Kategorie: Kunst

Albert Camus

Albert Camus

7.November 1913 bis 4. Jänner 1960

Camus AlbertZum Anlass dieser kurzen Notiz sei die Tatsache genommen, dass vor wenigen Tagen,  am 7.November nämlich, Albert Camus 100 Jahre alt geworden wäre. Camus war einer der bedeutendsten Schriftsteller, den die europäische Literatur hervorbrachte. Als Sohn eines im Dienste eines Weingutes stehenden Fuhrmanns in Algerien geboren, wuchs er  in eher ärmlichen Verhältnissen auf.  Nur dem Zusammentreffen glücklicher Umstände hatte er es zu verdanken, dass ihm eine gehobene Schulbildung zuteil wurde, die den Grundstein für sein späteres literarisches und philosophisches Schaffen legte. Ohne mich in biografische Daten verlieren zu wollen, die man ohnehin bequem überall nachlesen kann, seien ein paar Bemerkungen zu seinem Werk gestattet, die vielleicht dazu zu verführen in der Lage sind, in dem einen oder der anderen Lust zu erwecken, sich näher mit dem Werk dieses ungewöhnlichen Mannes zu befassen, der sich selbst als „libertärer Anarchosyndikalist“ sah, politisch also einen  viel unorthodoxeren Standpunkt einnahm, als es sein Landsmann Sartre tat.

Im Zentrum der Camusschen Philosophie steht das Absurde. Dem Leid und dem Elend in der Welt ist kein Sinn abzugewinnen. Der „absurde Mensch“  ist stets Atheist. Das Leid bleibt für ihn nicht nur sinnlos, es bleibt auch unerklärbar. Wäre Camus „ Mensch“ nicht Atheist sondern den christlichen Religionen verbunden, könnte man hinter diesem theoretischen Ansatz das Problem der Theodizee vermuten, das die Frage danach wie ein „liebender Gott“ mit dem Leid der Welt in Einklang zu bringen ist, sinnvoll aufzulösen versucht. Bei Camus fühlt „der Mensch“ wie fremd ihm alles ist und erkennt dabei die Sinnlosigkeit der Welt; so stürzt er im Verlaufe seines Strebens nach Sinn in tiefste existentielle Krisen. Das Absurde macht vor niemandem halt:

„Das Absurde kann jeden beliebigen Menschen an jeder beliebigen Straßenecke anspringen.“

Für Camus besteht das Absurde im Erkennen der Tatsache, dass das menschliche Streben nach Sinn in einer sinnleeren Welt notwendig vergeblich und aber nicht ohne Hoffnung bleiben muss. Um nicht verzweifelt zu resignieren oder in Passivität zu verfallen, propagiert Camus ganz im Sinne des Existentialismus und in Anlehnung an Friedrich Nietzsche den aktiven, auf sich allein gestellten Menschen, der unabhängig von einem Gott und dessen Gnade selbstbestimmt ein Bewusstsein neuer Möglichkeiten der Schicksalsüberwindung, der Auflehnung, des Widerspruchs und der inneren Revolte entwickelt.

Werkauswahl: „Der Mensch  in der Revolte“ „Der Fremde“ „Der Mythos des Sysiphos“ „Der Fall“ u.v.a.m.

So nebenbei am Sonntag: Thomas Bernhard

So nebenbei am Sonntag: Thomas Bernhard

Jeder ist von bestimmten Erlebnissen „geprägt“, die sein Leben nachhaltig beeinflussen.

Unsere Vorlieben, unsere Abneigungen, die Lebenseinstellungen insgesamt entwickeln sich sehr unterschiedlich und schaffen – so scheint’s – im Lauf der Jahre eine uns ständig begleitende „Grundstimmung“.

Thomas Bernhard, Quelle Wikipedia, Autor: hic et nunc, Thomas Bernhard Nachlassverwaltung
Thomas Bernhard, Quelle Wikipedia, Autor: hic et nunc, Thomas Bernhard Nachlassverwaltung

Thomas Bernhard gegenüber könnte man  insofern eine Gemeinsamkeit empfinden, als das Beispiel seines optimistischen Pessimismus, seine sprachlichen Überspitzungen und seine oft absurden Konstruktionen von Realität auch demjenigen eine Form aufrechter Existenz aufzeigen, dessen Grundstimmung keine bedingungslos menschenfreundliche ist. Insofern sollte man  in seinem Wirken, in seiner Literatur keine Gefahr für das „Seelenheil“, keine „Verführung“ zur Selbstzerstörung sehen, sondern eher einen Fingerzeig dahingehend, wie eine denkende sinnvolle Existenz auch im Sumpf täglicher Ignoranz möglich ist.

« Je vis comme je peux, dans un pays malheureux » sagte Albert Camus, dessen 100sten Geburtstag wir vor drei Tagen feiern hätten können.

Nicht nur am Leben zu bleiben ist wichtig, sondern als Mensch am Leben zu bleiben.

Schleichend entfernt sich die Kunst von der Gesellschaft?

Vielerorts wird behauptet, die moderne Kunst hätte sich in dermaßen abgehobene Sphären erhoben, dass sie den Bezug zu ihrem Publikum schon ganz verloren hätte. Unverständlich sei sie geworden und beliebig in ihren Qualitätsmaßstäben. Zudem blieben dem Publikum die sie stützenden theoretischen Konzepte ohne eine zusätzliche literarische Einführung durch einen elitären Expertenkreis meist ohnehin ein Rätsel.
So sei es nicht verwunderlich, wenn sich das Publikum in Ermangelung eines klaren Konzeptes von der Kunst abwende und der Kunst jede gesellschaftliche Funktion abspreche.

Diese durch und durch pessimistische Auffassung vermag ich nicht zu teilen.

