Kategorie: Buchbesprechung

Über die Tyrannei der Intimität

Richard Sennett, Verfall und Ende des öffentlichen Lebens, Die Tyrannei der Intimität, Berliner Taschenbuchverlag 2008, erstmals 1974, New York

Sennett liefert ein nicht uninteressantes Statement gegen das weitverbreitete Vorurteil, Menschen würden einander dann, wenn sie nur genug voneinander wissen auch besser verstehen. Ein Statement gegen die herrschende Auffassung, man könne mit Belehrung, mit gegenseitiger Selbstentblößung oder allein schon mit dem „outen“ intimer Geheimnisse, womöglich noch in populären nachmittäglichen Talkshows auf Stammtischniveau etwas dazu beitragen, die „Welt zu verbessern“. Er zeigt aber auch, dass unsere dem Privatleben entlehnten Maßstäbe zur Bewertung von privaten Beziehungen und Personen, bei der Bewertung öffentlicher Personen,  für den politischen Bereich also,  nicht nur unbrauchbar, sondern sogar schädlich sind.

„Das Bedürfnis, im gesellschaftlichen Umgang die eigene Persönlichkeit zu offenbaren und soziales Handeln daran zu messen, was es von der Persönlichkeit anderer zu erkennen gibt, läßt sich auf zwei Arten charakterisieren. Erstens bekundet sich darin der Wunsch, sich durch Ausstellung der eigenen Qualitäten zu authentisieren. Eine Handlung ist nicht als Handlung gut (d.h. authentisch) sie wird es erst durch den Charakter dessen, der sie vollzieht. […] Zweitens stellt der Wunsch, sich selbst, die eigenen Gefühle und Motive zu authentisieren, eine Form von Puritanismus dar. […] …stehen wir doch noch immer im Bannkreis der Selbstrechtfertigung.“ (36)

Anmerkung: Die politische Dimension dessen lässt sich fast täglich erahnen. Es kommt in der Bewertung von „Gesagtem“ oft nicht so sehr auf den Inhalt an, als darauf, wer es gesagt hat. Das, was der Rezipient über den „Sprecher“ zu wissen glaubt, bestimmt letztlich unabhängig vom objektiv Gesagten, den Sinn des Gesagten. Demzufolge hat der politische Gegner von vornherein immer Unrecht, wenn er einmal als politischer Gegner qualifiziert wurde. Dass sich Sennets Erkenntnis auch auf den Bereich der Kunst anwenden lässt, scheint offenkundig. Ein Kunstwerk wird erst durch die zweifelsfreie Zuordnung zu seinem „künstlerischen Urheber“ zum Kunstwerk gemacht. Eine Fälschung, mag sie technisch noch so gut ausgeführt sein, ist eben doch kein Kunstwerk. Die Künstler- Identität und nicht das „Kunst-Produkt“ selbst, scheint der oft maßgeblichste Faktor für die Bewertung des Kunst-Produktes zu sein.

Das Paradoxon von Sichtbarkeit und Isolation, das uns am öffentlichen Leben von heute immer wieder auffällt, hat seinen Ursprung im Recht auf Schweigen, das im letzten Jahrhundert Gestalt annahm. Isolation bei gleichzeitiger Sichtbarkeit für andere ergab sich als logische Konsequenz aus dem Beharren, stumm zu bleiben, wenn man sich in die chaotischen und doch anziehenden Gefilde der Öffentlichkeit hinauswagte.(64)

Identität: Im Sinne Erik Erikson bezeichnete Identität den „Schnittpunkt“ zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet. Also nicht Existenzbedingungen oder Wunsch für sich genommen, sondern die Stelle, an der sich äußere Situation und Wunsch kreuzen. (Sennett, 196)

Rousseau: Müßiggang verdirbt den Charakter.

„Zum Verfall der Sitten kommt es, so behauptet Rousseau, wenn die Menschen einen Lebensstil entfalten, der über Arbeit, Familie und Bürgerpflicht hinausdrängt. […] darin liegt Verderbnis.

