Tabu – ein unabgeschlossener Exkurs

Nach vielen missglückten, nicht selten blutig verlaufenden Versuchen, sei der Mensch mit Hilfe dessen, was später Aufklärung genannt wurde, aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit herausgetreten, behaupten Optimisten; erst nun bediene er sich seines Verstandes, ohne die Anleitung anderer zu bedürfen. Nach Jahren der Finsternis habe er den Ballast mystisch verklärter Weltsicht zu Gunsten einer offenen Weltinterpretation abgeworfen. Das Zeitalter der Denkverbote sei nun endgültig überwunden.

Mit diesem Schritt erst sei er ins Zeitalter der politischen Teilhabe, der freien wissenschaftlichen Forschung, der sexuellen Revolution, ins Zeitalter der Gleichstellung der Frau vorangeschritten.

Der „Freiheit in Vernunft“ seien nun endlich keine Grenzen mehr gesetzt. Eine vorurteilslose Moderne sei angebrochen und die „geistige Enge“ der Welt der Vorväter endgültig überwunden.

Das wird uns seit Jahren von den Apologeten des menschlichen Fortschritts weis zu machen versucht; manche dieser „Fortschrittsgeister“ seien sogar noch viel weiter in der Zeit, hätten die Moderne und ihre Rationalitätsansprüche hinter sich gelassen, wären bereits in der „Nach-Moderne“ gelandet.

Nur wir – übrigen – säßen immer noch da in der „Moderne“ und kennten uns nicht aus, ohne Vorstellung davon, was das soll mit „Dekonstruktion“ und dem „Ende der Großen Erzählungen“ und der Gleichrangigkeit der Erzählformen. Die Wirklichkeit hat wahrlich noch andere Seiten. Das Pendel schwingt zurück! Das ist seine Natur! Große Teile der Gesellschaften bewegen sich geistig kulturell noch immer – vielleicht soll man besser sagen: wieder – in der „Vormoderne“!

Keine Rede kann sein davon, dass Rationalität in allen Belangen vorherrsche; keine Rede kann sein davon, die Welt hätte das „magische Zeitalter“, die Herrschaft des Tabus[1] überwunden!

Viele Themen, die die Menschen beschäftigen, unterliegen auch heute noch sprachlichen und gedanklichen Reglementierungen. Oft scheint genau festgelegt, wer, wo, wann, welche Themen in welcher Form zur Sprache bringen darf. Bereiche der Wohlstandsicherung und Einkommensverteilung, Bereiche des Aufeinanderprallens kultureller – religiöser Unterschiede, die Auseinandersetzungen über Akzeptanz oder Nichtakzeptanz ethnischer, politischer, sprachlicher Minderheiten, die Integration von Ausländern scheinen nicht nur besonders heikel zu sein, sondern hinsichtlich ihrer sprachlichen – und damit gedanklichen – Bearbeitung zahlreichen Tabuisierungen zu unterliegen.

Das Schlagwort von der „political correctness“ ist jedermann geläufig. Ein Kampfbegriff für seine Befürworter, die angeblich alles und jedes einer Art von sprachlichem Naturschutz unterwerfen möchten; ein Kampfbegriff aber auch für seine Gegner, die behaupten, heute würden im Namen der „political correctness“  in rigidester Form Denkverbote eingefordert, die jeden freien, nicht im Mainstream verlaufenden Gedanken schon im Keim zu ersticken drohen.

