„Clash of Civilizations“ – Weltethos oder heim ins Mittelalter?

Be- und Anmerkungen zu

Helmut Dahmers Artikel „Der Aufstand der frommen Barbaren“

in DerStandard, vom 3.Oktober 2014  

 

Mich zum Thema Religion zu äußern, bedarf zugegebenermaßen – auch wenn das Thema im Folgenden nur peripher gestreift wird –  einiger Überwindung, soviel sei vorausgeschickt. Überaus hilfreich und anregend war zum einen die Lektüre des oben zit. Artikels von Helmut Dahmer,  zum anderen die akute Entwicklung der Verhältnisse zwischen „radikal –religiösen Muslimen“ und Christen, Muslimen und Juden bzw. die mehr und mehr öffentlich geführte Auseinandersetzung innerhalb der muslimischen Community darüber, was denn nun wirklich der „wahre Islam“, wer denn nun wirklich ein „wahrer Muslim“ sei. Dieser semi-interne Diskurs der Muslime und die Entwicklung im Zusammenhang mit den Gräueltaten der Dschihadisten des IS gewannen dermaßen an Brisanz,  dass über dieses Thema hinwegzusehen, einem politischen Menschen kaum mehr möglich ist.

Überwindung kostet es deswegen, weil – wie zugegeben werden muss – allen Ideologien gegenüber, auch wenn sie den Status einer Religion für sich beanspruchen – ein „gewisses Maß“ an Voreingenommenheit in mir Platz findet; ein Maß an Voreingenommenheit, das eine auch nur annähernd objektive Betrachtung religiöser Inhalte nicht nur erschwert, sondern sogar ganz zu verhindern imstande sein könnte. Alles „Überirdische, alles Esoterische“ blieb mir seit jeher verschlossen und kann auf keinerlei rationales Verständnis hoffen.

Thema des nachfolgenden Aufsatzes sind daher ausschließlich ausgewählte Aspekte der von Dahmer angebotenen Erklärungen die aktuellen „sozialen Begleiterscheinungen des radikalen Islam“ betreffend,  die im Zusammenhang mit Religion und Religiosität von Muslimen und ihrem Umfeld neuerdings auch in Europa verstärkt auftreten. Diese „Begleiterscheinungen“ wiegen ohnehin schwer genug.

Worin besteht das „Reizvolle“ des Dahmer’schen Aufsatzes?

Der größte Reiz besteht bekanntlich im Widerspruch.

Es ist, da muss man dem Soziologen Helmut Dahmer Recht geben,  wahrlich nichts Neues, dass sogar Kinder in den Krieg ziehen; das hat es mehrfach gegeben im Laufe der Geschichte; vor allem im Laufe der jüngeren afrikanischen Geschichte. Dass aber Dschihadisten in Europa eine „Kinderarmee“ rekrutierten, wie Dahmer ausführt, könnte als bisher wenig bekannte Neuigkeit durchgehen. Zur Erinnerung: Kinder sind Menschen bis zu einem Lebensalter von maximal 14 Jahren.  Auch scheint es übertrieben – wie Dahmer es tut – von „Kinderkreuzzügen“ zu sprechen.

Unbestritten ist, dass von predigenden Mittelsmännern des IS  muslimische Jugendliche in Europa für die angeblich „heilige Sache“ angeworben werden; diese Jugendlichen reisen dann meist über die Türkei in das Kriegsgebiet ein.  Als „Umschlagsplatz“ gilt angeblich Antakia.

Warum aber der Vergleich mit den „Kinderkreuzzügen“, wo es sich doch nicht wirklich um „Kinder“ und schon gar nicht um „Kreuzzüge“ handelt?  Abgesehen davon, dass die tatsächliche Existenz von „Kinderkreuzzügen“[1] bei weitem nicht so gesichert ist, wie oft dargestellt, handelte es sich bei den „Kinderkreuzzügen“ –so sie tatsächlich stattgefunden haben – höchstwahrscheinlich sogar um ein Aufgebot von unbewaffneten Kindern; deren Schicksal endete mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Sklaverei, noch bevor sie das „Heilige Land“ erreichten. Den Vergleich mit der Situation der muslimischen Jugendlichen im heutigen Europa, die ihr Herz für den bewaffneten Kampf im Dschihad entdeckt zu haben glauben,  finde ich nicht wirklich gelungen.  Bleibt anzunehmen, dass es sich um einen rhetorischen Kunstgriff Dahmers handelt, mit dem ein günstiger, die Emotionen des Lesers beflügelnder Wind erzeugt werden soll.

Kinder als Soldaten in den Krieg, pfui! Kinder werden im Krieg getötet, pfui! Kinder werden dazu verführt, andere zu töten, pfui!

Kinder gelten bei uns als besonders schutzwürdig. Das war nicht immer so!  Kinderschutz ist eine der Errungenschaften des 19. und besonders eine des 20.Jahrhunderts.

Das hat Konsequenzen:

Sobald Kinder als Opfer „der Anderen“ ins Spiel gebracht werden können, ist man grundsätzlich sicher, auf der richtigen Seite zu stehen. Kinder lässt man nicht in den Krieg ziehen!

Tatsächlich sind es hingegen Jugendliche bzw. junge Erwachsene um die es geht;  es geht um junge Männer und  vereinzelt junge Frauen, die in Frankreich, Deutschland oder Österreich lebten, bevor sie den Wunsch verspürten, sich dem IS anzuschließen, um auf dem Staatsgebiet Syriens und dem des Irak ein den strenggläubigen Muslimen vorbehaltenes Kalifat zu errichten.

Dass junge Menschen zu diesem Zwecke ausreisen,  wird sich nicht leicht verhindern lassen, wäre vielleicht sogar noch akzeptabel, müsste man nicht mit Recht befürchten, dass diese, so sie ihren Kampfeinsatz im Dschihad überleben auch wieder nach Europa zurückkehren, um,  nachdem sie ihre Wunden geleckt haben, diesen hier fortzusetzen. Aber auch dabei sollte man „die Kirche im Dorf lassen.“ In Frankreich leben ungefähr 6 Millionen Muslime und 400 von ihnen sind in den Dschihad gezogen, in Deutschland leben 3,5 Millionen, in den Krieg zogen etwa 200. Nehmen wir an, die Hälfte von ihnen überlebt ihren Einsatz und kehrt in die neue Heimat zurück. Wer kann sagen wie viele von ihnen durch die Erlebnisse des Krieges nicht auch eines Besseren belehrt wurden und sich alles andere wünschen als hier den Dschihad fortzusetzen? Abgesehen davon, sollte man den staatlichen Sicherheitsdiensten zutrauen können, auch etwas von ihrer Arbeit zu verstehen.

