„Das Böse ist immer und überall!“

„Das Böse ist immer und überall!“

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Der Kampf gegen den „bösen Blick“

Es ist noch nicht lange her, da sprach ein amerikanischer Präsident vom Kampf gegen die „Achse des Bösen“ und scheiterte kläglich. Einem Großteil der amerikanische Öffentlichkeit, dem dieser „speech“ nicht nur nicht fremd ist, sondern immer noch direkt in die gottgläubige Seele fährt, gefiel es. Ja, die Amerikaner sind eben doch anders, könnte man sagen. Ihre Kollektiv-Seele ist im Gegensatz zu der unsrigen noch offen für die Segnungen religiöser, also absoluter Wahrheiten, ergo auch für „das Böse“. Wie man bekanntlich auch von anderen Gesellschaften weiß, bietet das Vorhandensein eines hohen technischen Standards in einer Gesellschaft keinerlei Gewähr dafür, dass man nicht parallel dazu auch an den Weihnachtsmann und den Storch oder an ein intelligent design glauben könnte; oder diesen hohen technisch-zivilisatorischen Standard nicht auch dafür einzusetzen wüsste, mit möglichst geringem Aufwand eine möglichst große Anzahl von Feinden auszulöschen.

Es ist sogar möglich – wie die aktuelle Performance fundamentalistischer Muslime dem aufgeklärten Westen eindrucksvoll vor Augen führt – in einem technisch hochzivilisierten Staat zu leben und sich gleichzeitig kulturell auf einer weit weniger fortgeschrittenen Ebene zu bewegen, die man populär „mittelalterlich“ zu nennen geneigt wäre.[1]

Da das Böse“nicht nur von Präsidenten jenseits des Großen Teiches bemüht wird, sondern auch von Journalisten in Europa, noch dazu von solchen, denen man Seriösität zubilligen zu können glaubt, scheint es angebracht, die Sache mit „dem Bösen“ etwas ins Licht zu rücken.



„Das Böse lässt sich nicht wegsoziologisieren!

schrieb Marko Martin in Die Welt – online am 25. Oktober 2014.

Das mag stimmen, allein schon deswegen, weil sich auch Imaginationen, haben sie einmal vom Menschen Besitz ergriffen,[2] als sehr resistent erweisen; das Böse lässt sich aber auch nicht nach Belieben „herbeizaubern“, um damit ein-für-alle-mal den Unfrieden dieser Welt zu erklären, auch dann nicht, wenn man es noch so oft versucht.

„Nur wenn man das Böse anerkennt, kann man es auch bekämpfen!“  [3] lautet die zweite Hauptthese des Textes in „Die Welt“, was sehr an die Beschwörungsformel des Zauberlehrlings „Besen, Besen, sei’s gewesen!“ erinnert. Beide Thesen sollten im Nachfolgenden zu widerlegen sein.



„Das Böse“ – etwas real Existierendes?

 

Der Drudenfuß, d a s  Symbol für "das Böse"; Quelle Wikipedia
Der Drudenfuß, d a s Symbol für „das Böse“; Quelle Wikipedia

Einige Engel haben sich einstmals – angeblich grundlos – von Gott abgewandt. Sind sie böse oder sind sie „das Böse“?  

An die Existenz des Bösen zu glauben, bedeutete lange an die Existenz von Dämonen oder an böse Geister zu glauben. Lange Zeit glaubten die Menschen, dass es das Böse tatsächlich gäbe und dass es in unterschiedlichen Formen sein Unwesen treibe. Es wurde personifiziert: in Form der „Sündenböcke“ oder in Form des „Satans“, der „Trud“[4] u.v.a.m.

Es gab aber auch abstraktere Formen an das Böse zu glauben. So wird von Praktiken bei den Ureinwohnern Chinas folgendes berichtet:

„Bei vielen Ureinwohnern Chinas wird im dritten Monat jeden Jahres ein großes Fest gefeiert. Es wird als großes Freudenfest über eine angeblich völlige Vernichtung alles Bösen, das sich innerhalb der letzten zwölf Monate angesammelt hat, begangen. Die Vernichtung soll auf folgende Weise vor sich gehen: Ein großer irdener Krug, mit Schießpulver, Steinen und Eisenstückchen angefüllt, wird in der Erde vergraben. Hierauf wird eine Zündschnur gelegt, die mit dem Krug in Verbindung steht. Ein Streichholz wird daran gehalten, und Krug und Inhalt in die Luft gesprengt. Die Steine und Eisenstückchen stellen die Übel und Katastrophen der Vergangenheit dar, und ihre Zerstreuung durch die Explosion soll das Unheil selbst beseitigen. Begleiterscheinungen des Festes sind große Schwelgereien und Trunkenheit.“ [5]

Das Böse bedroht uns! Von Anbeginn der Welt – angeblich, so glaubt man.

Man glaubt allerdings auch, dass die Menschen seit Anbeginn glaubten, was aber eben auch nicht mehr als ein Glaube ist.

Erst die „Moderne“ stemmt sich mit aller Macht gegen den Glauben. Der Glaube sei unmodern, besser: vor-modern behauptet sie. Heute käme es einzig auf das “Wissen“ an. Aber ganz ohne Glauben geht es denn doch nicht, nicht einmal in der Moderne; selbst in die geheiligten Hallen der (postmodernen) Wissenschaft habe der Glaube beschränkt Zutritt erhalten.

