des verehrten Herrn Sloterdijk, den zu lesen, sich allemal lohnt.

Bild (5)„Die Hoffnung der Apokalyptiker ist auf eine einfache und überschwängliche Annahme zurückzuführen; daß sie sehr bald oder etwas später, in jedem Fall noch zu ihren Lebzeiten, den Untergang >dieser Welt< erleben dürfen. Ihre Intelligenz wird durch die Aufgabe stimuliert, die Zeichen der Zeit zu lesen, die das glühend ersehnte Unheil ankündigen. Aus dieser Disposition entsteht das endzeitdiagnostische Denken, das Dinge in Zeichen und Zeichen in Vorzeichen umwandelt – die Matrix aller >kritischen Theorie<. Das Lebensgefühl der Apokalyptiker ist dominiert vom Naherwartungsfieber und der frohen Schlaflosigkeit derer, die für die Welt die Vernichtung, für sich selbst die Verschonung erträumen. Daher können Apokalyptiker über so gut wie alle Missstände hinwegsehen, nur über einen nicht: daß die Welt nicht daran denkt, ihrer Bestimmung zum Untergang zu gehorchen. Was sich weigert, unterzugehen, wird eines Tages >das Bestehende< heißen. Sich selbst zu erhalten ist das Laster der Welt. Daher das Kennwort unter Eingeweihten: „ Daß es so weitergeht, ist die Katastrophe.“

Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Suhrkamp, Erste Auflage, 2008, S.148