Dass Kriegserlebnisse Menschen traumatisieren soll nicht in Zweifel gezogen werden. Es ist eine bekannte Tatsache, dass viele der „Kriegshelden“ des Vietnam-Krieges nie mehr in ein geregeltes bürgerliches Leben zurückgefunden haben und, damit sie nicht zur Gefahr für die Allgemeinheit werden, ihr restliches Leben Therapien benötigen, um sie halbwegs stabil zu halten. Bei einigen blieben auch die Therapien wirkungslos.

Wo sind die Gründe?

DAHMER behauptet – die Jugendlichen, die sich für den Dschihad begeistern, gehörten der Gruppe der „Herumgeschubsten“ an. Diese Tatsache sei es auch, die maßgeblich dafür sei, dass sie sich für den Dschihad entscheiden würden.

Da DAHMER keinerlei Belege dafür anbietet, und dieses Argument auch in anderen Kontexten gerne verwendet wird, um Rechtsbrüche zu „erklären“, liegt es nahe, die Sache zu bezweifeln; vielleicht ist es gar nicht so. Vielleicht leben sie in „geordneten Verhältnissen“, in einem „normalen Elternhaus“, vielleicht gehören sie sogar einer aufstrebenden Mittelschicht an?

Ist wirklich schon bekannt, welche Schulbildung, welche Berufe sie haben, welchen Sozialisationsweg sie durchliefen, welche soziale Stellung ihre Eltern innehaben, welche Rolle  ihre religiöse Erziehung[2] spielte, ob sie dem studentischen Milieu oder vielleicht doch der „Arbeiterklasse“ angehören? Sind sie Revolutionäre oder einfach nur Idealisten, sind sie Verführte, Geblendete oder religiöse Spinner, die wesentliche Teile ihrer Religion missverstanden? Oder sind sie – wie manche vereinfachend behaupten – einfach nur „blöd“?

Haben sie ihr Leben tatsächlich in den sogenannten „Wohlstandsoasen“  oder  vielleicht doch im Umfeld von Harz-IV-Empfängern  oder in den „Banlieus von Paris“ verbracht? Das wären Fragen, deren Antworten etwas Klarheit in die Analyse bringen könnten.

Waren die Piloten jener Passagiermaschinen, die  in das World-Trade-Center geflogen wurden auch „Herumgeschubste“? Nein, das waren sie wohl nicht, wie sich später herausstellte. Sie waren durchaus erfolgreich, sowohl im Studium als auch im Beruf.

Im Zusammenhang mit der Rekrutierung von Dschihadisten in Europa sind viele Fragen offen, die dringend  zu erforschen wären, wenn man das Problem lösen will;  vorschnelle Erklärungen, im „herkömmlichen Rahmen“ zu denken, so wie es im oben genannten Artikel geschieht und Antworten zu präsentieren in einer Form als handle es sich um gesichertes Wissen, wird nicht weiterhelfen.

Verlässliche, gesicherte, valide empirische Daten in großer Zahl kann es jedoch (noch) nicht geben, die Zeit dafür ist noch zu kurz, das soziale Phänomen „Gotteskrieger aus Europa ziehen in den Dschihad“ ist noch zu jung, um wirklich erforscht zu sein. Diese Tatsachen sollte man nicht verschweigen, wenn man eine soziologische Analyse vorzulegen vorgibt, sonst nährt man damit ungewollt die Vermutung, dass es sich doch nur um einen spekulativen Versuch einer Erklärung und nicht um die Erklärung des Phänomens selbst handelt.

 

Dschihad – eine Revolte gegen das Elternhaus?

Zugegeben, sich den Zwängen des Elternhauses entziehen, war für „die Jugend“ immer schon ein verlockendes Unterfangen. Die Revolte der Jugend brach sich im Laufe der Zeit verschiedene Bahnen; man „rockte“, man schwang sich vielleicht auf eine „Maschin“, trug Lederjacken, ließ sich lange Haare oder einen „Schlurf“ wachsen, „revoltierte“ als Student und „schiss auf die Katheder“, schrieb politische Lieder oder Gedichte, sang „Protest-Songs“ anderer nach oder wurde (wenigstens) „Wehrdienstverweigerer“.

Aber in den Krieg zu ziehen, um damit gegen die Eltern zu revoltieren, so wie DAHMER es für die Muslime behauptet, diese Art von Revolte sollte, folgt man logischen Pfaden, eigentlich den Kindern westlicher Wehrdienstverweiger vorbehalten sein.  Dass Kinder muslimischer Eltern in den Dschihad nach Syrien ziehen, um damit  gegen das Elternhaus zu revoltieren, wird empirisch zu belegen, nicht ganz einfach sein.

Diese These ist aus einem weiteren Grund für mich wenig tragfähig: Eine Revolte gegen Eltern, von denen man ausgehen kann, dass sie für gewöhnlich einem  von den Jugendlichen revoltierend angestrebten Ideal des Gottesstaates eher nahe stehen als es abzulehnen, müsste mangels eines Angriffsziels notwendig ins Leere führen. Welchen Sinn hätte es, eine Revolte gegen etwas zu führen, das man nicht abgeschafft, sondern sogar in höherem, strengerem Maße verwirklicht sehen will?  Im Wunsch, sich im Kalifat des IS zu verwirklichen, eine Revolte gegen das muslimisch rigide Elternhaus zu sehen, wäre m. E. nur dann ein tragfähiges Argument, wenn die  Eltern der „Jung-Dschihadisten“ die Ideale der „westlichen Lebensweise“ übernommen hätten und nicht, so wie es immer noch meist der Fall ist, ihr Leben auch im Westen mehr oder weniger im traditionellen Sinn weiterführen. Umso mehr als gerade der Umstand mangelnder Integration es war, der bisher Anlass zu Kritik bot. (Zwangsverheiratungen von minderjährigen Töchtern, Ausgehverbote für die Töchter, mangelnde Schulbildung für Töchter usw.) Nun wird es so dargestellt, als müsste die jungen Muslime gegen die „integrationswilligen“ Eltern revoltieren, weil sich diese dem westlichen Lebensstil verschworen hätten. So hängt man sein „theoretisches Fähnchen“ in den jeweils „richtigen“Wind. Alles lässt sich solange drehen und wenden bis es die jeweils eigene Sicht der Dinge stützt. So entsteht leider der Eindruck, dass die Fakten den Hypothesen angepasst werden, was nicht gerade wissenschaftlicher Korrektheit entspricht.

 

Unzufriedenheit  mit den gesellschaftlichen Zuständen im Westen und Orientierungslosigkeit?

Das Argument „Unzufriedenheit“ als Erklärungsmodell ist auf vielen Gebieten mehr als beliebt; es erklärt alles und daher nichts. Wer ist mit den herrschenden gesellschaftlichen Zuständen im Westen schon wirklich einmal absolut zufrieden gewesen?