Wann sind jemals in der Geschichte so viele Menschen in die Museen geströmt wie heute? Allein die Albertina in Wien vermeldet fast bei jeder ihrer Ausstellungen Besucherrekorde. Die Museumspädagogik feiert fröhlich Urständ, die „Lange Nacht der Museen“ und viele andere touristische Einrichtungen schleusen wahre Besucherströme in die heiligen Tempel der Kunst. Und: Wann jemals in der Geschichte haben sich so viele Menschen selbst in diesem Metier versucht, wie in unseren Tagen?

Andererseits aber dürfte es auch eine unbestreitbare Tatsache sein, dass der Großteil der Menschen mit „Kunst“ in dem Sinne, wie wir den Begriff heute benützen (als Erscheinung der innovativen, avantgardistischen Hochkultur), wenig im Sinn hat. Auch daran wird sich über die Jahrhunderte hin wenig verändert haben.
Wie vielen Menschen der vorangegangen Jahrhunderte war die Kunst ein Anliegen?
War die Beschäftigung mit Kunst nicht eigentlich immer ein Minderheitenprogramm einiger weniger Personengruppen, die sich diesen Luxus eben leisten konnten. Die „Masse“ interessierte Kunst nie. Abgesehen davon, dass „der Masse“ lange überhaupt kein Zugang zu Kunstwerken gewährt wurde, weil sich Kunst, sieht man von der religiös geprägten Kunst, die zur „Belehrung“ der analphabetischen Bevölkerung in Kirchen gezeigt wurde, in erster Linie in Privatsammlungen fand. Das „gewöhnliche“ Volk hatte meist mehr damit zu tun, seine lebenswichtigen Grundbedürfnisse zu decken, als Gedanken an die Tragfähigkeit künstlerischer Konzepte zu verschwenden.
Die philosophische Beschäftigung mit Kunst, mit ihrer gesellschaftlichen Funktion, mit den Qualitätserfordernissen von Kunst betrifft natürlich auch heute lediglich einen kleinen elitären Kreis. Dass sich darüber hinaus, in den letzten Jahrzehnten aber doch immer mehr Menschen mit Kunst befassen, dürfte von bestimmten gesellschaftlichen Begleiterscheinungen befördert worden sein. (Abdeckung grundlegender Vitalbedürfnisse, Arbeitszeitverkürzung, Säkularisierung der Gesellschaft und Sinnsuche, u.v.a.m.)
Der sich über diese elitären Kreise weit hinaus ausbreitende Wunsch, sich mit Kunst zu beschäftigen – im modernen Sinne und im Sinne der aktiven Freizeitbeschäftigung verstanden – wird man also eher im Zusammenhang mit dem „Wohlstandsphänomen“ oder mit dem Phänomen „Erlebnisgesellschaft“ (Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Kultursoziologie der Gegenwart, Campus, 2005) sehen müssen.
Der Mensch bekam durch die Möglichkeiten der Rationalisierung weiter Lebensbereiche ein zusätzliches Quantum an Zeit, das er für sich und sein Vergnügen verwenden kann. Ein Teil der Menschen wandte sich eben dem zu, was wir als „Kunst“ bezeichnen.
Dafür, dass sich so viele Menschen wie noch nie selbst künstlerisch zu betätigen wagen, ist sicherlich der „Aufweichung der Qualitätskriterien“, die die Postmoderne mit sich brachte, zu verdanken.

Gleichzeitig hat sie mit ihren Hinweis auf die „Vergänglichkeit der Großen Erzählungen“ auch wesentlich zur allgemeinen Verunsicherung beigetragen und die Kriterien dafür, was als Kunst angesehen werden kann, fast bis zur Beliebigkeit erweitert. Das kann man beklagen oder begrüßen. Das hängt von den eigenen Werthaltungen und Ansprüchen ab, die man an die Kunst stellt. Gerade diese Aufweichung in Richtung Beliebigkeit und Anspruchslosigkeit ist es, die manchem Zeitgenossen Sorge bereitet. Vielerorts wünscht man sich einen die Kunst begleitenden Wertekanon, mithilfe dessen man die „Spreu vom Weizen“ möglichst ohne Anstrengung trennen können sollte. Durch das Fehlen eines solchen Kataloges ist es für ernsthafte Künstler auch schwieriger geworden, ihr Publikum von der Qualität ihrer Arbeiten zu überzeugen und sich von den sogenannten „Hobbykünstlern“ abzugrenzen.
Als Künstler aber wird man ohnehin keine andere Möglichkeit haben, als sich selbst einen solchen Anforderungskatalog zu erstellen, dem die eigenen Arbeiten genügen müssen.

Aber: Was gewänne man, was gewänne die Gesellschaft, was gewänne die Kunst, wenn man Kriterien dafür, was Kunst zu sein hat, dann (allen anderen) als allgemeinverbindlich und unumstößlich präsentiert?
Ist für die Kunst, ist für die Gesellschaft nicht mehr gewonnen, wenn jeder für sich selbst entscheiden darf, was er als Kunst zu akzeptieren gedenkt und was nicht?
Was rührt es mich, was rührt es die Kunst, könnte man sagen, wenn die Leute Hansi Hinterseer, die Stoakoagler, Henze oder Einem oder doch nur Mozart für einen Künstler halten?

Muss die Kunst, muss der Künstler denn unbedingt einem Missionierungsauftrag folgen?
Geht es um Eitelkeiten oder geht es um Geld, worum geht es? Was „die Menschen“ als Kunst akzeptieren und was nicht, sollte für die Kriterien, die sich der „Schaffende“ selbst aufstellt, mehr oder weniger irrelevant bleiben, das zu erreichen, sollte schwierig genug sein.

