Reisenotiz – Musée d’Orsay

Reisenotiz – Musée d’Orsay

Museen sind eine menschliche Errungenschaft, die sehr ambivalente Gefühle wachzurufen vermögen.

Während sie die einen langweilen und geistig ermüden, vor allem die, die den Museumsbesuch als öffentliche Anstecknadel für pflichtgemäß konsumierten Kulturgenuss vor sich her tragen, meinen die anderen, die hier gezeigte Kunst sei schon lange tot;  die dritten sagen wieder, nur das, was in den Museen zu sehen sei, sei wahre, anerkennenswerte Kunst; andere wieder sehen in den Museen den bloßen Ausfluss verkrusteter politischer Machtstrukturen,  Kunst könne nur außerhalb der Museen lebendig bleiben, hört man von ihnen; darüber hinaus aber gibt es immer noch vereinzelt Individuen – nicht nur hoffnungslos konservative oder gar reaktionäre Charaktere – die von Museen und dem dort Gebotenen inspiriert und anhaltend beglückt werden.

Glücklich der, der sich dieser Gruppe zuzählen darf.  Nirgends sonst, denke ich mir, als ich die wunderbar hingebettete „Femme piquée“ betrachte, als in der Auseinandersetzung mit Kunst wird man angesichts der notgedrungen zu erduldenden Kenntnisnahme alltäglich-menschlicher Grausamkeiten – und der Mensch hat viele ausgeklügelte Methoden entwickelt, um seinem Artgenossen „Wolf“ zu sein – augenfälliger darauf hingewiesen, dass auch ein ungeheuer positives, lebensbejahendes Potential im Menschen schlummert, das nur darauf wartet, geweckt zu werden.  Nirgendwo fällt es dem Misanthropen leichter, sich mit der Menschheit zu versöhnen, als in der Zwiesprache mit ihren großen Kunstwerken.

Auguste Clésinger, "Femme piquée par un serpent" 1847
Auguste Clésinger, „Femme piquée par un serpent“ 1847

Das ist kein Plädoyer für „vordergründig schöne“ Kunst, für das „nur Erbauliche“, es ist ein Plädoyer für die geistige und emotionale Auseinandersetzung mit den Artefakten lustvollen menschlichen Erfindergeistes, die Zeugnis von dem ablegen, was man vielleicht den „Willen zum Guten und Schönen“ nennen könnte.

Kunst legt Zeugnis ab für die andere, die konstruktive Seite des Menschen; dies vor allem dann, wenn sie sich von jedem Auftrag freigespielt als l’art pour l’art präsentiert, aber sogar auch dann, wenn sie  mit dem Auftrag beschwert ist, die Welt im Sinne der Postmoderne zu dekonstruieren und sich selbst in Frage zu stellen.

Es ist vielleicht eine altmodische, aber es ist eine nicht zu leugnende Erkenntnis:

In der Beschäftigung mit der Kunst erst, wird der Mensch zum Menschen!

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