Zugegeben:

Die „fremde Kultur“ macht es jungen Muslimen  nicht immer einfach, sodass sich viele – zu recht oder zu unrecht ist weniger von Belang – “marginalisiert“ fühlen[3] was ihren Rückzug in die Abgeschlossenheit der Elternkultur beschleunigt. Wichtig zu erkennen ist, dass es sich nicht um eine „objektiven Kriterien unterliegende Marginalisierung“ handeln muss, das „subjektive Gefühl“  marginalisiert zu werden genügt.

Dort setzen die „Werber“ an. Sie vermitteln den Jugendlichen ein Gefühl der Vertrautheit[4], des Eingebundenseins und der Fürsorge. Sind die Jugendlichen einmal soweit in die Gruppe integriert, ist es zur „moralischen Verpflichtung“ eine „Gegenleistung für dieses Vertrauen“ erbringen zu müssen,  nicht mehr weit. Diese Entwicklung zu unterbrechen sollte ein Ansatz sein, der erfolgversprechender sein könnte, als Aufklärung über die „wahren“ Ziele des IS.

Wie aber steht es mit der Behauptung, diese Jugendlichen seien „orientierungslos“?

Ich denke, dass man das gerade n i c h t annehmen darf. Eher das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Diese jungen Burschen haben vielleicht keine exakte Vorstellung davon, wie die Gesellschaft, in der sie ihr Leben verbringen möchten tatsächlich beschaffen sein sollte, aber vielleicht haben sie  eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sie nicht sein sollte.

„Orientierungslos“ sollte man das nicht nennen.

Einerseits steht ihre Orientierung fest, sie wollen einen „Gottesstaat“; sie wollen eine andere, eine durch jenseitige göttliche Autorität begründete, soziale Ordnung, keine Demokratie, keine „perfiden“ westlichen Werte.  Vielleicht eine Ordnung, die das traditionelle Männerbild nicht so radikal in Frage stellt, wie das derzeit in der  westlichen Gesellschaft der Fall ist. Vielleicht suchen sie auch die Sicherheit eines rigideren Regelwerks, mit genauen Vorgaben, weil sie nicht imstande sind, den westlichen Werte- Pluralismus, der sie, aber  nicht nur sie,  in quälende Unsicherheit stürzt, zu bewältigen.

Im Grunde sind das  Fragen, die zurzeit noch nicht wirklich allgemeingültig zu beantworten sind.

Einerseits deswegen, weil die Beweggründe individuell und in unterschiedliche Kontexte eingelagert sind, andererseits deswegen, weil es dazu eben noch zuwenig aussagekräftigen Untersuchungen gibt.

Es ist leichter etwas zu lieben, das man nicht kennt, als das, was einem genau bekannt ist!

Es ist durchaus möglich, dass die jungen Menschen, die sich für die Ziele des IS begeistern lassen, zuwenig von diesen Zielen wissen, die diese  Gruppierung verfolgt. Für diesen Fall könnten Informationskampagnen helfen.  Vielleicht wissen sie aber auch genug und das, was sie wissen, entspricht ihren Vorstellungen von einem glücklichen Leben in größerem Maß, als die westliche Welt ihnen zu bieten imstande ist. Dann wird Aufklärung ihren Sinn verfehlen.

 

Die „Gotteskrieger“ sind vom westlichen Lebensstil einfach nur überfordert?

Wenn es so ist, dann müssten sich vor allem die Psychologen mit diesen Menschen befassen, sie in Therapie nehmen. Vielleicht lassen sich  Menschen und ihre Kulturen eben doch nicht so einfach in andere Umgebungen „verpflanzen“, wie das so gerne von den Apologeten des „Multi-Kulturalismus“ behauptet wird. Vielleicht ist die Alternative zu „Vielfalt“ doch nicht nur „Einfalt“?

Die liberalen Gesellschaften dürfen sich jedenfalls nicht an der alles entscheidenden Frage vorbeischwindeln, die lautet:

Wie muss der westliche Pluralismus auf totalitäre Tendenzen reagieren, wenn sich diese im Kleid einer (staatlich anerkannten) Religion präsentieren? Die alte Poppersche Frage nach den Grenzen der Toleranz ist nach wie vor aktuell:  Wieviel Toleranz darf es im Kampf gegen die Intoleranz geben? Die Antwort ist einfach: keine!

„Die offenen Gesellschaften, in denen wir leben, sind die besten und die freiesten und die gerechtesten und die selbstkritischsten und die reformfreudigsten, die es jemals gegeben hat.“[5]

Die Macht der Ereignisse scheint uns zu belehren, dass ein Konsens über die grundlegenden gemeinsamen Werte und ein Bekenntnis zu einer Trennung von Religion und Staat eine  notwendige und auch unabdingbare Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben darstellt.

„Ländern wie Saudi-Arabien oder Katar, die weltweit religiöse Einrichtungen finanzieren, sollte, ebenso wie den islamistischen Organisationen wie der Muslimbruderschaft, die Möglichkeit entzogen werden, in Europa weitere Einrichtungen zu planen und zu bauen. Doch Deutschland und Österreich ermöglichen dem saudischen Regime und anderen Scharia-Staaten umstandslos die Errichtung von Moscheen, Schulen und Kulturzentren. Das wohl skurrilste Beispiel ist das 2012 im Wiener Stadtzentrum errichtete saudische Prestigeprojekt: Das König Abdullah Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog.“[6]

Es wird sich zum Wohle derjenigen Menschen, die sich zu einer „offenen Gesellschaft“ bekennen, nicht vermeiden lassen, allen denjenigen den ständigen Aufenthalt auf ihren Staatsgebieten zu verwehren, die sich zu den grundlegenden gemeinsamen, eine solche Gesellschaft stützenden Werten  nicht bekennen wollen. Andererseits muss es auch möglich sein, anderen  Menschen, deren Wertvorstellungen von denen der „offenen Gesellschaften“ abweichen in den „seit jeher“ von ihnen besiedelten Teilen der Welt ihr Existenzrecht nicht abzusprechen. Man kann nicht alle Staaten, deren „Verfassungen“ unseren Wertvorstellungen widerspricht „wegbomben“, auch dann nicht, wenn man feststellen muss, dass es

„….kein einziges mehrheitlich islamisches Land [gibt], das nicht mehr oder weniger autoritär regiert würde und in dem religiöse Minderheiten gleichgestellt wären.“[7]

Wenn die UNO weiterhin eine Existenzberechtigung haben soll, die wegen ihrer anhaltenden Untätigkeit schon mehr als in Zweifel zu ziehen ist, dann wird sie sich aufraffen müssen, dieser Frage, zu der auch und vor allem der Schutz von verfolgten Minderheiten gehören muss, vermehrt anzunehmen.

 

Deprivation?