Aber die Sache mit dem Glauben ist heutzutage nicht mehr so einfach, wie man sich das oft denkt.

„Wir haben es heute [aber] mit einer Art „suspendiertem Glauben“ zu tun , einem Glauben, der sich nur dann entfalten kann, wenn er (in der Öffentlichkeit) nicht vollständig eingestanden wird, sondern ein obszönes Geheimnis bleibt.“ [6]

Platon 428 - 348 v.Chr. Quelle Wikipedia
Platon
428 – 348 v.Chr.
Quelle Wikipedia

Glaubt man Platon, begann die Welt mit einem „Goldenen Zeitalter“, in dem; weil es golden war, das Böse keine große Rolle gespielt haben kann. Wählt man einen solchen idealisierten Ausgangspunkt, hat das den nicht zu übersehenden Nachteil, dass es von nun an nur mehr bergab gehen konnte.

August Comte, einer der Gründerväter der Soziologie, entwickelte im 19. Jahrhundert eine der platonischen diametral entgegengesetzte Theorie, nach der die Menschheit notwendig und unabwendbar drei Stadien der Entwicklung durchlaufen müsse, um nach dem Durchgang durch das religiöse und das daran anschließende metaphysische das höchstentwickelte, das positive zu erreichen, in dem aller Glaube verworfen wird; wobei positiv soviel wie wissenschaftlich bedeutet.

Ähnliches findet sich bei Karl Marx, dem hervorragenden Sozialdiagnostiker, der der Nachwelt aber eher  als Gründervater einer später staatstragenden Ideologie bekannt ist, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen. Marx dachte, dass die Menschheitsgeschichte in Form eines geschlossenen Zyklus ablaufe; nach einem Kindheitsstadium der Menschheit im Urkommunismus, über die Sklavenhaltergesellschaften und den Feudalismus hin zum Kapitalismus müsse es gehen und erst nach der unausweichlich eintretenden Verelendung der Massen im Kapitalismus sei es der Menschheit vergönnt, die endgültige Befreiung von allem Übel zu erleben und wieder in der „klassenlosen kommunistischen Gesellschaft“ zu landen, in der „absolute Gleichheit“ und damit „absolute Gerechtigkeit und Freiheit“ für jedermann herrsche.

Beiden, Comte und Marx ist gemeinsam, dass sie an das glaubten, was als „Determinierung“ sozialer Prozesse bezeichnet wird. Sowohl Comte als auch Marx waren darüber hinaus der Ansicht, dass sich die menschliche Gesellschaft als natürliche Erscheinung ebenso verhalte, wie sie es an anderen Naturphänomenen zu beobachten können glaubten.

Heute wissen wir, dass sich soziale Verhältnisse und Beziehungen weder mit naturgesetzlicher Gewissheit beschreiben lassen, noch als „Dinge“ betrachtet werden dürfen, wie das Emil Durkheim [7]einst vorschlug. Diese Ansicht lässt sich an einer Vielzahl gescheiterter „Sozialprognosen“ belegen. Die Entwicklung schlägt nicht selten ganz andere Wege ein, als ursprünglich angenommen.

Das von Francis Fukuyama proklamierte „Ende der Geschichte“ ist offensichtlich doch noch nicht erreicht. Noch ist Platz für Überraschungen und weiteren Wandel.

Seit Anbeginn der Menschheit hat es eine Vielzahl von „Weltverbesserungs-Aktionen“ gegeben. Trotz aller Rationalisierung und Verwissenschaftlichung des Lebens, scheint „das Böse“ die Welt aber immer noch in Atem zu halten. Dies sollte nicht zur Verwunderung Anlass sein, ist es – als Phänomen des menschlichen Geistes – bestens  geeignet, ihm die „Furchtbarkeiten“ der Welt anzulasten und gleichzeitig die Hilflosigkeit des Menschen ihm gegenüber zu dokumentieren. Wenn man sich dem Bösen chancenlos ausgeliefert sieht, ist es dann nicht das Beste, sich mit der Unvermeidlichkeit des Bösen abzufinden, sich dem Schicksal zu ergeben?

Was man fürchtet, zieht aber bekanntlich auch an! Gespeist aus dem Vergnügen, das das Gruseln verschafft, finden sich immer wieder Menschen, die ihre gesicherten Plätze in der Gesellschaft verlassen, um sich dem „Bösen“ anzuschließen oder es zu bekämpfen. Und das geschieht nicht nur in den Märchen der Gebrüder Grimm. Der verstärkte Zulauf westlicher Jugendlicher zum Djihad der IS mag als Beleg gelten. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft, die Sehnsucht sich selbst als etwas Besonderes erleben zu dürfen, zu den „Auserwählten“ zu gehören, könnte bei der Entscheidung die existenzielle Sicherheit des Westens hinter sich zu lassen, um sie gegen die Verlockungen des Djihad einzutauschen, eine wichtige Rolle spielen. Dass die Kämpfer für den IS sich keineswegs als Kämpfer für das Böse definieren, mag nicht überraschen.