Eine wesentliche Differenz in den Auffassungen scheint oft darin zu liegen, dass man meint, den Künstler, die Kunst – im weitesten Sinne verstanden – mit einer Art von „gesellschaftlicher Aufgabe“ betrauen zu müssen, die dieser zu erfüllen hätte.
Die Kunst hätte die Aufgabe die Gesellschaft verändern, wird gefordert. Die Kunst habe einen Bildungsauftrag und diesem könne sie nur dann nachkommen, wenn ihre Qualitätskriterien eindeutig und unwiderlegbar bestimmt seien. Diese Forderung wird nicht selten erhoben, obwohl gleichzeitig immer auch von der Kunst als „poetischer Macht der Zwecklosigkeit“ (l’art pour l’art?) gesprochen wird.
Der Künstler und das künstlerisch interessierte Publikum ist seit der Postmoderne aufgerufen, diese Frage für sich allein zu entscheiden.
Entweder man sieht sich als Gesellschaftsveränderer oder aber man nimmt einen total konträren, einen egoistischen, vielleicht sogar ein autistischen Standpunkt ein und verzichtet auf die sogenannte „Zwiesprache“ mit dem Publikum ganz. Keine Ausstellungen, keine Öffentlichkeit, keine Eitelkeiten, nur den Dienst an der Sache Kunst.
Warum sollte es nicht ein ebenso berechtigter Standpunkt sein, einen der Kunst zugeschriebenen Bildungsauftrag nicht mitmachen zu wollen. Warum, könnte man fragen, schnallt man der Kunst so gerne diesen Rucksack mit sozialarbeiterischen Ambitionen um?

Die Feststellung, jeder dürfe für sich entscheiden, was er als Kunst ansehe, zeigt neben dem ihm gerne unterstellten Aspekt des Heuchlerischen, ein real existierendes, gesellschaftliches Phänomen und dies obwohl über den „offiziellen Kunstbegriff“ natürlich festgefügte hierarchische Institutionen mit Argusaugen Wache halten.

Intuition vs. Rationalismus

Intuition vs. Rationalismus

Über einen Gegensatz der (manchmal) keiner ist

(c) Sigurt Funk „kunst geht über leichen“, Radierung überarbeitet, 26 x 28,5 cm, 2012

In vielen Bereichen des Lebens, besonders in   jenen, für die in Anspruch genommen wird, für das von Bedeutung zu sein, was   der Mensch oberflächlich als Sinnsuche zu bezeichnen geneigt ist, aber auch   in denjenigen Bereichen der Welterklärung, die Künstler für sich in Beschlag   genommen haben, zeigt sich in den letzten Jahren eine verstärkte Hinwendung   zu Denkschemata, die sich als außerhalb, genauer gesagt „über“ der   Rationalität stehend begreifen.

Das ist nichts Neues, könnte man einwenden.   Sich über die Rationalität erheben zu wollen, ist ein Wunsch, der bekanntlich   ehemals den Namen für eine sehr fruchtbare inzwischen aber überwundene   Richtung in der Kunst begründet hat. Der Surrealismus, abgeleitet vom franz.   Wort „sur“ (über), hat seine Schuldigkeit getan, könnte man meinen.

Es stellt sich also die Frage, ob es sich bei   der Forderung nach mehr Intuition in der Kunst um eine der (vielen)   Renaissancen handelt, die nicht selten unter dem Begleitwort „Neu“ firmieren.   (Neue Malerei, Neue Wilde, oder vielleicht auch die Wiener Schule des   Phantastischen Realismus) Ist diese Renaissance vielleicht eine Folge einer   anderen, einer Renaissance der wiederum modern gewordenen „esoterischen Zirkel“   anderer Lebensbereiche? Handelt es sich dabei um mehr, als um das   vielgerühmte „Bauchgefühl“ und ist dieses „Mehr“ mehr als ein Rückgriff auf   längst überwunden geglaubte mystische Ohnmachtsphantasien?

Was steckt   dahinter? Und warum ist Kunst gerade dann besser, wenn sie sich intuitiv   gibt?

Als intuitiv bezeichnet man das unmittelbare,   ganzheitliche Erkennen oder Erfahren von realen Sachverhalten, also den Weg   zu einer Lösung, ohne den diskursiven Verstand zu gebrauchen. Das hat, man erinnere sich, schon bei der   legendären „Ganzheitsmethode“ (Lesenlernen   im Volksschulalter) nicht geklappt. Intuition ist eine geistige „Anschauung“, eine „Eingebung“, die angeblich schlagartig   Zusammenhänge aufdeckt, wobei es meist um das „Erkennen des Wesens“ der Dinge geht. Es geht um eine „Begabung“, ohne die Zusammenhänge   explizit zu verstehen, zu richtigen Schlussfolgerungen zu gelangen.

Da sich Intuition der diskursiven Diskussion   entzieht, begibt man sich in einen Zirkel: Ist die Lösung richtig, war es   Intuition, ist die Lösung falsch, war es ein Irrtum. Daraus lässt sich   mühelos folgende (tautologische) Schlussfolgerung ziehen: Intuitiv   erkannte Lösungen sind immer richtig! Ist das die Grundlage für den   Siegeszug der Intuition?

In diesem Sinn ist es auch nicht verwunderlich,   dass es oft gerade Künstler sind, die auf Intuition rekurrieren. Intuition   ist eines der Vehikel, das besser als jedes andere geeignet ist, den Künstler   über den Normalsterblichen zu erheben. Nichts funktioniert verlässlicher,   nichts ist schwerer zu widerlegen, als für sich eine „Begabung“ zu   postulieren, die von anderen nicht in Zweifel gezogen werden kann, weil eben   gesellschaftliche Übereinstimmung darüber herrscht, dass sie – die Begabung –   einer rationalen Überprüfung ohnehin nicht zugänglich ist.