Ein anderes Argument DAHMERS zielt darauf ab, dass es sich bei der Entscheidung junger Muslime für den IS in den Dschihad zu ziehen,  um die Folgen von gesellschaftlicher „Deprivation“ handle, weil fast ausschließlich jene jungen Männer und Frauen in den Dschihad zögen, die mit dem westlichen Lebensstil (im besonderen mit dem allgemeinen „Norm-Konsum-Anspruch“) nicht mithalten könnten.

Und weil sie sich nicht alles das leisten können, was sich andere – die „schwächlichen“ Nichtmuslime –  leisten können, ziehen sie in den Dschihad? Nicht wirklich überzeugend. Es sei denn, man argumentiert damit, dass der Schritt in den bewaffneten Kampf eine Art von Katharsis bewirke; dass der Griff zum Gewehr die durch das Sich-nicht-leisten-können aufgestauten „Minderwertigkeitsgefühle“  zu dämpfen in der Lage wäre. Aber auch dieser Erklärungsversuch bedeutet, den sicheren Boden der „Wissenschaft“ zu Gunsten des unsicheren Terrains der Spekulation verlassen.

Überzeugender wäre vielleicht, sich einzugestehen, dass diese Jugendlichen die westliche Lebensweise aus tiefer innerer Überzeugung verachten, dies aber sicher nicht n u r  deswegen, weil sie als zahlungskräftige Konsumenten „versagen“. Solange man aber nicht genau weiß, welche „Triebfedern“es sind, die diesen Prozess der Fixierung auf eine irrationale, vormoderne Ideologie antreiben, solange man nicht in Erfahrung bringt, worauf sich diese Ablehnung tatsächlich gründet, wird man diesen Prozess nicht stoppen und die Jugendlichen von ihrem Tun nicht abhalten können.

Die These, dass hinter den hier offen zu Tage tretenden Problemen ein viel allgemeineres und gravierenderes Problem verborgen sein könnte, eines, das untrennbar mit dem Glauben an Götter verbunden ist, eines das vielen, wenn nicht allen Religionen gemeinsam ist, findet erfahrungsgemäß wenig Zuspruch, dennoch soll diese These, die jedermann leicht überprüfen kann, nicht übergangen werden:

Sowohl das Christentum, das Judentum als auch der Islam beruhen auf zwei wesentlichen Pfeilern: 1.) sie beanspruchen die „absolute Wahrheit“ für sich und können schon aus diesem Grund der jeweils anderen Religion keinen ebenso gültigen „Wahrheitsanspruch“ zugestehen. Sie sind damit ihrem innersten Wesen nach intolerant. Dass Christen und Juden ihre Intoleranz nicht (mehr) wie ehedem exzessiv ausleben können, liegt daran, dass sie inzwischen gezwungen wurden, sich der staatlichen Autorität, dem staatlichen Gewaltmonopol unterzuordnen. 2.) Religionen beruhen auf dem Wunsch „zu glauben“. Weder dieser Wunsch, noch der Glaube selbst ist mit rationalen Mitteln siegreich zu bekämpfen. Solange aber die Menschen an eine „absolute Wahrheit“ glauben, werden sie im Namen ihres Glaubens, ihrer Ideologie andere unterdrücken, und auch ermorden. Wenn sie eines Tages an wirklich gar nichts mehr glauben sollten, werden sie andere Gründe finden, ihre Machtgelüste und Mordlust auszuleben.

Es wird zugunsten der „Jung-Dschihadisten“ wie auch zu Gunsten anderer „herkömmlicher“  Rechtsbrecher gerne und oft ins Treffen geführt, dass sie ihre Taten „eigentlich“ nur deswegen begehen würden, weil sie von der Gesellschaft nicht in ausreichendem Maße gewürdigt und angenommen worden seien. Ihre Taten seien quasi die logische und unvermeidbare Folge von gesellschaftlichem Fehlverhalten ihnen gegenüber.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch in den Fällen, um die es hier geht, dieses Argument vorgebracht wird.  Nichts desto trotz ist es kontraproduktiv, asoziales, rechtsbrecherisches Verhalten auf diese Weise zu entschuldigen oder abmildern zu wollen.

Jeder Erwachse hat seine Taten zu verantworten!

Diese Verantwortung auf „Umstände“ abzuschieben, die Verantwortung je nach theoretischer Vorliebe an sein soziales Umfeld oder aber an seine biologische Konstruktion oder genetische  Dispositionen zu delegieren, ist moralisch als auch rechtlich unstatthaft, so der Mensch geistig in der Lage ist, die Folgen seiner Handlungen einzusehen.

Es gibt zudem sicherlich kaum jemanden in unserer Gesellschaft, vielleicht in Gesellschaften überhaupt, der nicht in irgendeiner Weise und irgendwann einmal zur Kategorie der  „Herumgeschubsten“ gehörte. Diese Tatsache als kausale Begründung (oder gar Rechtfertigung – was dem Text hier nicht unterstellt werden soll) dafür heranzuziehen,  dass man daraus das Recht oder auch nur eine Entschuldigung erwirke, sich aus gekränktem Stolz und vermindertem Selbstwertgefühl einer Schar von „auserwählten Kämpfern“  anzuschließen, um sich wieder zu nobilitieren, indem man Andersdenkende tyrannisiert, sie aus ihren Lebensbereichen verjagt und ermordet, ist schon allein deswegen nicht statthaft,  weil so die handelnden Personen, jedweder Verantwortung für das eigene Handeln enthoben würden. Als ein variabler Faktor in einem Sample von Faktoren zur Stützung einer „Erklärung“ darf  Deprivation durchaus gelten.

Dieses medial oft verbreitete „Argumentationsmuster“ hat eine Art „Eigenleben“ entwickelt, ist zu Allgemeingut geworden und wird zwischenzeitlich sogar von den „Tätern“ selbst als entschuldigendes Argument gebraucht.

So gibt es kaum mehr einen gewalttätigen Straftäter, der nicht selbst in geeignetem Moment darauf zu verweisen versucht, als Kind selbst Opfer von Gewalt geworden zu sein. Unabhängig davon: es ist nicht von Bedeutung, ob dies im konkreten Fall den Tatsachen entspricht, von Bedeutung ist die Tatsache, dass der Täter weiß, dass die „Gesellschaft“ diese Anmerkung von ihm erwartet. Diese Erwartung erfüllt er im Vertrauen darauf, wegen dieses Tatbestandes einer günstigeren Beurteilung zu unterliegen. Was in der Regel meist auch geschieht. So schließt sich der Kreis und alle sind zufrieden, weil alles argumentativ so gekommen ist, wie man sich das vorzustellen gewohnt ist.

Das Muster der Deprivationsargumentation findet man auch in der folgenden Annahme:

Der Dschihad ist, da alle säkularen Revolten gescheitert sind,  das „letztes Mittel“, die „ultima ratio“?