Für den modernen Menschen steht fest, „das Böse“ per se ( den „Dingcharakter“ sozialer Erscheinungen) gibt es nicht, auch wenn Menschen von Fall zu Fall böse s i n d.

Selbst eine von einem Menschen gesetzte Handlung als „absolut böse“ zu beurteilen, stößt auf Schwierigkeiten, denn es hieße, Handlungen einen absolut gültigen Wertekanon zugrunde zu legen, dem alle Menschen gleichermaßen verpflichtet sind. Ein solcher allgemein anerkannter Wertekanon existiert derzeit nicht. Die Anforderungen einen solchen zu erstellen, erscheinen zu komplex. Dennoch hat sich bereits im Jahre 1993 ein Parlament der Weltreligionen in Chikago auf eine „grundkonsens-orientierte Erklärung zum Weltethos“ geeinigt. Diese Erklärung war zuvor in Tübingen entworfen worden. Seit 1995 widmet sich die „Stiftung Weltethos“ der dafür notwendigen Grundlagenforschung.[8]

Bleibt vielleicht doch mehr, als nur beim Bösen und /oder in einem undifferenzierten Wertrelativismus Zuflucht zu suchen, der alles und jedes entschuldigt, verzeiht, toleriert oder vielleicht sogar alles als gleich wertvoll betrachtet?

Die kulturhistorische, anthropologische und die soziologische Forschung der letzten hundert Jahre hat in ausgedehnten Felduntersuchungen den eindeutigen Beweis erbracht, dass sich unterschiedliche Kulturen nicht nur in ihren Lebensweisen unterscheiden, sondern dass sie sich in ihrem Handelns auch auf unterschiedliche Ethiken – besser unterschiedliche Moralen – berufen, die in weiterer Folge unterschiedliche Verhaltensregeln für das jeweilig als sittlich betrachtete Handeln hervorbringen.

Derzeit besteht – vor allem zwischen den sogenannten westlichen und den islamischen geprägten Kulturen – das Problem, dass Handlungen, die von den Mitgliedern der einen Kultur als ethisch „gut“ bewertet werden, von denen einer anderen oft heftigst abgelehnt werden. Manchmal sind die moralischen Grundsätze sogar innerhalb derselben Kultur umstritten und werden von einzelnen gesellschaftlichen Gruppen in Zweifel gezogen oder überhaupt unterlaufen. Es hieße einem Irrtum unterliegen, ginge man in Bezug auf die westlichen Gesellschaften davon aus, dass wenigstens ihnen eine homogene Vorstellung von Moral zugrunde läge. Die herrschende Moral ist und war immer ein umkämpftes Feld, in dem sich zwischendurch einzelne Bereiche aufweichen, manchmal sogar verflüchtigen und dann wieder stärker ins Blickfeld gerückt werden.

Wie uneinheitlich, wie vielfältig die moralische Bewertung sogar ein und derselben Handlung sein kann, zeigt, dass zu stehlen, was in den meisten Kulturen als böse gilt,  manchmal auch erlaubt ist; beispielsweise dann, wenn der Bestohlene einem fremden Volk, einer anderen abgelehnten sozialen Einheit, einer anderen verfeindeten Gruppe angehört; manchmal ist es sogar ausdrücklich erwünscht.  Den Feind zu bestehlen, zeugt darüber hinaus von besonderer Listigkeit und Mut.

Ähnliches findet man in Bezug auf die Wahrheitsliebe: Der Islam erlaubt seinen Gläubigen Ungläubige zu belügen. Ähnliche moralische Standards findet man übrigens auch bei Zigeuner[9]-Völkern, die erlauben „Gadsche“ (Nicht-Zigeuner) zu belügen oder zu bestehlen, das Gleiche galt – wenn sich Josef Winkler, derzeit wohl einer der Paradeschriftsteller Österreichs, erfolgreich auf Karl May beziehen darf, darf ich’s vielleicht auch – bei den Komatschen und den Sioux; nur die Apatschen waren, vom Autor dem westlichen Moralkodex angepasst, „brav“.

Die Lüge und Verstellung im privaten Verkehr verpönt, wird vom erfolgreichsten „Spindoktor und Coach“ des Mittelalters geradezu als der Königsweg Weg zum Erfolg gepriesen: „Es ist das Zeichen großer Weisheit, sich zur rechten Zeit töricht zu stellen.“ [10] oder auch „In der Kriegführung ist Betrug rühmlich.“ [11]

Dass nicht einmal die Tötung eines Menschen in jedem Falle böse  ist, wird niemand mehr überraschen. Die Tötung eines Angehörigen der eigenen Gruppe ist heimtückischer Mord, die des Feindes eine Heldentat, für die die verschiedensten Belohnungen versprochen werden, einmal ist es das Hab und Gut des Getöteten, einmal ist es ein „Eisernes Kreuz“. 

Degenhardt

Der deutsche Liedermacher und Poet Franz Joseph Degenhardt besang in der Blütezeit der 68er-Generation diese Wertungsdiskrepanz wortreich in seiner Ballade „In den guten alten Zeiten“. Dort heißt es: 

„Man zerschlug ein Kind, wenn es die Füße vom Klavier zerbiss,

aber man lachte, wenn’s dem Nachbarkind ein Ohr vom Kopfe riss…. 

