Identität – Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet

Die nachfolgenden Ausführungen sind vorläufiges Ergebnis eines unabgeschlossenen Leseprozesses und unterliegen deshalb gewissen Vorbehalten, weil nicht sicher ist, ob nicht die eine oder andere hier zitierte Stelle, sich im Laufe der Lektüre relativiert oder später vielleicht sogar von Fukuyama selbst klargestellt wird.

Zwei große Überraschungen seien es gewesen, die dieses Buch initiiert hätten: Die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA im November 2016 und die Entscheidung Großbritanniens im Juni des selben Jahres aus der EU auszutreten.

Fukuyama meint, Kennzeichen der letzten Jahrzehnte sei der globale Drang hin zur Demokratie gewesen, der sich nun deutlich abgeschwächt habe.

„Im Jahr 1970 gab es rund 35 repräsentative Demokratien – eine Zahl, die in den folgenden drei Jahrzehnten stetig anstieg, bis sie Anfang des 21. Jahrhunderts fast 120 erreichte. Die stärkste Beschleunigung fand zwischen 1989 und 1991 statt, als der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der UdSSR eine demokratische Welle in der gesamten Region auslöste. Seit Mitte der Nullerjahre hat sich der Trend jedoch umgekehrt, und die Anzahl der demokratischen Staaten ist wieder gesunken.“ (11)

Im vorliegenden Buch kehrt Fukuyama zu einem Thema zurück, das er schon 1992 aufgenommen und seither immer wieder behandelte: Thymos, Anerkennung, Würde, Identität, Einwanderung, Nationalismus, Religion und Kultur. Das Verlangen nach Anerkennung der eigenen Identität vereine als Leitmotiv vieles von dem, was sich heutzutage in der Weltpolitik abspiele; seit Hegel werde die Menschheitsgeschichte durch das Ringen nach Anerkennung vorangetrieben, so lautet seine Eingangsthese.

Diese gesellschaftliche Anerkennung drückt sich unter anderem auch in der Möglichkeit wirtschaftlichen Erfolg zu haben aus.

„Zwischen 1970 und 2008 vervierfachte sich der weltweite Ertrag an Gütern und Dienstleistungen. Das Wachstum erstreckte sich auf praktisch alle Regionen, während sich der Anteil der unter extremer Armut leidender Menschen in den Entwicklungsländern von 42 Prozent der Gesamtbevölkerung im Jahr 1993 auf 17 Prozent im Jahr 2011 verringerte. Der Anteil der Kinder, die vor ihrem fünften Geburtstag starben, ging von 22 Prozent im Jahr 1960 auf weniger als 5 Prozent im Jahr 2016 zurück. […] In den Entwicklungsländern fanden sich Dorfbewohner, die zuvor nicht einmal einen Stromanschluss gehabt hatten, plötzlich in großen Städten wieder, wo sie fernsehen konnten und durch die allgegenwärtigen Mobiltelefone mit dem Internet verbunden waren.“ (20)

Fukuyama zieht folgende (kritisierbare) Schlussfolgerung daraus: Die Arbeitsmärkte, sagt er, hätten sich daraufhin den neuen Gegebenheiten angepasst und Abermillionen Menschen auf der Suche nach besseren Chancen gezwungen, ihr Land zu verlassen.

Dies scheint mir aber doch mehr ideologisch als faktisch begründbar zu sein. Man wird viel mehr davon ausgehen müssen, dass es innerhalb dieser kurzen Frist sowohl für den „Arbeitsmarkt“ als auch für ein „staatlich gesteuertes Arbeitsmarktmanagement“ einfach unmöglich sein würde, eine solch große Anzahl von Menschen, die bisher einfache „Subsistenzwirtschaft“ betrieben haben, mit adäquaten Jobs in einer modernen Industriegesellschaft und vor allem mit einer dazu erforderlichen Bildung zu versorgen, die sie befähigen würde, auf einem industriell-technologisch geprägten „Arbeitsmarkt“ bestehen zu können.

Mehr oder weniger unbestritten dürfte sein, dass die Globalisierung doch wesentliche Bevölkerungsanteile (der westlichen Bevölkerung) vom weltweiten Wachstum ausgeschlossen hat.

„Zwischen 2000 und 2016 erlebte die Hälfte der US-Amerikaner keine Erhöhung ihres Realeinkommens. Der Anteil des Bruttonationalproduktes, der auf das obere Bevölkerungsprozent (A.d.Verf.: äußerst unklarer Begriff) entfiel, stieg hingegen zwischen 1974 und 2008 von 9 auf 24 Prozent.“ (23)

Man muss Fukuyamas Befund wohl zustimmen, wenn er meint:

Aber so maßgeblich das materielle Eigeninteresse auch sein mag, Menschen werden zudem von anderen Dingen motiviert, durch welche sich die disparaten Ereignisse der Gegenwart vielleicht besser erklären lassen. In zahlreichen Fällen gelingt es politischen Führern, ihre Anhänger mit Hilfe der Vorstellung zu mobilisieren, dass die Würde der Gruppe beleidigt, herabgesetzt oder sonst wie missachtet worden sei. (23)

Nach seinem Buch „Das Ende der Geschichte“ sucht der Autor in diesem vor allem nach Gründen, warum sich immer mehr Menschen antidemokratischen Strömungen zuwenden und den Liberalismus ablehnen.

