Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten

Sarah Wagenknecht, Reichtum ohne GierSahra Wagenknecht

Reichtum ohne Gier“

Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten

Campus, Frankfurt am Main 2016

Sahra Wagenknecht ist promovierte Volkswirtin und Politikerin, seit Oktober 2015 Vorsitzende der Linksfraktion im Deutschen Bundestag. Von 2010 bis 2014 war sie Stellvertretende Parteivorsitzende, von 2004 bis 2009 Abgeordnete im Europäischen Parlament.

Es ist Zeit, den Kapitalismus zu überwinden. Wir leben in einem Wirtschaftsfeudalismus, der mit freier oder sozialer Marktwirtschaft nichts zu tun hat. Und die Innovationen, die uns bei der Lösung wirklich wichtiger Probleme weiterbringen, bleiben aus. Wie kann es sein, dass vom Steuerzahler finanzierte technologische Entwicklungen private Unternehmen reich machen, selbst wenn diese gegen das Gemeinwohl arbeiten?

Wir müssen Talente und echte Leistung belohnen und Gründer mit guten Ideen fördern, sagt Wagenknecht.

Mit glasklarer Analyse und konkreten Vorschlägen eröffnet sie die politische Diskussion über neue Eigentumsformen und zeigt, wie eine innovative und gerechte Wirtschaft aussehen kann. (Klappentext)

Besonders auffällig ist die Tatsache, dass Frau Wagenknecht sich nicht, wie man es von einer LINKEN üblicher weise erwarten würde, dafür ausspricht, Betriebe in Staatseigentum überzuführen und ein marxistisches Wirtschaftssystem zu etablieren. Auch keine strikte Ablehnung des Privateigentums wird man ihr nachweisen können. 

Im Gegenteil: Sie spricht sich vehement dafür aus, die Einzeleigentümer von Klein- und Mittelbetrieben zu stärken, sie anerkennt aber auch die innovativen Leistungen von Großunternehmen, so sie noch in Bereichen der Produktion tätig sind und von persönlich haftenden Eigentümern geführt werden. Sie anerkennt also vor allem jene Unternehmerpersönlichkeiten, die für ihren Geschäftserfolg mit ihrem gesamten Eigentum haften. Ihre Angriffe richten sich in erster Linie gegen spekulative Finanzkapitalisten und jene Unternehmen, deren Eigentümer ausschließlich mit ihrer Einlage und nicht mit dem Privatvermögen haften. Gegen jene also, die ihre Kapitalkraft und damit das Unternehmen und die für das Unternehmen tätigen Personen für die eigene Profitmaximierung benützen, ohne den dort aktiv tätigen Personen einen gerechten Anteil am Betriebserfolg zuzugestehen.

Einer ihrer Vorschläge zielt darauf ab, das Eigentum an den Unternehmen nicht an außenstehende physische oder juristische Personen zu binden, was das Recht auf Veräußerung oder auch Vernichtung des Eigentums beinhalte, sondern das Unternehmen selbst zum Eigentümer des Betriebsvermögens zu machen. Diese Form unterscheidet sich aber grundsätzlich von den ähnlich strukturierten Genossenschaften. Bei der von Wagenknecht vorgeschlagenen Variante wird die direkt im Betrieb arbeitende Belegschaft, also nur die am Betriebserfolg beteiligten Personen, am erzielten „Erfolg“ beteiligt. Am Unternehmensvermögen selbst ist die „Belegschaft“ nicht beteiligt. Tritt jemand aus dem Unternehmen aus, kann er daher keine Unternehmensanteile „mitnehmen“. Dies würde natürlich auch Kollektivverträge überflüssig machen, da die Höhe der auszuschüttenden Löhne von allen im Unternehmen beschäftigten Personen innerhalb des Unternehmens ausgehandelt werden muss. Es gibt grundsätzlich „Leistungslöhne“, die abhängig von Qualifikation und Aufgabenbereich variieren können. Darüber hinaus hängt die Höhe des Lohns aber auch vom Betriebserfolg ab. Erzielt das Unternehmen nur einen geringen Betriebserfolg, gibt es für alle anteilsmäßig weniger Lohn, ist der Gewinn höher, gibt es mehr Lohn.

Eine Verfechterin marxistischer Planwirtschaft zu sein, wird man Frau Wagenknecht nach diesem Buch jedenfalls nicht mehr zuschreiben können.