[…] doch war’s artig hat’s zum Beispiel einen Panzer gut gelenkt

dann bekam es zur Belohnung um den Hals ein Kreuz gehängt….“ [12]

Die Beurteilung von Handlungen oder Eigenschaften ist zuletzt auch abhängig davon, ob diese Handlungen von Gruppenangehörigen oder Außenseitern ausgeführt werden. Hier gilt: „Insider-Tugenden sind Outsider-Laster“. Der „Insider“, dem man gut gesinnt ist, wird mit positiv besetzten Vokabeln beschrieben, beispielsweise „sparsam, eifrig, engagiert und seinen Prinzipen treu“; wäre er Outsider, hieße es: er ist „geizig, ein Streber und ein unnachgiebiger Sturschädel“.



„Das Böse“ und der Ruf nach dem Gewissen

Nicht selten fordern Menschen, vor allem diejenigen, die meinen, berechtigte Zweifel an einer gerechten, einer der Menschlichkeit verpflichteten Rechtsordnung haben zu dürfen, man müsse sich eher am eigenen Gewissen, als am gesetzten Recht orientieren, wenn man im Laufe eines langen Lebens und wechselnder Verhältnisse ein anständiger Mensch zu bleiben beabsichtige. Das mag für einzelne Fälle durchaus seine Berechtigung zu haben, als generelle Regel wird man es wohl nicht gelten lassen dürfen.

Gerne beruft man sich dabei auf diejenigen, die gegen alle Widerstände, gegen alle Rechtsvorschriften handelten, um Menschen zu helfen, denen zu helfen vielleicht verboten war. Der Rekurs auf das eigene Gewissen, ist jedoch nicht immer ein verlässlicher Ratgeber.

Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass unser Gewissen uns mit Sicherheit davor bewahren könnte, Unrecht zu tun.  Selbst die größten Verbrecher begingen ihre Schreckenstaten nicht selten mit reinem Gewissen. [13]

Wir und damit auch unser Gewissen sind unbestreitbar auch das Ergebnis unserer kulturellen Umwelt. Die Ideen, Gedanken und Gefühle, die uns bewegen und anleiten, haben ihren Ursprung nicht allein in unseren genetischen Dispositionen, sind kein Ergebnis göttlicher Anleitung, sondern gründen sich auch auf das Soziale. Erst durch „die Anderen“ erkennen wir uns selbst. [14]

Der Mensch ist also immer ein Produkt mehrerer Faktoren: seiner genetischen Dispositionen, seiner Erziehung und damit auch seiner Kultur, in die er hineingeboren wurde; sie ist es, die ihm ein Vorverständnis dessen liefert, was gut und was böse ist. Dieses Verständnis, zu dem notwendig auch die Vorurteile (die positiven als auch die negativen) gehören – wird durch die sozialen Kontakte fest in ihm verankert. Dies geschieht teilweise durch eigens dafür geschaffene Institutionen: Schulen, Universitäten, Militär, teilweise im Rahmen alltäglicher Sozialerfahrungen. Dieses Feld lehrt uns gut zu handeln. Wir lernen gleichzeitig aber auch selbständig darüber nachzudenken und das Gelernte an der Wirklichkeit zu erproben. Spätestens dort zeigt sich, dass das gute Handeln nicht immer auch zu guten Ergebnissen führt.



„Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik“

Max Weber, 1917 Quelle Wikipedia
Max Weber, 1917
Quelle Wikipedia

Wir wissen, nicht zuletzt seit der trefflichen Ausdifferenzierung Max Webers, zwischen „Verantwortungsethik“ und  „Gesinnungsethik“ [15] , dass selbst Handlungen, die sich auf eine gesinnungsethisch akzeptable Grundlage – einen Moralkodex etwa – berufen können, in ihren Auswirkungen nicht in jedem Fall gut sind.

Den Angehörigen der Zeugen Jehovas ist es – durch ihren Moralkodex – verboten, Blutinfusionen zu erhalten; der Gesinnungsethiker würden selbst dann auf Einhaltung dieser Norm bestehen, wenn er dafür den Tod seines erkrankten Kindes in Kauf nehmen müsste, das durch eine Blutinfusion gerettet werden könnte.

Der Verantwortungsethiker hingegen würde in so einem Fall diese ethische Norm dispensieren, um so das Leben des eigenen Kindes zu retten.

Auch wenn man sich dem Standpunkt der Verantwortungsethik  nicht anschließen kann, weil er nach wenig Prinzipientreue aussieht, weil man vermuten könnte, dass ein solcher Standpunkt nach Belieben geändert, dass auf diese Weise alles und jedes gutgeheißen, alles nach Belieben entschuldigt werden könnte oder gar die nach diesen Grundsätzen handelnden Menschen aus ihrer Verantwortung entlassen würden, sollte man bedenken, dass es bei der Verantwortungsethik eben gerade nicht um eine relativierende, sondern um eine relationierende (die Umstände bedenkende) Form von ethischer Normtreue geht.

Dies alles spricht n i c h t dagegen, für sich festzulegen, welche Handlungen man als „moralisch-gut“, welche man als böse bezeichnet, es spricht auch nicht dagegen, den einzelnen Menschen für seine Taten in Verantwortung zu sehen. Es spricht aber sehr wohl gegen das Böse, weil es eben einen Unterschied macht, ob man von „bösen Handlungen“, von bösen Menschen, einer bösen Politik, also von etwas spricht, das mit einer „ bösen Eigenschaft“ ausgestattet ist, oder ob man das Böse als selbständiges Faktum (als soziologische, psychologische Entität) anerkennt, das irgendwie und irgendwann in die Welt gekommen ist.

