Die gesamte Not der Welt auf meinen Schultern?

Die gesamte Not der Welt auf meinen Schultern?

Stefan Zweig zitatTäglich prasselt ein Bombardement von Schreckensnachrichten auf uns hernieder. Nicht nur, dass eine Naturkatastrophe die andere jagt, auch das Atomkraftwerk in Fukushima ist wieder einmal undicht; ein Massaker löst das andere ab, eine Revolte dort, ein Aufmarsch da; zwanzig Tote dort, hundert da; kaum ist ein Unrechtsregime beseitigt, hat sich an seiner Stelle bereits ein anderes etabliert; Flüchtlingsströme ergießen sich, wo hin auch immer; man ertrinkt zuhauf im Urlaubsparadies Mittelmeer; die Missachtung jeglicher Menschenrechte erbost uns; kein Tag, keine Stunde vergeht, ohne dass man sich vornehmen müsste, seine ganze Kraft in die Beseitigung irgendjemandes Elend investieren zu müssen.

„Wen der Terror der Bilder nicht zum Terroristen macht, den macht er zum Voyeur. Jeder von uns sieht sich auf diese Weise einer permanenten Erpressung ausgesetzt. Denn nur wer zum Augenzeugen gemacht wird, taugt als Adressat der vorwurfsvollen Frage, was er denn gegen das, was ihm gezeigt wird, unternehme. So erhebt sich das korrupteste aller Medien, das Fernsehen, zur moralischen Instanz.“[1]

Kaum hat man seinen fb-account geöffnet, wird man von guten Freunden bedrängt, irgendwelche Petitionen zu unterschreiben, die dazu verhelfen sollen, einem unbekannten Menschrechtsaktivisten eines weit entfernten Landes zu unterstützen, dessen Existenz  man bis dahin noch nicht einmal zur Kenntnis genommen hat. Dies sei notwendig, weil eben alles mit allem verbunden sei, versichert man. Nebenbei sollten wir uns noch darum kümmern, wie es mit den demokratischen Rechten innerhalb der EU steht; die Eurokrise, die Bankenkrise, die politische Krise und die der Bildungseinrichtungen sollen wir nicht nur intelligent kommentieren, sondern auch aktiv bekämpfen; gegen die Überwälzung der Schulden der maroden „Hypo-Alpe-Adria“ , die in einer Nacht- und Nebelaktion zu Staatsschulden umfunktioniert wurden und nun vom Steuerzahler beglichen werden müssen, ist zu protestieren, und das natürlich alles ohne jemals dabei Pelze seltener Tiere zu tragen oder eines der vielen Umweltschutzprogramme von Greenpeace zu vergessen und vor allem nicht ohne dabei den Maßstab aus den Augen zu verlieren, wer jetzt gerade zu den Guten und wer zu den Bösen gehört.

Schon die bloße Menge von Informationen mit denen [man] bombardiert wird, widersetzt sich jeder sinnvollen Verarbeitung.“

Es scheint ein Merkmal unserer Zeit zu sein, dass wir uns, aus welchen Gründen auch immer, für alles Elend in der Welt verantwortlich fühlen und gleichzeitig schmerzvoll zur Kenntnis nehmen müssen, dass unser Einfluss auf das Geschehen mehr als begrenzt ist.

Das „schlechte Gewissen“ ist des moralischen Menschen ständiger Begleiter geworden.

Ertrinken im Mittelmeer Flüchtlinge, die sich in der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa unter Aufbringung ihre letzten Ersparnisse in eine Passage eines maroden „Seelenverkäufers“ eingekauft hatten, fühlt sich der Lehrer einer x-beliebigen Unterstufenklasse eines Vorstadtgymnasiums persönlich schuldig, weil er verabsäumte die letzte Petition gegen die Abschiebung zweier ihm unbekannter Sudanesen zu unterschreiben. Eine Überfahrt übers Mittelmeer kostet einem angeblich mittellosen Flüchtling mehrere tausend Euro? Sind das tatsächlich die Ärmsten, denke ich?