Anders sieht die Sache in den Wissenschaften  aus, obwohl es auch dort nicht selten vorkommen kann, dass Lösungen für   wissenschaftliche Probleme letztlich mit intuitivem Zuschlag zustande kommen.   Gemeint sind die sogenannten „Geistesblitze“, die plötzlich und unerwartet   neue Lösungen aufzeigen, die mit den herkömmlichen Techniken der Induktion   oder Deduktion, bzw. den erforderlichen logischen Schlussfolgerung unentdeckt   geblieben wären. Der Geistesblitz aber braucht, um fruchtbar zu sein, eine   ausreichend stabile rationale Basis. Intuition ist insofern aber auch ein   rationaler Vorgang, als sich intuitive Prozesse in erster Linie im Gehirn   ereignen und nicht wie der Ausdruck „Bauchgefühl“ vermuten lassen würde, in  den Gedärmen, die nicht Intuition, sondern eher Durchfall produzieren. Erkennen aber bedarf notwendigerweise des   Intellekts. Dass auch der Intellekt zu falschen Ergebnissen führen kann,   erleben wir öfter als uns lieb ist. Aber, und das macht den wesentlichen   Unterschied zu intentionalen Entscheidungen aus, bei der rationalen,   diskursiven Entscheidung kann man die die Entscheidung begründenden Schritte   zurückverfolgen, sie diskursiv auf Richtigkeit überprüfen und so bei falschen   Entscheidungen für die Zukunft berechtigter Weise darauf hoffen, so man die  falschen Schlüsse im nächsten Durchgang eliminiert, zu einem richtigeren   Ergebnis zu gelangen. Die Intuitionalisten   hingegen hoffen ganz unberechtigt, dass ihre nächste Entscheidung richtiger   als die vorangegangene sein werde, in Wirklichkeit, das lässt sich mit   Wahrscheinlichkeit bestens belegen, stehen die Chancen richtiger zu liegen,  nicht viel besser, als beim ersten Versuch.Die Missachtung der rationalen Fähigkeiten   des Menschen, deren Wurzel vielleicht bis in die Romantik mit seiner   Über-Betonung des Gefühls, vielleicht sogar bis in die Anfänge der   Menschwerdung und die magischen Praktiken zurückreicht, werden von vielen   Religionssystemen gestützt, deren Geringschätzung der menschlichen Ratio   sprichwörtlich ist, „Selig“ so   heißt es „sind die Armen im Geiste,   denn ihrer ist das Himmelreich!“ (Anm.: Dem Autor ist bewusst, dass die   aktuelle Interpretation dieses Jesuswortes – nicht zuletzt aus einer  rationaler Notwendigkeit heraus – heute anders lautet! Nichts desto weniger   wurde es über Jahrhunderte als Geringschätzung des Geistes interpretiert. Der   Mensch sei eben unfähig, den Plan Gottes zu erkennen.)

Man kann den Intellekt ohne meditativ – esoterische Praktiken höchstwahrscheinlich gar nicht überwinden, man kann ihn aber bewusst außer Acht lassen. Das aber ist dann schon wieder eine rationale   Entscheidung. Mit einem weiteren oft ins Treffen geführten   Vorwurf muss aufgeräumt werden: Nicht alles, was mit Rationalität und   Intellekt zu tun hat, bedeutet immer auch „alles   bis ins Letzte berechnen“ zumüssen.

Den Bezug zur Romantik kann man oft auch   daran erkennen, dass verklärende Behauptungen über die Qualität der Intuition   in Umlauf gesetzt werden, die sich eben durch nichts, als durch Intuition   erklären lassen. Behauptungen wie die nachfolgende etwa, die einem Artikel   der Kunstzeitschrift Art11 entstammt, in der die These vertreten wird:…dass es dem intuitiven Menschen nie in   den Sinn käme, Waffen zu entwickeln (vgl. Ludwig Drahosch, Der Intuitive (sic)   Mensch, in Art11, vom 16.Oktober 2012)  Für diese These auch nur die Spur eines   Beleges anbieten zu wollen, würde sich äußerst schwierig gestalten.

Das   Gegenteil hingegen lässt sich durch die Geschichte schon leichter belegen.   Die “Intuitionen” eines bekannten österreichischen Herrn mit Schnurrbart und   exaktem Scheitel haben bekanntlich in Bücherverbrennungen und höchster   Grausamkeit und Krieg geendet, und die, die ihm und seinen Intuitionen   wiederum ganz “intuitiv” gefolgt sind, waren nicht nur in der Überzahl,   sondern auch frei jeder rationalen Selbstkritik. Diese Selbstkritik, die eigenen   Handlungsweisen einer rationalen, einer ethisch fundierten Untersuchung zu   unterwerfen, wird dann offensichtlich auch „intuitiv“ vermieden. Für viele Anhänger des Intuitiven scheint es   ein großes Übel zu sein, die „Wertmaßstäbe“ anderer Menschen zu bewerten, um   nur ja nicht in die Falle eines kulturellen „Zentrismus“ zu tappen. Warum   aber, muss man sich fragen, sollte der Mensch immer erst dann erkennen, wenn es daran geht, kleinen Mädchen mit dem Deckel einer rostigen Konservendose die Klitoris wegzuschnippseln, dass selbst der vielgepriesene   Wertepluralismus seine rationalen Grenzen hat und man ganz ohne eigene   Werthaltungen eben doch nicht auskommt.
Aller oberflächlichen Modernität zum Trotz kann und darf auf Rationalität   auch in der Kunst nicht ganz verzichtet werden, so man den Kunstbegriff nicht   ganz verwerfen will. Wer von den Fürsprechern des Intuitiven – so   muss man fragen – würde sich lieber von einem intuitiv das Messer führenden   indianischen Schamanen am offenen Herzen operieren lassen als von einem   wissenschaftlich ausgebildeten Hochleistungsmediziner einer westlichen   Universität?

