Sichere Gründe und die „schöne“ Literatur

Sichere Gründe und die „schöne“ Literatur

 „Ich brauche keine Bücher für die Insel. Ich habe die Bücher von Karl-Markus Gauß. Sie sind ein sicherer Grund.“ (Robert Menasse über Karl-Markus Gauß)

GaußNun endlich weiß man, was für Robert Menasse ein „sicherer Grund“ ist und darf für ihn hoffen, dass ihn das auf eine einsame Insel verschlagen nicht doch einmal reuen wird.

Es kam bisher sehr selten vor, dass ich mich, von der öffentlichen Meinung beeinflusst, dazu hinreißen ließ, ein bestimmtes Buch zu kaufen. Meine Buchentscheidungen begründen sich für gewöhnlich anders, sie laufen über verschlungene Pfade von Zitierungen und sind meist keine kurzfristigen Liebschaften, sondern langgehegte Lieben, die dennoch nicht selten spontane Erfüllung finden. Diesmal war es anders, ich gebe es zu. Karl Markus Gauß, „Lob der Sprache, Glück des Schreibens“, sein jüngstes Werk war erschienen und gut in Szene gesetzt, daran wollte auch ich nicht vorbeigehen. Umso mehr als der Titel mir aus dem Herzen sprach, wie kaum je ein anderer. Einen Titel, der verspricht etwas Licht in die „sprachliche Finsternis weiter Bereiche der Gegenwartsliteratur“ zu bringen, darf man sich nicht entgehen lassen, dachte ich.

Vor wenigen Tagen, bald nach dem Erscheinen des genannten Bandes also, wurde ich bereits glücklicher Besitzer desselben. Ungeduldig überflog ich, in der Hoffnung endlich zu erfahren, was „gehobene Schreibkultur“ in der Gegenwart bedeutet, einzelne der Beiträge. Eine eilige, oberflächliche Durchsicht des Dargebotenen verdichtete sich alsbald zur ernüchternden Erkenntnis:  „Lob der Sprache“ nennt sich das Werk zwar nicht ganz unverdient, etwas hoch gegriffen hat man dabei doch; „Glück des Schreibens“ nun ja, das mag stimmen. Ein „Geschichtchen“ reiht sich an das andere, alles in leichtem Plauderton gehalten, gefällig, aber meist doch gekonnt vorgetragen. Das also ist höchste Schreibkunst, dachte ich.

Die Enttäuschung ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Bereits nach der Lektüre der einleitenden Glosse „Frau Jagger verliert einen Ring“ wich die hoffnungsfrohe Neugier  deprimierender Erkenntnis: der Text endet nach zwei kurzen Seiten in einem sprachlichen Fiasko.

„Ja und Türsteher und Rausschmeißer braucht es natürlich auch, wenn es um richtige Charity geht: Denn herrlich ist es nur, für die Obdachlosen,  nicht mit ihnen zu dinieren.“  

Ja, so eine Charity ist schon ein Greuel, wen juckt es da nicht in den schreibenden Fingern? Wenn aber auch der „elegante Essayist“  Gauß im Charity-Sumpf sprachlich untergeht, tut das dem gerechten Herzen doppelt weh.

Wer diniert hier mit wem, für wen ist es herrlich und für wen nicht? So geht’s, dachte ich, wenn einem in der Hitze des Gefechts der Gegenstand der Betrachtung abhanden kommt.

„Wenn das so ist mit der sprachlichen Sorgfalt, werd’ ich wohl nicht bis ans Ende kommen“, befürchte ich.  Die Versuchung, den „größten Stilisten der Gegenwartsliteratur“ (vgl. Umschlagtext),  sogar gegen die Empfehlung der Experten in die Reihe

„zwar nur teilweise gelesen, aber wenig zu empfehlen“

zu verbannen, ist zugegebenermaßen groß.  Aber vielleicht erwartet mich ja doch noch die eine oder andere positive Überraschung, die das Buch an den Platz rückt, an den es angeblich gehört. Falls es so ist, verspreche ich, mit meinem Lob an dieser Stelle nicht zu geizen.

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