Es wird die These aufgestellt, es ziehe junge Muslime deswegen in den Dschihad, weil alle säkularen Aufstände zur Verbesserung der Lebensbedingungen in den muslimischen Ländern bisher gescheitert wären. Die enge gedankliche Verwandtschaft zum Faktor „Unzufriedenheit“ einmal beiseite gelassen, muss man  bemerken, dass es zum Wesen von „säkularen Aufständen“ gehört,  nicht die Errichtung eines „Gottesstaates“ zum Ziel zu haben. Das wird auch Dschihadisten klar sein. Daher besteht wohl wenig Grund anzunehmen, dass die Enttäuschung darüber besonders groß sein kann.

Was soll man von einem  säkularen Aufstand erwarten? Eine Hinwendung zu einem „Gottesstaat“, in dem die Religion das Wort im Staat führt, wird es wohl nicht sein.

Es gibt zum Dschihad nur deswegen keine wirklich tragfähige Alternative, weil es eben nach wie vor in der religiösen Verpflichtung der Muslime liegt, den Dschihad zu führen.

Dass selbst unter Muslimen Uneinigkeit darüber herrscht, was man unter dieser Vokabel tatsächlich verstehen darf und was nicht gemeint ist,  vereinfacht die Sache auch nicht gerade. Schwierigkeiten und Diskrepanzen in der Auslegung von „Heiligen Schriften“ sind bekanntlich keine Seltenheit. Die unterschiedlichen Auffassungen müssten aber innerhalb der Muslime bereinigt werden. Da die verschiedenen Richtungen innerhalb des Islamismus sich auf eine einheitliche, allgemeingültige Definition im Sinne des „wahren Auftrages“ des Dschihad nicht zu einigen imstande sind,  sollten sie den „Ungläubigen“ auch nicht verübeln, wenn diese diejenige Version ihrer Bewertung zugrunde legen, die ihnen zutreffend erscheint.

Es ist wenig tröstlich, dass auch Generationen von Exegeten ein Lied davon singen können, wie unterschiedlich man die Bibel auszulegen im Stande ist,  aber die Christen haben und das ist wohl  dem „Säkularisierungsprozess der vergangenen drei Jahrhunderte  und er damit einhergehenden „Entmachtung“ der Kirche zu danken, zum Unterschied zum Islam die Zeit ihrer Gewaltexzesse und „Hexenverbrennungen“ hinter sich lassen müssen. Die mannigfachen Interpretationsmöglichkeiten der „Heiligen Schriften“ , die oft bis in ihr jeweiliges Gegenteil hinein führen, haben allerdings nicht nur eine entzweiende, sondern noch eine – eine nicht zu unterschätzende – Eigenschaft: sie sind der wahre Grund ihres Überdauerns.

Obwohl unser „modernes“ Leben von Technik, neuen Medien, von Mathematik und Physik, also von Rationalität in einem Ausmaß bestimmt wird, wie das noch nie in der Geschichte der Menschheit der Fall gewesen sein dürfte, ist parallel dazu eine Hinwendung zu „Irrationalitäten“ (Wahrsagerei, Esoterik, Sekten, Schamanen, Wunderheiler, Wünschelrutengänger, Erdstrahlengänger etc.) spürbar, die ihresgleichen sucht.

 

Ist im Reich des Profanen keine Hoffnung mehr auf einen grundlegenden Wandel der Lebensverhältnisse, dann gewinnt die  Sphäre des Sakralen wieder an Leuchtkraft?

Dieser These könnte man grundsätzlich vollinhaltlich zustimmen,  man muss sich aber dennoch fragen, ob in unser „Reich des Profanen“ tatsächlich Zustände Einzug hielten, die jede Hoffnung ausschließen.

Bei aller berechtigter Kritik an den politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Zuständen: Wann in der Geschichte ging es einer so breiten Mehrheit in Europa jemals so gut wie es ihr heute geht?

Ob ein Zustand der Hoffnungslosigkeit berechtigt konstatiert werden kann, ist über weite Strecken eine subjektive, vielleicht sogar eine „paranoide“ Entscheidung des Einzelnen. Sie gründet sich nicht nur auf die subjektiven Werthaltungen und die Prognose einer zu erwartenden Fortentwicklung, sondern auch auf psychische vielleicht sogar genetische Dispositionen.

Aber es ist nicht wirklich zulässig, die Allgemeinheit für eine eventuell subjektiv vorhandene Hoffnungslosigkeit eines einzelnen Menschen verantwortlich zu machen.

 

Es gehört zum Wesen der Demokratie, dass diejenigen, deren Bild davon wie ein Staat konzipiert sein soll,  welche Werte in ihm verwirklicht sein sollten, alle demokratischen Möglichkeiten ausschöpfen dürfen, damit ihre Vorstellungen sich in die Tat umsetzen. Ausgeschlossen ist dabei – und das ist „common sense“  in den demokratisch aufgeklärten Staaten –  die Anwendung von Gewalt.

Die Anwendung von Gewalt ist auch dann ausgeschlossen, wenn man der Ansicht ist, dass diese Vorstellungen sich auf den Willen eines „höheren Wesens oder auf ein höheren Prinzip“ zurückführen lassen.

Es ist unsere dringende Aufgabe, allen jenen, die von Kalifaten, von Gottesstaaten träumen, mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, dass wir notfalls mit staatlicher Gewalt dafür Sorge tragen werden, dass das Recht in unserer aufgeklärten, liberalen Demokratie niemals wieder von einem „Gott“ – welchen Namens auch immer – ausgehen wird!

Kants Kopernikanische Wende auf dem Gebiet der Ethik ist in seiner Lehre von der Autonomie enthalten: Er sagt, daß wir dem Gebote einer Autorität niemals blind gehorchen dürfen, ja, daß wir uns nicht einmal einer übermenschlichen Autorität als einem moralischen Gesetzgeber blind unterwerfen sollen.“[8]

Wir leben in einer Demokratie, auch das sei allen jenen in Erinnerung gebracht, die von anderen, besonders von religiös-totalitären Zuständen träumen, in der sich jeder dafür einsetzen kann, die Welt nach seinen Vorstellungen zu verändern; in einer Welt, in der jeder seine Meinung veröffentlichen,  um Zustimmung werben, gegen Missstände demonstrieren, alles tun kann, um seine Meinung (so sie mit der von uns geschaffenen Rechtsordnung vereinbar ist) mehrheitsfähig zu machen. Unsere Demokratien erlauben vieles, was in einem „muslimischen Gottesstaat“ unter Androhung der Todesstrafe verboten ist. Keinesfalls kann geduldet werden, dass die Liberalität unserer Demokratien dazu verwendet wird, dieser Liberalität unter extensiver Ausnützung ihres Spielraums, den sie dem Individuum bietet,  ein Ende zu setzen.