„Die große Stadt ist ein Theater, in dem sich alles um die Jagd nach Ansehen dreht.“ Künstler und Großstadt stehen im Einklang miteinander, und das Resultat ist eine moralische Katastrophe“. (218)

Sennet:

„Aufrichtigkeit besteht darin, dass man aufhört sich darum zu kümmern, welchen Eindruck man auf die Welt macht.“ (220)

Calvin: „Genf wurde von ihm so organisiert, dass die Menschen keine Ruhe und damit auch keine Gelegenheit zur Sünde fanden.“ (Sennett 212)

Über die Zivilisiertheit: „Eine Maske zu tragen, gehört zum Wesen von Zivilisiertheit. Masken ermöglichen unverfälschte Geselligkeit, losgelöst von den ungleichen Lebensbedingungen und Gefühlslagen derer, die sie tragen. Zivilisiertheit zielt darauf, die anderen mit der Last des eigenen Selbst zu verschonen. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Zivilisiertheit und Urbanität. Zivilisiertheit bedeutet, mit den anderen so umzugehen, als seien sie Fremde, und über diese Distanz hinweg eine gesellschaftliche Beziehung zu ihnen aufzunehmen.“  S.463f.

Charisma: „Wenn ein Mann, der zehn Jahre unter einem faschistischen Regime im Gefängnis gesessen hat und nun nach seiner Befreiung bereit ist, die Macht zu übernehmen, wenn dieser Mann erklärt, unter der Diktatur des Proletariats werde es keine Tyrannei geben, weil alles im Interesse des Volkes geschieht, dann sollte man zunächst einmal nicht darüber nachdenken, wie mutig dieser Mann war, als er den Faschisten im Namen seiner Überzeugung trotzte, man sollte sich vielmehr überlegen, was es bedeutet, wenn seine Überzeugungen Realität werden.“ (483f.)

Als Faustregel gilt: Je weniger Probleme aus sich heraus das Interesse der Öffentlichkeit wecken, desto mehr kümmern sich die Menschen um die Persönlichkeit der Politiker, die mit diesen Problemen umgehen sollen. (500)

Sie [die Menschen] hegen die Erwartung, Nähe erzeuge auch Wärme. Sie streben nach einer intensiven Geselligkeit, doch ihre Erwartung wird enttäuscht. Je näher die Menschen einander kommen, desto ungeselliger, schmerzhafter, destruktiver werden ihre Beziehungen zueinander. Die Konservativen behaupten, die Erfahrung der Intimität enttäusche die an sie geknüpften Erwartungen, weil das „innere Wesen des Menschen“ so verderbt und destruktiv sei, daß bei der gegenseitigen Selbstoffenbarung stets nur jene privaten kleinen Hässlichkeiten zum Vorschein kommen, die man in weniger intensiven Formen von Interaktion wohlweislich verborgen hält. Ich glaube, die Niederlage, die der intime Kontakt der Geselligkeit zufügt, ist das Ergebnis eines langen historischen Prozesses, in dessen Verlauf sich das, was man als Natur des Menschen bezeichnen könnte, in jene individuelle, instabile, auf sich selbst bezogene Erscheinung umgeformt hat, die wir „Persönlichkeit“ nennen. S. 586

Das ist die Rückkehr ins Stammesleben. (589)

Die Wiederentdeckung der Stadt, die Befreiung aus dem Lokalismus, der im 19. Jahrhundert erstmals Gestalt annahm und heute zu einem allgemeinen Glaubensgrundsatz geworden ist, würden die Wiederentdeckung der Grundlagen politischen Verhaltens mit sich bringen. In dem Maße, wie die Menschen lernen könnten, ihre Interessen in der Gesellschaft zu verfolgen, lernen sie auch, öffentlich zu handeln. Die Stadt sollte eine Schule solchen Handelns sein, das Forum, auf dem sinnvoll wird, anderen Menschen zu begegnen, ohne dass gleich der zwanghafte Wunsch hinzuträte, sie als Person kennenzulernen. (589)

Vorgestellt: Milovan Djilas – ein Dissident und doch keiner

Die unvollkommene Gesellschaft, Jenseits der „Neuen Klasse“, Büchergilde Gutenberg, Wien/Frankfurt/Zürich, 1969

„Der Drang nach Selbstaussage, das Streben für unsere Gedanken, Visionen und unsere Begeisterung Ausdruck zu finden, ist so stark wie unser Wille zum Leben. Denn der Kampf und die Schöpfung, der schöpferische Kampf hat kein Ende.“(24)

„Ich befasse mich mit Marx als ein Mann, der bis vor kurzem sein Anhänger war, der aber durch die Heimsuchung seines Landes und eigene Erfahrung erkannt hat, daß die Ideen von Marx nicht in die Wirklichkeit umsetzbar sind.“ (49)

