„Europa-Chauvinismus“ – ein altes Phänomen in neuem Gewand (1)

Teil 1

Die „Sippe“ war das Übel von vorgestern, der „Vielvölkerstaat der Habsburger -Monarchie“ das Übel von gestern! Der „Nationalstaat“ ist das Übel von heute. Der „Europa-Chauvinismus“ wird das Übel von morgen sein!

Die Europäische Union, als idealistisches Projekt gegen „das Nationale“, tappt selbst in die Chauvinismusfalle!

„Chauvinismus im ursprünglichen Sinn ist ein häufig aggressiver Nationalismus bei dem sich Angehörige einer Nation aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu dieser gegenüber Menschen anderer Nationen überlegen fühlen und sie abwerten.“ (Wikipedia) *

Was aber unterscheidet den „glühenden Europäer“ vom „glühenden National-Patrioten“, abgesehen von der Größe des Objekts auf die sich seine Obsession richtet?

Was unterscheidet die Europäische Union vom vielgeschmähten Nationalstaat? Und was haben die beiden gemein?

Beginnen wir bei dem, was den Nationalstaat ausmacht. Ein Staat definiert sich durch:

  1. ein Staatsgebiet
  2. das Staatsvolk
  3. die Staatsmacht

Auch die EU verfügt über ein ausgewiesenes Staatsgebiet, (es definiert sich über die Staatsgebiete seiner Mitgliedsstaaten) dieses wird vom EU-Volk bewohnt, darüber wird eine „Staatsmacht“ ausgeübt, deren Regeln die nationalen Regeln „overrulen“. (Kommission, EU-Parlament, Europäische Rat, Europäischer Gerichtshof). Im Grunde ist also die EU als Zusammenschluss vieler Staaten, auch nichts anderes als ein Art von Staat. Ein Zusammenschluss, der Außengrenzen hat, der ein eigenes Rechtssystem besitzt, in dem ein Staatsvolk lebt. Man sieht die „Zutaten“ sind ähnlich. Von diesem „Gebilde“ werden Interessen verfolgt und er ist mit anderen Staaten gut oder weniger gut befreundet und schließt mit ihnen sogar Verträge.

Die EU ist rechtlich natürlich kein Staat, rechtlich korrekt spricht man von einem Staatenverbund, zeitigt aber ähnliche Wirkungen. Die EU schließt bestimmte Staaten ein, die Mitgliedsstaaten; sie schließt bestimmte Staaten aus, alle Nichtmitgliedsstaaten. Alles das, kann man von einem Nationalstaat österreichischen Zuschnitts auch sagen. (Hier handelt es sich um einen Verbund von Bundesländern, aber auch diese haben eigene „Parlamente“ (Landtage) die selbständig Gesetze beschließen können. (Eine tiefergehende Untersuchung über die staatsrechtlichen Unterschiede der rechtlichen Organisation ist für unsere Zwecke hier nicht nötig und würde die Sache nur unnötig verkomplizieren.) Es geht hier um eine grundsätzliche Frage der Wertung, die auch ohne exakten rechtlichen Vergleich der beiden Organisationsformen abgehandelt werden kann.

Warum darf man politisch korrekt stolz Europäer sein, und darf nicht stolz national sein?

Den Stolz auf die EU darf man mit breiter Brust vor sich hertragen, ohne mit einer Sanktion bedacht zu werden. EU-Befürworter gelten als weltoffen, fortschrittlich, modern, gebildet und vor allem tolerant, sie ernten Lob. Für diejenigen, die die kleinere Einheit, den Nationalstaat bevorzugen, gilt das Gegenteil dessen. Daher empfiehlt es sich, so man sich zur zweiten Gruppe zählt, den Stolz auf die eigene Nation tief in seinem Innersten zu vergraben, er hat disqualifizierende Außen-Wirkungen oder aber die Konsequenzen geduldig zu ertragen.