Muss man sich, kann man sich wirklich um alles kümmern?

„Der Bürgerkrieg wird zur Fernsehserie. […] Die Reporter beteuern, daß sie damit nur ihre Informationspflicht erfüllen; sie demonstrieren uns schonungslos, wie es heißt, was vorgefallen ist, und der Kommentator steuert die notwendige Empörung bei“.

Welches Verhalten, welche Strategie wäre dieser Flut von Schreckensnachrichten angemessen? Wie verhält sich ein Mensch, wenn er täglich mit einem Hagel von Informationen über die Gewalt und die Ungerechtigkeiten in der Welt bombardiert wird?  Was bleibt zu tun, möchte er nicht als hartherziger, gefühlloser Ignorant gelten, dem jegliche empathische Fähigkeit von seiner Umwelt mit Recht abgesprochen werden darf? Ist es  sinnvoll mit allen Opfern der Welt mitzuleiden? Und wenn es sinnvoll ist, wäre es ohne psychische Überforderung möglich, auf alle Ungerechtigkeiten der Welt, die uns zur Kenntnis gebracht werden, angemessen zu reagieren? Oder hat man auch das Recht, sich nur um das zu kümmern, worum man sich tatsächlich kümmern kann? Darf einem wirklich alles „Kummer“ bereiten, noch dazu, wo Empathie ein Einsehen in das Unrecht verlangt? Dieses „Einsehen“ erfordert eine kritische Beurteilung der Lage, erfordert eine wertende Stellungnahme, sonst muss einem alles  und jedes „leid“ tun. Darf man sich auf den Wahrheitsgehalt der Informationen wirklich verlassen oder ist doch eher ein gesunder Skeptizismus angebracht?

Dem könnte man entgegnen, dass jener Personenkreis, der sich von dieser Problematik tatsächlich betroffen fühlt, ohnehin nur eine kleine Minderheit darstellt. Der Mehrheit dürfte es relativ egal sein, wenn sich religiös motivierte Selbstmordattentäter in die Luft sprengen und zahlreiche Menschen mit sich in den Tod reißen; es dürfte ihnen egal sein, dass sich die Menschen in Syrien nach wie vor gegenseitig die Schädel einschlagen, so wie es ihnen wenig ausmachen dürfte, dass sich die Verhältnisse in Libyen seit dem Sturz Gaddafis nicht wirklich gebessert haben.

Dennoch scheint’s, als ob es eine  typisch westliche Erscheinung wäre, eine „ganz besondere“ Quasi-Verpflichtung zu verspüren, sich unter dem Vorwand der „humanitären Hilfe“ in jedermanns Angelegenheiten einzumischen. Ist es Einmischung oder ist es Hilfe? Wir helfen den Unschuldigen, natürlich! Aber wer sind die „Unschuldigen“? Die Kinder? Alle „Kinder“? Wenn ja, bis zu welchem Alter? Warum halten wir Kinder in jedem Fall für unschuldig? Warum sind es gerade Kinder, die als besonders schützenswert gelten und nicht etwa besonders gut ausgebildete Personen jüngeren Alters, in die schon viel an Mühe und Aufwand geflossen ist, die sich in ihrem Leben besonders darum bemüht haben, Eigenschaften zu erwerben, die für den Aufbau ihres Landes lebensnotwendig erscheinen? Sind Kindersoldaten unschuldig? Welches Weltbild, welche „Ideologie“ steckt etwa hinter unseren aktuellen „Hilfsangeboten“ an die Ukraine?

Besonders die sogenannten „Unrechtsregime“, also alle jene Regierungsformen, die  unseren oft allzu engen Vorstellungen von „guter, demokratischer Staatsführung“ widersprechen,  scheinen es zu sein, die uns besonders animieren, dagegen aufzutreten.