Die aktuelle Entwicklung in Europa in Bezug auf das Erstarken religiös- totalitärer Tendenzen wird eine alsbaldige Absicherung der „Verfassungsprinzipien“ durch einen Katalog von „unverhandelbaren Werten“ – allerdings ohne eine Bezugnahme auf „Gott“ – in der österreichischen Verfassung, über die Anerkennung der Menschenrechtscharta und die Staatsgrundgesetze hinaus, unumgänglich machen.

Und religiös totalitäre Systeme haben keinerlei Berechtigung?

Darauf einzugehen, ob und in welcher Weise man totalitär orientierten Muslimen ermöglichen kann, ihre Wertvorstellungen in einem eigenen Staat zu verwirklichen, wie das im IS offensichtlich jetzt mit Gewalt versucht wird, ist hier nicht der Ort, doch Staaten, welcher Organisationsform auch immer, in denen Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt und Menschen, die ihr Religionsbekenntnis ändern wollen oder ihr Leben ohne eine religiöse Anbindung leben wollen, bestraft werden, sollten jedenfalls ihre moralische Existenzberechtigung verwirkt haben.

Das Versagen der UNO – das sich nicht zuletzt darin zeigt, dass dem Vordringen des IS zuletzt bis dicht an die türkische Grenze ( Kobane) kein adäquater, internationaler von der UNO organisierter Widerstand entgegengesetzt wird – ist jedem so offensichtlich, dass darauf einzugehen, sich erübrigt.

 

Parallelen in der Geschichte?

Öffentliche Aufrufe zum Krieg und Kriegsbegeisterung soll es schon oft gegeben haben in der Geschichte. Wem sind nicht die Bilder in Erinnerung, die die Abfahrt fröhlich winkender Soldaten an die Front im Ersten Weltkrieg zeigen. Sein Leben für Gott, Kaiser und das Vaterland zu geben, ist eine „Ehre“, so dachten Generationen von Vorfahren. Eine „gute Sache“ zu finden, für die zu sterben es sich angeblich lohnt, gelang immer noch.

Der Vergleich der Lage der jugendlichen Dschihadisten mit der Kriegsbegeisterung einiger Intellektueller zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wie es Dahmer vorschlägt, ist sicherlich nicht ganz unzutreffend, treffender allerdings wäre m.E. ein Vergleich mit den Mitgliedern der „Internationale Brigaden“, die sich in den 1930er Jahren den „Republikanern“ in Spanien anschlossen, um gegen das „Franco-Regime“ zu kämpfen. Es waren Menschen, die sich berufen fühlten, für ihr Ideal alles hinter sich zu lassen und sogar in den bewaffneten Kampf zu ziehen. Heute gedenkt man ihrer mit Anerkennung, weil sie ihr Leben, ihre Gesundheit für etwas gaben, was wir heute für  eine „gute Sache“ halten, die Demokratie. Die Anhänger Francos werden hingegen die Mitglieder der „Irischen Brigaden“ oder die der „Legion Condor“ wegen ihres Einsatzes für die „gute Sache“ loben. Man sieht der politische Standpunkt entscheidet, nicht zuletzt auch über „Gut und Böse“. Dass sich diese Frage für uns heute relativ eindeutig in Richtung Demokratie beantwortet, ändert nichts an der Tatsache, dass es damals eine Frage der „Haltung’“ des Individuums war.

Es könnte auch eine ähnliche Art von  „Haltung“ sein, die die jungen Dschihadisten mit den „Spanienkämpfern“ vergangener Tage verbindet. Sie, diese jungen Dschihadisten aus dem gesicherten Milieu Mitteleuropas sind, wie es scheint, bereit ihr Leben zu geben für das, was sie für eine „gute Sache“ halten und sie sind gnadenlos bereit, jenen, die ihre Vorstellungen und Werthaltungen nicht teilen, das ihre zu nehmen. Diese Radikalität ist es, die erschreckt.

Es sollte uns allerdings nicht so erschrecken, dass wir wie das Kaninchen gebannt auf die Schlange starren. Ursachenforschung wäre notwendig. Spekulationen und „Schnellschüsse“ werden nicht helfen.

Dazu gehört, sich nicht mit den erstbesten Begründungen zufrieden zu geben, auch wenn es verlockend ist zu behaupten, es fehle diesen Menschen die Perspektive für die Zukunft, das sei der Grund, der zu aufgestauten Aggressionen führe, die ausgelebt werden möchten. Aus welchem Grund sollte die ihnen im Dschihad zugewiesene Aufgabe irgendwo als Selbstmordattentäter mit einem Sprengstoffgürtel um den Leib die eigenen Eingeweide in die Gegend zu spritzen, eine verlockendere Perspektive sein als ein Leben in einer liberalen Gesellschaft? Dass gerade das eine Perspektive sein soll, die um so vieles besser scheint, als ein Leben in Europa, ist nicht wirklich einleuchtend. Selbst dann nicht, wenn im Jenseits die Aussicht auf eine Anzahl von „Jungfrauen“ winkt.

Aber vielleicht heißt sie so zu beurteilen auch, sie maßlos unterschätzen?

Wieso müsste man sich fragen, ist diesen jungen Menschen im Laufe ihres Lebens eigentlich nicht klar geworden, dass diese offenen von ihnen nun abgelehnten und verlachten Gesellschaften in den europäischen Ländern es waren, die sie – die heutigen Renegaten – aufnahmen und ihnen eine Schulbildung zu verschaffen versuchten, ihnen eine Perspektive  für die Zukunft zu ermöglichen versuchten. Wieso ist ihnen nicht klar geworden, dass es einzig an ihnen liegt, diese ihnen offen stehenden Möglichkeiten ihren Fähigkeiten entsprechend zu nützen; wieso ist ihnen nicht klar geworden, dass diese Gesellschaften nie die Absicht hatten, ihnen ein Leben als streng gläubiger Moslem zu verbauen. Wieso sehen sie die vielen neuen Moscheen vor ihren Augen nicht?  Aus welchen Gründen haben sie vergessen, dass sie, dass ihre Eltern es waren, die die Aufnahme hier wünschten?

Niemand zwang sie, in die Länder Europas einzuwandern. Wenn alle ihre Hoffnungen hier unerfüllt blieben und auch jede Aussicht auf eine Besserung ihrer Lage geschwunden ist, sollte ihnen doch klar sein, dass sie auch niemand hindern würde, diese für sie offenbar so ungastlichen Länder wieder zu verlassen und in ihre ehemaligen Heimaten zurückzukehren. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass Europa ohne sie zugrunde ginge.

 

Die Sozialisation?