Letztlich haben wir keine andere Wahl, als   immer wieder unser Gehirn zu befragen, uns also an jenes Organ zu wenden, dem   wir unseren evolutionären Vorsprung unter den Arten verdanken; es bleibt uns   nichts Besseres als immer wieder Möglichkeiten gegeneinander abzuwägen und so  zu versuchen die beste Entscheidung zu treffen.

Neuer Artikel in „art-11“

Neuer Artikel in „art-11“

Altamira, aufgenommen 2012

Im Online Magazin „art-11“ ist mein neuer Artikel erschienen:

„Kunst und Gesellschaft“, Folge 2: Magie und Kunst

Wie Lebensumstände die Form des künstlerischen Ausdrucks beeinflussen, zeigt sich nirgends so deutlich wie am Übergang zwischen Paläolithikum und Neolithikum, meinte Arnold Hauser, einer der profiliertesten Kunstsoziologen der Neuzeit.

Heute wird das Existieren dieses  Zusammenhangs von Kunstproduktion und Sozialem von vielen Künstlern geleugnet und auf die „Freiheit der Kunst“ verwiesen. Soziale Umstände würden heute bei der Entstehung eines Werkes kaum eine Rolle spielen und auch die „Lesbarkeit“ von Kunst sei universal, wird behauptet. Kunst sei eine universelle Sprache, die von jedermann in der Welt gleichermaßen verstanden werde.

Dies gilt es zu widerlegen. Um die Kunst zu verstehen bedarf es eines ausdifferenzierten Wissens um das dem Kunstwerk zugrundeliegende kulturelle Universum. Ist dieses Wissen nicht vorhanden, verbleibt alles im dumpfen Nebel des Bauchgefühls.

Siehe: www.art-11.net

Anmerkung: Es gibt leider in letzter Zeit ein Problem mit dem „Formatieren“ der Artikel, das sich zur Zeit anscheinend nicht beheben lässt. Ich bitte um Nachsicht!

Kunst und Gesellschaft III

Kunst und Gesellschaft III

3. Von der Magie zu den Riten –

Erst mit der Pflanzen- und Viehzüchterkultur beginnt der Mensch sein Schicksal von überirdischen, einen Ratschluss befolgenden Mächten gelenkt zu fühlen. So ist nicht verwunderlich, dass alsbald das Bedürfnis erwachte, nicht nur auf das zu bejagende Wild, sondern auch auf diese unbestimmten Mächte im Nirgendwo Einfluss zu nehmen. Dazu entwickelte man Idole, Amulette, Votivgaben, Grabbeigaben, Grabmonumente und anderes mehr. Die Arbeitsteilung des Paläolithikums (Künstlermagier und Jäger) könnte sich im Neolithikum weiter ausdifferenziert haben. Während die einen, die notwendigen kultischen Geräte herstellten, beschränkten sich die Frauen im Rahmen des „Hausfleißes“ auf die Herstellung von profanen (Kunst-)Gegenständen.

Durch den Wechsel der Lebensform hin zur Sesshaftigkeit veränderte sich das gesamte soziale Gefüge. Ab nun bildeten sich größere Gemeinwesen und auch Vorratswirtschaft wurde möglich. Die künstlerische Tätigkeit wird mehr oder weniger zu einer der Muße. Auch in der formalen Ausführung der Kultgegenstände änderte sich viel. So finden sich in der neolithischen Kunst nicht nur eine stärkere Hinwendung zur Abstraktion, sondern darüber hinaus sogar eine zum geometrischen Muster. Namhafte Forscher erklären das mit der Ausbildung einer höheren geistigen Ebene, die in Form des Animismus zu Tage getreten sei; dies hätte geradezu nach einer symbolhaften Darstellung der Natur verlangt. Ab nun geht es in der künstlerischen Tätigkeit weniger um Magie und Zauberei, als um die Begleitung von Riten.

Eine der gravierendsten Änderungen in der Stellung des Künstlers dürfte sich dadurch ergeben haben, dass sich im Laufe der Zeit Kunst und Religion etwas von einander entfernten. Um nicht missverstanden zu werden: Kunst und Religion waren und sind sich immer noch nah, aber doch nicht mehr so nah, als dass man die Künstler selbst noch im weitesten Sinn als Magier oder als Priester hätte bezeichnen können, wie das zu Zeiten der Künstlermagier der Fall gewesen war. Als es Sitte wird, den Göttern Votivgaben zu stiften, verändert sich die Stellung des Künstlers ungemein.

Die Abhängigkeit des Künstlers von der Priesterschaft wird zusätzlich dadurch gelockert, dass Aufträge nun nicht mehr ausschließlich von den Priestern gegeben werden, sondern mehr und mehr Privataufträge (von Tyrannen, von Stadtgemeinden, später auch von vermögenden Privatpersonen) an die Künstler herangetragen werden. Die Werke, die jetzt zur Ausführung gelangen, sind zwar immer noch heiligen Zwecken gewidmet, sie sind aber selbst – als Gegenstand per se – nicht mehr heilig.

Auf geistig ideologischem Gebiet brachte diese Entwicklung in weiterer Folge eine Trennung der real erfahrbaren Welt in zwei unterschiedliche Bereiche: in die der Geisterverehrung, des Seelenglaubens und des Totenkults und in die der profanen, feindlichen Welt, in der es zu überleben hieß. Mit der Änderung der Formensprache einher ging aber auch ein Prozess der Intellektualisierung und Rationalisierung der Kunst, das Einsetzen von Symbolen und Siegeln, von Abstraktionen und Abbreviaturen.