Fürchten wir uns vielleicht davor, einmal mit jener unangenehmen Frage belästigt zu werden, die uns selbst so oft auf den Lippen lag? Wie oft schwang in den Auseinandersetzungen um die eigene wenig ruhmreiche Vergangenheit die unausgesprochene Frage mit: „Und Du, was hast Du damals gegen dieses Verbrecherregime getan, wieso hast Du keinem der Verfolgten geholfen?“

Viele, die es in den letzten Jahrzehnten wagten, diese Frage an ihre Elterngeneration zu stellen, haben nicht mehr als ein betretenes Schweigen geerntet. Und dieses Schweigen war mehr als geeignet, das eigene Selbstbewusstsein,  die eigene moralische Position in ungeahnte Höhen zu befördern, ohne dass konkrete Taten den Auslöser zu liefern gehabt hätten.  Irgendwo in der Tiefe des Unterbewusstseins dürfte aber doch ein wenig an Reflexionsfähigkeit in Erinnerung geblieben sein, die den moralisch über den Wolken schwebenden jüngeren Zeitgenossen in den wenigen Augenblicken der eigenen Besinnung hat erkennen lassen, dass es eben doch nicht immer so einfach ist im Leben, den richtigen, den moralisch einwandfreien Weg zu finden.

Nun, nicht alles, was hinkt ist ein Vergleich, dennoch:  Müssen wir  uns wirklich für alles Leid in der Welt persönlich verantwortlich fühlen?

„Wer einmal versucht hat, mit einem Kurden oder einem Tamilen über die Probleme Nordirlands oder des Baskenlandes zu diskutieren, der weiß, daß er dabei auf Verständnislosigkeit stoßen wird. Die Gegenfrage, mit der er zur rechnen hat, lautet: Was gehen mich eure Geschichten an? Und besten Gewissens wird der Mann aus Asien versichern, er hätte andere Sorgen. Man sollte sich hüten, ihm das Recht auf diese Antwort abzusprechen.“

Alle westeuropäisch sozialisierten Zeitgenossen hingegen beteuern mir eindringlich, ausschließlich unterstützenswerte Projekte zu forcieren. Nach dem ich mich nun durch zwanzig Seiten einer Umweltpetition zum Schutze des Regenwaldes gequält habe, sende ich nun noch schnell ein Email an einen mir unbekannten Staatspräsidenten von ich weiß nicht wo,  lehne mich nach einer Stunde erschöpft zurück und will mit alldem nichts mehr zu tun haben, weil mir meine Frau, die sich offensichtlich seit Jahren wegen meines zeitraubenden sozialen Engagements vernachlässigt fühlte, inzwischen auf und davon gegangen ist. Die „Not der Welt“ ist jetzt bei mir am größten, denke ich – bestelle alle Zeitungen ab, schreibe noch ein letztes Email an den ORF, in dem ich mitteile, dass ich mein Empfangsgerät nicht nur endgültig außer Betrieb gesetzt, sondern wie vorgeschrieben auf dem Dachboden verstaut habe und denke mir: Am besten wird sein, wenn ich mich bald einmal in irgendeinen der nun modernen Tangoclubs  einschreibe, um wenigstens ein bisschen etwas von wahrer menschlicher Nähe zu verspüren.

Und:

„Die Not der Welt“ kann mir in der nächsten Zeit  einmal weiter hinten vorbei gehen!


[1]  ( ….dieses und alle folgenden (fettgestellten) Zitate stammen aus Hans Magnus Enzensberger, Aussichten auf den Bürgerkrieg, Suhrkamp, Erste Auflage Frankfurt am Main, 1996)

6 Gedanken zu „Die gesamte Not der Welt auf meinen Schultern?

  1. Auch wenn es das ob der von den Medien vermittelten bedrückenden Eindrücke schlechte Gewissen von uns in relativem Wohlstand lebenden Bürger erleichtern mag, halte ich es doch nicht für sehr sinnvoll, in größere Charity-Aktionen zu investieren, egal welcher Art, viel versickert da im Verwaltungs-Overhead und kirchliche Organisationen scheiden sowieso wegen der impliziten Unterstützung eines hoffnungslos veralteten Weltbilds aus. Auch kann man nie wissen, ob und wie viele der eingesetzten Mittel in „dunklen Kanälen“ landen. Es zwar wahrscheinlich sinnvolle und unterstützungswerte Kleinprojekte, so etwas erfordert aber auch ein gewisses persönliches Engagement und somit Zeitaufwand.

