„Lügen“ – oder doch nur ein Übermaß an Phantasie?

(Ein Teil dieses Textes ist auch Teil eines Berichtes, den ich meinem „Reisejournal eines Müßiggängers“ veröffentlicht habe.)

Ich habe mich wieder Egon Friedells „Kulturgeschichte“ zugewandt. Ein Buch, das einigen Genuss bietet. Unübliche Blickwinkel und Betrachtungsweisen, Beschreibungen zwiespältiger Charaktere, kulturelle und soziale Analysen, die oft dem entgegengesetzt sind, was man herkömmlicher Weise erwarten würde. Aber auch manch Widersprüchliches findet sich, etwa in der Charakterisierung Napoleons, der einmal als eine Art „tumber Tor“ aus der Provinz, dem es nur Dank seiner „vitesse“ und seiner „courage“ gelingt, sowohl im Feld als auch in der Politik erfolgreich zu sein, der aber wenige Seiten später wieder als „Alleskönner“ und „Allesversteher“ gezeichnet wird. Zwei Passagen verdienen es besonders, hier kritisch besprochen zu werden. Umso mehr als ich Egon Friedell bisher fast immer positiv zitiert habe, ist es angebracht, auch einmal Stellen zu zeigen, mit denen ich weniger bis gar nicht einverstanden sein kann.

Die erste hat Aktualität gewonnen, weil man sich wieder einmal auf eine Milliarden-Hilfe für Griechenland geeinigt hat. Diese Passage hat es besonders in sich.  In dieser Form würde sich heute wohl kaum ein Literat von Rang über ein Volk zu schreiben getrauen. Höchstwahrscheinlich ginge es nicht einmal als Posting auf fb durch, ohne einen shit-storm hervorzurufen.

Durch seine große Phantasie, seine Kardinaleigenschaft, war der Hellene in besonders hervorragendem Maße zum L ü g e n und zum L e i d e n prädestiniert. Man darf geradezu von ein e n d e m i s c h e n Verlogenheit des griechischen V olkes sprechen, gegen die ein paar Ausnahms- menschen immer vergeblich und übrigens ziemlich schüchtern angekämpft haben. Überhaupt war eine individuelle und soziale Ethik nur bei einigen weltabgewandten Philosophen, bei allen übrigen aber nicht einmal im Ansatz vorhanden, und wenn man nicht ganz bestimmt wüßte, daß die Gymnasiasten von den griechischen Schriftstellern nicht ein Wort verstehen, so müßte man ihre Lektüre nicht nur aus dem Schulunterricht streichen, sondern auch privatim als höchst unmoralisch verbieten.“ (Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, C.H. Beck, 3. Auflage, 2012, S. 796)

Ich will nicht behaupten, dass ich dem vollinhaltlich zustimme, aber wenn ich an die aktuelle Misere mit den griechischen Staatsfinanzen denke und daran, dass „die Griechen“ anlässlich ihres Beitritts in die Euro-Zone ihre das Budget betreffenden Zahlen ziemlich „geschönt“ haben – um es euphemistisch auszudrücken – und mir in Erinnerung ist, dass Griechenland auch in der Vergangenheit schon einige Staatsbankrotte auf Kosten anderer hingelegt hat, dann würde ich der These auch nicht sehr heftig widersprechen wollen. Wenngleich ein ganzes Volk dermaßen abzuwerten natürlich mehr als problematisch ist. Zudem könnte demgegenüber natürlich einwenden, dass man das, was in der jüngeren Vergangenheit passierte, ohnehin nicht so genau wissen könne.

Ist Geschichte alt genug geworden, um zu reiner Poesie zu kristallisieren, so spricht aus ihr unmittelbar das Wesen des Weltgeistes, der niemals irren kann, das Wort Gottes; und in diesem Sinne ist die Bibel nicht nur das erhabenste, sondern auch das zuverlässigste Geschichtswerk der Weltliteratur. […] Die Geschichte der Gegenwart jedoch hat zu ihrem Mundstück bloß den Geist des „Herausgebers“, eines verschlagenen, zelotischen, mit eiserner Entschlossenheit gepanzerten Geschöpfes, das nur sich und seinem Parteidogma dient; ob es sich dabei um die Herausgabe von Schulbüchern oder Blaubüchern, diplomatischen Noten oder Generalstabsberichten oder aber um wirkliche Journale handelt, macht keinen Unterschied: alle Beiträge zur Gegenwartsgeschichte haben den Wahrheitswert einer Zeitung.“ (941f.)

Dass es sich bei den Erkenntnissen der Geschichtswissenschaften um solche handelt, die in ihrer Stringenz mit denen der Naturwissenschaften vergleichbar wären, behauptet ohnehin niemand,  – auch wenn man de facto manchmal so tut, als handle es sich dabei immer um „harte, objektive Fakten“ – um aber mit dieser kryptischen Auffassung von Geschichte, die Friedell hier präsentiert, übereinstimmen zu können, müsste man wohl auch die strenge Interpretation der Bibel teilen, wie sie durch die „Kreationisten“ erfolgt. Und da ist meine Toleranz allerdings tatsächlich an ihr Ende gekommen.

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