Der scheinbar unausrottbare Glaube an die Existenz des Bösen ist nach wie vor auch Symptom unserer angeblich modernen Gesellschaft. Nach Phasen der Entzauberung, eingeleitet durch die Aufklärung, die die morgenländische Wissenschaft zur Blüte bringen sollte, ist die Gesellschaft in ihren Populärbereichen offensichtlich wieder verstärkt in eine Phase der Wiederverzauberung eingetreten und rückt damit Inhalte und Funktionen sowohl traditioneller Religionen als auch modernistischer Pseudo-Religionen in den Vordergrund. Vielleicht sollten wir auch bald schon ihre weltlichen Sublimate in Form von Ideologien oder politischen Bewegungen wiedererstarken sehen.

Diese Wiederverzauberung der Welt trat immer schon und tritt auch heute in unterschiedlicher Verkleidung vor den Vorhang der Weltbühne. Einmal zeigt sie sich im Kleid von Ideologien: dem Nationalismus, Marxismus, Nationalsozialismus, Maoismus und vielen andern –Ismen mehr, die erschöpfend aufzuzählen hier nicht von Nöten ist, dann wieder zeigt sie sich in Form verlockender Früchte unbestimmter Esoterik, der Astrologie, der Wahrsagerei, des Kartenlegens, des Schamanismus oder „Tischerlrückens“.

Als einen der dafür maßgeblichen Gründe könnte man die Tatsache sehen, dass sich der Mensch trotz der Entzauberung der Natur in der modernen Welt einem hohen Maß an Unsicherheit ausgeliefert fühlt. Trotz der hilfreichen Hand der Wissenschaft orientierungslos bleibend, sucht er sein Heil in Phantasieerklärungen, nimmt Zuflucht bei seinen alten Göttern oder schart neue um sich, weil er sich einem Leben mit permanent offenen, nicht beantworteten Fragen, nicht gewachsen fühlt.

Diese schmerzhaft-offenen Fragen beziehen sich dann meist nicht gar nicht so sehr auf die sogenannten letzten Fragen der Menschheit, die, um Immanuel Kant zu bemühen, darum kreisen, was der Mensch wissen kann, tun soll, was er hoffen darf, kurz was der Mensch ist ; darauf also, was das Wesen des Menschen ausmacht, welche Fähigkeiten, Möglichkeiten und Grenzen er hat.

Dass die europäischen traditionellen Religionen davon nicht zu profitieren in der Lage sind, ist in erster Linie ihrem Unvermögen zuschreiben, auf die Fragen der Zeit eine adäquate Antwort geben zu können.

Diese Unsicherheit der modernen pluralistischen Gesellschaft könnte einer der auslösenden Faktoren sein, die die Menschen hindrängt zum Klaren, Einfachen, zu einer „Ordnung“, die eine möglichst „ewige“ darstellen soll.

Wenn in diesem Zusammenhang göttliches Recht ins Spiel gebracht wird, ist der Schritt zum Verhängnis des Autoritativen nicht mehr weit. Insofern gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den angeblich rational-organisierten, dem Pluralismus verpflichteten Gesellschaften westlichen Zuschnitts und den den mittelalterlich- theologischen Konzepten verpflichteten muslimischen Gesellschaften, deren Bestreben es ist, dem göttlichen Recht in Form der Scharia überall auf der Welt zum Durchbruch zu verhelfen.

Diesem göttlichen Recht, verkündet durch heilige Schriften, immunisiert gegen jegliche Kritik, das dem „vormodernen Menschen“ als das Non-plus-ultra gilt, kann der moderne, rationale Mensch nichts als seine – wie dogmatisch veranlagte Kritiker meinen – wenig verlässliche Rationalität entgegenhalten; eine Rationalität, die von sich selbst sagen muss, nur über interimistische Wahrheiten Auskunft geben zu können. Sie gibt, der Wahrheit verpflichtet zu, nur über Erkenntnisse zu verfügen, deren angeblicher Mangel ihr größter Schatz ist: ihr Vorläufigkeitscharakter.

Im täglichen Kampf gegen einen über Jahrhunderte tradierten Glauben, der gestählt durch unzählige Einschleifverfahren ins Geflecht der menschlichen Ganglien, diese vorläufigen Wahrheiten beiseite fegt, stellt diese Erkenntnis nur ein stumpfes Schert da, das man verlachen zu dürfen glaubt.

Der Dogmatiker des Glaubens schleudert alles Rationale mühelos zur Seite, Jahrhunderte der Entwicklung prallen wirkungslos an ihm ab, denn seine selbstimmunisierenden, meist tautologischen Sätze gelten seit jeher als unkritisierbar. Mehr noch: die vom göttlichen Duktus, ausgestrahlte unangreifbare Sicherheit bietet nicht nur dem Dogmatiker, sondern auch dem an seiner Orientierungslosigkeit leidenden Individuum seit Jahrhunderten Sicherheit, Schutz, Geborgenheit und die innere Gewissheit einer Perspektive, die – auch wenn sie ins Unendliche verlagert ist – nicht selten unter dem Postulat der Selbstaufopferung in Erscheinung tritt.