Das Kunstwerk wird vom Gegenstandsbild zum Gedankenbild, das Abbild verwandelt sich allmählich in piktografische Zeichen, in weiterer Folge in eine bildarme, später in eine bildlose Schrift. Und so wird Schritt für Schritt aus der Kunst, die vormals ein Requisit der Magie und des Kultes, ein Instrument der Propaganda und der Panegyrik (predigtartige Lobrede auf ein Heiliges), ein Mittel der Beeinflussung der Götter, der Dämonen war, reine, autonome, interesselose Form,  – eine Kunst um ihrer selbst und der Schönheit willen. Im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr., zur selben Zeit als die Griechen in Ionien die Idee der Wissenschaft als reiner Forschung entdeckten, schufen sie auch die ersten Werke einer reinen, zweckfreien Kunst – den ersten Anklang an „l’art pour l’art“.

Diese Feststellungen bekräftigen die These, dass man keineswegs ungeprüft davon ausgehen sollte, die Kunst sei die treibende Kraft der gesellschaftlichen Entwicklung gewesen. Die Kunst entwickelte sich vielmehr immer erst dann, wenn der gesellschaftliche Boden dafür bereitet war.

Kunst und Gesellschaft II

Kunst und Gesellschaft II

2. Magie und Kunst –

Es ist Zeichen unseres westlich geprägten Kultur- und Kunstverständnisses, dass wir die Gegenwart meist durch Rückgriffe auf historisches Wissen zu erklären trachten. Dieses Verständnis geht davon aus, dass man nur dann gültige Aussagen über die Gegenwart treffen könne, wenn sich die Entwicklungsgeschichte eines Phänomens nachzeichnen und auch logisch nachvollziehen lässt. Diese Auffassung ist aber nur eine von vielen kulturell geprägten Möglichkeiten wie man der Relation von Kunst und Gesellschaft auf die Spur kommen kann. Im Bewusstsein dessen, dass es eben auch noch andere Lösungen gibt, wird dieser Weg hier beibehalten. Dennoch wird – zumindest teilweise – auf eine streng chronologische Darstellung der Entwicklung zugunsten einer direkten Gegenüberstellung von Urzeit und Neuzeit verzichtet werden, weil die Gegensätze, aber auch die Gemeinsamkeiten der einzelnen Epochen so stärker ins Licht gerückt werden können.

Es wurde bereits in der ersten Folge dieser Serie ausgeführt, dass sich der paläolithische Mensch bei der Bewältigung der feindlichen Welt magischer Praktiken bediente. Er vertraute darauf, dass ihm das Vollziehen von magischen Handlungen ermögliche, über die Welt Herrschaft zu erlangen; er benützte die Magie als Waffe im Wettkampf ums Überleben.

Es ist natürlich schwierig verlässliche Aussagen darüber zu treffen, was die Menschen der Urzeit bewegt hat oder darüber zu spekulieren, was genau sie gedacht haben könnten. Daher muss man sich wohl oder übel auf Analogien beschränken und darauf achten, nicht auf Äquivokationen hereinzufallen, wenn man sich auf Erkenntnisse stützt, die aus der vergleichenden Verhaltensforschung und der Ethnologie kommen.

Die Moxas-Indianer Boliviens glauben beispielsweise, wenn eine Frau ihrem Manne in seiner Abwesenheit untreu würde, werde er unweigerlich von einer Schlange oder von einem Jaguar gebissen. Passierte ihm tatsächlich so ein Missgeschick, so zog das die Bestrafung, oft sogar den Tod der Frau nach sich.

Bei den Anios von Sachalin wiederum darf eine Schwangere zwei Monate lang vor ihrer Niederkunft nicht spinnen oder Seile drehen, weil man glaubt, wenn sie das täte, könnten sich die Eingeweide des Kindes ebenso verwickeln wie der zu bearbeitende Faden.

San tribesman, Quelle: WikipediaDie Buschmänner Südafrikas, die noch lange in die Neuzeit herauf, ähnlich dem paläolithischen Menschen als Jäger und Nomaden lebten, deren Kultur einigermaßen gut erforscht wurde, stehen ebenso auf der Ebene individueller Nahrungssuche, glauben an keine Geister und Dämonen, sondern vertrauen der rohen Zauberei und der Magie. Sie produzierten eine ähnlich naturalistische Kunst wie sie eben auch der paläolithische Mensch hervorbrachte. Die Ureinwohner der afrikanischen Westküste hingegen betrieben Ackerbau, lebten in Dorfgemeinschaften und waren dem Animismus ergeben; dementsprechend bevorzugen sie strengen Formalismus und eine abstrakte, geometrisch gebundene Kunst, so wie die Neolithiker es taten.

Untersucht man nun auf Grundlage dieses Wissens die magischen Vorgehensweisen des urzeitlichen Menschen, so lassen sich zwei unterschiedliche Formen von Magie ausmachen. Die „theoretische Magie“, die sich in Form von Erklärungen der Umweltgeschehnisse manifestiert, heute würde man das vielleicht als Pseudowissenschaft bezeichnen, und die „praktische Magie“, die sich wiederum in zwei Kategorien aufspalten lässt:

a) in die „positive Magie“ (die Zauberei) und b) in die „negative Magie“ (das Tabu).

Die „positive Magie“ (die Zauberei) bedient sich der Technik Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen, sie beruft sich dabei auf die „Gesetze der Ähnlichkeit“ und wird deshalb auch homöopathische Magie genannt. Auch die heute praktizierte “alternative” [komplementäre] Heilmethode der Homöopathie beruft sich im Kern auf die ”Gesetze der Ähnlichkeit”. Wenn jemand an besonders starken Gefühlsaufwallungen leidet, verabreicht man ihm zur Heilung homöopathisch potenzierte Tarantel [er sprang auf „wie von der Tarantel gestochen“]. Andererseits vertraute man daneben -mit dem gleich gültigen Wahrheitsanspruch – auf die „Gesetze der Widersprüchlichkeit“: ein übermäßig cholerisches Temperament galt lange als „Überhitzung“ des Gemüts, was in Europas Nervenheilanstalten noch im 20. Jahrhundert eine Behandlung mit Kaltbädern nach sich zog.