Wagenknechts Bestandsaufnahmen und politische Diagnosen sind wohl weitgehend zutreffend, wie man es von dieser klarsichtigen und redegewandten Politikerin ohnehin gewohnt ist. Die verkrustete österreichische Polit-Elite, aber auch Österreichs Linke – so es sie gibt -, könnte eine Politikerin ihres Schlages dringend gebrauchen.

Ein informatives, lesenswertes Buch für alle politisch interessierten Zeitgenossen.

14 Gedanken zu „Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten

  1. Hallo und schön, wieder von Ihnen zu lesen.
    Ich habe die Haltung Wagenknechts lange verfolgt. Dabei halten wir ihr vor, dass sie ihre rhetorischen Fähigkeiten für nicht-einklagbare populistische Gleichheitskonzepte verschwended(e).
    Nun hört sich etwas anders an. Um es kurz zu machen: das Grundproblem unseres heutigen Staates lag und liegt in der Einmischung in wirtschaftlchen Belange seit Gründung der BRD. Damals konnte mit einem unsinnigen Begriff wie „soziale Marktwirtschaft“ noch wegkommen, durch einige spezielle Kriterien der Nachkriegsperiode. Seit ca. 1972 ist diese widersprüchliche Wirtschaftsform ständig am zerbröckeln. Den Zerfall wollte man verhindern durch stetige Regularien und Eingriffe, die z.T. an FDRs „New Deal“-Wahnwitz erinnern. Die Linke hatte sich zu lange mit dämlichen Forderungen wie 2.000 Euro Mindestlohn, usw. usw. und anderen Umverteilungsmethoden (welche die Wagenknecht dialektisch brilliant vermarktete) zum Mittäter dieser verfahrenen Ökonomie gemacht. Der Korporatismus und Vertreibung der Firmengründer geht auf die Kappe der gesamten Regierung inkl. Opposition. Die Linke wurde schon von der CDU links überholt. Deshalb die Flucht nach vorne. Die Frage ist, was würde Frau W. wirklich machen, wenn sie Kanzlerin, oder im Kabinett wäre; wie würde sie mit den Lobbyisten umgehen…
    Herzliche Grüße

    1. Danke für Ihren aufmunternden Kommentar. Ja, was würde Frau Wagenknecht wirklich machen?…..die „Gretchenfrage“! Die grundsätzliche Frage inwieweit sich der Staat in „die Wirtschaft“ einmischen darf und soll ist eine äußerst vielschichtige, so dass ich darauf – wie sie verstehen werden – nicht so „nebenbei“ antworten will. Dem Staat keine Eingriffe zuzugestehen, wird ebenso wenig hilfreich sein (weil viele Interessen auf diese Weise unberücksichtigt bleiben würden), wie es unmöglich ist, Wirtschaft im Sinne einer marxistischen „Planwirtschaft“ zu betreiben. Das hat uns die Geschichte eindrucksvoll bewiesen. Es wird das Maß sein, das rechte….und darüber würden wir wohl lange, – und vor allem Einzelfälle betreffend -, diskutieren müssen. Was aber halten Sie von der Idee Wagenknechts, die ich oben skizziert habe, das Unternehmensvermögen betreffend? Aber vielleicht wäre es besser, Sie würden vorher das Original lesen. Meine Interpretation muss ja nicht unbedingt richtig sein. Beste Grüße.

      1. Aufgrund der letzten Kommentare (29.Juni 3:45 und 29.Juni 6:02), die zwar unter derselben Adresse hier einlangten, erscheint es mir, als ob ich es dennoch mit zwei unterschiedlichen Kommentatoren zu tun hätte. Bitte um Aufklärung? Unterhalte ich mich mit zwei unterschiedlichen Personen? Beste Grüße

      2. Danke für die Klarstellung. Ich werde versuchen auf Ihre Frage eine Antwort zu geben und diese so auszuführen, dass sie im Sinne des Textes ausfällt, den Frau Wagenbach vorgelegt hat.
        Zitat: „Arbeiter oder Angestellte produzieren zwar, sind aber nicht an den 2 entscheidenden Phasen der Vermögensbildung beteiligt: 1. dem Aufbau und der Organisation der Firma und 2. dem erfolgreichen Vertrieb des Endproduktes („Apple“ wäre ein perfektes Beispiel).“