    Ich denke es würde wesentlich mehr bringen, bei sich selbst anzufangen und zu versuchen, vernünftige Entscheidungen in seinem eigenen Einflussbereich anzufangen, das beginnt beim täglichen Konsum, wo günstig nicht unbedingt gut ist – „Wer billig kauft, kauft doppelt“, wie der lokale Elektriker sagt – und da ist was Wahres dran, geht über die Benutzung von Verkehrsmitteln, wo man vielleicht mal überdenken sollte, in welchem Verhältnis die Kosten eines eigenen KFZs zum tatsächlichen Nutzen stehen, also ich find’s viel effektiver, während einer Öffifahrt lesen (analog oder digital) zu können, auch wenn manchmal die Fahrzeit länger ist oder man Zwischenaufenthalte in Kauf nehmen muss und endet, sofern man nicht gewillt ist, selbst politische Verantwortung zu übernehmen – und wem könnte man das in diesen Zeiten übel nehmen – mit der Ausübung des Wahlrechts.

    Soweit meine Gedanken dazu.

    Ich hab nicht viel Ahnung von klassischer Tanzkunst, nehme allerdings an man wünscht nicht Hals- und Beinbruch, sondern flotten Fuß oder etwas in der Art.
    Schöner Artikel, vielen Dank.

  2. Hallo!
    Ein schönes und – wie mir scheint – ein ehrliches Essay.
    Etwas zu weit gefasst vielleicht. Vieles ist verbunden mit technologischen Fortschritten der Massen-medien- und Kommunikation. Dass der Einzelne in den westlichen Industrienationen sich angesprochen fühlt ist eben gewollt. So gewinnen die Institutionen ihre Handlungsautorität – zum Guten wie zum Schlechten. Auf die rationale eigene Lebensweise meiner persönlichen Philosophie zu achten ist meine Weise. Mitleid, Scham oder Ablehnung z.B. sind Gefühle, die nichts bewirken.
    Herzliche Grüße

    1. Herzlichen Dank für den netten und überlegten Kommentar.
      Bezüglich künstlicher Generierung von „Handlungsautorität“ kann ich vollinhaltlich zustimmen; ich hoffe, dass – auch wenn es im Text nicht explizit ausgesprochen wurde, zum Ausdruck kam, dass es sich bei den Berichterstattungen der Medien keineswegs um Zufälligkeiten handelt; wenn die „westliche Welt“ jetzt gerade ihr Mitleid mit der Ukraine entdeckt, so wie es früher mit Libyen und Syrien und in vielen anderen Fällen der Fall war, dann steckt klarer Weise viel mehr als Nächstenliebe dahinter. Es geht natürlich in erster Linie – wie leider meistens – um handfeste wirtschaftliche (politische) Interessen, um die Ausweitung des politischen Einflusses usw. – diese zu legitimieren, sind diese uns täglich ins Haus gelieferten Bilder bestens geeignet. Mein Thema war aber eigentlich mehr auf die persönliche Beziehung zum täglichen Horror und die Aufgeregtheit des Einzelnen bezogen, und auf die damit einhergehende – wie ich meine – „scheinheilige“ Anteilnahme mit allem und jedem, die mir manchmal eben doch noch „aufstößt“.
      Mit besten Grüßen
      WS
      PS.: Was die Ehrlichkeit anlangt muss ich gestehen, dass ich mir (vor allem im letzten Absatz) im Dienste einer Intensivierung der Text-Gestaltung schon einige Freiheiten bezüglich der Fakten genommen habe. Ich hoffe, dass mir das vor allem diejenigen nachsehen, die meine Verhältnisse kennen. (.-))))

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