Hamed Abdel-Samad

Das Misstrauen, die gegenseitigen Schuldzuweisungen und Gewalt schaukeln sich auf. Das ist mehr als bedenklich.

In der Rückschau auf diverse Bürgerkriege in der Welt, wie auch auf die bewaffneten Auseinandersetzungen in Österreich der 1930er Jahre,  scheint uns vieles am Verhalten der damals handelnden Menschen unverständlich. Der Mensch soll aus der Geschichte lernen, heißt es. Auch das Umgekehrte gilt: Die aufmerksame Beobachtung der Gegenwart bietet manchmal den Schlüssel zum Verständnis der Vorgänge in der Vergangenheit.

Der nachfolgende Text, den Hamed Abdel Samad heute auf FB gepostet hat, beschreibt nicht nur die aktuelle Situation treffend, er mahnt auch zur Besonnenheit, deswegen sei er hier wiedergegeben.

Zitat:
„Solange jede Seite den Hass und die Gewalt der anderen thematisiert, aber zum Hass und zur Gewalt in den eigenen Reihen schweigt oder diese relativiert, werden wir das Problem nicht lösen. Sie erkennen nicht, dass Hass an sich das Problem ist, nicht nur der Hass der aus der anderen Seite kommt. Das tun leider die Rechten, die Linken, die Mitte und die Muslime. Man muss nur die Reaktionen der Rechten nach einem islamistischen Anschlag und ihre Reaktionen nach einem rechtsradikalen Anschlag mit einander vergleichen. Hier Empörung, dort Relativierung oder Schweigen. Auf rechtsradikale Anschläge wiederum reagieren viele Muslime mit Empörung und sehen den Täter oft als Vertreter des Westens, der den Islam und alle Muslime vernichten will. Ist der Täter selber Muslim, der Koranpassagen als Rechtfertigung seines Anschlags benutzte, dann ist er ein Einzeltäter, der mit dem Islam nichts zu tun hat. Dieser Einschätzung folgen oft die Linken und die Mitte, und glauben dadurch schützen sie Muslime vor Hass und Ausgrenzung. Dabei werden mehr Menschen skeptisch gegenüber Muslime, wenn man solche Taten verharmlost.
Alle hassen die anderen, weil sie Hass verbreiten. Aber den eigenen Hass sieht jede Seite nur als heiligen Zorn, der eine Legitimation hat. Alle wollen den Hass identitär bekämpfen, wir gegen die anderen. Alle glauben, sie würden den Hass bekämpfen, indem sie die anderen ächten und sich über deren Hass empören. Dadurch schaukeln sie sich aber gegenseitig hoch und es gibt dadurch noch mehr Hass. Denn die Empörung der anderen wirkt wie ein Rauschmittel für die kritisierte Seite, die wiederum für die Kritiker nur Verachtung übrig hat.
Wut ist eigentlich ein Ersatzgefühl, das die Gefühle von Angst und Gebrochen-Sein verdecken sollte, denn keiner gibt gerne zu, dass er unsicher ist. Wer sich seine Identität oder seiner Position sicher ist, braucht nicht zu brüllen oder sich mit dem Konflikt zu identifizieren. Die Rechten, die Linken, die Mitte und die Muslime sind unsicher und gebrochen. Sie suchen die Heilung in der Anfeindung mit den anderen, weil sie zu ihrem Gebrochen-Sein nicht stehen wollen, und den langen Weg der Selbstvergewisserung durch Ehrlichkeit und Reflexion nicht gehen wollen. Sie suchen die Lösung im Konflikt, doch der Konflikt ist oft nur eine Ablenkung vom eigenen Versagen!
Es ist Zeit, verantwortungsethisch zu handeln und gegen den Hass zu kämpfen, egal aus welcher Seite er kommt, und egal wie er sich verkleidet. Es gibt keinen guten und keinen schlechten Hass, denn der Hass ist das Mittel derer, die weder Selbstbewusstsein noch Konzepte haben!“

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