Was aber könnte das alles für die Beurteilung und Kategorisierung der künstlerischen Leistungen der Vorzeit bedeuten und welche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Gefüge lassen sich daraus ableiten?

Arnold Hauser einer der renomiertesten Kunstsoziologen schlägt für die prähistorischen Perioden folgende Schlussfolgerung vor:

Der Naturalismus geht einher mit individualistisch anarchistischen Lebensformen, einer gewissen Traditionslosigkeit und einer Diesseitigkeit der Weltanschauung. Der Geometrismus geht dagegen einher mit einer Tendenz zu einheitlicher Organisation, mit bleibenden sozialen Einrichtungen und einem eher dem Jenseits zugeneigtem Weltbild.

Dies könnte zumindest solange Geltung beanspruchen, als man beispielsweise die kretische Kunst ausklammert, die nicht nur in soziologischer Hinsicht eine Sonderstellung für sich in Anspruch zu nehmen scheint, sondern auch in Fragen der Gestaltung, in Bezug auf ihre freudvolle Farbigkeit Wege ging, die sie von anderen sie umgebenden Kulturen unterscheidet.

Kunst und Gesellschaft I

Kunst und Gesellschaft I

 – Von den Anfängen der Kunst und ihren sozialen Gegebenheiten –

Kunst hervorzubringen, so könnte man behaupten, stellt ebenso wie die Bändigung des Feuers eine der wesentlichen Fähigkeiten der Spezies Mensch dar. Gerade im Rückblick auf die prähistorischen Kunstwerke scheint sich diese These mühelos und unabweisbar bestätigen zu lassen. Nicht immer ist alles so wie es scheint. 

1. Die Künstlermagier

Lascaux_04, Liz.-peter80„Die Begründung der schönen* Künste und die Einsetzung ihrer verschiedenen Typen geht auf eine Zeit zurück, die sich eingreifend von der unsrigen unterschied, und auf Menschen, deren Macht über die Dinge und über die Verhältnisse verschwindend im Vergleich zu der unsrigen war.“  Paul Valéry, Pièces sur l’art, Paris, zit. nach Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 1. Auflage, Suhrkamp, Berlin, 2010

Während die einen die Auffassung vertreten, jede Kunst sei Ausdruck ihrer Zeit, sie spiegle die Charakteristika der sie begleitenden Zeitumstände wider; eine Auffassung, die nicht selten in der Feststellung kulminiert, die Kunst müsse sich der aktuellen Zeitprobleme sogar ganz besonders intensiv annehmen und so zu deren Lösung beitragen, vertreten deren Antagonisten den Standpunkt, die wahre Kunst habe immer schon einen überzeitlichen, wenn nicht gar überweltlichen Standpunkt eingenommen, blühe stets abseits der aktuellen Ereignisse, müsse sich von zeitgebundenen Strömungen fernhalten, dürfe sich nur an das Ewige verschenken, will sie Bestand haben. Diese Ansichten werden ergänzt von den Vertretern der Avantgarde, die für sich in Anspruch nehmen, die Kunst – dabei aber oft nur sich selbst als Künstler meinen – als ein Phänomen begreifen zu müssen, das von seiner Zeit notwendig unverstanden bleiben müsse und dieser weit voraus sei.

Will man nicht von vornherein einen dieser Standpunkte präferieren, scheint es angebracht, vorerst einen Schritt zurückzutreten und die Reise in die Welt der Kunst mit einem kurzen, imaginierten Besuch bei den Menschen der Frühzeit zu beginnen, also dorthin aufzubrechen, wo wir die ursprünglichsten Anfänge der Kunst vermuten. Kehren wir also gedanklich zu jener Spezies Mensch zurück, die uns die ersten Zeugnisse dessen hinterließ, was über den Status des reinen Werkzeugs, des bloßen Hilfsmittels zur Lebensbewältigung hinausgriff.

Die den reinen Gebrauchswert übersteigende Gestaltung von Gerätschaften reicht weit in das Paläolithikum zurück. Oft handelt es sich um Gestaltungselemente, die bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht als schiere Dekoration erscheinen, aber bei genauer Analyse nicht selten ihre wahre Bedeutung offenbaren.

Zu Zeiten der Jäger und Sammler versuchte man, durch eine möglichst detailgetreue Darstellung des bejagten Wildes und den Vollzug magischer Handlungen, oft sogar durch symbolisch vorgenommene Tötungen, an diesen Darstellungen vollzogen, das real erhoffte Jagdglück zu befördern.

Nur dann, wenn diese Darstellungen bis in die Einzelheiten genau das „Wesen“ des zu erlegenden Tieres erkennen ließen, konnte die Magie ihre volle Wirksamkeit entfalten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass man diese heikle zeichnerische Arbeit bald denjenigen überließ, die fähig waren, besonders überzeugende, besonders realistische Werke zu schaffen, Abbildungen an denen alles „richtig“ war. Man kann begründeter Maßen davon ausgehen, dass es schon zu dieser Zeit eine Art von Arbeitsteilung insofern gegeben hat, als man die besonders begabten Zeichner von den Pflichten des Nahrungserwerbes zumindest teilweise enthob. Diese handwerkliche – und damit magische – Elite als Künstler in unserem heutigen Sinn zu bezeichnen, ihnen gar das zuzuschreiben, was man später dem Genie subsumierte, wäre verfehlt, auch wenn wir in fassungslosem Staunen ihre Meisterwerke bewundern und kein Zweifel daran besteht, dass es sich um einmalige Kunstwerke von universaler Gültigkeit handelt.

