Wie groß ist der ideale Staat?

…[…] der beste Maßstab für einen Staat ist: die höchste Anzahl der Einwohner, die noch überschaubar bleibt und eine Leben in Autarkie ermöglicht. […] Diese Art von Staat existiert in zahlreichen Schweizer Kantonen, und nur dort können wir die überlieferte und eingewurzelte Einrichtung der Demokratie finden. Die Kantone sind so klein, daß ihre Probleme von jedem Kirchturm aus überblickt und daher von jedem Bauern ohne verwirrende Hilfe tiefgründiger Theorien und außergewöhnlicher Wahrsager gelöst werden können. Die moderne Technik hat jedoch die Auffassung darüber geändert, was sich auf einen Blick erfassen läßt, und dehnte damit die Bevölkerungsgrenze für gesunde und funktionierende Gesellschaften von einigen hunderttausend auf acht bis zehn Millionen aus.“ ( 172)

Kohr-Kleinstaaterei neu

Und doch schreiben uns unsere Lehrmeister gerade den Vereinigungsprozeß vor. Zerquetscht von dem intellektuell tödlichen, aber die Gefühle ansprechenden Gewicht großer physischer Macht, haben sie die Dolche der Verachtung gegen das Kleine gezückt und alles, was Größe, Umfang oder Masse hat, auf glitzernde Altäre gestellt. Sie haben uns überredet, das Kolossale anzubeten, und waren erstaunt, daß wir Hitler anbeten, der nichts war – außer kolossal. Sie haben die enorme Größe des römischen Imperiums bis in den Himmel gelobt und waren dann erstaunt, daß wir Mussolini, wie die alten Cäsaren, anbeten – die nichts waren, außer enorm.“ (178)

 

André Gide

Ich glaube an die Tugend kleiner Nationen.“

 

Zitate entnommen: Leopold Kohr, Das Ende der Großen, Zurück zum menschlichen Maß, Otto Müller Verlag, 4. Auflage, Salzburg-Wien 2017

 

Werbeanzeigen

4 Gedanken zu „Wie groß ist der ideale Staat?

  1. Interessante Frage, aber redundant, wenn man auf den Grund sieht. Natuerlich bringt geographische Groesse „automatisch“ mehr Probleme, einfach durch die Chance, dass mehr unterschiedliche Kulturen einbezogen sind. (Ein gutes Beispiel ist Vietnam. dass allein durch seine LAENGE unterschiedliche Umwelten und Klimata einbezieht. Auch nach der Vereinigung lebt die Gesellschaft doch recht getrennt. Die Menschen aus Hanoi stehen zu denen in Saigon ungefaehr wie der Hamburger zu einem Bayern.)

    Kurz: es ist die kulturelle Identitaet, die einen starken Staat ausmacht, zusammen mit der Struktur der Verfassung (Carl Schmitt hat das sehr gut beschrieben).
    Die Deutschen waeren auch noch bei einem kriegerischen Angriff gespalten und die Haelfte wuerde wahrscheinlich sofort zum Feind ueberlaufen, waehrend die USA trotz ihrer sozialen Konflikte wesentlich mehr Zugehoerigkeit fuehlen. Russland schaetze ich ebenso ein und China, mit Ausnahme von Tibet und Xinjiang. Canada und Australien sind riesige Regionen, denen die Administration kaum Schwierigkeiten bereitet.
    HG

    1. Russland (in der heutigen Form) ist ja eigentlich schon (wieder)ein Ergebnis eines Teilungsprozesses (UdSSR). Die USA sieht Kohr auch als „geteilte Nation“, deren Bundesstaaten große Freiheiten genießen und keiner „zu groß“ ist: ein Bündnis von Teilstaaten, die vielleicht auch gerade wegen ihrer starken Eigenständigkeit ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln konnten. Zu den „Problemen“ Kanadas schrieb Kohr (1957): „Zwei seiner Provinzen, Ontario und Quebec, die mehr als sieben von insgesamt vierzehn Millionen Einwohnern aufzuweisen haben, sind im Vergleich mit den anderen acht so groß geworden, daß sie schließlich den kanadischen Bund durch ihre sich bemerkbar machenden intraföderativen Großmachtstrukturen zerstören könnten. Da die Wiederherstellung eines reibungslos funktionierenden Gleichgewichts unter den ungleichen Provinzen nur durch das Prinzip der Teilung bewirkt werden kann, gibt es Vorschläge „zur Regelung von Differenzen zwischen dem Dominion und den Provinzen durch Aufteilung Kanadas in zwanzig Provinzen“.(*) Die besondere Gefahr in Kanada besteht in der Tatsache, daß, im Gegensatz zur Schweiz, eine der beiden Nationalitäten in einem einzigen großen Staat lebt,in der Provinz Quebec, wodurch die Grundlage einer nationalen Solidarität sowie ein nationales Bewusstsein entstanden, das in der Schweiz durch die Trennung der Nationalitäten wegfiel und stattdessen ein k a n t o n a l e s Bewußtsein schuf.(255)

      (*) Siehe Leitartikel im Ottawa Citizen vom 13. Oktober 1948 über den Vorschlag von Professor A.R.M. Lower von der Queens University, Kingston, Kanada

  2. Hallo Dr. Schrittwieser,
    Danke fuer Ihre Replik. „…Die USA sieht Kohr auch als „geteilte Nation“, deren Bundesstaaten große Freiheiten genießen…“ (Dieses Gegenargument habe ich eigentlich vorausgesehen). Aber am Ende bleibt die nationale Staerke dennoch erhalten. Eine Regel lebt durch ihre Ausnahme, jedoch hier erscheint, gibt es zu viele um eine Regel zu erkennen. Nehmen wir einen anderen Fall, Sizilien, eine kleine, geschlossene Gesellschaft, deren Familien zu regelmaessigen Todfeinden werden. Wie es waere, wenn die Kantone und Staaten (in den USA) tatsaechlich unabhaengige, souveraene Nationen waeren, kann Kohr sicher auch nicht vorhersagen. Es gibt immer noch riesige Gebilde, mit wenig Menschen. Die Mongolei hat sicher weniger Probleme als das 10 mal kleinere Kalifonien 🙂
    HG

Bitte hinterlassen Sie hier ihre Einwände oder wichtigen Ergänzungen.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s