Die Unmoral und die Moralisten

Die Unmoral und die Moralisten

Wenn anstelle guter Argumente eine zweifelhafte „Moral“ herhalten muss …..

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Otto Mueller, Zwei weibliche Halbakte 1919, Sammlung Ismar Littmann, Breslau; 1935 beschlagnahmt, 1999 restituiert.
Quelle Wikipedia

Da tauchen, durch Zufall entdeckt, in einer Wohnung  mehr als eintausend seit Jahrzehnten verschollene Kunstwerke auf,  die  man als „Raubkunst“ zu erkennen glaubt,  und sofort entzündet sich an ihnen eine heftige Diskussion um die „Moralität“, der an sie gestellten Eigentumsansprüche.

Nun ist es in demokratisch verfassten Staaten so, dass die „Moral“ einer Gesellschaft, damit sie rechtsrelevant sein kann, durch geregelte Verfahren in den Rechtsbestand aufgenommen werden muss. Durchläuft „die Moral“ diesen Prozess nicht, bleibt sie, so will es der Souverän,  für die Beurteilung von Rechtsfällen unberücksichtigt. Was die staatlichen Kunstsammlungen anlangt, hat die Moral diesen Weg durchlaufen, was zahlreiche Restitutionen der letzten Jahre belegen. Was die Privatsammlungen anlangt, zeigt sich rechtlich ein etwas anderes Bild. Insofern wird wohl gelten, dass Herrn Gurlitt die Eigentumsrechte an den Bildern nicht abgesprochen werden können. Aber das werden die Gerichte klären.

Im Nachfolgenden wird es auch nicht um Rechtsfragen, sondern um Fragen der Moral gehen.

Herrn Gurlitt verteidigen zu wollen, liegt mir fern, ihn anzugreifen ebenso. In mir finden sich keinerlei Sympathien für ihn; warum auch? Eher ließen sich Misstrauen und eine darauf aufbauende Antipathie aufspüren, wenn man nur tief genug grübe. Um ein grundsätzliches Misstrauen könnte es sich handeln, das ich, das gebe ich gerne zu, gegen über allen jenen Menschen empfinde, die auf moralisch zwiespältige Weise immense Reichtümer, worauf immer sie sich gründen, angesammelt haben. Im speziellen Fall kommt noch der begründete Verdacht hinzu, dass Herrn Gurlitts Vater einen Großteil der Bilder (wenn nicht sogar alle) mit Hilfe des Naziregimes auf unredliche Weise an sich gebracht haben könnte.

Dieses Misstrauen scheint auch die  geschätzte Wiener Philosophin Isolde Charim zu teilen. Sie nahm jedenfalls einen im Spiegel erschienen Bericht über Herrn Cornelius Gurlitt, in dessen Eigentum die beschlagnahmten Bilder jetzt stehen, zum Anlass, ihre Kritik an der Gesetzeslage und an der Berichterstattung des Spiegel in Form eines Essays in der TAZ zu veröffentlichen.

Die Erwartungen, die man an eine Äußerung dieser Art stellen kann und stellen muss, lassen sich – je nach Anspruchslosigkeit – auf zumindest zwei unverzichtbare Punkte zusammenfassen:

  • Es sollte sich um keine billige Polemik handeln und es sollten sich darin zumindest ansatzweise Hinweise auf
  • Lösungen erkennen lassen, wie man aus einer „unmoralischen Geschichte“ eine moralisch vertretbare machen könnte, ohne dabei neues Unrecht hervorzubringen.

Da es sich um einen relativ kurzen Text handelt, darf man bezüglich des Umfangs der Aspekte und der Tiefe ihrer Behandlung nicht zu große Ansprüche stellen. Was den Leser erwartet, ist allerdings alles andere als ein definitiver Lösungsansatz des „moralischen Problems“; es ist Polemik pur.  Und das enttäuscht.

Auch wenn man die Unzufriedenheit mit der Gesetzeslage in Hinblick auf die Fragen der privaten Restitution von Nazi-Raubgut mit der Autorin teilt, finden sich in ihrem Text einige nicht unwesentliche Passagen, die Kritik geradezu herausfordern.

Frau Charim erweist sich, das muss man ihr neidlos zugestehen,  in diesem Text als Meisterin der Demagogie. Was in diesem Fall allerdings nicht als Kompliment gewertet werden sollte. Wortgewaltige Demagogie und Polemik hat aber auch ihre Schwächen und Wortverliebtheit steht dem Wollen, dem „Guten“ zum Durchbruch zu verhelfen, manchmal sogar im Weg; steht ihm manchmal so sehr im Weg, dass Gefahr besteht, das Wesentliche dabei aus dem Blick zu verlieren.