„Für die Geschichte des menschlichen Denkens und der Wissenschaft jedoch ist es wesentlich, daß er  [MARX] als erster erkannt hat, daß man die Gesellschaft wie jedes andere Phänomen erforschen kann.“ (52)

„Für Religionen und Glaubensbotschaften ist es selbst zur Zeit ihres Aufstiegs nicht wesentlich, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinzustimmen…[…] Daran ändert auch nichts, daß sich manche Ideologien oder Glaubensmeinungen selbst als Wissenschaft bezeichnen oder an ihre eigene Wissenschaftlichkeit glauben. Auch der hitlersche Rassismus stärkte  seine Thesen durch wissenschaftliche „Beweise“ und „Theorien“; Topitsch hat überzeugend nachgewiesen, daß sich im Anschluß an Hegels Ideen eine ausgesprochen autoritäre, antiliberale und antidemokratische Herrschaftslehre entwickelte […].“ (93)

Anmerkung:

Vor allem dieses letzte Zitat ist es, das einen ins Staunen bringen könnte. Der in Ungnade gefallene Kommunist Djilas beruft sich, um seiner Auffassung Gewicht zu verleihen, auf den ehemals in Graz lehrenden Ernst Topitsch, der von „der Linken“ sonst wenig Blumen gestreut bekam, der von vielen eher als „rechts-konservativ“ eingestuft wird, nicht zuletzt auf einen, der es auch im demokratischen Nachkriegsösterreich seiner „unangepassten“ Veröffentlichungen wegen nicht leicht hatte. Den Philosophen Topitsch hier als „Zeugen“ aufgerufen zu sehen, hätte ich nicht erwartet. So bietet eben manche Lektüre ihre Überraschung.

„Lenin legt ein Konzept von der Gesellschaft vor, in einer kleinen in Zürich geschriebenen Abhandlung: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ 1916.(Er bezieht sich dabei auf John A. HOBSON (Imperialismus) u. Rudolf HILFERDING (Finanzkapital).“

Lenin postuliert 5 Merkmale:

„1. Konzentration der Produktion und des Kapitals (Monopole bilden sich)

2. Verschmelzung des Bankkapitals und des Industriekapitals

3. verstärkter Kapitalexport

4. Internationale Kapitalistenverbände bilden sich, die die Welt unter sich aufteilen

5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet. (149)“

Anmerkung:

Dieser Befund scheint zumindest teilweise von dem, was man als „die Realität“ bezeichnet, gar nicht so weit entfernt. Tatsächlich scheinen  Kapitalkonzentrationen, die Verschmelzung von Finanz- und Industriekapital, nicht zu letzt der ungezügelte Kapitalfluss zu einem Problem geworden zu sein. Die Schlussfolgerung aber, dass der nicht ausgesprochene, aber logisch folgende sechste Punkt laute, der Kapitalismus werde absterben, scheint weder zwingend, noch sind derzeit irgendwelche Anzeichen dafür erkennbar. Selbst unter Berücksichtigung der aktuellen Finanz- und Budgetkrise vieler Länder kann man eine solche Schlussfolgerung nicht ernsthaft in Erwägung ziehen.

Auch Djilas bezweifelt  Lenins These, obwohl zu „seiner Zeit“ die Ausfuhr von Kapital kein so gravierender Punkt war, wie er es heute ist:

„Die Ausfuhr von Kapital – obwohl wesentlich größer als in der Zeit von Hobson, Hilferdings und Lenins oder in der Periode zwischen den beiden Weltkriegen – hat heute unvergleichlich kleineren Umfang als der Warenexport.“ (152)

Nichts desto weniger sieht auch Djilas „den Untergang des Kapitalismus kommen, und zwar deswegen, weil keine Gesellschaft, keine Zivilisation ewig bestehen könne. Als Zeichen dafür glaubt er die nachfolgenden gesellschaftlichen Entwicklungen deuten zu dürfen:

a)      die Nationalisierung wichtiger Industriezweige

b)      die Erweiterung des Kommunalbesitzes

c)      die Ausweitung der staatlichen Fürsorge

d)      die progressive Besteuerung

e)      die vergrößerte Rolle des Staates in der Wirtschaft

f)       die Einflussnahme von Lohnforderungen de Arbeiter auf die Gewinne“  (154)