Man darf stolz darauf sein, Europäer zu sein, nicht deswegen, weil das Europäische Projekt keine Schwächen hätte, man darf stolz sein, weil die Bekundung dieses Stolzes zum Ausdruck bringt, seinen Nationalstolz überwunden zu haben, der für „gute Europäer“ immer ein „übertriebener“ ist. Das Bekenntnis Europäer und nicht Nationalist zu sein, bedeutet, nicht mehr und nicht weniger als zu den „Guten“ zu gehören; die „Nationalstolzen“ , vormals „Patrioten“, den Anhängern der „Kleinstaaterei“ also, wird liebend gerne unterstellt, sie würden alle anderen Nationen als weniger wertvoll, oder gar ihnen untergeordnet betrachten. Es gelingt der österreichischen Psyche anscheinend nur unter größten Anstrengungen, das Wort „national“ ohne den Zusatz „sozialistisch“ zu denken, währenddessen sie das Wort „sozialistisch“ kaum mit den damit einhergehenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Zusammenhang bringen.

Dass der Nationalismus, im Sinne des 19. Jahrhunderts verstanden, dazu ausgenützt wurde, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und letztlich in eine mörderische Auseinandersetzung der Nationalstaaten mit Millionen von Toten führte, soll hier weder bestritten noch beschönigt werden. Die Frage ist, ob das Begriffsverständnis des 19. Jhdts. und die damit verbundenen Implikationen, beispielsweise die des Kolonialismus, heute überhaupt noch von Bedeutung ist. Ich behaupte: nein, die Bedeutung und damit die inhaltliche Aufladung des Wortes hat sich gewandelt.

Es kann nicht bestritten werden, dass es immer und überall Menschen geben wird, in allen Nationen der Welt wird man sie finden, die „ihre“ Nation als die vorzüglichste betrachten und alle anderen als geringwertig abzuqualifizieren bereit sind. Solche Stellungnahmen sind von offiziellen Vertretern der Staaten derzeit aber kaum mehr – und wenn dann nur in Ausnahmefällen (Erdogan) – zu hören und spielen auch in der offiziellen Politik nur eine untergeordnete Rolle. Es ist natürlich eine nicht wegzuleugnende Tatsache, dass sogenannte „große Staaten“ mehr Einfluss auszuüben in der Lage sind und deswegen aus der Masse herausragen. Grundsätzlich gilt aber auch in der UNO, dass alle Staaten gleichberechtigt und gleichwertig sind. Daraus das Argument abzuleiten, dass man jemanden, der auf seinen Staat stolz ist, automatisch die Vermutung unterstellen kann, er würde andere für geringwertig halten, ist auch empirisch nicht tragfähig.

Sehr bemerkenswert ist schließlich, dass die Dimension des Nationalstolzes eine zentrale Position in den ganzen Zusammenhängen einnimmt; sie korreliert, wie bereits festgestellt, positiv mit Osterreichidentifikation und Österreichpatriotismus, aber auch – was uns sehr bedeutsam erscheint – sehr deutlich positiv mit Weltoffenheit und auch mit Ausländerakzeptanz. Auf seine Nation stolz zu sein, geht also keineswegs einher mit einer Abwertung anderer Nationen oder Kulturen – ganz im Gegenteil.“ (Haller, S.113) **

Warum also diese unterschiedliche Bewertung des Stolzes? Darf man vielleicht deswegen stolz behaupten, Europäer zu sein, weil dieser Stolz sich gleichzeitig immer auch auf verschiedene andere Nationen bezieht und nicht nur auf die eigene? Schauen wir uns an, worauf dieser „Nationalstolz“ in erster Linie gerichtet ist:

„Im Durchschnitt […] sind 27% der Befragten „sehr stolz“, weitere 41% „etwas stolz“ auf Österreich. […] Besonders stolz sind die Österreicher auf die sozialstaatlichen Leistungen, die wirtschaftlichen und die wissenschaftlich-technischen Leistungen sowie die sportlichen Erfolge.“ (Haller, S. 109)