Der Gläubige hat nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen. Das Heilsversprechen, das darin besteht, „Klarheit der Verhältnisse“ zu schaffen, tritt immer sofort in Kraft: das Gute kämpft gegen das Böse. Mehr zu wissen, ist nicht nur nicht erforderlich, es ist sündhaft!

Dass in diesen Tagen gerade die aufgeklärten westlichen Gesellschaften in vermehrtem Maße zur Kenntnis zu nehmen gezwungen sind, dass ihrem „kulturellen Fortschritt“ [16], ein „kultural lag“ [17] anderer Gesellschaften machtvoll entgegentritt, ist in einer Welt, deren Grenzen einander unaufhaltsam näher rücken, unvermeidlich. Zudem ist eben auch in den westlichen Gesellschaften – wie oben beschrieben – ein Trend zur Wiederverzauberung spürbar, sodass man nicht nur einen inter-kulturellen Konflikt sondern auch einen intra-kulturellen Konflikt befürchten muss, vielleicht sogar einen, in dem sich die Anhänger vormoderner Weltsicht aller Kulturen in religiöser Ökumene gegen das Rationale verbünden.

Setzten sich die „Löwen“ durch, könnte es durchaus noch zu einer kultur-kriegerischen Auseinandersetzung kommen, wie es Samuel P. Huntington in seinem „Clash of Civilization“ befürchtet; so bleibt auf die „Füchse“ und ein die kulturellen Differenzen ausgleichendes Arrangement zu hoffen.

In einer Zeit, in der die Medien von Szenen des Kriegführens beherrscht werden, an denen kein Tag vergeht, an dem nicht von „teuflischen Untaten“ diktatorischer Regime die Rede ist; in einer Zeit, die uns überschwemmt mit Meldungen von Steinigungen, Enthauptungen, Selbstmordattentaten, Flugzeugentführungen, Vergewaltigungen und anderen Gräueltaten, ist man sehr schnell geneigt, alles das dem Bösen zuzuschreiben und glaubt nicht nur auf diese Weise bereits alles erklärt zu haben, sondern auch „den Feind“ wirkungsvoll benannt zu haben, den es zu bekämpfen gilt.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass gerade in den aktuell sich zuspitzenden religiös unterfütterten politischen Auseinandersetzungen im „Nahen-Osten“ auch in der sogenannten westlichen Welt auf diese „überholten“ religiösen Kategorien zurückgegriffen wird.

Den wertenden Terminus „überholte Kategorien“ zu verwenden, ist deswegen angebracht, weil maßgebliche Denker des 19. und 20.Jahrhunderts, die berechtigter Weise als Klassiker der Religionssoziologie gelten wie Émile Durkheim, Max Weber, Ernst Troeltsch, Peter L. Berger Thomas Luckmann, den Säkularisierungsprozess, also die Trennung von Kirche und Staat [18]als ein konstitutives Kennzeichen der Moderne sehen, andererseits deswegen, weil die Verwendung des Begriffs :“das Böse“ einen Rückfall in vormoderne, religiöse und damit immunisierte Kategorien des Denkens darstellt. Wie schwierig es auch für „uns“ ist, diese Trennung konsequent zu vollziehen, lässt sich an unzähligen Verschränkungen zwischen Politik / Staat und Religion erkennen, die sich auch in unserer angeblich „aufgeklärten“ Gesellschaft, immer noch nachweisen lassen. (Abgesehen davon, dass sich in den Gerichtssälen immer noch Kreuze finden, auf die Bibel vereidigt wird, fühlen sich Politiker immer noch berufen, ihr „politisches Credo“ in Kirchen vorzutragen, ohne dass jemand daran Anstoß nähme. Wolfgang Schüssel hielt- um nur ein Beispiel zu nennen – im Jahr 2003 im Stephansdom einen Vortrag zum Thema: Wie versucht man, als Christ Politiker zu sein oder als Politiker Christ zu sein. (Siehe Standard vom 8./9. Nov. 2014)

Von dem Bösen zu sprechen, stellt also nicht nur eine rückschrittliche, sondern auch eine dem rationalen Charakter moderner Wissenschaft widersprechende Argumentationsfigur dar, der – und das ist das Wichtigste – jegliche Problemlösungskapazität fehlt.



Durch den Rekurs auf das Böse wird nichts von dem, was erklärt werden soll, tatsächlich erklärt.

Das Böse in den Zeugenstand zu rufen, stärkt nur diejenigen irrationalen Geisteshaltungen, die sich gerne darauf berufen, dass das Böse als Gegenspieler des Guten seit Anbeginn in der Welt und zumindest seit den Tagen des Sündenfalls in Form der Erbsünde – auch Teil des Menschen sei. Eine etwas fortschrittlichere, modernere Variation dieses Satzes läge in der anthropologisch, biologisch gestützten Behauptung, dass der Mensch von Natur aus immer schon böse gewesen sei. Beides ist gedanklich inkorrekt. Korrekt wäre, davon zu sprechen, dass der Mensch immer schon, wenn auch nicht beständig böse handelte.