Sehr oft, zu oft für meinen Geschmack, ist in ihrem Text von Moral die Rede. Dies verwundert umso mehr, je mehr versucht wird, Herrn Gurlitt mit ausgefeilten, demagogischen Mitteln zu diskreditieren. Zu diesem Zweck wird beispielsweise Herrn Gurlitts Vorliebe mit seinen Lieblingsbildern in einen abendlichen „Dialog“ zu treten, von der Autorin unter Bezugnahme auf die  „Welt“  als „parasozial“ bezeichnet.

Da man davon ausgehen kann, dass nur wenige der Leser wissen, worum es sich dabei wirklich handelt, sei der Begriff, der dem ungeübten Leser nicht zuletzt eine Assoziation zu „asozial“ suggeriert, zumindest andeutungsweise erklärt. „Parasozial“ verhalten sich diejenigen, die eine Imagination, eine Vorstellung (oder auch einen Gegenstand) als real existierenden Gesprächspartner ansehen  und meinen, mit ihm in einen Dialog eintreten zu können. (Wie das beispielsweise betende Gläubige mit ihrem Gott  oder mit einer Ikone tun). Im Fall Gurlitt wird diese durchaus weit verbreitete „Praxis“ mit einem moralisch negativen Beigeschmack versehen, der durch nichts begründet ist.

Um dem Angriff vermehrt Schärfe zu verleihen, zitiert Charim einen Großen der Kunsttheorie,  Walter Benjamin:

Walter Benjamin hat so einen Umgang mit Kunst  [so Charim]  als „säkularisiertes Ritual“ bezeichnet, bei dem es wesentlich sei, „das Kunstwerk im Verborgenen zu halten: gewisse Götterstatuen sind nur dem Priester in der cella zugänglich.

Das soll Gurlitt als eigenartigen, versponnenen Sonderling markieren, der seine Bilder in einer Wohnung „vor fremden Blicken geschützt“ aufbewahrt? Damit wird aber weggelassen, dass Benjamin auch auf eine andere Tatsache hingewiesen hat, die in diesem Zusammenhang natürlich unerwähnt bleibt, weil sie sich nicht als Angriff auf das Ziel eignet.

Benjamin schreibt auch:

„Der einzigartige Wert des „echten“ Kunstwerks hat seine Fundierung im Ritual, in dem es seinen originären und ersten Gebrauchswert hatte.“ [1]

Gurlitt bestätigt mit seinem Verhalten also genaugenommen diesen von Benjamin als „ursprünglich“ (normal) abgesteckten Rahmen, der die rituelle Begegnung zwischen Kunstwerk und Rezipienten umschließt. Nichts Anstößiges, nichts Absonderliches also geschah.

Carl Spitzweg;   "Justitia"  ehemalige Sammlung Leo Bendel, ein Beispiel der Raubkunst: 1937 für die Finanzierung der Emigration verkauft, bis 2006 in der Villa Hammerschmidt, Bonn; vom Bundespräsidialamt 2007 restituiert. Quelle Wikipedia
Carl Spitzweg;
„Justitia“
ehemalige Sammlung Leo Bendel, ein Beispiel der Raubkunst: 1937 für die Finanzierung der Emigration verkauft, bis 2006 in der Villa Hammerschmidt, Bonn; vom Bundespräsidialamt 2007 restituiert.
Quelle Wikipedia

Von ihrer Angriffslust verleitet, vergisst die Autorin offensichtlich, die hier wirklich relevanten,grundsätzlichen Fragen der Moral anzusprechen:

* Wie sieht es mit den Gerechtigkeitsmaximen einer Gesellschaft aus, in der der Besitz von mehr als eineinhalbtausend Bildern mit einem angeblichen Marktwert von mehr als einer Milliarde Euro als moralisch korrekt beurteilt wird? (Und zwar unabhängig davon, ob es sich um „Raubkunst“ handelt oder nicht!)

* Auf der Basis welcher Überlegungen ist es moralisch zu rechtfertigen, dass Kunstgegenstände durch spekulative Praktiken in exorbitant hohe Preisdimensionen befördert werden?

* Wäre es denkbar, dass Moral und  Kunstmarkt grundsätzlich unvereinbar sind?

* Wäre das angeblich „moralische“ Interesse an der Causa Gurlitt eben so groß, wäre der materielle Wert der Kunstwerke gleich NULL?