Ein europäischer Rundumblick zeigt, dass die „Ächtung des Nationalstolzes“, wie sie aktuell feststellbar ist – ein relativ junges soziales Phänomen – und vornehmlich in Deutschland und Österreich beheimatet ist, was vermutlich mit der jüngeren Geschichte dieser Länder in Zusammenhang zu bringen ist. Auch das Faktum, in welchem „politischen Lager“ sich der dieses Phänomen Bewertende beheimatet fühlt, könnte eine Rolle spielen. Die Vermutung scheint plausibel, ohne dafür empirische Belege anbieten zu können, dass sich im Bereich des linken Spektrums der politischen Landschaft, das traditionsgemäß dem „i n t e r n a t i o n a l e n Sozialismus“ nahe steht, eher Vorbehalte gegenüber ausgeprägtem Nationalstolz finden lassen als im rechten Spektrum, das seine traditionellen Wurzeln vielleicht eher auf den „n a t i o n a l e n Sozialismus“ oder aber auf den „nationalen Konservativismus“ bezieht.

Aktuell lassen sich „Europa-skeptische-Äußerungen“ erfahrungsgemäß eher dem „rechten Lager“ (Le Pen, FPÖ, AfD, Wilders etc.) zuordnen, sie vertreten die Idee der nationalen Souveränität eines „vereinten Europas der Vaterländer“. Linke, Grüne, Liberale oder auch Konservative, die eher zu EU- Befürwortern gezählt werden dürfen, bevorzugen einen starken Zentralstaat und betonen bevorzugt, dass man die eigenen nationalen Interessen immer zugunsten eines Ausgleichs in der Gemeinschaft zurückstellen müsse.

Die empirischen Untersuchungen Max Hallers, em. Ordinarius für Soziologie an der Uni Graz, aus dem Jahr 1996 zeigen für „die Linke“ allerdings noch ein anderes Bild.

So stechen auch die Anhänger der SPÖ vor denen aller anderen Parteien durch ihr besonders starkes Österreichbewußtsein hervor, während die Grünen in dieser Hinsicht eine deutlich distanziertere Position einnehmen als die aller übrigen Parteien.“ (Haller, S. 140)

Es ist durchaus denkbar, dass ein großer Teil dieser „österreichbewussten SPÖ-Anhänger“ wegen des katastrophal schlechten Grenzmanagements der Regierung im Jahr 2015 (unkontrollierter Flüchtlingsansturm) bei den letzten NR-Wahlen in signifikanter Anzahl zur FPÖ wechselte.

Dass bezüglich Nationalstolz und Österreichbewußtsein auch schichtspezifische Faktoren eine Rolle spielen, ist nicht weiter verwunderlich.

Österreichpatriotismus ist eine Haltung, die bei jüngeren Menschen, Höhergebildeten und Menschen mit qualifizierten Berufspositionen weniger stark ausgeprägt ist.“ (Haller, S. 141)

Gemeinsamkeiten und Differenzen: Nationalstaat vs. EU

Beide Einheiten, sowohl die Europäische Union als auch der Nationalstaat Österreich sind geografisch abgegrenzte, kulturell und sprachlich mehr oder weniger inhomogene Einheiten von kulturell annähernd Gleichen; ein  Paradebeispiel bietet die Schweiz, die ihren Kantonen weitgehend freie Hand in der Selbstverwaltung lässt, eine gut ausgebaute Struktur von direkter Demokratie entwickelt hat und das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Nationen in einem gemeinsamen Nationalstaat vorlebt. In Österreich liegt die Sache ähnlich; bei vereinheitlichter Amtssprache existieren in vielen Staaten unterschiedliche Sprachgruppen. In Österreich gibt es eine kroatische, eine slowenische, eine tschechische Volksgruppe, mit ihren traditionellen Sprachen, last but not least gibt es auch noch das Romanes der „Burgenlandroma“. Allen Volksgruppen ist das Recht verbürgt, dass ihre Kultur und Sprache nicht nur gefördert werden, sie haben auch das Recht, den Behördenverkehr in ihrer Sprache durchzuführen. Desweiteren wird dafür Sorge getragen, dass auch Schulunterricht in ihrer Sprache angeboten wird. Dass das Verhältnis der Mehrheit zu ihren Minderheiten (vice versa) nicht immer konfliktfrei ist, sollte die Freude über das grundsätzlich friedliche Miteinander nicht schmälern. Aber auf diese Leistung des Nationalstaates darf man, will man die Forderungen der „political correctness“ erfüllen, nicht stolz sein, währenddessen man auf das friedliche Zusammenleben der EU-Staaten stolz sein m u s s. 