Die Politik der Anerkennung und Würde hatte Anfang des 19. Jahrhunderts eine Gabelung erreicht. Ein Weg führte zu universaler Anerkennung der Individualrechte und daher zu liberalen Gesellschaften, die ihren Bürgern ein immer größer werdendes Spektrum individueller Autonomie bieten wollten. Der andere Weg führte zur Bekräftigung der kollektiven Identität, deren Hauptmanifestationen Nationalismus und politisierte Religion waren. (77)

Wenn man diesem Befund zustimmt, dann liegt auch die nachfolgende Frage nicht fern, an der man angesichts dessen, was man bei uns die „Flüchtlingskrise“ nannte, besser aber  „Krise der Integration“ nennen sollte, nicht vorbei kann:

Warum tat/tut sich die Linke so schwer, die Bedrohungen zu erkennen, die vom Islam für die westlich orientierten „offenen Gesellschaften“ ausgehen?

Ich behaupte, sie tut sich deswegen schwer, weil sie beide eigentlich „in einem ideologisch ähnlich konstruierten Boot“ sitzen.
Im Grunde treffen sich die Linken in einer Allianz eines diffusen Identitäts-Spektrums nicht nur mit den von ihnen verachteten Rechten und ihren Vorstellungen von Volksgemeinschaft, sondern auch mit den politisierten Religionen und ihrem mittelalterlich anmutenden Wertekodex wieder. Sie a l l e gründen ihr Menschenbild, ihre Werthaltungen auf eine kollektive Identität und nicht auf eine individuelle. Nicht umsonst nannte sich das „Erfolgsmodell“  NATIONAL – SOZIALISMUS. Ein autoritäres politisches System, das nicht nur kollektivistisch, sondern zudem von einem stark religiös-ritualisierten Habitus geprägt war.  Gegen diese, wenn auch nur latent vorhandenen und vielfach auch von allen Seiten bestrittenen ideologischen Gemeinsamkeiten, stehen die (wenigen) Liberalen in ihrem verzweifelten Kampf für die „offene Gesellschaft“ auf verlorenem Posten und müssen Prügel von allen Seiten einstecken.

Damit soll keinesfalls der Befund verdeckt werden, dass die meisten Menschen ohnehin nicht über „unerschöpfliche Tiefen der Individualität“ verfügen, die nur ihnen eigen ist. Ich bin mit Fukuyama der Meinung, dass das, was die Menschen als ihr wahres inneres Selbst halten, sich in Wirklichkeit immer (auch) als ein Ergebnis ihrer Beziehungen zu anderen Personen, Normen und Erwartungen herausstellt. (Vgl. S. 77)

Aber können tatsächlich „Nationalismus und Islamismus“ – das heißt der politische Islam – als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet werden, weil beide einer verborgenen oder unterdrückten Gruppenidentität Ausdruck verleihen, wie Fukuyama behauptet?

Diese Frage wird man, abgesehen von den Gemeinsamkeiten, die von mir oben beschrieben wurden, nur dann mit ja beantworten dürfen, wenn man den Begriff Nationalismus in seiner ursprünglichen von rigoroser Ausschließung, von Gedanken der Minderwertigkeit anderer Nationen und seiner aggressiven Konnotation gegenüber anderen, also ausschließlich nach seinen negativen Komponenten hin definiert.
Aber auch der Begriff Nationalismus hat in den letzten Jahrzehnten ohne Zweifel einen inhaltlichen Wandel erfahren, einen Wandel, den seine linken Gegner wie auch die sogenannten „Ewiggestrigen“ aus dem rechten Lager aus guten Gründen nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dies vielleicht deswegen, weil der Begriff sich dann nicht mehr als politischer Kampfbegriff verwenden lässt, der die Guten von den Bösen trennt. Im übrigen verweise ich in diesem Zusammenhang auf die Ausführungen eines durchaus beachtenswerten Österreichers, auf Leopold Kohr, der in mehreren Arbeiten durchaus eindrucksvoll die Vorteile „kleiner Einheiten“ (der Nationalstaat ist jedenfalls eine kleinere Einheit als es eine „Europäische Republik“ wäre) gegenüber größeren nachgewiesen hat. Darüber wurde hier aber ohnehin schon ausführlich berichtet, sodass ich nun darauf verzichten kann, dies hier nochmals auszuführen.

Francis Fukuyama
Identität –
Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet
Hoffmann und Campe, Hamburg
3.Auflage 2019
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel „Identity, The Demand for Dignity and the Politics of Resentment“ bei Farrar, Straus and Giroux, New York

 

 

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