Während die Formen dieser „Sprech- und Schreibvorschriften“ von „pressure groups“ immer wieder neu ausgestaltet und mit Eifer kontrolliert und sanktioniert zu werden scheinen, gibt es auch Konventionen der Sprache und damit des Denkens, die sich darauf gründen, „dass es sich“ – wie der Volksmund sagt – „eben nicht schickt“. Die Begründung dafür, was sich „nicht schickt“ findet sich in den Traditionen, die sich auch in Form von Tabuvorschriften zeigen. Darüber hinaus bedürfen sie keiner Begründung, sie benötigen auch keines Rekurses auf eine Gottheit. Das Tabu verbietet von selbst.
James George Frazer (1854 – 1941), neben Bronislaw Malinowski (1884 – 1942) und Marcel Mauss (1872 – 1950) einer der erfolgreichsten Erforscher menschlicher Verhaltensweisen, den die jüngere Vergangenheit hervorgebracht hat, sieht das „Tabu“ als eine Sonderform der Magie, welcher wiederum der Gedanke zugrunde liegt, dass sich alle Vorgänge in der Welt in einen vom Menschen beeinflussbaren Ursache- und Wirkungszusammenhang bringen lassen. „In der Tat erscheint die ganze Lehre des Tabu, oder wenigstens ein großer Teil derselben, nur als eine besondere Anwendung der sympathetischen Magie mit ihren beiden Gesetzen der Ähnlichkeit und der Übertragung. […] Er (der Mensch) denkt, wenn er in einer bestimmten Weise handelt, werden sich unweigerlich bestimmte Folgen einstellen auf Grund des einen oder andern dieser Gesetze. Scheint es ihm nun als könnten ihm die Folgen einer bestimmten Handlung unangenehm oder gefährlich werden, so hütet er sich naturgemäß, so zu handeln, um sich diesen Folgen nicht auszusetzen. Mit anderen Worten, er vermeidet alles, was ihm nach seinen irrtümlichen Begriffen von Ursache und Wirkung schaden könnte. Kurz er unterwirft sich einem Tabu. Insofern ist also Tabu eine negative Anwendung der praktischen Magie.“[2] 

Vormoderne Gesellschaften, das Spezialgebiet Frazers, der sich sein Wissen nicht über Feldforschung erwarb, wie es Malinowsky und Mauss taten, sondern zahllose Bibliotheken durchforstete, waren – so meint er – schon aufgrund ihrer geringen Größe und der darauf aufbauenden strengeren sozialen Kontrolle viel besser in der Lage, ein einheitliches, jedes Gesellschaftsmitglied einbindendes Wertesystem auszubilden, als das für unsere heutigen modernen Gesellschaften der Fall ist.  Demgemäß waren auch die tabuisierten Bereiche dieser Gesellschaften einheitlicher und damit klarer erkennbar. Es gab kaum Zweifel darüber, was tabu ist. Heute sind die Tabus weniger eindeutig, betreffen oft auch nur Teile der Gesellschaft und treten manchmal in den unglaublichsten „Verkleidungen“ an das Licht der Öffentlichkeit. Es ist noch nicht lange her, da beherrschte ein „Fleischskandal“ die österreichische und die deutsche Presse. Der Hersteller von Tiefkühl-Fertig-Nahrung hatte in seine Produkte Pferdefleisch statt des vorgesehenen Rindfleisches verarbeitet und dies nicht in der Produktbeschreibung ausgewiesen. Ein Skandal? Es ging, wie viele Interviews in Straßenbefragungen zeigten, die damals in den Medien veröffentlicht wurden, Herrn und Frau Österreicher in erster Linie weniger um die unzutreffende Produktbeschreibung, als darum, dass die Menschen durch die falsche Deklarierung dazu gebracht worden waren, unwissentlich eine Art von Fleisch – Pferdefleisch – zu verzehren, das für die meisten Menschen „der Sitte nach“ als nicht zum Verzehr bestimmt klassifiziert ist. Pferde gelten in vielen Kulturen – so auch in unserer mitteleuropäischen Kultur – als „besondere Tiere“. Man nutzt sie zwar seit altersher zu schwerer Arbeit, lässt sie in Waldbeständen, die geschont werden sollen, anstelle schwerer Erntemaschinen, Baumstämme „rücken“, sieht in ihnen aber dennoch ganz besondere Wesen und bricht nicht selten in Schwärmerei ob ihrer Schönheit und Eleganz aus. Hat man die Möglichkeit einer Pferdeauktion beizuwohnen, könnte man meinen, sie wären nur dazu geboren, den ästhetischen Ansprüchen des Menschen genüge zu tun. Arabische Poeten besingen seit Jahrhunderten ihre Intelligenz, Schönheit und Sanftmut, sehen sie gar „dem Winde gleich“.