Bei allen Spekulationen über den Einfluss von Frustrationserfahrungen sollte man nicht versäumen, darüber nachzudenken, welche Rolle das jeweilige Elternhaus der jungen Dschihadisten gespielt haben könnte. Dies deswegen, weil dem Elternhaus trotz der funkelnden Medienlandschaft, trotz fortschrittlicher Schulbildung, trotz weltweiter Internetvernetzung höchstwahrscheinlich der bedeutendste erzieherische Einfluss darauf zukommt, wie sich ein junger Mensch entwickelt, welche Ideale er ausbildet.

Die Ideale, die ein Mensch verfolgt, sind keine Erscheinungen, die „a priori“ – also von Geburt an – in ihm einfach so vorhanden sind; diese Ideale konstituieren sich im Laufe seines Heranwachsens in einem kontinuierlich fortschreitenden Prozess und haben mit einem Vorgang zu tun, den wir gemeinhin „Sozialisation“ nennen.

Man muss sich bei den vorliegenden Ergebnissen allerdings fragen, was genau bei jenen, die jetzt freudig in den Dschihad ziehen, in der Sozialisation „schiefgegangen“ ist. Warum folgen junge Menschen, die größtenteils in europäischen Erziehungssystemen aufwuchsen und sozialisiert wurden, einem Ideal, das dem der westlichen Welt diametral entgegensteht? Ist es Zufall? Ist es nur eine „Fehlentwicklung“ oder ist es auch logische Folge der Weitergabe traditioneller Wertvorstellungen durch das Elternhaus? Die Familien, vornehmlich die Väter, als die in den Familien das entscheidende Wort führenden Männer werden sich fragen müssen, ob sie ihre traditionellen erzieherischen Vorstellungen beibehalten können oder  ob sie nicht zum  Wohle ihrer Kinder von der einen oder anderen Tradition abgehen sollten, um sich so den Gegebenheiten in der „neuen Heimat“anzupassen.

Integration ist in erster Linie eine Hol- und erst in zweiter Linie eine Bringschuld!

Doch ein „Clash of Civilizations“?

Es hilft in der gegenwärtigen Situation auch niemandem, mit erhobenem „Zeigefinger“  (in Hinblick auf die „kulturelle Bereicherung“) auf diejenigen zu zeigen, die wegen der Einwanderung aus muslimischen Ländern Sorge haben, dass der „Clash of Civilization[11] vor dem Huntington schon 1996 gewarnt hat, in Hinkunft auch in Europa ausgetragen werden könnte.

Vor allem dann, wenn man sich zu einer Art von Demokratie bekennt, die sich in weiten Bereichen weniger auf „unveränderliche Werte“ als auf die Kraft der Mehrheit bezieht, wie das die unsere tut, kann man die Augen nicht davor verschließen, dass der liberale Pluralismus gefährdet sein könnte, wenn durch verstärkte Zuwanderung muslimischer Bevölkerung in den aufgeklärten Staaten auf demokratischem Weg althergebrachte – religiös-rassistische – Wertvorstellungen zur Verwirklichung gelangen könnten, die uns an Zustände erinnern, wie sie heute in Saudi Arabien, im Iran oder Katar oder teilweise auch immer noch in der Türkei herrschen. Unter diesem Aspekt sollte man vielleicht auch die vielfach zu Tage tretende ablehnende Haltung der Bevölkerung betrachten, die besonders dann in Erscheinung tritt, wenn  eine beabsichtigte Errichtung eines Flüchtlingsquartiers für Syrer oder andere Angehörige mohammedanischen Glaubens bekannt wird.

Wenn die Bevölkerung über die Medien im Zusammenhang mit den „Religionskriegen“ im Nahen Osten fast täglich mit Horrormeldungen von Enthauptungen, unmenschlichen Strafen und Frauendiskriminierung und anderen Gräueltaten konfrontiert wird, kann man nicht erwarten, dass das ohne Folgen für die öffentliche Meinung bleibt.

Daraus zu folgern, die Österreicher würden jetzt pauschal alle Muslime verdächtigen ist jedoch unzutreffend,  ebenso wie die Behauptung, die Österreicher seien jetzt weniger hilfsbereit und fremdenfeindlicher als sie noch vor wenigen Jahrzehnten gewesen seien. Die Ergebnisse von Spendenaufrufen für diverse Hilfsaktionen im Rahmen der Katastrophenhilfe übertreffen fast immer die Ergebnisse der Vorjahre.

Die Hilfsbereitschaft der österreichischen Bevölkerung heute, steht der des Jahres 1956 um nichts nach. Im Gegensatz zu damals, besteht heute allerdings die nicht ganz unbegründete Befürchtung, dass durch eine größere Anzahl von „kulturell Fremden“  im Land, das „kulturell Eigene“ in Gefahr geraten könnte, umso mehr, wenn man feststellen muss, dass sich in den Städten „Parallelgeselschaften“ ausbilden. Es erübrigt sich in diesem Zusammenhang festzustellen, dass die 1956 in großer Zahl nach Österreich flüchtenden Ungarn nicht als „kulturell Fremde“, sondern als „Nachbarn“ wahrgenommen wurden, mit denen man wenige Jahrzehnte zuvor noch dasselbe Staatsgebiet teilte.

Die Rettung – das Weltethos?

Es ist ein Übel und eine Schande nach zwei Jahrhunderten Aufklärung in Europa und der westlichen Welt, wenn man – wo auch immer – in einem gewalttätigen Unterdrückungsprozess einen „Gottesstaat“ zu errichten trachtet, der im 21. Jahrhundert nicht nur  die Wertvorstellungen eines mittelalterlichen Weltbildes zu verwirklichen sucht, sondern darüber hinaus, sich nicht einmal  dazu bereit erklären kann, „Zonen eines überlappenden Konsenses“[9]  in Bezug auf Fragen der gesellschaftlichen Moral und des zivilisierten Umgangs zu akzeptieren.

Dass diese Ideologie darüber hinaus nicht einmal bereit ist, sich auf die „vier großen Gebote der Menschlichkeit“ einzulassen, deren Spuren – so man den Religionsexperten folgt – in allen Weltreligionen gleichermaßen zu finden sind, macht die Sache nicht einfacher, weil damit eine der Möglichkeiten verspielt wird, dass sich Menschen trotz unterschiedlicher religiöser Überzeugungen, Ideologien und nationaler Zugehörigkeiten als „Gleiche“ (im Sinne von „Gleichwertigen“) anerkennen.[10]

Jenen, die wegen der offensichtlich zunehmenden Entwicklung in der muslimischen Gemeinschaft hin zu überkommenen religiösen Traditionalismen die Politik ermahnen, Vorsicht bei der Erlaubnis zur Einwanderung walten zu lassen,  zu unterstellen, sie sehnten sich nach einer „homogenen Gesellschaft“ oder einer Art von Nationalstaat im Sinne des 19. Jahrhunderts, ist weder zutreffend noch fair. Es gibt viele unter ihnen, die sich sehr wohl zu gesellschaftlichem Pluralismus und zu einem „bunten“ Bild von Gesellschaft bekennen, wenn auch mit der Einschränkung, als sichergestellt sein muss, dass diese „Buntheit“ sich selbst am Leben erhält, und nicht die Gefahr besteht, dass diese Buntheit mit einem Handstreich durch mittelalterliche Vorstellungen von Moral und Lebensführung  ausgehebelt wird.