Die Zeiten ändern sich! …und Stolz ist nicht gleich Stolz!

In allen diesen Überlegungen hat sich bisher kein nennenswertes Faktum ergeben, das die unterschiedlich gehandhabte Bewertung des „Stolzes“ in Hinblick auf die Nation bzw. auf die EU rechtfertigen ließe. Dass „Stolz“ als eine der Hauptsünden der christlichen Religion gilt, die ja als „kulturtragend“ für Europa angesehen wird, sei nur nebenbei bemerkt.

Die Beurteilung, ob man auf seine Nation stolz sein darf oder nicht, hat sich allerdings wie vieles andere auch im Laufe der Zeit gewandelt. In seiner Dankesrede in der Bundesversammlung nach seiner Wahl sagte der neu gewählte Bundespräsident Dr. Karl Renner (SPÖ) am 20.Dezember 1945:

Nehmen Sie, meine Frauen und Herren, die Versicherung entgegen, daß ich – ich kann das einfach fassen – mir treu bleiben werde, treu bleiben in meiner unvergänglichen Liebe, in meinem unwandelbaren Bekenntnis zur Demokratie und in meiner angeborenen und niemals wankenden Liebe zu unserem Vaterland Österreich.“ ***

Es gab also Zeiten, wo sogar „Linke“ noch von einer „a n g e b o r e n e n Liebe zum Vaterland“ sprechen durften, ohne sich dem Vorwurf „Chauvinismus!“ oder gar dem des „Biologismus“ auszusetzen. Heute hingegen darf, geht es nach linken Ideologen, nichts Verhaltensähnliches mehr „angeboren“ sein, nicht einmal das, was in mühevoller Forschungsarbeit **** eindeutig als angeboren diagnostiziert wurde.

Wenige Jahrzehnte später, nachdem es mit großem medialen und erzieherischen Aufwand (Tag der Fahne und andere Maßnahmen der politischen Erziehung) gelungen war in der „lebensuntüchtigen Nation“ von einst, wieder ein positives Nationalgefühl zu etablieren, gilt „Vaterlandsliebe“  als Anachronismus, den es zu überwinden gilt. Heute gibt es nur mehr wenige, die es wagen, diesen Ausdruck zu verwenden, weil sie fürchten, als „rechtsradikal“ gebrandmarkt zu werden. Nationalstolz ist zu einer Sache der Fußball-Weltmeisterschaften und der Olympischen Spiele verkommen. Dort ist er nach wie vor zulässig, wenn nicht gar erwünscht, auch bei jenen, die sonst keine Gelegenheit auslassen, sich darüber zu mokieren.

Nationale Egoismen?

Sich um das Wohlergehen der eigenen Nation zu sorgen, ihr „unverbrüchliche Treue“ zu halten, darauf werden unsere Politiker bei ihrer Amtsübernahme bekanntlich eingeschworen, aber es ist aus der Mode gekommen.