Wie viele andere Tiere, wird auch das Pferd gerne „ver-menschlicht“. Manche Menschen behaupten sogar, dass man mit Pferden reden könne, wie man mit Menschen redet; und sie würden antworten, wenn auch nur in der ihnen adäquaten Form. Alles das verleihe ihnen den Status des „Besonderen“.

Während das Schweinsschnitzel besonders in panierter Form keinen Gedanken an Haltungsbedingungen oder Intelligenz  des Hausschweines provoziert, laufen Tierschützer Sturm, wenn „der alten Mähre“ der Schlachthof droht. Ihr das Gnadenbrot zu verweigern, stellt ein Sakrileg dar.

Die besonders glücklichen Exemplare heimischer Tiergattungen erwartet mit ein bisschen Glück vielleicht sogar ein Lebensabend in Luxus auf „Gut Aiderbichl“, einschließlich eines Fernsehauftritts.

Werden diese privilegierten Vertreter ihrer Rasse krank und ist gar keine Hilfe mehr möglich, holt man den Tierarzt und erwartet, dass dieser sie möglichst schmerzlos „einschläfert“. Dass man sich damit eines „Euphemismus“ bedient und nicht von der „Todesspritze“ spricht, spricht für sich.

Die auserwählten „Lieblinge“ ihrer Besitzer werden sodann in einem Tierfriedhof,  mit eigenem Grab und Grabstein beigesetzt, man streut ihnen Blumen, lässt vielleicht sogar eine Messe lesen und schenkt ihnen gerne Aufmerksamkeit über ihren Tod hinaus.

Mit Abscheu betrachtet man jene, die die „Kreatur“ angeblich rücksichtslos als „Sport-  oder Arbeitsgerät“ benützen, und das christliche Wort von „macht Euch die Erde untertan“ allzu wörtlich nehmen.

Kaum jemand von ihnen käme auf die Idee, vom Tier dasselbe zu verlangen, was das Leben ihnen abverlangt: Für das „tägliche Brot“ eine adäquate Leistung zu erbringen. Die Industrie rund um Tiernahrung, Tierbekleidung, Tierkosmetik, Tiergesundheit setzt Milliarden um. Es gibt nichts, dass sich, so es in Zusammenhang mit „unseren Lieblingen“ steht, nicht verkaufen ließe. Heerscharen von Homöopathen, Tierpsychologen, Tierkosmetikerinnen, Tierbestatter, unzählige Vereine für Vier Pfoten, Tierschutzhäuser, Tierspitäler sorgen für das Wohlergehen, der meist vierbeinigen Lieblinge. Und dann mischt jemand Pferdefleisch in eine Tiefkühl-Lasagne und deklariert das nicht! „Shame!“

Wie groß muss der Schmerz der Erkenntnis für jene Idealisten unter den Tierschützern gewesen sein, die im Tier ein dem Menschen gleichwertiges Lebewesen sehen, als sie erkennen mussten, dass sie ihre verehrten Lieblinge in Form einer Fertigspeise nicht nur gegessen, sondern auch verdaut und ausgeschieden haben?

Skandalös! Der Aufschrei der Pferdefreunde, ja der Tierliebhaber generell, vereint im Chor mit ausgewiesenen „Deklarierungsfetischisten“ war vorhersehbar und unausweichlich! Manchmal ergeben sich eben ganz kuriose Allianzen.

Dennoch sollte man die „Realität“ nicht ganz aus dem Auge verlieren. Fakt ist: ein großer Teil der jährlichen Pferde-Nachzucht, vor allem jener Anteil, der weder für die Zucht noch für den Sport geeignet erscheint, wird als Schlachtvieh verkauft und mit Genuss auch gegessen. Die Tatsache, dass Pferde nicht nur edle Tiere sind, sondern sich auch hervorragend dazu eignen, den Bedarf des Menschen an tierischem Eiweiß zu decken; also Tiere sind wie andere auch, deren Fleisch entsprechend bearbeitet hervorragend schmeckt, wurde durch den „Skandal“ auch jenen wieder bewusst gemacht, die das weiterhin lieber verdrängt hätten.