 

 

 

Anbei der Link zum Artikel Helmut Dahmers, mit herzlichem Dank für die zahlreichen Anregungen.

http://derstandard.at/2000006399818/Der-Aufstand-der-frommen-Barbaren?ref=article

 

 

[1] Der „Kinderkreuzzug“ (lateinisch peregrinatio puerorum) war ein Ereignis, bei dem im Frühsommer des Jahres 1212 Tausende von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aus Deutschland und aus Frankreich unter der Leitung visionärer Knaben zu einem unbewaffneten Kreuzzug ins Heilige Land aufbrachen. Der Zug scheint sich bereits an den Ufern des italienischen Mittelmeers aufgelöst zu haben. (Quelle Wikipedia)

[2] Dabei ist die Rolle der sogenannten „Hass-Prediger“ in bestimmten Moscheen sicherlich von besonderer Bedeutung. Einige Prediger haben einen Zulauf wie sonst nur  „Pop-Stars“; zu ihnen soll beispielsweise der Salafist Pierre Vogel zählen, ein Konvertit.)

[3] Vgl. Robert K. Merton: „Self-Fulfilling-Prophecy”; eine hypothetische Annahme wird in ihren Folgen real.

Das Projekt „Wegweiser“ versucht in Deutschland gefährdete muslimische Jugendliche aus diesem gedanklichen Zirkel herauszulösen.

[4] Auch viele eher „zweifelhafte Figuren“ wie der angeblich ehemals der linksextremen Szene Deutschlands zugerechnete Bernhard Falk – ein Konvertit – ist in diesem Milieu aktiv.

[5] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band I, Der Zauber Platons, Mohr Siebeck, im Vorwort zur siebenten Auflage 1992

[6] Heiko Heinisch „Brandstifter und keine Feuerlöscher“ in The European, Das Debattenmagazin, 29.September 2014

[7] Heiko Heinisch ebendort

[8] Karl Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Band I, Immanuel Kant, Der Philosoph der Aufklärung, XX Mohr Siebeck, 8. Auflage, Tübingen, 2003

[9] Der Ausdruck geht auf John Rawls zurück. Zit. nach Hans Küng, Karl-Josef Kuschel Hg., Wissenschaft und Weltethos, Piper, München 1998

[10] Zu den vier Geboten zählt die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, der Ehrfurcht vor dem Leben, die sich in den Imperativ „Du sollst nicht töten“ übersetzen läßt, weiters die Kultur der Solidarität und die einer „gerechten Wirtschaftsordnung“ […] sowie die Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit, eingeschlossen der unabdingbaren Ruf nach Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Vgl. Hans Küng, Karl-Josef Kuschel Hg., Wissenschaft und Weltethos, S. 188f.

[11] Samuel P. Huntington, „The Clash of Civilizations“, Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert, Simon & Schuster, New York.

[12] In Europa lebten 2005 ca. 15 Millionen Muslime; 6 Millionen davon in Frankreich und ca. 3,5 Millionen in Deutschland, in Groß Britannien ca. 2 Millionen, für Österreich wird eine Anzahl von 340.000 ausgewiesen. (Quelle APA)

 

2 Gedanken zu „„Clash of Civilizations“ – Weltethos oder heim ins Mittelalter?

  1. Notiz von heute, zitiert aus Zeit online:

    „Und packt die Babyflaschen ein!“

    Aus Deutschland zieht es nicht nur Männer in den Terrorkrieg des IS, auch viele Mädchen hoffen auf ein neues Leben und wandern aus nach Syrien. Was treibt sie nur?
    von Annabel Wahba und Jana Simon

    Aus Deutschland sind bis jetzt mehr als 450 Islamisten in Richtung Syrien ausgereist. Etwa 40 davon sind Frauen, sagt das Bundesamt für Verfassungsschutz. Weitere Ausreisen stehen bevor, davon sind die Sicherheitsbehörden überzeugt. Und es sind keineswegs nur gebürtige Muslime, die in den „Heiligen Krieg“ ziehen. 14 Prozent der aus Deutschland Ausgereisten sind Konvertiten.

    Was treibt Frauen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, nach Syrien zu reisen und einen „Gottesstaat“ aufzubauen?

    Eine der ersten Deutschen, die nach Syrien gegangen ist, um „Allah zu dienen“, ist Sarah O. aus Konstanz. Sie war erst 15 und besuchte noch das Gymnasium.“

  2. Vom Extremismus-Forscher Peter Neumann las ich in „DiePresse“ bezüglich Herkunft und Ausbildung von Dschihad-Kämpfern heute folgendes:

    „Es ist wirklich eine sehr große Bandbreite. Ungewöhnlich ist, dass es nun auch ganz viele junge Leute gibt, 15 oder 16 Jahre alt, das gab es vor zehn Jahren nicht. Neu ist auch, dass 10 bis 15 Prozent der Jihadisten weiblich sind. Ich führe diese breitere Fächerung auch auf das Internet zurück. Aber natürlich sind nach wie vor Männer in einer bestimmten Altersgruppe betroffen, Leute in ihren Teens bis Mitte ihrer Zwanziger. Das ist immer noch die Hauptgruppe und wird wahrscheinlich immer so bleiben. Bei einer Studie in Deutschland kam heraus, dass 25 Prozent der Jihadisten Abitur hatten, eigentlich viele Leute mit durchaus gute Perspektiven. Aber es gibt auch viele gescheitere Biografien.“

    „Die Österreicher sind überrepräsentiert und stärker als die großen europäischen Länder betroffen. Aber es gibt schlimmere Fälle in Europa. Belgien ist mit über 300 Kämpfern am stärksten betroffen. Natürlich passiert viel über das Internet, wir sehen aber auch, dass die Rekrutierung von Gesicht zu Gesicht und von Haus zu Haus stattfindet. Einzelne „Rekrutierer“ haben tatsächlich viel Einfluss. Sie haben in Österreich den Mohamed Mahmoud, auf den viele dieser Fälle zurückgehen. Und meistens ist es so: Wenn einige Leute drüben sind, holen sie nach und nach ihre Freunde, es entsteht eine Kettenreaktion. Das scheint in Österreich der Fall gewesen zu sein.“

    Zur Person

    Der Extremismus-Experte Peter Neumann ist Professor am International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence am Londoner King’s College.

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