        Ich vermute, man müsste aus dem Text heraus so argumentieren:
        a) Die Gründung eines Unternehmens stellt zwar eine entscheidende Phase im „Leben eines Unternehmens“ dar, aber keine entscheidende Phase der „Vermögensbildung“. Das Zurverfügungstellen von Kapital ist nur ein Teil der Unternehmensgründung. Wenn auch ein nicht unwesentlicher. Die Vermögensbildung erfolgt jedoch erst später durch die Tätigkeit des Unternehmens, also durch die Arbeit der in ihm tätigen Personen. Dazu gehören selbstverständlich die „Organisation“(-stätigkeiten) des Unternehmens von Beginn an bis zum Ende“ des Unternehmens und natürlich auch der erfolgreiche Vertrieb des Endproduktes. (Der Vertrieb erfolgt ja doch meist nicht vom Kapitalgeber selbst, schon gar nicht durch ihn allein, sondern wieder durch Angestellte, Mitarbeiter, ein organisiertes Vertriebsteam etc.)
        b) zu „Apple“: Ich kann aus dem Gedächtnis jetzt keine Zitation vorlegen, aber wenn ich mich richtig erinnere, geht der Text sogar auf „Apple“ und ähnliche Betriebe ein, um mit der Mähr vom „Erfinder in der Garage“ aufzuräumen. Auch Apple baute, so die Wagenbachsche Argumentation, mit seinen Produkten letztlich auf eine Unzahl von wissenschaftlichen und technischen Erkenntnissen auf, die von anderen und oft unter Einsatz von öffentlichen Geldern gewonnen worden sind.
        Danke für die interessante Anregung, beste Grüße und viel Vergnügen bei späterer Lektüre des Buches.

  2. Dr. Schrittwieser, da ich wieder in Asien bin, würde es längere Zeit dauer, bis ich das Buch überhaupt lesen könnte. Also, zunächst mal eine Stellungnahme zu dem was Ihnen exemplarisch erschein:

    „…die direkt im Betrieb arbeitende Belegschaft, also nur die am Betriebserfolg beteiligten Personen, am erzielten „Erfolg“ beteiligt…“
    Diese Haltung widersricht Ws. Förderung von „echten“ Unternehmern. Sie will, oder kann, das axiomatische Element eines Unternehmers nicht verstehen. Arbeiter oder Angestellte produzieren zwar, aber sind nicht an den 2 entschieden Phasen der Vermögensbildung beteiligt: 1. dem Aufbau und Organisation der Firma und 2. dem erfolgreichen Vertrieb des Endproduktes („Apple“ wäre eien perfektes Beispiel).

    In einem rennt sie offene Türen bei wohl jedem ein: Von außen eingeführte Vorstände, dessen einzige Qualifikationen sind, dass sie Betrieben erfolgreich verschrotten und Lügen können ohne Scham, sollten wenigstens mithaften und nur von Boni bezahlt werden, also keine Millionengehälter.

    Was meinen Sie?

    1. Aufgrund der letzten Kommentare (29.Juni 3:45 und 29.Juni 6:02), die zwar unter derselben Adresse hier einlangten, erscheint es mir, als ob ich es dennoch mit zwei unterschiedlichen Kommentatoren zu tun hätte. Bitte um Aufklärung? Unterhalte ich mich mit zwei unterschiedlichen Personen? Beste Grüße

  3. Hallound Danke für Ihre Replik.
    Ihre meisten Argumente finde ich stichhaltig. Aber bitte beachten Sie:

    1. Die meisten Angestellten in einem mittleren und großen Produktionsbetrieb sind die „Arbeiter“ (Frau Ws. Klientel). Mann kann argumentieren, dass diese rund 70 % zwar die Ware produzieren, aber leicht austauschbar sind. „Verkaufskanonen“, Ingenieure, IT-Spezialisten, etc. bei weitem weniger. (supply & demand!). Ein krasses Beispiel wäre die Modebranche, wo der Designer fast schon den Gesamtwert der Firma reflektiert. Wer das Zeug zusammennäht ist „unwichtig“. Dagegen sind z.B. in einem Finanzunternehmen oder in einer Consulting-firma 90 % Häuptlinge und kaum Indianer. Vielschichtigkkeit wäre hier ein großes Problem in der Anwendung universeller Regelungen. Deshalb muss ich wenigstens ein Teil der Idee von W. als linken Populismus verstehen.