Je intensiver und erfolgreicher die Verdrängungsmechanismen ihre Arbeit zu  verrichten geeignet sind, desto größer wird der „Schock“ ausgefallen sein. Pferdefleisch ist bei uns (fast) tabu! Sein Verzehr also ein Skandal! Ebenso wie es ein Skandal wäre Hunde oder Katzen zu essen, Singvögel, Frösche, Weinbergschnecken, Käfer etc.

Aber wie heißt es? „Andere Länder, andere Sitten!“

Ein  über Speisen gelegtes Tabu findet sich an vielen Orten in dieser Welt. Bei uns ist es eben u.a. Pferdefleisch.

Auf Madagaskar, so schreibt James Frazer, ohne seine Informationsquelle für diesen Fall offen zu legen, sei es Soldaten [höchstwahrscheinlich bis zum frühen 20. Jahrhundert; Anm. d. Verf.] verboten gewesen, Igel zu essen. Man fürchtete, die Schreckhaftigkeit der Igel und ihre Gewohnheit, sich bei drohender Gefahr zu einem Ball zusammenzurollen, könne sich auf die Soldaten übertragen und ihren Mut schwächen.

Die Analyse dieser Beobachtung zeigt einerseits eine Art von „homöopathischer Magie“ (Gleiches wird durch Gleiches hervorgerufen) andererseits aber auch Merkmale „sympathetischer Magie“, weil es dabei auch um eine Art von Übertragung durch Berührung geht, die sich im speziellen Fall durch das „Verspeisen“ des Tieres manifestiert. Was aber hat diese Kategorisierung mit der angeblichen Tabuisierung des Pferdefleischs zu tun? Wenn man schon „Übertragung“ von Eigenschaften in Form von sympathetischer oder homoöpathischer Magie fürchte, wie oben beschrieben, so bestehe doch, könnte man dem entgegenhalten, überhaupt kein Anlass zu Befürchtungen. Pferde seien schnell, schön, ausdauernd, elegant und sogar in den klassischen Mythologien präsent. Die Furcht vor „Übertragung“, könnte in diesem Fall offensichtlich kaum eine negative Rolle spielen. Hier geht es um etwas anderes. Hier geht es um ein Phänomen, das die ansonsten so oft zutreffende Frazersche Kategorisierung nicht einschließt. Es gibt gute Gründe, einen anderen Aspekt dieser das Pferdefleisch betreffenden Haltung zu untersuchen. Geht es  vielleicht um eine hehre Eigenschaft des Menschen, sich anderen in besonderer Form zugetan zu fühlen? Geht es vielleicht um so etwas ähnliches wie „Freundschaft“ und ihre Sublimierung ? Vielleicht sogar im Zusammenspiel mit einem Manko an alltäglicher Naturerfahrung?

Es könnte ja sein, dass im modernen urban-geprägten Großstadtmenschen eine unerfüllte Sehnsucht nach Natur am Werk ist, die auf diese Weise ausgelebt werden möchte. Aus welchem Grunde sind die militantesten Hundefreunde wohl in der Großstadt zu Hause?

Der moderne Stadtmensch hat die Bindung zur Natur längst verloren. Wird vielleicht dadurch, dass man sich einen Hund hält, versucht, dieses Manko auszugleichen? Dennoch erscheint ihm, dem Urbanen, alles Natürliche unnatürlich. Das Tier  ist für den urbanen Menschen kein Tier mehr, sondern „Mensch-Ersatz“; der Urbane, in dessen Wohnung es gemütlich warm wird, ohne dass das Entzünden eines Feuers erforderlich gewesen wäre, der klimatisch bedingte Temperaturschwankungen vermittels Thermostats und Klimaanlage zum Verschwinden bringt, der das Wetter nur mehr als lästige Begleiterscheinung beim Wechsel von einem Großkaufhaus zum anderen wahrnimmt, so die beiden Gebäudekomplexe nicht ohnehin durch einen unterirdischen oder wenigstens überdachten, klimatisierten Korridor verbunden sind.