* Haben die ursprünglichen Eigentümer  diese Kunstwerke selbst auf „moralisch“ einwandfreie Weise  erworben?

* Worin würde sich eine Enteignung des aktuellen Eigentümers von der ehemals durch das Nazi-Regime vorgenommenen unterscheiden?

* Wie steht es mit dem „moralischen“ Eigentumserwerb in anderen Bereichen, mit dem Eigentumserwerb der röm. kath. Kirche, dem Eigentumserwerb des Adels um nur zwei Beispiele zu nennen?  Beide gehören zu den größten Grundbesitzern der Republik und haben ihre Besitzungen ausschließlich dem unmoralischen Auspressen ihrer ehemaligen „Untertanen“ zu verdanken.

Fragen dieser Art finden sich im Text von Frau Charim allerdings nicht. Als Erklärung dafür mag man die Kürze des Textes gelten lassen.

Nicht unwidersprochen gelten lassen sollte man aber die Tatsache, dass hier eine anerkannte Philosophin mit demagogischer Höchstleistung auf dem Gebiet der Polemik  ihre Leser glauben machen will, dass es so etwas wie  „moralische Kunstsinnigkeit“ und „moralische Rechtstitel“ gäbe.  Ihre „Sprach-Figuren“ vom „gestohlenen Blick“  und der „moralischen Kunstsinnigkeit“ sind auf den ersten Blick zwar rhetorisch brillant, sollten aber nicht darüber hinwegtäuschen können, dass es sich um einen meines Erachtens unlauteren Kunstgriff der Polemik handelt.

Man kann nur hoffen, dass es niemals mehr zu einer Zeit kommt, in der „moralische Rechtstitel“  ihre Wirkung entfalten können. Wie es nämlich damit endet, wenn eine unbestimmte „Moral“ die demokratische Grundordnung und die von ihr hervorgebrachten Normen der Rechtsstaatlichkeit aushebelt, wird Frau Charim, da bin ich mir sicher, auch klar sein. Die abstrusen Ergebnisse einer unsäglich falschen Moralvorstellung der  Nazi-Zeit sind es nämlich, die uns hier in diesem Text beschäftigen. Die Forderung eine unbestimmte „Moral“ als Bewertungsmaßstab dazu heranzuziehen, um jemandes Kunstsinn zu belegen ist nicht weit von der Forderung entfernt, die jeweils eigene Moral zum Grundsatz staatlichen Handelns zu machen.

Es muss einen verwundern, wenn anstatt relevante Fragen der Moralität der Restitution, der Moral des Kunstmarktes und des Kunsthandels zu reflektieren, ein angeblich verdeckt vorhandenes aber rechtlich ohnehin wenig relevantes Unrechtsbewusstsein bei Herrn Gurlitt konstruiert wird, um einen etwaigen Anspruch zu begründen. Allein wegen der Tatsache, dass Herr Gurlitt selbst von „ Verweigerung der Rückgabe“ spricht, müsse man ihm, so wird behauptet, ein latent vorhandenes „Unrechtsbewusstsein“  attestieren. Wäre er „reinen Herzens“, hätte er das Wort „Herausgabe“ verwendet?  Dem hier Angegriffenen könnte man zugute halten, dass diese Formulierung die einzig logische Antwort auf die an ihn gerichteten Aufforderungen darstellt, die sich eindeutig immer auf eine „Rückgabe“ und nicht auf eine „Herausgabe“ bezogen. Hier ist die „Waffe“ stumpf.

Insofern wäre wünschenswert, würden sich die Gerichte  – um bei den Worten Charims zu bleiben – weniger um die Vermeidung eines   „gestohlenen Blicks“  als um die Vermeidung eines „verstellten Blicks“ bemühen. Es ist Aufgabe des Rechtsstaates die Sache in Ordnung zu bringen. Es ist Aufgabe der Philosophen auf grundsätzliche Schwierigkeiten hinzuweisen und praktikable Lösungsvorschläge für die Zukunft zu erarbeiten, die verhindern, dass das Unrecht der Vergangenheit sich in neues Unrecht der Gegenwart transformiert. Es sollte aber nicht Aufgabe des Philosophen sein, eigenen Vorlieben polemisch zum Durchbruch zu verhelfen.

Der hier kritisierte Originaltext von Frau Isolde Charim findet sich unter:

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2013%2F11%2F26%2Fa0099&cHash=3f596e85b6b621c0869363fd869ebdc0


[1] Walter Benjamin, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“, Suhrkamp, Erste Auflage, S. 22; ursprünglich erschienen in Zeitschrift für Sozialforschung 1936

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