    2. Ich hatte selbst Firmen gegründet, seit 1972 in Hong Kong, mit Branchen im asiatischen Raum.
    Ich muss sagen – dass bis auf wenige Ausnahmen von leitenden Positionen – sich niemand für meinen Betrieb den „Hintern rausgerissen“ hätte. Für sie war die Stellung genauso austauschbar, wie für mich die Mitarbeiter. Wieviel echte Produktivität bekommt man heute von einem Arbeiter, ganz zu schweigen von einer weiblcihen Angestellten (Schwangerschaft, Mütterurlaub, Unpässlichkeiten, etc.) nur Großkonzerne und Firmen die aus „nichts“ Geld machen (z.B. Google und Finanzunternehmen) können sich überhaupt noch Weibl. Angestellte leisten. Meine Sekretärinnen waren mehr zu Hause als bei der Arbeit. In Hong Kong konnte man sich die Leute dann wenigstens noch aussuchen, hier bekommt man gleich eine Diskriminierungsklage. Am Ende des Tages, hat der Besitzer alle Verantwortung. Bei AGs wäre eine einfache Änderung der Betriebsgesetze über die Positionen, Funktionen und Verträge der Aufsichtsräte und Direktoren genug. Es war doch wieder der Gesetzgeber, der in seinem Sozialisierungswahn das Verhältnis zwischen Arbeitgebern- und A.-nehmern aus der Balance brachte. Angestellte sind heute viel mehr auf die Firma angewiesen, als umgekehrt. Dies hat aber der Staat zu verantworten.

    3. Jeder der darüber ein Buch schreibt, sollte mal eine eigene Firma gründen und eine Zeit lang leiten – dann list sich Marx auch ganz anders. 🙂

    1. Danke für Ihren weiteren, ausführlichen Kommentar, der wiederum viele neue Aspekte eröffnet, die der Diskussion wert wären. Ich fürchte nur, es würde all zu sehr ausufern, ohne dass wir ein Ende finden können. Vielleicht sollte ich abschließend aber doch noch zu Ihrem Punkt 3. etwas anfügen, weil diese Forderung in vielfach abgewandelter Form immer wieder als „Vorwurf“ an „Theoretiker“ auftaucht. Obgleich ich auch gar nicht bezweifeln will, dass die „Praxis“ als Erfahrungshintergrund der induktiven Erkenntnisgewinnung durchaus nützlich und wertvoll sein kann, im Sinne „empirischer Erfahrung“. Dennoch wird man auch anderen Formen des Erkenntnisgewinns ihre Berechtigung nicht absprechen können. (Wenn ein Arzt sich erfolgreich mit der Erforschung von Krebstherapien beschäftigt, muss er ja auch nicht notwendigerweise selbst an Krebs erkrankt sein.(;-) Mit besten Grüßen Ihr WS

  4. Danke für Ihre Stellungnahme.
    Ich stimme zu, das wären lange Diskussionen. Trotzdem interessiert mich Ihre Meinung dazu, wenn Sie mal Zeit dazu finden.

    Ich sehe auch Ihre Position zu meinem letzten Einwand. Aber, Ihr Vergleich hinkt da doch ein wenig, aus dem Hauptgrund, dass wie es bei Ihrem Beispiel mit Wissenschaft zu tun haben; während sich Frau W. auf weitgehend ideologischem Feld bewegt. In diesem Sinne, kann man die Nationalökonomie teilweise als „Wissenschaft“ bezeichnen. Es ist und bleibt ein Klassenkampf.

    Dr. Schrittwieser, es liegt mir fern auf Ihrem guten Blog das letzte Wort zu ergreifen, ich hoffe, Sie nehmen mir meinen Einwand nicht übel.
    HG

    1. Hallo alphachamber, – mache einen „Vorschlag zur Güte“ (;-)) Machen wir es so: Ich gebe Ihnen recht mit der Behauptung, dass es sich in diesem Fall nicht um Wissenschaft, sondern um eine ideologische Frage handelt, und Sie lassen mir die Freude hiermit „das letzte Wort“ gesprochen zu haben. Herzliche Grüße WS

      PS.: Ich hoffe: a)Sie haben Sinn für derlei Scherze und
      b) ich bin Ihnen bei Gelegenheit wieder einen Ihrer lesenswerten Kommentare wert.

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