Die Natur wird oft nur mehr  als Fernsehereignis einer  „Universumfolge“ oder als Hochglanz-Prospekt des Reiseveranstalters wahrgenommen und nicht mehr als anstrengendes Unternehmen das einiges Stehvermögen abverlangt.

Auch die zunehmende Vereinsamung der Stadtbevölkerung könnte ins Treffen geführt werden. Die Anzahl der Tierhalter in den Großstädten wächst jedenfalls beständig. So könnte ein Erklärungsmodell Berechtigung erlangen, das die Tabuisierung des Pferdefleischs durch einen Teil der Bevölkerung mit einem Mangel an Naturerlebnis und menschlicher Zuwendung in Zusammenhang stellt. An die Stelle des menschlichen Freundes tritt das Pferd und deckt so beides ab, das Naturerlebnis und die mangelnde menschliche Zuwendung.  Einen „Freund“ verzehrt man nicht, auch dann nicht, wenn er in Form eines „Stellvertreters“ in Erscheinung tritt.

Man sieht, in unseren heutigen von differenzierten Wertesystemen getragenen pluralistischen, urban-technologistischen Gesellschaften ist auch die Sache mit den Tabus komplizierter geworden.

Tabus leben auch davon, dass „innere Mechanismen“ ihre Einhaltung überwachen. Tabus sind dem Menschen also durch Erziehung von frühester Kindheit an, „eingeschrieben“; dies bewirkt, dass eine Kontrolle von außen vielfach gar nicht erforderlich ist, weil eine Übertretung des Tabus automatisch zu einem  Gewissenskonflikt führt, den der Mensch zu vermeiden sucht, weil dabei zumindest ein Gefühl des Unwohlseins entsteht.

Für den Fall, dass diese intrinsische Kontrolle nicht funktioniert, wirken Kontrollen von außen, um das Tabu zu stabilisieren. Nicht immer genügen Konventionen, damit Tabus auch wirklich eingehalten werden. Manchmal bedarf es massiver Drohungen, manchmal bedarf es strenger Sanktionen, die von „Liebesentzug“ bis zur „Steinigung“ reichen können.

Hin und wieder aber müssen „Ausreißer“ geduldet werden, weil sich jede Gesellschaft, verstrickt sie sich in andauernde Sanktionierungen, selbst aufreiben würde. Das beschränkte Gewähren  von „tolerablen“ Tabubrüchen erfolgt also auch in gesellschaftlichem Eigeninteresse.

Andererseits kann sich keine Gesellschaft erlauben, dass ihre Tabus nach Belieben gebrochen werden, ohne dass Sanktionen folgen. Verzichtet sie darauf, auf Einhaltung ihrer Vorschriften zu drängen, so ist sie in ihrem Bestand gefährdet. Es ist eine Frage des Maßes; und es ist eine Frage der Möglichkeiten. Die Relevanz, die ein Tabu für die Gesellschaft hat, lässt sich einerseits an der Härte der zu erwartenden Sanktionen messen, die bei Verletzungshandlungen zu erwarten sind, andererseits stellt auch die Anzahl der dem Tabu unterworfenen Menschen eine Maßzahl für seine Bedeutung dar. So finden sich einerseits Tabus, die grundsätzlich für alle Mitglieder einer Gemeinschaft gelten – das „Tötungsverbot“ für Artgenossen beispielsweise – daneben finden sich aber auch solche, die nur für bestimmte Gruppen in Geltung sind. Am Karfreitag Fleisch zu essen, stellt für evangelische Christen beispielsweise kein Tabu dar, für katholische hingegen schon. Manche Tabus gelten sogar nur für einzelne Personen; so herrscht innerhalb der politischen Community Österreichs grundsätzlich Einigkeit darüber, dass eine einseitige Parteinahme des österreichischen Bundespräsidenten in Fragen des politischen Tagesgeschäfts einem Tabu unterworfen ist. Tabus und ihre Einhaltung spielen, wie gezeigt wurde, auch in „aufgeklärten Gesellschaften“ eine wichtige die Gesellschaft stabilisierende Rolle. Die Paradoxie, die die dem Tabu zugrunde liegende Stabilisierungsfunktion betrifft, zeigt sich aber dann besonders deutlich, wenn man die Folgen von Tabubrüchen im einzelnen untersucht.

