Ich wär so gerne liberal!

Liberalität geht einher mit freier Meinungsäußerung. Kein Staat, kein Mensch, kein Medium, der / das Meinungen unterdrückt oder für ihre Unterdrückung eintritt, und seien diese Meinungen auch noch so absonderlich, darf sich berechtigter Weise „liberal“ nennen.

Es gab einmal eine Zeit, da glaubte das Kabarett eine wichtige politische Funktion erfüllen zu müssen in der deutschsprachigen Welt. Das Kabarett verstand sich in erster Linie als kritische Kraft gegenüber der gerade herrschenden Macht. Dass diese Zeiten spätestens seit dem Ende von Schwarz-Blau vorbei sind, ist offensichtlich. Das Kabarett hat längst die Seite gewechselt. Es hat es sich gemütlich gemacht, im warmen Bett der herrschenden politischen Kräfte; Erfolg verspricht, mit oberflächlichem Humor dem „common-sense“ die Stange zu halten.

Darin kann man nur dann einen Mangel erkennen, wenn man übersieht, dass die politische Darstellung in den letzten Monaten ohnehin mehr und mehr einer Kabarett-Vorstellung gleicht:

Der türkische Proletenpascha übt sich in lächerlicher Großmannsrhetorik, weil ihm einige europäische Staaten das Hereintragen des innertürkischen Wahlkampfes in ihr Hoheitsgebiet untersagen; der kümmerliche Rest der Kärntner „Buberl-Partie“ wird nicht für den Hypocrash zur Verantwortung gezogen, sondern im Vergleich dazu für ein Bagatell-Vergehen verurteilt, währenddessen die Hauptverantwortlichen ebenso wie die für den Draken-Deal Verantwortlichen nach wie vor ungeschoren bleiben. Österreich wird in Folge des Salzburger Spekulations-Dilemmas wegen verfälschter Budgetzahlen vor den Europäischen Gerichtshof zitiert, während große Teile Europas schon lange nur mehr mit „getürkten“ (eigentlich „gegriechten“) Budgetzahlen rechnen, die auf ehemalige Vereinbarungen – betreffend Höchstverschuldung und Budgetüberschreitungen – schon lange keine Rücksicht mehr zu nehmen bereit sind. Keine Rede mehr davon, dass jeder Staat nur für seine eigenen Schulden einzustehen hat. Die EZB kauft „toxische“ Papiere und druckt Geld in rauen Mengen. (Und das, – eigenartiger Weise – ohne eine Inflation im Gefolge.)

Kabarett in Reinkultur!

Ein paar Jahre noch, dann wird auch den verblendetsten EU-Optimisten klar geworden sein: Großbritannien hat – obwohl es ohnehin eine äußerst privilegierte Stellung innehatte – wieder einmal in der Geschichte rechtzeitig die Reißleine gezogen.

Man muss wahrlich gute Nerven und viel Humor haben in solchen Zeiten.

Und dann noch ein Weiteres:

Immer dann, wenn es wirtschaftlich schlecht läuft, besteht höchste Gefahr für alles Liberale in der Gesellschaft.

Es stimmt schon:

Man kann ein Freigeist sein und dabei einen sehr unfreien Geist haben, in dem, wie dies bei den meisten Freidenkern der Fall ist, das Verständnis für andersgeartete Weltanschauungen keinen Platz hat. Diese Art Aufklärer sind ebenso Gefangene ihrer engen und einseitigen Doktrin wie die von ihnen verachteten Reaktionäre. Dasselbe gilt vom landläufigen Liberalismus. Er ist liberal nur gegen die Liberalen, alle anderen Menschen sind in seinen Augen verstockte Ketzer und verblendete Toren, denen gegen ihren Willen die bessere Weltsicht aufgedrängt werden muß.

(Egon Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, C.H.Beck,3.Auflage der Sonderausgabe, 2012)

Der wahre Liberale, da unterscheidet sich meine Ansicht von der des verehrten Egon Friedell, drängt seine Weltsicht aber niemandem auf. Tut er es, hat er sich als Liberaler disqualifiziert. Der Liberale wirbt für seine Weltsicht, mehr nicht.

Was aber tut der Liberale, wenn er bemerkt, dass ihm andere ihre Weltsicht gegen seinen Willen aufdrängen wollen?

Ich hoffe, er wehrt sich!

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