Empörung

Empörung

Immer dann, wenn der Kamm der Empörung einem besonders schwillt, ist es ratsam, sich auf den Boden der Realität zurückzubegeben, durchzuatmen und die Sache des Ärgernisses von einer ganz anderen Seite zu betrachten. Man sollte sich die Hoffnung darauf, dass sich die Menschen besinnen, niemals aufgeben und der Zornesröte entsagen. Deshalb heute ein Zitat des verehrten Herrn Sloterdijk, den zu lesen, sich allemal lohnt.

Bild (5)„Die Hoffnung der Apokalyptiker ist auf eine einfache und überschwängliche Annahme zurückzuführen; daß sie sehr bald oder etwas später, in jedem Fall noch zu ihren Lebzeiten, den Untergang >dieser Welt< erleben dürfen. Ihre Intelligenz wird durch die Aufgabe stimuliert, die Zeichen der Zeit zu lesen, die das glühend ersehnte Unheil ankündigen. Aus dieser Disposition entsteht das endzeitdiagnostische Denken, das Dinge in Zeichen und Zeichen in Vorzeichen umwandelt – die Matrix aller >kritischen Theorie<. Das Lebensgefühl der Apokalyptiker ist dominiert vom Naherwartungsfieber und der frohen Schlaflosigkeit derer, die für die Welt die Vernichtung, für sich selbst die Verschonung erträumen. Daher können Apokalyptiker über so gut wie alle Missstände hinwegsehen, nur über einen nicht: daß die Welt nicht daran denkt, ihrer Bestimmung zum Untergang zu gehorchen. Was sich weigert, unterzugehen, wird eines Tages >das Bestehende< heißen. Sich selbst zu erhalten ist das Laster der Welt. Daher das Kennwort unter Eingeweihten: „ Daß es so weitergeht, ist die Katastrophe.“

Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit, Suhrkamp, Erste Auflage, 2008, S.148

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