Dann zeigt sich nämlich, dass das Brechen von Tabus für eine Gesellschaft nicht nur gefährliche, destabilisierende Wirkungen zeigt, sondern  auch für die Weiterentwicklung und Erneuerung von Gesellschaften von positiver Bedeutung sein kann. Einer der einprägsamsten und wohl bekanntesten Tabubrüche im Bereich der Wissenschaft dürfte dem Astronomen Galileo Galilei gelungen sein, der sehr zum Missfallen der Kirche das herrschende Weltbild seiner Zeit, das die Erde als Mittelpunkt des Universums sah, so ins Wanken brachte, dass letztlich die Idee der bevorzugten Stellung des Menschen im „göttlichen Schöpfungsgeschehen“ aufgegeben werden musste und die Theologie die ihr zugewiesene Vormachtstellung im Wissenschaftsbetrieb verlor. Die Wichtigkeit und die anhaltende Aktualität dieser längst vergangenen Tabubrüche lassen sich auch daran erkennen, dass die röm.kath.Kirche bis zum Jahr 1992, also fast 400 Jahre Bedenkzeit für die Rehabilitation Galileis benötigte andererseits aber die Evolutionslehre Darwins in vereinzelten Kirchengemeinden der USA immer noch in Konkurrenz mit der von ihnen bevorzugten „Intelligent-Design-Theorie“ steht. Galileis Mut, das Tabu seiner Zeit rund um das geozentrische Weltbild zu ignorieren, aber auch Charles Darwins Erkenntnisse, die die Menschheit zwangen, den „Schöpfungsakt“ in einem neuen Licht zu sehen, waren wichtige Schritte hin zur Befreiung des wissenschaftlichen Denkens von theologischer Bevormundung und sollten trotz ihres „historischen Charakters“ weiterhin Ansporn sein, zukünftigen Tabubrüchen nicht nur mit Vorbehalten zu begegnen, sondern mit  Hoffnung entgegen zu sehen.


[1] „Tabu ist ein polynesisches Wort, dessen Übersetzung uns Schwierigkeiten bereitet, weil wir den damit bezeichneten Begriff nicht mehr besitzen. Den alten Römern war er noch geläufig, ihr > s a c e r < war dasselbe wie das Tabu der Polynesier. […]“Es heißt uns einerseits: heilig, geweiht, andererseits: unheimlich, gefährlich, verboten, unrein.“ ( vgl.: Sigmund Freud in „Totem und Tabu“, Fischer Taschenbuch, Februar 1980, Seite 26)

[2] James George Frazer, Der Goldene Zweig, Das Geheimnis von Glauben und Sitten der Völker, Rowohlt, 5. Auflage, Reinbek bei Hamburg, 2004, S.28; die zugrundeliegende Originalausgabe erschien 1922 unter dem Titel „The Golden Bough“

 

3 Gedanken zu „Tabu – ein unabgeschlossener Exkurs

  1. Sehr schöne Behandlung dieses Themas.

    „…Themen, die die Menschen beschäftigen, unterliegen auch heute noch sprachlichen und gedanklichen Reglementierungen…“ Das wird wohl auch bis in alle Ewigkeit so bleiben.
    Das Tabu ist eines der ältesten kulturellen Institutionen und erwirkt eine wichtige gesellschaftliche Balance. Nach Freud ist Kultur interessanterweise ein „Produkt der Instinktunterdrückung“.
    Beste Grüße

  2. Oh nein. Obwohl kein Freudianer, ist dies ein Paradigma einer gelungenen, punktuierten Definition. (Das Zitat stammt übrigens aus „The Individual and His Society“, Kardiner & Linton, 1939, ein anthropologisches Standardwerk). Kardiner fährt fort: „…the greater the repression (of instincts), the higher the culture…“
    Gibt zu denken.

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