Sie werden geloben unverbrüchliche Treue der Republik Österreich, stete und volle Beobachtung der Verfassungsgesetze und aller anderen Gesetze und gewissenhafte Erfüllung Ihrer Pflichten.“ (Amtseid der Nationalratsabgeordneten)

Ich gelobe, mein Vaterland, die Republik Österreich, und sein Volk zu schützen und mit der Waffe zu verteidigen. Ich gelobe, den Gesetzen und den gesetzmäßigen Behörden Treue und Gehorsam zu leisten, alle Befehle meiner Vorgesetzten pünktlich und genau zu befolgen und mit allen meinen Kräften der Republik Österreich und dem österreichischen Volke zu dienen.“ (Amtseid der Bundesheerangehörigen)

Nicht das Wohlergehen der eigenen Nation soll ab nun das Erstrebenswerte sein, die „Europäische Gemeinschaft“ ist es, die an deren Stelle „geliebt“ werden soll. Wäre es dann nicht endlich an der Zeit, auch die Eidesformeln entsprechend anzupassen?

Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit werden „opinion leader“ der Kulturnation Österreich vor die Kamera gebeten, die uns auf diese Liebe, die stets eine „kritiklose“ zu sein hat, einschwören. „Wir“ säßen alle im gleichen Boot, behauptet man. Zugegeben, es ist aber die Frage, wer rudert, wer steuert und wer ist Passagier? Die EU ist und bliebe ohne Alternative. Und mit EU ist – wenn auch unausgesprochen – mehr und mehr die Ausweitung des Zentralstaates gemeint, den man zu lieben und zu ehren hat.

Kritik an der EU bei gleichzeitigem Rekurs auf das eigene „Vaterland“ ist unerwünscht! Kritiker werden abgewertet, nicht aber die Argumente ihrer Kritik widerlegt. Das ist Europa-Chauvinismus in Reinkultur!

Dazu eine bemerkenswerte Aussage des Philosophen Konrad Paul Liessmann.

„Ich hätte ehrlich Sorgen, wenn man den Begriff EUROPA und den Druck sich jetzt dazu zu bekennen, so verwendet wie man im 19.Jahrhundert den Begriff NATION verwendet hat. Wenn es im 19. Jahrhundert problematisch war, ein „glühender Deutscher“, ein „glühender Franzose“, ein „glühender Spanier“ zu sein, dann ist der „glühende Europäer“ auch nicht wirklich zukunftsweisend.“ *****

Der Europa-Chauvinismus, wie er aktuell die Medienlandschaft – vielleicht sogar auch die Politik mancher Mitgliedsländer – beherrscht, hat die Kraft Europa zu befruchten, die Europäer in ihrem Bemühen um eine bessere Welt zusammenzuschweißen, die Wirtschaft, die Kultur, das soziale Leben voranzubringen, die Verhältnisse in Europa zu bessern, ebenso wie der nationale Chauvinismus den Nationalstaat in vielen Bereichen voranbringen kann; er hat aber auch und dass sollten auch jene nicht vergessen, die das „Vereinte Europa“ so gerne als das non plus ultra, als das letztgültige Telos der politischen Entwicklung Europas darstellen, dasselbe negative, zerstörerische, verhetzende Potential, das dem Chauvinismus des Nationalstaates innewohnt.

Die Frage ist jetzt, ob diese Befunde, die oben zur Sprache gebracht wurden, überhaupt dazu berechtigen von Europa-Chauvinismus sprechen zu dürfen. Diese Frage kann man  aus mehreren Gründen bejahen. Der Europa-Chauvinismus wertet nicht nur die von seinen Wertmaßstäben abweichenden politischen Systeme ab (aktuell die islamischen Staaten, im Besonderen die Türkei), er hat darüber hinaus bedauerlicherweise die Tendenz, sich auch gegen die eigenen, kritischen, „unfolgsamen“ Mitglieder (Visegrád Staaten) der Gemeinschaft zu wenden. Vor allem aber die Tatsache ist es, dass  er sich auch gegen Einzel-Personen richtet, die sich gegenüber der EU kritisch bis ablehnend verhalten, die die Verwendung dieses Ausdrucks legitimiert.

