Über den Mythos "Burgenländers Freundlichkeit"

(Eine kleine, nicht wirklich bösartige Bemerkung über ein weitverbreitetes Vorurteil.)
„Die Burgenländer sind bekannt für ihre Freundlichkeit.“
Diesen Satz hört man immer wieder. Allein seine ständige Wiederholung macht ihn nicht wahrer.
Die erste Begegnung mit diesem Vorurteil, und als solches sehe ich es, stammt aus einer Zeit, als ich für ein Feature im Rundfunk Künstler interviewte, die, und das war es, was sie verband, sich erst kurz zuvor hier im jüngsten aller Bundesländer angesiedelt hatten. Einer von ihnen, den ich später näher kennen- und schätzen lernen durfte, der die Bräuche und Sitten des Landes schon besser kannte, versuchte mir zu erklären, was es mit der burgenländischen Freundlichkeit auf sich hätte. Auf meinen Einwand, dass es keine „burgenländische“ sondern nur eine einzige, eine universale „Freundlichkeit“ gäbe, verwies er mich, zu warten, bis er mir die Sache erklärt hätte.
Zum einen, so begann er seine Ausführungen, sei ein für allemal klargestellt, dass der Grund, warum sich so viele Künstler hier niederlassen, dezidiert nicht in der Freundlichkeit der ansässigen Bewohner begründet sei. Sie, die Künstler, und er schloss sich selbst davon nicht aus, hätten in den meisten Fällen nur einen einzigen Grund hierher zu kommen: ihren chronischen Geldmangel. Die Häuser seien hier so billig, wie sonst nirgendwo.
Die Leute aber seien hier ebenso freundlich oder, wenn man so will, ebenso unfreundlich wie anderswo. Ihre Freundlichkeit drücke sich allerdings in anderer Form aus, als es vergleichsweise die eines Waldviertlers zu tun beliebt. Des Waldviertlers Freundlichkeit bestünde darin, wurde mir erklärt, den Fremden, so er auf einen trifft, in jedem Fall, unabhängig von einem sich eventuellen daraus ergebenden Vorteil, mit seiner ganzen Waldviertler-Seele zu ignorieren und ihn keines Wortes, sei es auch noch so unbedeutend, für würdig zu befinden.
Ganz anders die burgenländische Freundlichkeit, behauptete mein Burgenlandkenner. Sie, das scheint ihr Charakterzug zu sein, träte hingegen lächelnd, wäre man bösartig, würde man behaupten, „grinsend“ dem Fremden entgegen, vor allem dann, wenn aus dieser Freundlichkeit zusätzlichen Gewinn zu schlagen, nicht auszuschließen sein könnte. Diese nicht besonders wohlwollende Beurteilung eines Menschenschlages, kam unerwartet aus dem Munde, des sonst wohlüberlegt urteilenden und die Argumente abwägenden Freundes. Nein, insistierte er, uneigennützig freundlich seien sie nicht. Und wenn, dann eben auch nur dann, wenn ihre Freundlichkeit von ihrer ihnen seit Jahrhunderten anerzogenen Untertanenmentalität oder gar der ihnen besonders ausgeprägten Gewinnsucht angetrieben werde. Über Jahrhunderte der Fremdherrschaft, des Untertanentums, so meinte mein Freund, hätte man sich in diesem Landstrich daran gewöhnt, zu jedem bösen Spiel gute Miene zu machen um nur ja keinen Vorteil zu versäumen. Eingeweihte würden sogar behaupten, dass in den Wiener Laboratorien des Instituts für Humananthropologie bereits nach einem entsprechenden Gen in verstorbenen Burgenländern gesucht würde.
Damals hielt ich die Ausführungen meines Freundes nicht nur für überzogen, sondern für eine unentschuldbare Entgleisung.
Heute aber wurde ich eindrucksvoll an seine Einschätzung dessen erinnert, was er damals den „burgenländischen Volkscharakter“ nannte. Und das kam so:
Weil die Gartenmöbel vor ihrer Einwinterung dringend nach etwas Lärchenöl lechzten, war ich gezwungen, einen im Südburgenland sicher allseits bekannten Baumarkt an der Ausfallsstraße Güssings aufzusuchen, die – Dank sei dem Engagement der Güssinger Gemeindestube – nun endlich ebenso scheußlich aussieht, wie alle anderen bezirksstädtischen Ausfallsstraßen auch.
Der Baumarkt zeigte sich vormittags wenig frequentiert. Ohne die geringste Beachtung zu finden, schreite ich an der im Eingangsbereich postierten Kassierin vorbei, die mir untätig und sehr gelangweilt, offen ins Gesicht blickt, ohne eine Miene zu verziehen. Nicht das geringste Anzeichen des Erfreutseins über den neuen Kunden erhellte ihr Antlitz. Kein Gruß kam über ihre Lippen.
Im Inneren des Geschäfts wie gewohnt kein Verkäufer weit und breit.
Ich finde alleine, was ich suche. Begebe mich mit einer Dose Lärchenöl und einer Knopfbatterie für die Küchenwaage wieder zur Kasse zurück. Lege die Dinge ebenso wortlos auf das Pult, wie man mir bis dahin entgegentrat. Als letzten Versuch, als letztes Aufbäumen des übriggebliebenen Rests von guten Umgangsformen, versuche ich, den Blick der Kassierin zwecks Ermunterung zu einer sprachlichen Äußerung zu erhaschen. Sie lässt es bravourös misslingen. Sie, die Unterbeschäftigte, starrt nur auf die Knopfbatterie, später auf die Tastatur der Registrierkassa. Sie lässt das Lesegerät über den Balkencode auf der Dose streifen, die Kasse schlägt an und wirft einen Bon aus. Dann geschieht es, ganz unerwartet, welch „Wunder“, die Dame spricht: „24 Euro 95 Cent!“ höre ich aus ihrem Mund und staune. Nein, sie ist nicht stumm. Ich lege ihr einen Fünfzigeuroschein hin, nehme den mir dargebotenen Rest und verlasse ebenso wortlos das Geschäft wie ich es zehn Minuten davor betreten hatte.
Soviel zur sprichwörtlichen Freundlichkeit im Südburgenland, der ich – so mein Vorsatz – in Hinkunft mit großer Sorgfalt nachzueifern gedenke, auf dass mir niemand im Lande meine Integrationswilligkeit abspreche.

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