Nobelpreisträger – Aufruf gegen Überwachungsstaat

500 Schriftsteller – unter ihnen einige Nobelpreisträger – fanden sich, um gegen den weltweiten Abhörskandal zu protestieren. Das ehrt sie. Jeder vernünftig denkende Mensch würde einen Aufruf dieser Art unterstützen. Jeder, so könnte man meinen, würde ihn vorher lesen und ihn hinsichtlich seines Sinns überprüfen. Letzteres muss im gegebenen Fall leider in Zweifel gezogen werden.

Seiner Empörung Ausdruck zu verleihen angesichts der Tatsache, dass unser aller Daten,  unser  Schriftverkehr, unsere Telefonate, die Daten von Millionen Menschen  unrechtmäßig aufgezeichnet und ausgewertet werden, ist mehr als berechtigt.

Aber, dass unsere Aushängeschilder kunstvoller Sprachakrobatik den nachfolgenden Satz im Aufruf offensichtlich nicht wirklich durchdacht haben, enttäuscht mich:

Da heißt es:

„Ein Mensch unter Beobachtung ist niemals frei; und eine Gesellschaft unter ständiger Beobachtung ist keine Demokratie mehr.“

Das muss man sich in dieser – unzulässig – vereinfachten Form erst einmal zu behaupten getrauen.

Nicht, dass es totaler Unsinn wäre, aber wirklich schlüssig ist der Gedanke auch wieder nicht. Dass ein Mensch in seinem Verhalten „unter Umständen“ durch Beobachtung beeinflusst wird, ist schon lange kein Geheimnis der Verhaltensforschung mehr, ihm aber

g r u n d s ä t z l i c h  abzusprechen, dass er unter Beobachtung  je frei sein könnte, ist einfach des Guten zu viel.

Zu oft in der Geschichte haben Menschen bewiesen, dass es ihnen selbst unter Androhung von Gewalt  gelingt, „frei“ zu sein. Einer dieser außerordentlichen Menschen wird in diesen Tagen zu Grabe getragen. Die Rede ist von Nelson Mandela. Es ließen sich aber mit nur ein bisschen Phantasie  noch viele andere Beispiele finden, welche die These oben widerlegen.

Ich würde mir von ernsthaften Schriftstellern – ganz besonders in diesem Zusammenhang, den man unter dem Titel „Überwachungsstaat“  fassen könnte –  keine unüberlegten „Schnellschüsse“ des  empörten Sich-Luft-Machens, sondern Formulierungen erwarten, die nicht nur durchdacht sind, sondern auch einer kritischen Betrachtung standhielten. Beides scheint mir hier leider nicht in ausreichendem Ausmaß gegeben zu sein.

Den Originaltext des Aufrufs finden Sie unter:

derstandard.at

 

 

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