Tritt man dem Problem auf der Handlungsebene gegenüber, bedeutet das aber auch auf ganz andere Strategien zurückgreifen zu müssen, um im Kampf gegen das Böse zum Erfolg zu kommen.

Die Apologeten eines modernen Irrationalismus verkünden gerne: „man könne das Böse nur bekämpfen, wenn man es anerkenne! Diese Ansicht streift das Problem zwar peripher muss aber gerade deswegen notwendig scheitern. Das Böse lässt sich allein deswegen nicht besiegen, weil es „an sich“ eben nicht existiert. Das Böse ist ein religiöser Begriff, dem findige Theologen einen kongenialen Partner zur Seite stellten: die Erbsünde.



Die Frage nach dem „Warum“

Immer dann, wenn Böses geschieht, fragen die Menschen fast reflexartig nach dem Warum! Allein diese Frage sei schon verhängnisvoll, meint Marko Martin in seinem Artikel, weil schon die Alten Griechen davon ausgegangen seien, dass das Böse eine anthropologische Konstante sei. „Warum sollte der Mensch n i c h t böse sein?“ wäre die bessere Frage, meint er.

Die Frage nach dem Warum ist aber ebenso menschlich, wie es menschlich ist, böse zu handeln. Die Frage nach dem Warum war und ist es auch, die den Menschen zu seiner Entwicklung befähigte und immer noch befähigt. Ohne beständig nach den Gründen zu fragen, warum die Welt gerade auf diese Weise abläuft wie sie abläuft, säßen wir immer noch in unseren Bärenhöhlen und würden Steinmesser aus Obsidian schärfen.

Die Frage nach dem Warum beinhaltet zwei ganz unterschiedliche Aspekte: „Warum“ fragt in erster Linie nach der Motivation einer Tat, nicht nach deren Ursache. Denn die die Tat auslösende Ursache kann weit davor – weit vor dem Entstehen des Motivs oder weit danach – liegen. So kann eine Handlung durch die Vorstellung, die wir über ihren Nutzen oder ihren sittlichen Wert haben, vollständig motiviert sein, ohne deswegen auch schon zu geschehen. Um sie auszuführen bedarf es noch eines Entschlusses in dem sich schließlich die Freiheit der handelnden Person manifestiert.

Der zweite Aspekt des Warum lässt uns nach den Ursachen fragen. Dies wird oft fälschlich, aber nicht immer ganz ungerechtfertigt, mit einer Suche nach Entschuldigungsgründen verwechselt. Vor allem die Anhänger jenes Menschenbildes, das alle Eigenschaften und Verhaltensweisen des  Menschen, allein seiner Erziehung, seinen sozialen Beziehungen, seiner Einbettung in das soziale Umfeld zuzuschreiben geneigt sind, verwenden diese missverstandene Ausdeutung des Begriffs Erklärung nicht selten tatsächlich im Sinne von Entschuldigung.  Erklären bedeutet aber, die dem Verhalten zugrunde liegenden höchsten und letzten Werturteile erkennen. Dieses Erkennen  wiederum ist zu unterscheiden vom Beurteilen.

Es geht vielmehr darum zu erforschen, was die Maßstäbe sind an denen die Wirklichkeit gemessen und aus denen das Werturteil abgeleitet wird. [19]

Es geht dabei nicht darum, ein Verhalten zu entschuldigen!   Die Frage nach dem Warum ist die Frage nach einer Erklärung des Verhaltens. Damit soll aufzuzeigen versucht werden, welche Idee hinter einem bestimmten Verhalten zu finden ist.

Denn es ist selbstverständlich eine der wesentlichsten Aufgaben einer jeden Wissenschaft vom menschlichen Kulturleben, diese „Ideen“, für welche teils wirklich, teils vermeintlich gekämpft worden ist und gekämpft wird dem geistigen Verständnis zu erschließen. [20]

So kommt man zu einer weiteren unbedingt notwendigen gedanklichen Differenzierung, nämlich der der Unterscheidung von philosophischer Ethik und theologischer Ethik, die sich – auch wenn sie einiges an Gemeinsamkeiten aufweisen – in einer Hinsicht grundlegend unterscheiden. Die philosophische Ethik, die sich mit der Natur moralischer Verbindlichkeit beschäftigt, ohne irgendeine bestimmte Moral zu empfehlen, gründet sich auf Einsicht oder Beobachtung, die theologische Ethik hingegen gründet sich auf göttliche Offenbarung. Sie ist Moral. Wenn nun die göttliche Offenbarung verlangt, allen Ungläubigen, wo immer man sie trifft, den Kopf abzuschlagen, so wäre dies, da sich der Täter als Werkzeug im Vollzug göttlichen Willens verstehen dürfte, sogar als moralisches Verhalten“zu beurteilen.



Fazit:

Das Böse ist

für den Individualisten das Kollektive

für den Kapitalisten der Sozialismus

für den Sozialisten der Kapitalismus

für den Demokraten die Diktatur

für den Religiösen der Atheismus

für den Anarchisten der Staat

für den Liberalen die Vorschrift

für den Kosmopoliten der Nationalismus

für den Nationalsozialisten der Judaismus

und

für den Drachenflieger der Seitenwind

Gesetzt den Fall, man ließe sich von der Überzeugung der Existenz „des Bösen“ doch nicht abringen, dann muss man sich zumindest die Frage gefallen lassen: Warum lässt ein allmächtiger, seine Geschöpfe „liebender“ Gott das Böse [21] zu?