Spätestens hier sollte jedem aufmerksamen Leser klar geworden sein, dass sich der Begriff „Chauvinismus“ unabhängig davon, ob er auf eine Nation oder auf die Europäische Gemeinschaft, auf politische Systeme oder Einzelpersonen Bezug nimmt, als Schimpwort wenig eignet. Ohne „Wertungen“, die notgedrungen immer auch „Abwertungen“ mit einschließen, weil eben nicht alles gleich wertvoll sein kann, kommt niemand aus. Sich zu den „Europäischen Werten“ zu bekennen, schließt das Bekenntnis zu kontradiktorischen Werten naturgemäß aus.

Anmerkungen:

* Diese Definition wird sich auf den Terminus „Eropa-Chauvinismus“ aus mehreren Gründen nur begrenzt anwenden lassen. Zum einen, weil mein Begriff auf einen Staatenverbund und nicht auf einen Nationalstaat Bezug nimmt, desweiteren Menschen im Auge hat, die Mitglieder des Staatenverbundes sind und nicht wie oben auf Menschen, die sich national als „in-group“ und „out-group“definieren lassen.

**Max Haller, Identität und Nationalstolz der Österreicher, Gesellschaftliche Ursachen und Funktionen, Herausbildung und Transformation seit 1945, Internationaler Vergleich, Böhlau, Wien 1996)

***zit. nach Leoplold Figl, Reden für Österreich, Europa Verlag, Wien-Frankfurt-Zürich, 1965, S.106)

****Vgl. Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Der vorprogrammierte Mensch, Das Ererbte als bestimmender Faktor im menschlichen Verhalten, dtv, 1.Auflage, 1976

*****Die Passage stammt aus einem Gespräch mit Benedikt Weingartner, am 12.Mai 2015 im Haus der Europäischen Union.

 

 

3 Gedanken zu „„Europa-Chauvinismus“ – ein altes Phänomen in neuem Gewand (1)

  1. Das ist schon etwas komplexer als es Kohr zu sehen scheint.
    Frankreich und England – als Empire – verwalteten unvergleichlich groessere Gebiete als Deutschland, und trotzdem waren ihre Gesellschaft viel homogener als die deutsche. Z.B. ein Indischer Soldat war ungleich stolzer in der britischen Armee zu dienen als ein Hannoveraner in der preussischen. Die Deutsche Einigung war selbst unter Bismarck in der sozialen Praxis keineswegs abgeschlossen. Daneben besassen, spaetestens nach dem Buergerkrieg, die multikulturellen Einwanderer in den riesigen USA schon eine nationale Identiteat. De Tocqueville hatte das messerscharf erkannt und beschtieben („Democracy in Amerika“).
    HG

  2. „…Was aber unterscheidet den „glühenden Europäer“ vom „glühenden National-Patrioten“,…“
    A: Unverschaemte Heuchelei. Es gibt keine europaeische Gesellschaft. Die europaeischen Kulturen und Interessen sind zu unterschiedlich, das einzig Verbindende sind Industrialisierung und Zivilisation. „Europa“ sind willkuerlich zusammengebunde Gebiete (besonders was den Osten anbelangt) zur Machtanhaeufung und internationalen Manipulation der Regularien and der Finanzen. Oder so…

    1. Ich möchte mit einem Zitat von Leopld Kohr antworten, das mir passend erscheint, Ihren Gedanken oben zu illustrieren und für kleine gewachsene Einheiten Stellung bezieht: „Nichts Natürliches muß eine solche Anstrengung ( die Schaffung von Nationalbewusstsein ist gemeint) setzen, um zu überleben. Wenn ein keltischsprachiger Einwohner der Bretagne aus Instinkt oder Tradition wüßte, daß er der gleichen Nationalität angehört wie der deutschsprachige Elsässer, der französischsprachige Burgunder oder der katalonischsprechende Einwohner des Südens Frankreichs, dann müßte man es ihm nicht sein Leben lang vorsagen.“

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