 „Im Kommunismus gerieten die Produktivkräfte mit den Produktionsverhältnissen in Konflikt, und wenn wir das Wort „Kapital“ durch das Wort „Partei“ ersetzen, dann ersteht vor unseren geistigen Augen das Schicksal, das Marx dem Kapitalismus zugedacht hatte: >Das Kapitalmonopol (Parteimonopol – Anm. d. Verf.) wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist<[1].“ (175)

 „Aber das menschliche Schicksal ist merkwürdig und nicht vorherzusagen.“ (170)


[1] Karl Marx, Das Kapital, I, S. 706, Leipzig 1932

Gleichheit ist Glück

In Zeiten in denen die Medien von den Begriffen „Wirtschaftskrise, Bankenkrise, Eurokrise“ beherrscht sind, ist es nicht unangebracht wiedereinmal die Verteilung der Einkommen in den Blick zu nehmen.
Es soll nicht verschwiegen werden, dass der Autor selbst dem Standpunkt zuneigt, dass die Einkommen – auch in Österreich – allzu ungleich verteilt sind. Die Spanne zwischen Superverdienern und Armutsgefährdeten ist definitiv zu groß. So viel zur Offenlegung der eigenen Werthaltung.
Diese Ungleichverteilung der Einkommen und damit auch der Vermögensverhältnisse hat viele Ursachen und viele Wirkungen, nur auf  einen kleinen Teilaspekt soll hier eingegangen werden.
Ausgangspunkt für die nachfolgenden Bemerkungen bildet die Arbeit von

Richard Wilkinson und Kate Pickett. („Gleichheit ist Glück, Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind“ Tolkemitt Verlag, 3. Auflage, 2010

Reiche leben länger vs. Gleiche leben länger!

 Es gibt, das versuchen die Autoren  zu belegen, einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Einkommensverteilung und Lebenserwartung. Japan als besonders reiches Land mit einer relativ geringen Ungleichverteilung der Einkommen führt die Statistik mit einer Lebenserwartung von durchschnittlich knapp unter 82 Jahren an; am unteren Ende findet sich Portugal, ein Land mit niedrigem Einkommensniveau aber hoher Ungleichverteilung mit etwas über 76 Lebensjahren.
Konträr dazu die Auffassung von Amartya Sen, der sich allerdings auf einen kruden Vergleich der Einkommenssituation beschränkt und die Einkommensverteilung innerhalb der Länder unberücksichtigt lässt.
Lebenserwartung und Einkommen
ausgewählter Länder 1994
Land
Einkommen
in US-Dollar
Alter
in Jahren
400
73
500
71
600
73
1.900
60
2.800
65
3.000
65
3.900
55

(Quelle: Wikipedia)
Folgt man seiner Auffassung, korreliere die Lebenserwartung nicht eindeutig mit dem Einkommen. 

Die Untersuchung von Wilkinson/Pickett vertritt die These, dass es eben nicht auf die absolute Höhe des Einkommens, sondern auf die Einkommensunterschiede innerhalb ein und derselben Gesellschaft ankäme.
Die nachfolgend zit. Studie für Deutschland stützt diese These.
Das Ergebnis dieser Studie lautet zusammengefasst: Wer mehr verdient, lebt eindeutig länger!
Nachzulesen in:
(Lauterbach K, Lüngen M, Stollenwerk B, Gerber A, Klever-Deichert G. Zum Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung. Studien zu Gesundheit, Medizin und Gesellschaft 2006; Köln: Ausgabe 01/2006 vom 25.02.2006.)
„Ende der 1990er Jahre  betrug der Unterschied in der Lebenserwartung zwischen den sozialen Schichten an der Spitze und an der Basis der Einkommenspyramide 7,3 Jahre bei den Männern und 7 Jahre bei den Frauen.“ (Office for National Statistics, UK,  Wilkinson/Pickett, S.101)
„Hier muss noch einmal daran erinnert werden, dass sich nach den Befunden der Whitehall-Studien solche Differenzen in der Lebenserwartung nicht aus einem weniger sorgsamen  Umgang der unteren Schichten mit der eigenen Gesundheit erklären lassen.“ (Wilkinson/ Pickett S. 104)
 Leider sind Wilkinson und Pickett die Nachweise  gerade zu diesem letzten Punkt schuldig geblieben.