Der Mensch, nicht die Gesellschaft ist das Maß der Dinge

KohrÜber das Versagen der Europäischen Union wurde schon viel gesagt und geschrieben. Man kann dem kaum noch etwas wirklich Neues hinzufügen. Dennoch ergeben sich immer wieder neue, berücksichtigungswürdige Aspekte, die angesprochen werden müssen. Die  mangelnde Fähigkeit zur Einigung der Mitgliedsstaaten auf ein Vorgehen die aktuellen Immigrationsprobleme betreffend, die derzeit die allgemeine Diskussion dominieren, wirft einige grundsätzliche Fragen auf. Denn es zeigt sich einmal mehr, dass die Europäische Union nicht in der Lage ist, die auftretenden Probleme innerhalb des notwendigen Zeithorizontes zu beherrschen. Im Gegenteil: Sie wird von den Problemen beherrscht.

Die Mär vom „Friedensengel“ beginnt sich angesichts der Eskalation der Worte  in Luft aufzulösen, ebenso wie sich die Mär vom „Engel des Wohlstandes“ in Luft aufzulösen beginnt, die Mär von der Ausweitung des „Sozialstaates“ wurde ohnehin lange schon ad acta gelegt.

Liegt es am mangelnden Willen, liegt es an einer „Verschwörung“ oder einfach an „Unfähigkeit“? Vielleicht ist es eine Mischung aus allem, wer weiß?

Eines scheint mir sicher:

Die Europäische Union ist längst zu groß geworden. Diese Feststellung bezieht nicht allein auf die Anzahl ihrer Mitglieder, sie bezieht sich auch und in erster Linie auf den Umfang ihrer Aufgaben, die ihr zur Bewältigung zugewiesen werden.

Die Tatsache, dass die von ihr geschaffene gemeinsame Währung eigentlich nicht funktioniert und nur unter Aufbietung aller Kräfte am Leben erhalten werden kann,  dass die Sicherung der Außengrenzen nicht funktioniert, dass die Abkommen zur Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftskonzeptes, eines dem Bürger dienenden Bankenwesens, des sozialen Ausgleichs nicht funktionieren, dass das Dublin- und das Schengen-Abkommen nicht funktionieren, Schuldenobergrenzen nicht eingehalten werden (vieles andere mehr gibt es, das es noch zu nennen wäre), zeigt ihr  Versagen.

Dieses Versagen kann nicht behoben werden, indem man versucht die Aufgaben und Befugnisse der EU noch weiter auszuweiten, ihr noch mehr Befugnisse einzuräumen, sie zu einer Zentralgewalt zu machen. Dies würde unweigerlich zu noch mehr Versagen führen. Abgesehen davon kann uns, die wir stolz auf die Vielfalt sein wollen, ein zentralistisch gestaltetes Europa als Endprodukt der Entwicklung doch nicht erstrebenswert erscheinen. Auch wenn dieses Ziel anscheinend gerade von jenen mit Nachdruck verfolgt zu werden scheint, deren politisches Credo sich sonst so gerne auf diese Vielfalt beruft.

Die Eigenständigkeit der Nationalstaaten, das Subsidiaritätsprinzip, die Aufwertung der Regionen zu bestimmenden Einheiten des täglichen Lebens, sind nicht mehr als ein Versprechen gewesen, an das sich aktuell keiner mehr erinnern will?

Die „Zentralisten“ innerhalb der EU haben offensichtlich längst die Macht übernommen.

Daran aber wird die Sache scheitern.

Schon aus diesen Gründen wäre es vielleicht nicht ganz uninteressant wieder einmal die Bücher eines fast vergessenen Denkers aus dem Regal zu nehmen und aufmerksam zu studieren. Man muss nicht allen seinen Thesen zustimmen. Es genügt, ihm dort zu folgen, wo er ohne Zweifel Recht hat:

„Da das große Problem der Gegenwart also eine Frage des Maßstabes ist, kommen wir zwangsläufig wieder zu dem Ergebnis, daß die Rettung in der dem heute maßgeblichen Trend entgegengesetzten Richtung liegt: in der Wiederherstellung der optimalen sozialen Größe. Statt auf dem Wege der wirtschaftlichen Integration und der politischen Zusammenschlüsse weiterzugehen, auf dem mit den schon heute übergroßen sozialen Einheiten auch ihre Probleme größer statt geringer werden, müssen wir umkehren. Nicht Vereinigung, sondern Spaltung dürfte uns den Weg in eine Zukunft weisen, deren Proportionen unseren Kräften angemessen sein würden. Und angemessen sind sie nur, solange die Gesellschaft dem Menschen angepaßt wird und nicht der Mensch der Gesellschaft. Denn der Mensch, nicht die Gesellschaft ist das Maß aller Dinge.“

Leopold Kohr, Die Überentwickelten Nationen, Verlag Alfred Winter, Salzburg 1983, S.113f; Originalausgabe: „The Overdeveloped Nations“, 1962

Leopold Kohr (* 5. Oktober 1909 in Oberndorf bei Salzburg; † 26. Februar 1994 in Gloucester, England) war Nationalökonom, Jurist, Staatswissenschaftler und Philosoph. Inhaltlich propagierte er Dezentralisierung sozialer Organisationen und Gruppen auf eine Größe in der Funktion noch möglich ist, aber gleichzeitig den Mitgliedern eine Überschaubarkeit erlaubt. Kohr war Anarchist und Vordenker der Umweltbewegung. Er erhielt 1983 den „Alternativen Nobelpreis“. (Wikipedia)

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