Und: Wie konnte er zulassen, dass Engel von ihm abfielen und dass Satan zu einem so mächtigen Gegenspieler avancierte konnte? Er hätte doch auch alles ganz anders planen und ausführen können?

Schließlich müsste man sich fragen, ob Gott immer schon sadistische Züge aufwies bzw. aus welchem Grund Gott zum Sadisten wurde? Oder anders: Aus welchem Grund beliebte Gott den  Marquis de Sade in besonders hohem Maße mit göttlichen Eigenschaften auszustatten?

5 Gedanken zu „„Das Böse ist immer und überall!“

  1. Danke für diesen wunderbaren Artikel. Mit manchen Aussagen gehe ich nicht so ganz konform, aber die Grundaussage gefällt mir. Vor allem der Schlusssatz hat mir ein breites Grinsen ins Gesicht gezaubert.

  2. Hallo!
    Ein sehr eindrucksvoller, vielschichtiger Artikel – Sie haben da ein riesiges Feld bestellt. Ich sehe ein paar wenige gedankliche Baustellen, aber nichts Substantielles. Erlauben Sie bitte nur einige Bemerkungen:

    Marxs sah den Kommunsimus zwar als letzte Phase der Entwicklung, aber sicher keinen „geschlossenen Zyklus“, im Gegenteil, zeigte er in logischer Anwendung Hegel’scher Dialektik, dass „alles was besteht ist wert, dass es zugrunde geht“.

    Gut + Böse sind Begriffe, die erst im gegenseitigen Bezug ihren Sinn erhalten. Sie bauen auf, willkürliche Wertesysteme. Das größte Problem habe ich mit der Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. In einer Gesellschaft ist etwas moralisch oder nicht. Nach dem Gesetz der Identität kann etwas nicht gleichzeitig etwas anderes (oder gar Gegensätzliches) sein.

    J. Dietzgen schreib: “ Maß der moralischen Wahrheit ist der bedürfnisvolle Mensch; die Handlungsweise ist ihm durch sein Bedürfnis gegeben. Sämtliche Bedürfnisse sind das Material aus welchem die Vernunft moralische Wahrheiten anfertigt.“
    Der Trick der Religionen war es, die Hoheit über die Bedürfnisse und dadurch zur moralischen (Schein-)Wahrheit zu gelangen.

    Im Übrigen denke ich, dass der Mensch per se sich nicht weiterentwickelte und seine Eigenschaften dieselben sind wie zur Zeit Aristoteles, nur seine Technologien sind fortgeschritten. Ich denke, der Mensch kann sich nur durch seine Vernunft verbessern. Glaube und wert-lose Begriffe sind sein ewiges Hindernis.

    Herzliche Grüße

    1. Herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar.
      Der Einwand bezüglich „Verantwortungsethik“ vs. „Gesinnungsethik“ beruht auf einem Missverständnis und einer Missinterpretation meines Textes Ihrerseits. Es wurde nie behauptet, dass beides „gleichzeitig, gleich gut“ sei. Ich will noch einmal präzisieren, was ich ohnehin ausführte: Der Gesinnungsethiker beruft sich auf eine Ethik des Guten und weicht im Gegensatz zum Verantwortungsethiker auch dann nicht von seinen Grundsätzen ab, wenn die aus seinem Handeln sich ergebenden Folgen negativ (schlecht, böse) wären. Für ihn zählt allein, gut zu handeln, auch wenn sich negative Folgen daraus ergeben. (Ein Beispiel habe ich im Text gegeben. Ein anderes: Gesinnungsethiker wäre z.B. jemand, der, weil man nicht lügen darf, jedem zu jeder Zeit die Wahrheit sagt, auch dann, wenn er weiß, dass er den anderen damit schwerstens beleidig, kränkt oder in den Selbstmord treiben könnte usw.)
      Bezüglich des „geschlossenen Zyklus“: Wenn eine Entwicklung einer Gesellschaft beim Kommunismus beginnt, um anschließend über mehrere Entwicklungsstufen verlaufend wieder beim Kommunismus zu enden, ist das ein „geschlossener Zyklus“. Das Argument, dass Marx der Meinung gewesen sei, dass alles „Bestehende auch wert sei, zugrunde zu gehen.“ kann ich mangels Wissens um die Stelle, wo das vorkommt, weder widerlegen, noch kann ich es bestätigen; ich nehme es als Information aber gerne an.
      Zu Dietzgen: diese Argumentation erinnert mich ein bisschen an die „Utilitaristen“ – Gut ist was (mir) nützt! Ich nehme an, Dietzgen meint damit, dass wir die Moral erfinden (gebrauchen), um unsere Bedürfnisse zu legitimieren. Die Religion hat den Prozess umgedreht. Ähnlich wie Marx Hegel „auf den Kopf stellte“. (Möchte aber keine neue Diskussion vom Zaun brechen!)
      Herzlichen Dank noch einmal für ihre begleitende Aufmerksamkeit und Ihre interessanten Argumente, Einwände und Anregungen. Mit besten Grüßen Ihr W.S.

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