04aLascaux2, Quelle Wikipedia

Die paläolithischen Höhlenmaler verstanden sich als Magier, wurden als Zauberer verehrt, waren Menschen, die mit einer ganz speziellen Aufgabe betraut waren: den Geist des Wildes zu beeinflussen, zu besänftigen, zu schwächen, zu bannen.

Überirdische Wesen oder die Vorstellung von Göttern, die auf die Jagd Einfluss hätten, spielten in der Wirklichkeit dieser Menschen noch keine Rolle. Das Paläolithikum stellt somit eine Entwicklungsstufe der Kultlosigkeit dar; geprägt von Todesfurcht, Angst und Hunger trachtete sich der Mensch gegen Entbehrung, gegen Schmerz und Tod durch magische Praktiken zu schützen.

Wie sich anhand der Darstellung der gesellschaftlichen Voraussetzungen der paläolithischen und neolithischen Kunst gezeigt hat, verfolgten die Künstler-Magier der Ur-Zeiten menschlicher Zivilisation mit ihren Darstellungen ganz bestimmte Zwecke. Ihre Aufgabe bestand nicht darin, Kunstwerke hervorzubringen, um des Kunstwerkes willen (l’art pour l’art), ihre Aufgabe bestand darin, mit Hilfe ihrer außerordentlichen bildnerischen Fähigkeiten Objekte der Magie zu schaffen, um auf diese Weise zum Überleben der Sippe beizutragen. Dass es nicht um Kunst um der Kunst Willen ging, glaubt man aus der Tatsache schließen zu dürfen, dass die Abbildungen vielfach gerade an den unzugänglichsten, von Sonnenlicht oft unerreichbaren Stellen der Höhlen ausgeführt wurden und daher dekorative Zwecke wenig wahrscheinlich sind; auch dass die Arbeiten Ausdruck eines individuellen Lebensgefühls, der Wunsch nach Selbstverwirklichung waren – was man doch eher als eine Modeerscheinung der Neuzeit betrachten sollte – scheint unwahrscheinlich. Auch wenn wir die Produkte der paläolithischen Höhlenmalerei heute als Kunst einstufen, wird Kunst, so wie wir den Begriff heute verstehen, für den urzeitlichen Menschen kein Thema gewesen sein. Dies auch dann nicht, wenn es gut begründete Vermutungen dafür gibt, dass es schon so etwas wie Zeichenschulen mit einem spezialisierten “Kunstbetrieb” gegeben haben könnte. In erster Linie ging es zweifellos um Magie, um eine Form von „Beeinflussung“ der natürlichen Abläufe in der Welt, durch streng festgelegte Handlungen, die von bestimmten Personen mit außergewöhnlicher Begabung unter Zuhilfenahme magischer Werkzeuge ausgeführt werden mussten. Deswegen scheint die Einschätzung, die “Höhlenmaler” des Paläolithikums eher als Vorläufer eines Priesterstandes anzusehen, als dass man sie als Urahnen unserer heutigen ”Künstler” sehen sollte, mehr als schlüssig.

Anmerkungen:

1. Wann immer, so hoffe ich eine Klarstellung für jene Einwände anbieten zu können, die die Meinung stützen, „die Kunst“ (als solche) gäbe es gar nicht, es gäbe nur Künstler, Kunstwerke, Museen usw. – wann immer also, im Laufe dieser Betrachtung von „der Kunst“ die Rede sein wird, sollte damit die „Institution Kunst“ gemeint sein, die alles umfasst, was (im weitesten Sinn verstanden) mit dem Herstellen, Präsentieren und Konsumieren von Kunstprodukten (dazu zählt auch alles, was an sich verflüchtigenden Kunstprodukten finden lässt: Musik, Performance etc.), in Zusammenhang zu sehen ist; selbstverständlich auch alle ausgesprochenen und unausgesprochenen der Kunstproduktion implizit zugrunde liegenden Normen und Wertmaßstäbe bzw. auch die zwischen den einzelnen organisatorisch definierten Bereichen bestehenden Relationen.

2. Der Terminus “schöne Künste” geht angeblich auf die Konzeption des Kunsttheoretikers Johann Joachim Winckelmann zurück, der sich auf “edle Einfalt” und “stille Größe” bezog.

Dieser Text ist der erste aus einer Serie von Artikeln, die für die Online-Zeitschrift ART11-Magazine geschrieben und im Frühjahr 2012 dort veröffentlicht werden.

Wenn sich Buridans Esel auf’s Eis begeben…..

Wenn sich Buridans Esel auf’s Eis begeben…..

„Dem Direktor der Kunsthalle Krems, Hans-Peter Wipplinger, gelang es, niemand geringeren als Yoko Ono zur Preview seiner Ausstellung über „Wunder: Kunst, Wissenschaft und Religion vom 4.Jahrhundert bis zur Gegenwart“ nach Krems zu bitten.“

So kann man sich wundern über die „WUNDER“. Wenn eine Künstlerin (Yoko Ono) dort etwas macht, so muss dieses Produkt wohl Kunst sein, scheint die Devise gewesen zu sein. ESSL und Wipplinger sind jedenfalls  begeistert; das „Werk“, das dort in etwa 3 Minuten Arbeitszeit entstanden ist, ist ja immerhin 10 x 3 m groß – zwischen Vor – und Nachspeise, als „Drüberstreuer“ quasi aus dem Handgelenk – und viele teilen diese Begeisterung und kein Protest, kein „Garnichts“, nicht einmal „Lacher“ sind hörbar! Die ernsthaft arbeitende Künstlerschaft scheint paralysiert. Soviel an Ignoranz  hätte dem Herrn Essl, Kunstkenner und Sammler erster Wahl, wohl niemand zugetraut und die gesamte  den österreichischen Kunstmarkt beherrschende Kunstprominenz lässt sich am Nasenring ihres eigenen Kunstbegriffs willig vorführen.